Ignaz Vanotti © Stadtarchiv Konstanz

Ignaz Vanotti: Jurist, Publizist, Antimonarchist

Ignaz Vanotti © Stadtarchiv Konstanz
Ignaz Vanotti © Stadtarchiv Konstanz

In „Konstanz literarisch“ ist Manfred Bosch der kulturellen Tradition der Stadt über fünf Jahrhunderte hinweg nachgegangen. seemoz porträtiert in lockerer Folge einige der dort vorgestellten Personen. Im Vordergrund stehen freiheitliche, demokratische und antifaschistische Traditionslinien im 19. und 20. Jahrhundert. Auch Ignaz Vanotti gehörte zu den Verfechtern fortschrittlicher Ideen im Vormärz.

Das „Haus zur Kunkel“ am Münsterplatz 5 war das Eltern- und Wohnhaus von Ignaz Vanotti (1798-1870), der für die Publizistik des Konstanzer Vormärz eine herausragende Rolle spielte. Der liberale Jurist und Obergerichtsadvokat vertrat früh eine antimonarchistische Haltung, die die Staatsgewalt in den Händen der Bürger besser aufgehoben sah. Mit seinem ansehnlichen Vermögen engagierte sich Vanotti für eine Reihe gemeinnütziger Projekte wie die Bodensee-Dampfschifffahrtsgesellschaft, rief aber auch zur Gründung einer Aktiengesellschaft „zur Beförderung der Bildung des Kunstsinnes und Geschmacks” auf, die die Errichtung eines neuen Schauspielhauses in Konstanz zum Ziel hatte.

Das Bürgermuseum – „ein konstitutioneller Staat im Kleinen“

Wie überall, spielte auch in Konstanz das Vereinswesen eine Schlüsselrolle für die Formierung des Bürgertums. So war es im September 1834 im Wirtshaus Gütle an der Gottlieber Straße zur Gründung des „Bürgermuseums“ gekommen, das neben Geselligkeit und Fortbildung die Propagierung liberaler und republikanischer Ideen auf seine Fahnen schrieb. Ihm gehörten neben seinem späteren Vorsteher Vanotti unter anderen der Handelsmann Karl Zogelmann, Bürgermeister Karl Hüetlin und der Arzt und Historiker Johann Marmor an, die sich strikt vom aristokratisch dominierten „Casino“ auf der Pfalz abzusetzen gedachten. Nach Joseph Laible bildete das „Bürgermuseum“ mit seinem Lesesaal „einen konstitutionellen Staat im Kleinen, in dem die allgemeine Versammlung mit besonderem Präsidenten dem Kollegium der Vorsteherschaft gegenüberstand und in langen und eingehenden Debatten sich parlamentarische Beredtsamkeit entwickelte.“ Und Laible fährt fort: „In jenen Zeiten der Zensur und Polizeiwillkür kam die Gesellschaft oft in Konflikt mit diesen Organen Metternich’schen Systems wegen Verbot von Festfeiern […], der Beschlagnahme von Zeitschriften u.s.w.“(1)

Herausgeber „radikaler“ Zeitschriften

Zu diesen Zeitschriften zählte der 1838/39 von Vanotti herausgegebene republikanische Leuchtturm, der zwar nach dem Urteil Hermann Venedeys „weder sonderlich leuchtete noch wirtschaftlich reüssierte“, jedoch mit Hilfe eines weithin bekannten liberalen Redakteurs „wirklichen Glanz“(2) verbreitete. Dieser Mann war Johann Georg Wirth, Teilnehmer am Hambacher Fest, der den Leuchtturm in die Deutsche Volkshalle umwandelte. Diese sei alles andere als ein „Geld-Unternehmen, sie ist der heiligen Sache des Volke geweiht“, formulierte Vanotti und forderte: „Welche Schmach für Deutschland, wenn es nicht gelingt, ein einziges reines Organ für die Sache des Volkes gründen zu können, welch ein Triumph für die stolzen Feinde, die trotz ihres Stolzes vor jedem Männerhaufen erbeben! Helfen sie uns Freund, arbeiten Sie für diese Sache in der Völkerstadt, ihr Wirken kann nicht erfolglos bleiben.“(3)

Die Deutsche Volkshalle galt als die radikalste Zeitung Deutschlands, deren Verbreitung von den Behörden derart behindert wurde, dass sie im Frühjahr 1841 nach 19 Monaten wieder eingestellt werden musste. „Aber mögen noch hundert solche Unternehmungen fallen“, schrieb Vanotti 1841 in der Deutschen Volkshalle, „so wollen wir hundert neue gründen. Nein, wir weichen euch nicht; und selbst nur lallend wollen wir gegen den Geistesdruck noch Verwahrung und Einsprache einlegen. Ihr sollt uns nicht zum Schweigen und zur Unthätigkeit bringen.“(4)

Das Kreuzlinger Belle-Vue: bedeutender Vormärz- und Emigrantenverlag

Diesen Willen zur Unbeugsamkeit bekräftigte Vanotti 1843 mit der Gründung der Verlagsanstalt Belle-Vue, deren unter der Bezeichnung „Buchdruckerei- & Verlagsgeschäft in Belle-Vue“ firmierender Vorläufer schon seit 1841 publizistisch tätig gewesen war. In der Konstanzer Zeitung empfahl Vanotti sein Unternehmen „[a]llen Freunden der Literatur hiesiger Stadt und der Umgebung“ als „Sortiments-, Buch- & Kunsthandlung“. Fortan wurde das Belle-Vue, ein stattlicher dreigeschossiger Bau in Sichtweite zum Kreuzlinger Zoll, neben dem „Literarischen Comptoir Zürich und Winterthur“ zu einem der wichtigsten Schweizer Vormärz- und Emigrantenverlage. Zu seinen Autoren zählten unter anderen Ferdinand Freiligrath, Johann Georg August Wirth, Karl Heinzen, Georg Herwegh, Jakob Venedey und nicht zuletzt Ignaz Heinrich von Wessenberg, der hier freilich unter seinem bürgerlichen Pseudonym Heinrich von Ampringen veröffentlichte.

Älteste bekannte Ansicht des Belle-Vue, um 1860. Aufnahme von German Wolf © Stadtarchiv Konstanz
Älteste bekannte Ansicht des Belle-Vue, um 1860. Aufnahme von German Wolf © Stadtarchiv Konstanz

„Sekte der Liberalen“: Vanotti und von Wessenberg

Da der deutsche Bundestag die meisten Schriften der Verlagsanstalt Belle-Vue ebenfalls verbot, setzte ein lebhafter Bücherschmuggel ein. Zusammen mit dem populären freisinnigen Dekan Dominik Kuenzer, der mit seiner Forderung nach Aufhebung des Zölibats für die Kirche nicht minder unbequem war als Ignaz Heinrich von Wessenberg, übte Vanotti auch auf das lokale Bürgertum erheblichen Einfluss aus. Diese beiden Männer hatte der Regierungsdirektor des Seekreises, Freiherr von Sensburg, vor allem im Blick, als er von einer „Sekte der Liberalen“ sprach, „meistens wohlhabende, auch geistig gebildete Personen“, die alles daransetzten, „daß ihre Ideen bei den Mitbürgern Eingang fänden.“(5)

1846 musste Vanotti, der sich finanziell übernommen hatte, Belle-Vue an zwei liberale Mitstreiter verkaufen – den Sonnenwirt August Schmid und den Arzt und Stadtarchivar Johann Marmor, in deren Besitz auch der gesamte Buchbestand überging. 1849 konnte Vanotti, der zu neun Jahren Haft verurteilt wurde, in die Schweiz fliehen, wo er in bedrängten Verhältnissen lebte, um am Ende der Reaktionszeit in den 60er Jahren nach Konstanz zurückzukehren. Politisch betätigte er sich bis zu seinem Tode 1870 nicht mehr, trat jedoch als Förderer kultureller Veranstaltungen hervor und blieb seinem alten Grundsatz eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates in einem geeinten Deutschland treu.

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(1) Joseph Laible, Geschichte der Stadt Konstanz und ihrer nächsten Umgebung. Konstanz 1896, S. 192f.
(2) Hermann Venedey, Konstanz und Ignaz Heinrich von Wessenberg, in: Badische Heimat 58 (1978), S. 328.
(3) Zitiert nach Birgit Bublies-Godau, Unter der „Fahne des Fortschritts“, in: Heinz Bothien (Hg.), Belle-Vue. Die Exilantendruckerei bei Constanz 1840–1848. Frauenfeld 1998, S. 66.
(4) Ebenda, S. 21f.
(5) Elmar B. Fetscher, Der Konstanzer Bürgermeister Karl Hüetlin und seine Zeit (1832–1849). Konstanz 1988, S. 49.

Weitere Informationen

Zum Autor

Manfred Bosch lebt als Schriftsteller, Literaturhistoriker und Herausgeber in Konstanz. Neben zahlreichen Darstellungen zur südwestdeutschen Zeit- und Literaturgeschichte widmet er sich in Darstellungen (u.a. Bohème am Bodensee. Leben am See von 1900 bis 1950, Lengwil 1997), Herausgaben und Anthologien der neueren Literaturgeschichte des Bodenseeraums.

Zum Buch

Manfred Bosch, Konstanz literarisch. Versuch einer Topografie, UVK Verlag 2019, 351 Seiten, €22,00.

Manfred Boschs literarischer Streifzug durch Konstanz vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ist nicht wie bei Darstellungen dieser Art üblich chronologisch oder nach sachbestimmten Aspekten angeordnet. Sein Stadtrundgang beginnt alphabetisch in der „Alfred Wachtel-Straße“ und endet „Zur Friedrichshöhe“. Er nimmt Straßen, Plätze und Gebäude in den Blick, erzählt welche LiteratInnen, PublizistInnen, VerlegerInnen, Kulturschaffende hier gelebt haben oder als Reisende – sei es als Gast oder auf dem Weg ins Exil – die Stadt passiert haben. Er beschreibt geschichtsträchtige Orte wie das ehemalige Dominikanerkloster (Inselhotel), den Kreuzlinger Zoll, die in den 1960er-Jahren gegründete Universität und bietet einen Überblick über Verlage, Bibliotheken, Lesegesellschaften, Theater und Pressewesen der Stadt. Über 600 Namen umfasst allein das Personenregister.

Erschienen ist das Buch in der von Jürgen Klöckler herausgegebenen „Kleinen Schriftenreihe des Stadtarchivs Konstanz“.

Text: Manfred Bosch. Abbildungen: Porträt Ignaz Vanotti und Foto Belle-Vue © Stadtarchiv Konstanz

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