Verkehrskadetten: Auch eine Art von Missbrauch

In regelmäßigen Abständen werden Jugendliche für ein angeblich verdienstvolles Ehrenamt geködert. Meist an Wochenenden stellt man sie mitten auf die Straßen, um das Konstanzer Verkehrschaos abzumildern. Da stehen sie dann, müssen aufpassen, dass man sie nicht über den Haufen fährt, weil der einkaufswütige Automobilist glaubt das Recht zu haben, direkt vor der innerstädtischen Ladenkasse zu parken. Was soll das, fragt unser Kommentator, hat aber auch einen Vorschlag parat.

Anzeige

„Engagement, eine fundierte und praxisnahe Ausbildung, ein motiviertes Team und jede Menge Freizeitspaß“. So säuselte kürzlich die Konstanzer Touristik-Abteilung in einer Pressemitteilung, über die sie „Verkehrskadetten-Nachwuchs“ im Alter von 14 bis 21 Jahren sucht. Es sei immer wieder „schön zu sehen“, so wird weiter honigdick gesäuselt, „wie viel Spaß die Jugendlichen an der Ausbildung und den gemeinsamen Unternehmungen haben“. Von „spaßigen Grillabenden über Ausflüge in Freizeitparks und Bowling bis hin zu mehrtägigen Zeltlagern“ ist weiterhin die Rede und auch davon, dass die Jugendlichen bei der Ausbildung zum Verkehrskadetten Dinge lernen würden, „die sie auch in ihrem zukünftigem Leben immer wieder einsetzen können“.

Rund ein Jahr ist es her, als der damalige SPD-Stadtrat Hannes Kumm öffentlich kritisierte, dass man Jugendliche mitten ins abgasgeschwängerte Verkehrsgetümmel schicke, um innerhalb der Blechlawinen einigermaßen für Ordnung zu sorgen. Sein Vorschlag, dafür doch eher Ältere einzusetzen, deren Lebenserwartung sich dem Ende nähere, kam allerdings auch nicht allzu gut an und sorgte wochenlang für erhitzte Debatten.

Völlig daneben lag und liegt Kumm mit seiner Einschätzung allerdings nicht, denn es gibt sinnvollere Tätigkeiten für Jugendliche, sich gesellschaftlich und im Sinne der Stadtgemeinschaft zu engagieren. Sind wir doch mal ehrlich: Die Verkehrskadetten müssen dafür herhalten, dass es die Stadt seit langen Jahren versäumt, bei der gewünschten und auch nötigen Verkehrswende klare Zeichen zu setzen. Da aber bewegt sich bis heute: nichts. Zwar erklärt Noch-Oberbürgermeister Burchardt, der sich seit geraumer Zeit im persönlichen Wahlkampf befindet, gerne vollmundig, dass eines seiner vordringlichsten Ziele sei, den Verkehr aus der Stadt zu bringen. Doch was hat er bislang dafür in Gang gesetzt? Die Antwort ist einfach und ziemlich ernüchternd: Ebenfalls nichts. Und das ist eindeutig zu wenig für einen Rathauschef, der kommendes Jahr erneut für lange acht Jahre gewählt werden will.

Liebe Verkehrskadettinnen und -kadetten und solche, die es noch werden wollen: Anstatt nun weiterhin als Notnagel für eine desaströse Verkehrspolitik missbraucht zu werden, böte sich doch beispielsweise an, bei den „FridaysforFuture“-AktivistInnen anzuklopfen, die von Euren Erfahrungen sicherlich profitieren würden. Hier der mühelose Klick zur Kontaktaufnahme: fridaysforfuture-kn@riseup.net oder www.fridaysforfuture-konstanz.de.

Holger Reile