Karl Hüetlin, 1840er Jahre © Stadtarchiv Konstanz

Karl Hüetlin: Bürgermeister im Vormärz

Karl Hüetlin, 1840er Jahre © Stadtarchiv Konstanz
Karl Hüetlin, 1840er Jahre © Stadtarchiv Konstanz

In „Konstanz literarisch“ ist Manfred Bosch der kulturellen Tradition der Stadt über fünf Jahrhunderte hinweg nachgegangen. seemoz porträtiert in lockerer Folge einige der dort vorgestellten Personen. Im Vordergrund stehen freiheitliche, demokratische und antifaschistische Traditionslinien im 19. und 20. Jahrhundert. Den Auftakt macht Karl Hüetlin, Bürgermeister im Vormärz.

Die Straße vom Bodanplatz Richtung Hauptzoll ist nach Karl Hüetlin (1806–1861) benannt, einem der lokal prägenden Akteure der bürgerlichen-liberalen Aufbruchstimmung im Vormärz, die auf Pressefreiheit und Vereinsrecht zielte. Nach Studien in Heidelberg und Freiburg kehrte Hüetlin 1832 als Rechtspraktikant in seine Heimatstadt zurück. Hier engagierte er sich für die Unterstützung der polnischen Freiheitskämpfer, deren Widerstand gegen die russische Fremdherrschaft in ganz Europa als Fanal für Freiheit und Unabhängigkeit gefeiert wurde, und regte zusammen mit Karl Zogelmann ein Denkmal für den noch weithin als Ketzer geltenden Jan Hus an. „Aber der Fortgang der Angelegenheit“, schreibt Joseph Laible in seiner Stadtgeschichte, „kam 1834 durch Metternichs Einmischung ins Stocken und das bad. Ministerium, dem östr. Drucke nachgebend, untersagte alle weiteren Schritte in dieser Sache.“(1) Zur Errichtung eines Hus-Denkmals sollte es erst 1862 kommen.

Abgesandter zum Hambacher Fest

1832 begegnet uns Hüetlin als Abgesandter zum Hambacher Fest in der Adresse von Konstanz am Bodensee, die Johann August Wirth an die „Ehrenwerthen teutschen Männer des baierischen Rheinkreises“ richtete. Ihr Wortlaut: „Liebe Vaterlands-Genossen! Die unterzeichneten Bürger zu Constanz haben in den öffentlichen Blättern mit wahrer und inniger Freude Euren Aufruf zum teutschen Maifeste auf dem Schlosse Hambach bei Neustadt an der Haardt vernommen, als dessen Zweck uns ‚friedliche Besprechung, innige Erkennung und entschlossene Verbrüderung für die großen Interessen, denen wir unsere Liebe und unsere Kraft geweiht‘ bezeichnet wird. Zum Beweise daß wir auch hier an Süddeutschlands äußerster Grenze durchdrungen sind von warmer Liebe für die heilige Sache des theuern teutschen Vaterlandes, zum Beweise daß auch wir regen Antheil nehmen an dem Männerwort, das für die Sache des Rechtes und der Civilisation gesprochen wird, senden wir aus unserer Mitte zwei durch unsere Wahl ernannte Bürger, die Herren Handelsmann Karl Delisle und Rechtspraktikant und Schriftverfasser Karl Hüetlin. Diese mögen Ihnen, sie mögen dem gesammten Vaterlande sagen, daß auch wir freudig bereit sind für Freiheit, Recht und Ordnung, für Volkes-Ehre und Tugend mit Allem was unsere Kräfte vermögen redlich und männlich einzustehen. […] Constanz am Bodensee den 21. Mai 1832.“(2)

Vermittler zwischen konservativen und revolutionären Kräften

Noch im selben Jahr wurde Hüetlin 26-jährig zum Bürgermeister gewählt; er versprach, in jedem Bürger „nicht den Verwandten, nicht den Bekannten, nicht den Freund“(3) zu sehen, sondern nur den Bürger, der vor dem Gesetz gleich sei. Hüetlin zeigte sich im Umgang mit vorgesetzten Behörden denn auch konfliktbereit und positionierte sich als Vermittler zwischen den konservativen und revolutionären Kräften. Der Historienmaler Carl Häberlin, der den Kreuzgang des ehemaligen Dominikanerklosters mit allerhand Szenen der Stadtgeschichte phantasiereich auspinselte, hat diese Szene in einer Supraporte im Konstanzer Rathaus verewigt: Auf ihr sieht man Hüetlin eine aufgebrachte Volksmenge beschwichtigen. 1848 sprach er sich – nicht allein für seine eigene Person – gegen eine Teilnahme am Heckerzug aus, um stattdessen eine Bürgerwehr ins Leben zu rufen. Ungeachtet dessen wurde er nach der Niederschlagung der Revolution Mitte 1849 seines Amtes enthoben und für kurze Zeit inhaftiert. „Eben hatte er mit Muth und Loyalität allen Ausschreitungen einer zügellosen Menge, welche Freiheit und Gesetzlosigkeit verwechselte, widerstanden“, schrieb Laible, „aber die siegende Reaktion beging denselben Fehler, indem sie Revolutionäre und freisinnige Konstitutionelle gleich behandelte, verzweifelte Existenzen und Enthusiasten für Deutschlands Größe und Einheit mit gleicher Strafe belegte.“ (4)

Noch im Jahr seiner Absetzung wurde Hüetlin freigesprochen und kehrte unter Verzicht auf seine Pension der Stadt für ein Jahrzehnt den Rücken, um sich in Freiburg wieder seinem ursprünglichen Beruf als Rechtsanwalt zu widmen.

Rückkehr, Wiederwahl und Tod

1860 jedoch kam er im Zusammenhang mit seiner Ernennung zum Testamentsvollstrecker Wessenbergs nach Konstanz zurück. Als ihn aus den Reihen der Einwohner die Bitte um seine abermalige Bewerbung um den Posten des Bürgermeisters erreichte, nahm er die Herausforderung an und wurde mit großer Mehrheit gewählt. Die Hoffnung vieler Bürger, er könne sein Amt angesichts der anstehenden sozialen Probleme in liberalem Sinne wieder aufnehmen, erfüllten sich jedoch nicht: Hüetlin starb unmittelbar nach der Feier seiner Wiederwahl, ehe er das Amt nochmals antreten konnte.

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(1) Joseph Laible, Geschichte der Stadt Konstanz und ihrer nächsten Umgebung. Konstanz 1896, S. 193.
(2) Johann Georg August Wirth, Das Nationalfest der Deutschen zu Hambach. Neustadt 1832, S. 19.
(3) Konstanz in der großherzoglichen Zeit. Restauration, Revolution Liberale Ära 1806–1870. Bd. 4.1 der Geschichte der Stadt Konstanz. Konstanz 1994, S. 64.
(4) Wie Anm. 1, S. 191.

Weitere Informationen

Zum Autor

Manfred Bosch lebt als Schriftsteller, Literaturhistoriker und Herausgeber in Konstanz. Neben zahlreichen Darstellungen zur südwestdeutschen Zeit- und Literaturgeschichte widmet er sich in Darstellungen (u.a. Bohème am Bodensee. Leben am See von 1900 bis 1950, Lengwil 1997), Herausgaben und Anthologien der neueren Literaturgeschichte des Bodenseeraums.

Zum Buch

Manfred Bosch, Konstanz literarisch. Versuch einer Topografie, UVK Verlag 2019, 351 Seiten, €22,00.

Manfred Boschs literarischer Streifzug durch Konstanz vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ist nicht wie bei Darstellungen dieser Art üblich chronologisch oder nach sachbestimmten Aspekten angeordnet. Sein Stadtrundgang beginnt alphabetisch in der „Alfred Wachtel-Straße“ und endet „Zur Friedrichshöhe“. Er nimmt Straßen, Plätze und Gebäude in den Blick, erzählt welche LiteratInnen, PublizistInnen, VerlegerInnen, Kulturschaffende hier gelebt haben oder als Reisende – sei es als Gast oder auf dem Weg ins Exil – die Stadt passiert haben. Er beschreibt geschichtsträchtige Orte wie das ehemalige Dominikanerkloster (Inselhotel), den Kreuzlinger Zoll, die in den 1960er-Jahren gegründete Universität und bietet einen Überblick über Verlage, Bibliotheken, Lesegesellschaften, Theater und Pressewesen der Stadt. Über 600 Namen umfasst allein das Personenregister.

Erschienen ist das Buch in der von Jürgen Klöckler herausgegebenen „Kleinen Schriftenreihe des Stadtarchivs Konstanz“.

Text: Manfred Bosch, Abbildung: Karl Hüetlin in den 1840er-Jahren, porträtiert von Friedrich Pecht, Stadtarchiv Konstanz

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