Joseph Fickler (c) Wikimedia

Joseph Fickler: Revolutionär ohne Fortune

Joseph Fickler (c) Wikimedia
Joseph Fickler (c) Wikimedia

In Konstanz literarisch“ ist Manfred Bosch der kulturellen Tradition der Stadt über fünf Jahrhunderte hinweg nachgegangen. seemoz porträtiert in lockerer Folge einige der dort vorgestellten Personen. Im Vordergrund stehen freiheitliche, demokratische und antifaschistische Traditionslinien im 19. und 20. Jahrhundert. Hier das Porträt Joseph Ficklers, eines weiteren Akteurs im Vormärz.

Die Nummer 14 in der Zollernstraße („Zur Vorderen Jungfrau“) ist das Geburtshaus Joseph Ficklers (1808–1865). Der Handelsmann, Publizist und Befürworter der Judenemanzipation, der sein ganzes Leben in finanziellen Nöten war und privat keine Fehde scheute, war eine zentrale Figur des Konstanzer Liberalismus und der Revolutionszeit. Mit dem Konstanzer Wochenblatt rief er 1832 ein liberales Oppositionsblatt ins Leben, das – beflügelt vom Geist des Hambacher Treffens – den Fortschritt auch in lokalen Belangen zu fördern suchte und den Wandel seines Herausgebers vom konstitutionellen Monarchisten zum kompromisslosen Republikaner widerspiegelt. Nach dem Urteil Alfred Diesbachs bot die Zeitung „hochaktuelle, geistreiche und brisante Journalistik.“(1)

Ficklers radikal-demokratische Seeblätter

Bereits nach einem Jahr musste Fickler sein Blatt wieder aufgeben. 1836 erlebte es unter dem Namen Seeblätter, unterstützt und finanziert von einem Kreis um den Sonnenwirt August Schmid, einen Neubeginn, der es zum radikal-demokratischen Organ für den Seekreis machen sollte. Joseph Fickler „lernte viel von den Männern um Ignaz Vanotti und Wirth”, urteilt Elmar B. Fetscher, und es sei „frappant, wieviel Gedankengut der [Deutschen] Volkshalle sich in seinen Seeblättern widerspiegelte.“(2) Mit einer Erscheinungsdauer von zwölf Jahren, während der das Blatt zugleich ein Sprachrohr der deutschkatholischen Bewegung wurde, waren die Seeblätter eines der langlebigsten Oppositionsblätter Deutschlands.

Kritischer sprang die von Karl Marx herausgegebene Rheinische Zeitung mit dem Blatt um, die 1842 urteilte, die Gesinnung des Blattes reiche weiter als seine Intelligenz. Die Seeblätter wussten den Tadel zu ihren Gunsten umzubiegen: „Weit entfernt davon, uns durch diesen Vorwurf verlezt zu sehen, erbliken wir darin vielmehr die genügendste Anerkennung unserer Wirksamkeit, denn wir sind überzeugt, daß es besser um die öffentlichen Verhältnisse stünde, wenn nur jeder, der entschiedene Gesinnung und guten Willen hat, das geleistet hätte und leisten würde, was seine Intelligenz und Kraft ihm zu leisten gestatten.“(3)

Geradezu verkörpert findet sich diese Absicht Ficklers in der Person des Hagnauer Rebknechts Kübele, dem Pfarrer Heinrich Hansjakob in seiner Erzählung Mein Sakristan ein Denkmal gesetzt hat. Kübele, im Nebenberuf Mesner, träumte nämlich davon, sein Schwein, das er das ganze Jahr hindurch fütterte, endlich einmal selbst verzehren zu dürfen, anstatt es zur Begleichung seiner Schulden immer wieder hergeben zu müssen. Dies war es denn auch, was Kübele in die Arme der Revolution trieb und zum Anhänger Heckers werden ließ. Kübele war nämlich ein eifriger Leser der Seeblätter und verteilte sie zusammen mit einem Gesinnungsgenossen, sobald sie ein Hagnauer Schiffsmann allwöchentlich über den See gebracht hatte. „Sie bereiteten die Revolution im Seekreis vor“, schrieb Hansjakob, „und machten den großen Kübele zu ihrem fanatischen Vertreter in Hange“ [gemeint ist Hagnau).(4)

Fickler und Hecker 1848

Auf diese breite Wirkung der Seeblätter bezog sich denn auch die Klage des Seekreis-Direktors Friedrich Christian Rettig, wonach die Konstanzer Presse im Ruf stehe, „die zügelloseste im Großherzogtum, ja vielleicht in ganz Deutschland zu sein.“(5) Gemeinsam mit Hecker befürwortete Fickler – inzwischen nicht nur Mitglied des Konstanzer Bürgerausschusses, sondern auch Abgeordneter der Zweiten Kammer in Karlsruhe – die Revolution, wurde jedoch im April 1848 auf eigenmächtiges Betreiben des Liberalen Karl Mathy in Karlsruhe verhaftet und 13 Monate lang festgehalten. Als er schließlich freikam und in Freiburg vor ein Sondergericht gestellt wurde, riskierte kein Richter aufgrund der revolutionären Stimmung seine Verurteilung. Nach seinem Freispruch im Mai 1849 wurde Fickler in den Landesausschuss gewählt und Mitglied der provisorischen Regierung. Beim Versuch, die revolutionäre Stimmung auch im Württembergischen anzuheizen, wurde er im Sommer 1849 in Stuttgart erneut verhaftet und auf dem Hohenasperg interniert.

Wie Fickler von dort flüchten konnte und in die Schweiz entkam, ist nie geklärt worden. Ein größeres Rätsel gibt jedoch seine Propaganda auf, die er später in New York zugunsten der Südstaaten und der Beibehaltung der Sklaverei betrieben haben soll. 1865 kehrte er nach Konstanz zurück. „Mit welchen Aufgaben er seinen Lebensabend ausfüllen wollte“, schrieb Alfred Diesbach in einem Porträt in der Oberländer Chronik „wissen wir leider nicht. Was es auch gewesen sein mag, es kam nicht mehr dazu. Denn kaum heimgekehrt, mußte der müde gewordene Mann am 26. November 1865 im Alter von nicht ganz 59 Jahren die Augen für immer schließen.“(6) Fickler war einem Krebsleiden erlegen und wurde auf dem Schottenfriedhof beigesetzt; die Konstanzer Zeitung widmete ihm einen ehrenden Nachruf.

Herabwürdigende Einschätzungen von Zeitgenossen

Galt Fickler dem Chronisten Joseph Laible als „ein Mann voll Thatkraft und Schlagfertigkeit“(7), fiel das Urteil mancher Zeitgenossen eher abschätzig aus – und teilweise auf seine Urheber zurück. Wie an seiner Zeitung, hat Karl Marx auch an der ganzen Person kein gutes Haar gelassen: „Joseph Fickler hat, wie es einem biedern, entschiedenen, unerschütterlichen Volksmann geziemt, ein feistes Vollmondsgesicht, einen dicken Kehlbraten und einen entsprechenden Wanstumfang […]. Seine einzigen Taten während der Revolution waren erstens seine Verhaftung durch Mathy nach dem Vorparlament und zweitens seine Verhaftung durch Römer in Stuttgart im Juni 1849; dank diesen Verhaftungen ist er an der Gefahr, sich zu kompromittieren, glücklich vorbeigeschifft.“(8) In Carl Spindlers Roman Die Schwertbergers lässt sich Fickler in der Gestalt des großsprecherischen Gumperz erkennen, der den Plan zur Gründung der Seeblätter allzu vollmundig ankündigt: „Ich habe also mit Vorbedacht und zugleich mit Unbefangenheit gerade hier meinen Kahn angebunden, meine Hütte errichtet, meine Kanzel erbaut; denn ich will von hier aus reden, zürnen, alle Elemente bewegen. Schon einmal hat Constanz das Signal zur allgemeinen Welterschütterung gegeben; und in diesem Winkel gerade finde auch ich – ich zweifle nicht – die Stelle […], die Erde aus ihren Angeln zu lüpfen.“(9)

Noch weniger schmeichelhaft kommt Fickler erwartungsgemäß bei dem Sozialistenfresser Friedrich Pecht weg. „Baden war bereits ganz unterwühlt und die besonneneren Liberalen, wie der treffliche Dekan Kuenzer oder der mannhafte Bürgermeister Hüetlin, wurden durch die mit ihren Schlagworten der Menge besser einleuchtenden Radikalen beständig überschrieen. Ihr Haupt war in unserem Städtchen Fickler, ein begabter, aber bei sehr geringer Gewissenhaftigkeit durch die Unsicherheit seiner Stellung und die Oberflächlichkeit seiner Bildung samt einer physischen Natur von großen Bedürfnissen zum Demagogen und Volksverführer ungewöhnlich geeigneter dicker Schlemmer. Er fristete seine zweideutige Existenz durch die Redaktion der radikalen, mit der Zensur in ewigem Kampfe lebenden ‚Seeblätter‘, einer Ablagerung von gemeinem Klatsch, die eigentlich von der Verdächtigung und Verleumdung der politischen Gegner lebte und darum zur Demoralisation der Menge nicht wenig beitrug.“(10)

1976 ist in Konstanz mit den Neuen Seeblättern das erste alternative Stadtmagazin erschienen; 1980 wurde es vom langlebigeren Nebelhorn abgelöst.

***

(1) Alfred Diesbach, Der „Tagesherold“ und seine Redakteure. Eine Konstanzer Tageszeitung des 19. Jahrhunderts, in: Konstanzer Almanach 18 (1972), S. 59.
(2) Elmar B. Fetscher, Der Konstanzer Bürgermeister Karl Hüetlin und seine Zeit (1832–1849). Konstanz 1988, S. 49.
(3) Seeblätter Nr. 144 vom 4. Dezember 1842.
(4) Heinrich Hansjakob, Mein Sakristan, in: ders.: Schneeballen, Dritte Reihe. Stuttgart 1924, S. 185.
(5) Fabio Crivellari, Patrick Oelze, Vom Kaiser zum Großherzog. Konstanz 2007, S. 114.
(6) Beilage zum Südkurier 1965, Nr. 295.
(7) Joseph Laible, Geschichte der Stadt Konstanz und ihrer nächsten Umgebung. Konstanz 1896, S. 215.
(8) Karl Marx, Friedrich Engels, Werke Bd. 8. Berlin 1960, S. 316.
(9) Carl Spindler, Die Schwertbergers. Litzelstetten 1982, S. 123.
(10) Friedrich Pecht, Aus meiner Zeit. Bd. 1. München 1894, S. 217.

Weitere Informationen

Zum Autor

Manfred Bosch lebt als Schriftsteller, Literaturhistoriker und Herausgeber in Konstanz. Neben zahlreichen Darstellungen zur südwestdeutschen Zeit- und Literaturgeschichte widmet er sich in Darstellungen (u.a. Bohème am Bodensee. Leben am See von 1900 bis 1950, Lengwil 1997), Herausgaben und Anthologien der neueren Literaturgeschichte des Bodenseeraums.

Zum Buch

Manfred Bosch, Konstanz literarisch. Versuch einer Topografie, UVK Verlag 2019, 351 Seiten, €22,00.

Manfred Boschs literarischer Streifzug durch Konstanz vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ist nicht wie bei Darstellungen dieser Art üblich chronologisch oder nach sachbestimmten Aspekten angeordnet. Sein Stadtrundgang beginnt alphabetisch in der „Alfred Wachtel-Straße“ und endet „Zur Friedrichshöhe“. Er nimmt Straßen, Plätze und Gebäude in den Blick, erzählt welche LiteratInnen, PublizistInnen, VerlegerInnen, Kulturschaffende hier gelebt haben oder als Reisende – sei es als Gast oder auf dem Weg ins Exil – die Stadt passiert haben. Er beschreibt geschichtsträchtige Orte wie das ehemalige Dominikanerkloster (Inselhotel), den Kreuzlinger Zoll, die in den 1960er-Jahren gegründete Universität und bietet einen Überblick über Verlage, Bibliotheken, Lesegesellschaften, Theater und Pressewesen der Stadt. Über 600 Namen umfasst allein das Personenregister.

Erschienen ist das Buch in der von Jürgen Klöckler herausgegebenen „Kleinen Schriftenreihe des Stadtarchivs Konstanz“.

Text: Manfred Bosch
Abbildung: Porträt Joseph Fickler, gemeinfrei auf Wikimedia.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert