Porträt Karl Zogelmann © Stadtarchiv Konstanz

Karl Zogelmann: Vom liberalen 1848er zum kaisertreuen Patrioten

Porträt Karl Zogelmann © Stadtarchiv Konstanz
Porträt Karl Zogelmann © Stadtarchiv Konstanz

In „Konstanz literarisch“ ist Manfred Bosch der kulturellen Tradition der Stadt über fünf Jahrhunderte hinweg nachgegangen. Seemoz porträtiert in lockerer Folge einige der dort vorgestellten Personen. Im Vordergrund stehen freiheitliche, demokratische und antifaschistische Traditionslinien im 19. und 20. Jahrhundert. Auch Karl Zogelmann war ein Vertreter der liberalen Freiheitsbewegung.

Die heutige Hüetlinstraße 10 war der Wohnsitz von Karl Zogelmann (1808–1888), der als Mitglied des Bürgermuseums zu den Anhängern der liberalen Freiheitsbewegung zählte. Seit 1847 Mitglied des Gemeinderats, setzte er sich unter anderem für die Aufnahme von Juden ins Bürgerrecht ein – wie sein „Eintreten für Vernunft und Toleranz“ auch sonst „ein bleibender und wichtiger Aspekt seiner Persönlichkeit“(1) gewesen ist.

Handelsmann, Gemeinderat, Revolutionär …

Als wohlhabender Handelsmann näherte sich Zogelmann revolutionären Positionen eher zögerlich an. Zwar nahm er an politischen Versammlungen bereits während er 1840er Jahre teil; doch erst im Frühjahr 1848 ließ er sich als eines von neun Mitgliedern in ein „permanentes Komite“ wählen, warb für dessen Beschlüsse und wurde „Leitmann“ der von Karl Hüetlin begründeten Bürgerwehr. Im April 1848 soll Zogelmann schließlich Geld und Waffen besorgt haben und schloss sich auch dem Heckerzug an. Nach dessen Niederlage an der Scheideck bei Kandern gelang Zogelmann die Flucht in die Schweiz, aus der er 1849 zurückkehrte, um sich kurzzeitig als Beauftragter der Revolutionsregierung zu betätigen. Als die Revolution Mitte 1849 endgültig gescheitert und Zogelmann als Gemeinderat abgesetzt worden war, gelang ihm abermals die Flucht. Das Konstanzer Hofgericht verurteilte ihn Anfang 1851 in Abwesenheit zu drei Jahren Zuchthaus, doch konnte er nach seiner Begnadigung 1857 aus dem Thurgauer Exil zurückkehren und seine unternehmerische Tätigkeit erfolgreich fortsetzen.

… und Gründer gemeinnütziger Stiftungen

Für Zogelmanns soziale Einstellung sprechen mehrere gemeinnützige Stiftungen – darunter eine Dienstboten-, eine Feuerwehr- sowie eine Schulstiftung; ihre Erträgnisse sollten nach seiner Bestimmung jedoch allein Simultan-Schulen zugutekommen. Der Grund dafür lag in den erbitterten Auseinandersetzungen, die im Kulturkampf der 60er und 70er Jahre zwischen Liberalen und Katholisch-Konservativen ihren Ausdruck fanden und in deren Verlauf der liberale Konstanzer Bürgermeister Stromeyer noch 1869 wegen Einführung der Gemeinschaftsschule exkommuniziert worden war.

Konservative Kehrtwende zum Kaisertreuen

1870/71 begrüßte Zogelmann die Reichseinigung, die auch die revolutionäre Bewegung von 1848/49 erstrebt hatte – wenn auch unter anderer als preußischer Führung. Nun aber hatte Zogelmann, und darin war er nicht der einzige Abtrünnige, ins nationalistische Lager gewechselt und pries Wilhelm I. als „Heldenkaiser“, der „die Macht unseres Erbfeindes“ Frankreich gebrochen habe – denselben Mann also, der in jungen Jahren als „Kartätschenprinz“ 1849 der Badischen Revolution mit Hilfe preußischer Truppen ein Ende gemacht hatte. David Bruders Formulierung „vom Revolutionär zum kaisertreuen Patrioten“ bringt Zogelmanns Biografie auf den Punkt.(2)

Mit einer weiteren Stiftung für ein Hus-Denkmal gab Zogelmann, dessen Familie aus Böhmen stammte, einen erneuten Anstoß zur Errichtung eines bleibenden Mahnmals für den Märtyrer. Ein Bekenntnis zu Hus bildete wohl auch sein eigenes Grab, das in Anlehnung an das Hus-Denkmal ebenfalls einen Findling mit der Inschrift „Schul- und Jugendfreund“ zeigte. Drei Jahre nach seinem Tod wurde nach Zogelmann im Stadtteil Stadelhofen eine Straße benannt. Den Zweiten Weltkrieg hat keine seiner Stiftungen überlebt.

Gut versteckt: Nach über 150 Jahren wiedergefunden

Ein später Hinweis auf den Liberalen und Achtundvierziger fand sich 1985, als man im Zuge von Restaurierungsarbeiten in der Turmkugel der Bürgerkirche Sankt Stephan eine Bleikassette fand. In sie hatte Zogelmann eine Reihe von Vormärz-Dokumenten hineingeschmuggelt – darunter die Schrift Das Nationalfest der Deutschen zu Hambach aus dem Jahr 1832. Diese List war zu Zeiten der Metternich’schen Repression ein hoffnungsvoller Vorgriff auf Demokratie und Meinungsfreiheit gewesen – gewidmet „[e]inem besseren Zeitalter […] mit dem Wunsche begleitet, daß bey Eröffnung dieser Bulle kein Kämpfer für Freiheit und Recht, wie Doctor Wirth, der am 21. April dieß Jahr aus dem Gefängniß zu Kaiserslautern im Rheingau nach der Festung Oberhaus bei Passau abgeführt wurde, gleich diesem vier Jahre im Gefängnis seiner Meinung wegen schmachten muß.“(3)

Auf diesen Fund von 1985 hatte bereits Joseph Laible in seiner Stadtgeschichte von 1896 hingewiesen. Dort hieß es: „In den Knopf des restaurirten Helms auf dem Stephansthurm legte man u.a. eine Beschreibung des Hambacherfestes, dem liberale Männer von Konstanz beigewohnt hatten und bei dem 30.000 Männer die Reden des Literaten Joh. Gg. Aug. Wirth und des Advokaten Siebenpfeiffer anhörten und radikale Beschlüsse über Volkssouverainetät, Republik und europäischen Staatenbund faßten.“(4)

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1) Zitiert nach David Bruder, Einem besseren Zeitalter gewidmet. Karl Zogelmann – Revolutionär und kaisertreuer Patriot, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung 129 (2011) S. 186. Diesem Aufsatz verdankt der Beitrag weitere Hinweise.
2) Ebenda, S. 198.
3) Ebenda., S. 181.
4) Joseph Laible, Geschichte der Stadt Konstanz. Konstanz 1896, S. 199.

Weitere Informationen

Zum Autor

Manfred Bosch lebt als Schriftsteller, Literaturhistoriker und Herausgeber in Konstanz. Neben zahlreichen Darstellungen zur südwestdeutschen Zeit- und Literaturgeschichte widmet er sich in Darstellungen (u.a. Bohème am Bodensee. Leben am See von 1900 bis 1950, Lengwil 1997), Herausgaben und Anthologien der neueren Literaturgeschichte des Bodenseeraums.

Zum Buch

Manfred Bosch, Konstanz literarisch. Versuch einer Topografie, UVK Verlag 2019, 351 Seiten, €22,00.

Manfred Boschs literarischer Streifzug durch Konstanz vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ist nicht wie bei Darstellungen dieser Art üblich chronologisch oder nach sachbestimmten Aspekten angeordnet. Sein Stadtrundgang beginnt alphabetisch in der „Alfred Wachtel-Straße“ und endet „Zur Friedrichshöhe“. Er nimmt Straßen, Plätze und Gebäude in den Blick, erzählt welche LiteratInnen, PublizistInnen, VerlegerInnen, Kulturschaffende hier gelebt haben oder als Reisende – sei es als Gast oder auf dem Weg ins Exil – die Stadt passiert haben. Er beschreibt geschichtsträchtige Orte wie das ehemalige Dominikanerkloster (Inselhotel), den Kreuzlinger Zoll, die in den 1960er-Jahren gegründete Universität und bietet einen Überblick über Verlage, Bibliotheken, Lesegesellschaften, Theater und Pressewesen der Stadt. Über 600 Namen umfasst allein das Personenregister.

Erschienen ist das Buch in der von Jürgen Klöckler herausgegebenen „Kleinen Schriftenreihe des Stadtarchivs Konstanz“.

Text: Manfred Bosch

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