Erich Bloch als Untersekundaner, 1914 © Privat

Erich Bloch: Chronist der Konstanzer jüdischen Gemeinde

2 Kommentare

Erich Bloch als Untersekundaner, 1914 © Privat
Erich Bloch als Untersekundaner, 1914 © Privat

In Konstanz literarisch“ ist Manfred Bosch der kulturellen Tradition der Stadt über fünf Jahrhunderte hinweg nachgegangen. Seemoz porträtiert in lockerer Folge einige der dort vorgestellten Personen. Im Vordergrund stehen freiheitliche, demokratische und antifaschistische Traditionslinien im 19. und 20. Jahrhundert. An Erich Bloch werden sich ältere Konstanzer:innen noch selbst erinnern.

Bis zum Neubau der Volksbank am Lutherplatz 3 befand sich hier der letzte Konstanzer Wohnsitz von Erich Bloch (1897–1994) vor 1933. Der Sohn eines angesehenen Rechtsanwalts, der in der Jüdischen Gemeinde wichtige Funktionen wahrnahm, und einer idealistischen, früh verstorbenen Mutter setzte noch als Gymnasiast seine Einberufung als Kriegsfreiwilliger durch, weil er dem vermeintlich in Not geratenen Vaterland diesen Dienst schuldig zu sein glaubte.

Während des anschließenden Studiums in München und Freiburg kam Bloch dann mit oppositionellen Studentengruppen in Kontakt und hing der europäisch-pazifistischen Bewegung Coudenhove-Kalergis an. Letztlich aber bewiesen dem im Grunde Unpolitischen seine Erfahrungen nur, „dass es andere Wege geben mußte, sich als Mensch zu offenbaren und mitzuteilen“.

Lutherplatz 3, Letzter Konstanzer Wohnsitz von Erich Bloch vor 1933 © Volksbank Konstanz
Lutherplatz 3, Letzter Konstanzer Wohnsitz von Erich Bloch vor 1933 © Volksbank Konstanz

Blochs breit angelegtes Studium – Jura und Volkswirtschaft, Literatur und Kunstgeschichte – folgte vielschichtigen sozialen, künstlerischen und philosophischen Neigungen, die ihren Ausdruck in seiner späteren Berufswahl als Dozent, Wirtschaftsberater, Lektor und Schriftsteller fanden. Hinzu kam die Orientierung an einer naturnahen und ganzheitlichen Lebensauffassung, zu der ihn seine Liebe zur heimatlichen Landschaft, aber auch seine Erlebnisse als Wandervogel prädestinierten. Anfang der zwanziger Jahre ermöglichte ihm eine kleine Erbschaft den Erwerb eines Hauses in Wangen, wo er mit der dortigen Künstlerschaft in Kontakt kam und seinen ersten Gedichtband „Stimmen des Lebens“ herausgab.

Erneuter Rückzug auf die Höri

Eine zweite Zeit auf der Höri setzte 1933 ein, als ihm sein Posten als Leiter des Verlags Stadler gekündigt wurde, wo er viele Ausgaben des Jahrbuchs Der Wanderer vom Bodensee betreut hatte. Zusammen mit seiner zweiten Frau Liesel widmete sich Bloch nun dem Auf- und Ausbau des Michaelshofs in Horn, den er 1930 aufgrund absehbarer wirtschaftlicher Schwierigkeiten vorsorglich erworben hatte und den das Paar nun auf biologisch-dynamischer Grundlage betrieb. Ein zweites wirtschaftliches Bein bildete seit 1935 die Aufnahme ausreisewilliger Jüdinnen und Juden, die im Rahmen der Alija eine Ausbildung in gärtnerisch-landwirtschaftlichen Berufen anstrebten.

Der Michaelshof in Horn in den 1930er Jahren © Privat
Der Michaelshof in Horn in den 1930er Jahren © Privat

Von NS-Schergen grausam misshandelt

Bloch, dem es schwerfiel, von jemand schlecht zu denken, hatte sich über den Ernst der Lage lange hinweggetäuscht. Im Gefolge der Zerstörung der Synagogen von Wangen, Randegg und Gailingen wurde er im November 1938 zusammen mit weiteren jüdischen Männern aus den Höri-Orten aufs Grausamste misshandelt. Dass er nicht wie seine Mitopfer ins KZ Dachau überstellt wurde, lag daran, dass ihn die Schergen ohnehin nicht mehr für überlebensfähig hielten. Nach dem Zwangsverkauf ihres Horner Besitzes konnten Erich und Liesel Bloch 1939 für sich und ihre drei Kinder ein Visum für England erstreiten – bis sich, wie eigentlich geplant, in letzter Minute die Chance zu einer Ausreise nach Palästina ergab.

Ausreise in letzter Minute

Ehepaar Bloch mit den Töchtern Eva (li.) und Elisabeth, ca. 1937 © Privat
Ehepaar Bloch mit den Töchtern Eva (li.) und Elisabeth, ca. 1937 © Privat

An den Abschied von Konstanz erinnerte sich Erich Bloch später so: „Es war schon Mitte des Jahres 1939, als wir etwa am 20. oder 25. Juli hier mit einem Taxi über die Grenze nach Kreuzlingen fuhren. An der Grenze wurden wir natürlich angehalten. Ich konnte zwei Koffer tragen, ich konnte den Kleinen, der ein Jahr alt war, auf den Rücken nehmen, und meine Frau die zwei Mädchen an den Armen, eine Handtasche, und jeder einen Rucksack. Das war alles. Dann hat man uns angehalten und reingeführt, hat uns von Kopf bis Fuß untersucht und uns angeschnauzt und angebrüllt. Eine christliche Frau, die im Hause wohnte, war bis zur Grenze mitgefahren, um den Kleinen zu halten. Und diese Frau ist von einem SS-Mann bespuckt und beschimpft worden, wieso sie als Deutsche und Arierin Juden beim Auswandern helfe und auch noch dieses Kind betreue. So schlimm sind also auch in Konstanz die Zustände geworden! Aber die Frau war tapfer, sie hat sich menschlich gestellt, das Kind war in Ordnung, und als wir wieder draußen waren, haben wir das Kind ins Auto gesetzt und sind weitergefahren – wir hatten ja nicht mehr als 10 Mark in der Tasche. In unserem Paß stand: Durchreise durch die Schweiz, acht Tage Aufenthaltsgenehmigung, Weiterreise mit dem Flugzeug, bei Nichtbefolgung der Weiterreise: Zurückstellung an die deutsche Grenze!“(1)

Neubeginn in Palästina

Das Leben in Palästina war ein Neubeginn bei null. Durch die Devisenbestimmungen um ihr gesamtes Vermögen gebracht, kam auch noch der Lift mit dem nötigsten Hausrat abhanden; vermutlich wurde er geplündert. In Nahariya brachten Bloch und seine Frau die Familie mit den verschiedensten Tätigkeiten durch, unter anderem mit einer Wäscherei und privater Bettenvermietung.

Für die Siedlerschaft Nahariyas, die fast ausschließlich deutsch und stark akademisch geprägt war, organisierte und leitete Bloch einen Kulturkreis mit nahezu wöchentlichen Veranstaltungen und Zusammenkünften.

Blochs Verdienst um Wiederannäherung und Aussöhnung

Anfang der fünfziger Jahre reiste er zur Beschleunigung seiner Ansprüche auf „Wiedergutmachung“ erstmals wieder nach Konstanz, um Mitte der sechziger Jahre mit seiner Frau in die alte Heimat zurückzukehren. Der gebürtige Konstanzer hatte es „schon in jungen Jahren als Glücksfall“ angesehen, dass er in Konstanz auf die Welt kam; seinem Vater Moritz Bloch, der ebenfalls schwer misshandelt nach Brasilien hatte ausreisen können, war er „stets dankbar, daß er als Anwalt die schöne alte Stadt am Bodensee zu seinem Wohnsitz gewählt hatte.“(2)

Hier widmete sich Bloch nun wieder seiner schriftstellerischen und Vortragstätigkeit, in deren Mittelpunkt die unermüdliche Bemühung um jüdisch-christliche Wiederannäherung und Aussöhnung stand. In einer so langwierigen wie weltumspannenden Korrespondenz bemühte sich Bloch, das durch Exil und Krieg und Mord zerrissene Netz der ehemaligen jüdischen Konstanzer Gemeinde dokumentierend neu zu knüpfen. Seine Geschichte der Juden von Konstanz im 19. und 20. Jahrhundert aus dem Jahr 1971 erlebte 1996 eine dritte Auflage und ist bis heute die Grundlage jeder weitergehenden Erforschung der Konstanzer jüdischen Geschichte. Auf der Basis einer Reihe lebensgeschichtlicher Interviews, die der Konstanzer Historiker Werner Trapp mit Bloch führte, erschien 1992 die eindrückliche Biografie Das verlorene Paradies. Ein Leben am Bodensee 1897–1939. Gegenüber der neu entstandenen, orthodox dominierten jüdischen Gemeinde vertrat Bloch vehement die Position der alteingesessenen, liberal geprägten Juden. Mit der Stiftung seines privaten Bücherbestandes legte er 1982 die Basis für eine Jüdische Bibliothek, die seinen Namen trug, später „Dr. Erich Bloch und Lebenheim-Bibliothek“ hieß und seit Jahren geschlossen ist. An Erich Bloch, der zuletzt in der Sonnenbühlstraße 52 lebte, erinnert heute ein Straßenname im Chérisy-Areal.

Text: Manfred Bosch, Abbildungen: Privat Erich Bloch, Volksbank Konstanz

Anmerkungen

1. Erich Bloch, Das verlorene Paradies. Ein Leben am Bodensee 1897–1939. Bearbeitet von Werner Trapp. Sigmaringen 1992, S. 129.
2. Erich Bloch, Rückblick auf ein gespaltenes Leben, in: Mein Bodensee. Liebeserklärung an eine Landschaft. Konstanz 1984, S. 25.

Die Serie wird fortgesetzt. Zuletzt erschienen die Porträts
Karl Hüetlin
Joseph Fickler
Ignaz Vanotti
Karl Zogelmann
Hans und Hermann Venedey
Friedrich Munding
Alice Berend

Weitere Informationen

Zum Autor

Manfred Bosch lebt als Schriftsteller, Literaturhistoriker und Herausgeber in Konstanz. Neben zahlreichen Darstellungen zur südwestdeutschen Zeit- und Literaturgeschichte widmet er sich in Darstellungen (u.a. Bohème am Bodensee. Leben am See von 1900 bis 1950, Lengwil 1997), Herausgaben und Anthologien der neueren Literaturgeschichte des Bodenseeraums.

Zum Buch

Manfred Bosch, Konstanz literarisch. Versuch einer Topografie, UVK Verlag 2019, 351 Seiten, €22,00.

Manfred Boschs literarischer Streifzug durch Konstanz vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ist nicht wie bei Darstellungen dieser Art üblich chronologisch oder nach sachbestimmten Aspekten angeordnet. Sein Stadtrundgang beginnt alphabetisch in der „Alfred Wachtel-Straße“ und endet „Zur Friedrichshöhe“. Er nimmt Straßen, Plätze und Gebäude in den Blick, erzählt welche LiteratInnen, PublizistInnen, VerlegerInnen, Kulturschaffende hier gelebt haben oder als Reisende – sei es als Gast oder auf dem Weg ins Exil – die Stadt passiert haben. Er beschreibt geschichtsträchtige Orte wie das ehemalige Dominikanerkloster (Inselhotel), den Kreuzlinger Zoll, die in den 1960er-Jahren gegründete Universität und bietet einen Überblick über Verlage, Bibliotheken, Lesegesellschaften, Theater und Pressewesen der Stadt. Über 600 Namen umfasst allein das Personenregister.

Erschienen ist das Buch in der von Jürgen Klöckler herausgegebenen „Kleinen Schriftenreihe des Stadtarchivs Konstanz“.

2 Kommentare

  1. Dr. Peter Krause

    // am:

    Vielen Dank für den interessanten Artikel.

    „Mit der Stiftung seines privaten Bücherbestandes legte er 1982 die Basis für eine Jüdische Bibliothek, die seinen Namen trug, später „Dr. Erich Bloch und Lebenheim-Bibliothek“ hieß und seit Jahren geschlossen ist.“

    Aber es ist schon etwas deprimierend, wenn man lesen muss, dass es in der Universitätsstadt Konstanz nicht möglich ist, eine solche Bibliothek geöffnet zu halten.

  2. Bernd Huettner

    // am:

    Zur jüdischen Einwanderung nach Britisch-Palästina bis ca. 1941 gibt es ein neueres, sehr lesenswertes Buch:
    Ita Heinze-Greenberg: Zuflucht im Gelobten Land. Deutsch-jüdische Künstler, Architekten und Schriftsteller in Palästina/Israel
    Gebunden, Verlag WBG Theiss (2023), 29,90 €

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert