Munding Einband Kompr

Friedrich Munding: Ein Leben zwischen Journalistik und Literatur

 Einbandvorderseite des von Werner Trapp herausgegebenen Bandes. Berlin 1985, Nishen, Verlag in Kreuzberg
 Einbandvorderseite des von Werner Trapp herausgegebenen Bandes. Berlin 1985, Nishen, Verlag in Kreuzberg

In Konstanz literarisch“ ist Manfred Bosch der kulturellen Tradition der Stadt über fünf Jahrhunderte hinweg nachgegangen. Seemoz porträtiert in lockerer Folge einige der dort vorgestellten Personen. Im Vordergrund stehen freiheitliche, demokratische und antifaschistische Traditionslinien im 19. und 20. Jahrhundert. Hier die Lebensstationen des Schriftstellers und Journalisten Friedrich Munding.

In der heutigen Theodor-Heuss-Straße 8 wohnte nach dem Zweiten Weltkrieg Friedrich Munding (1887–1964), der eigentlich Friedrich Kahl hieß und in Basel geboren wurde. Nach dem Besuch Technischer Fachschulen wandte er sich seiner eigentlichen Neigung zu – dem Journalismus und der Schriftstellerei. Zunächst war er Redakteur bei der liberalen Neuen Konstanzer Abendzeitung, um dann in Berlin in der Redaktion des Technischen Magazins zu arbeiten. 1907 meldete er sich auf eine Anzeige, in der „ein gewandter Schriftsteller“ gesucht wurde, „der in der Lage ist, kleinere Erzählungen nach gegebenen Stoffen spannend und unterhaltend zu bearbeiten“ – nicht ahnend, dass man lediglich einen Strohmann suchte, der eigentlich nur seinen Namen für eine publizistische Attacke auf Karl May hergeben sollte. Unerfahrenheit und Geldnot ließen Kahl gutgläubig zugreifen: die Belohnung betrug 200 Mark. Oswald Burger hat diesen bis vor Kurzem unbekannten Fall akribisch recherchiert und in den Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft dokumentiert.(1)

Das Karl May-Pamphlet

Das 20 Seiten umfassende Pamphlet Karl May, ein Verderber der deutschen Jugend erschien im Frühjahr 1908 unter der Autorschaft von „F. W. Kahl-Basel“. In ihm wurde May der Vorwurf gemacht, einem „atavistischen“ Literaturverständnis anzuhängen, das Ausdruck geistiger Regression sei und der Verführung der Jugend Vorschub leiste; außerdem wurden May zahlreiche unbestreitbare Verfehlungen und Falschbehauptungen vorgeworfen – wie z.B. widerrechtlich geführter Doktortitel, Gefängnishaft und hochstaplerische Angaben zu seinen Reisen. Munding erfuhr vom Erscheinen der Broschüre aus einer Notiz im Berner Bund und bekam dort auch Mays Entgegnung zu Gesicht. Daraufhin distanzierte er sich in einem Brief an May von der Broschüre, stellte sich auf dessen Seite und demaskierte den eigentlichen Verfasser, worauf May seinen Strafantrag gegen Kahl zurückzog. In einem gerichtlichen Vergleich wurde festgehalten, dass die Auftraggeber bewusst mit gefälschten Tatsachen operiert und den Namen Kahls missbraucht hatten.

Kahl – Munding – Pfefferkorn

Dieser suchte daraufhin eine neue Identität, nannte sich fortan Munding – nach Mundingen, dem Geburtsort seiner Mutter – und wechselte auch mehrfach seinen Wohnort, blieb jedoch seinem Berufswunsch treu. 1919 kam er über Karlsruhe, wo er Feuilletonchef der Badischen Landeszeitung gewesen war, als Redaktionsleiter zur Konstanzer Zeitung, wirkte im Theaterausschuss der Stadt mit und gehörte 1920 zu den Mitbegründern des „Bodensee-Künstlerbundes“. Freundschaften verbanden ihn u.a. mit Fritz Mauthner, Martin Andersen Nexö und Fritz Scheffelt von der „Konstanzer Bücherstube“.

1923 gab Munding unter dem Titel Der Seehase einen Heimatkalender vom Bodensee heraus, in den auch eigene Erzählungen Eingang fanden. Es blieb der einzige Jahrgang, weil Munding, von der Konstanzer Zeitung aus politischen Gründen entlassen, damals wieder nach Berlin übersiedelte. Er hatte sich erfolgreich um die Stelle als Pressechef der Landesregierung von Mecklenburg-Strelitz beworben, bis dort die Deutschnationalen die Regierungsgeschäfte übernahmen. Munding wandte sich daraufhin wieder der Zeitungsarbeit zu, bekleidete verschiedene Redaktionsposten und veröffentlichte in der Neubrandenburger Zeitung unter dem Pseudonym Tobias Pfefferkorn eine Reihe ironisch-polemisierender Artikel gegen die aufkommenden Nationalsozialisten.

„Daß ich nur noch selten schreibe“

1933 verlor Munding seine berufliche Existenz, an eine Fortsetzung seiner journalistischen Arbeit war nicht zu denken. Er war damals mit seiner Frau Else nach Konstanz zurückgekehrt, wo sie im Haus ihrer Eltern vorübergehend Unterschlupf fanden. Doch sicher konnte sich Munding im überschaubaren Konstanz nicht fühlen, wo er als engagierter Demokrat bekannt war. Überzeugt, „unter den überschaubaren Lebensverhältnissen der Kleinstadt“ (2) besonders bedroht zu sein, zogen Munding und seine Frau Else erneut nach Berlin in ein inneres Exil. Munding hatte praktisch Berufsverbot, weil er mit der Begründung, „keine Unterschrift für Adolf Hitler“ leisten zu können, seinen Beitritt zur Reichspressekammer verweigert hatte. Da sich das Ehepaar jedoch auf verwandtschaftliche Unterstützung verlassen konnte, fand Munding wieder vermehrt zu literarischem Schreiben. Dazu gehörten auch zwei Komödien und Erzählungen, die vorläufig freilich für die Schublade waren.

Zwischen 1940 und 1943 schrieb Munding an seinen Konstanzer Freund Fritz Scheffelt verschlüsselte Briefreportagen; Werner Trapp hat sie 1985 unter dem Titel Daß ich nur noch selten schreibe herausgegeben. Die Zeit nannte diese Briefe, die durchaus auch irritierende Passagen enthalten, „eine ungewöhnlich faszinierende historische Quelle. Für ihren Verfasser waren sie die einzig mögliche Form der Mitteilung. Als erfahrener Beobachter mischt sich Friedrich Munding unter das Publikum in den Kaffeehäusern und auf Straßen; er notierte, was er mit eigenen Augen sah oder von anderen hörte: Impressionen aus dem Berliner Kriegsalltag, die Aufschluß geben über Denken und Verhalten seiner Zeitgenossen. Wie ein Seismograph registrierte Munding Veränderungen der Lebensgewohnheiten, deren Takte zunehmend durch die Sirene bestimmt wurden“.(3)

Nachkriegsjahre beim Südkurier

Als sich mit der „Schlacht um Berlin“ eine Verschärfung des Bombenkriegs ankündigte, kehrte das Ehepaar 1943 ins sicherere Konstanz zurück. Zwar hatten sie auch hier noch manche Befürchtung vor Verhaftung durchzustehen; „ruhig schlafen“ konnten sie erst wieder, „als die Franzosen einmarschiert sind“.(4) Nach Kriegsende schloss sich Munding der Antifa-Bewegung an, nahm am Aufbau des FDP-Vorläufers „Demokratische Partei“ teil und vertrat in der interimistischen Vierparteienkonstellation des Südkurier neben Rudolf Goguel (KP) und Herbert Goldscheider (SP) als Kulturredakteur die liberale Richtung. 1946 erschienen bei Curt Weller seine Erzählung Der Sargmacher und der Kalender Der Bote vom Oberland; später betreute er lange Jahre die Südkurier-Heimatbeilage Oberländer Chronik. Munding starb im Alter von 76 Jahren.

Anmerkungen

1. Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft 39. Jg. (2007), Nr. 154, S. 25-47.
2. Werner Trapp, Konstanz in der Zeit des Nationalsozialismus, in: Konstanz im 20. Jahrhundert. Die Jahre 1914 bis 1945. Konstanz 1990, S. 230.
3. Volker Ullrich, Friedrich Munding: „Daß ich nur noch selten schreibe“, In: DIE ZEIT, 5. Dezember 1986.
4. Wie Anm. 2, S. 61.

Die Serie wird fortgesetzt. Zuletzt erschienen die Porträts
Karl Hüetlin
Joseph Fickler
Ignaz Vanotti
Karl Zogelmann
Hans und Hermann Venedey

Text: Manfred Bosch

Weitere Informationen

Zum Autor

Manfred Bosch lebt als Schriftsteller, Literaturhistoriker und Herausgeber in Konstanz. Neben zahlreichen Darstellungen zur südwestdeutschen Zeit- und Literaturgeschichte widmet er sich in Darstellungen (u.a. Bohème am Bodensee. Leben am See von 1900 bis 1950, Lengwil 1997), Herausgaben und Anthologien der neueren Literaturgeschichte des Bodenseeraums.

Zum Buch

Manfred Bosch, Konstanz literarisch. Versuch einer Topografie, UVK Verlag 2019, 351 Seiten, €22,00.

Manfred Boschs literarischer Streifzug durch Konstanz vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ist nicht wie bei Darstellungen dieser Art üblich chronologisch oder nach sachbestimmten Aspekten angeordnet. Sein Stadtrundgang beginnt alphabetisch in der „Alfred Wachtel-Straße“ und endet „Zur Friedrichshöhe“. Er nimmt Straßen, Plätze und Gebäude in den Blick, erzählt welche LiteratInnen, PublizistInnen, VerlegerInnen, Kulturschaffende hier gelebt haben oder als Reisende – sei es als Gast oder auf dem Weg ins Exil – die Stadt passiert haben. Er beschreibt geschichtsträchtige Orte wie das ehemalige Dominikanerkloster (Inselhotel), den Kreuzlinger Zoll, die in den 1960er-Jahren gegründete Universität und bietet einen Überblick über Verlage, Bibliotheken, Lesegesellschaften, Theater und Pressewesen der Stadt. Über 600 Namen umfasst allein das Personenregister.

Erschienen ist das Buch in der von Jürgen Klöckler herausgegebenen „Kleinen Schriftenreihe des Stadtarchivs Konstanz“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert