Tarifabschluss: Warnstreik bei Hügli zeigt Wirkung

Belegschaftsprotest beim Lebens­mittel­her­steller Hügli in Radolfzell: Für drei Stunden legten am Dienstag, 9. Juli, Beschäftigte der Frühschicht die Arbeit nieder. Sie folgten dem Aufruf der Gewerk­schaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) an die Belegschaft, vor der zweiten Tarif­ver­hand­lungs­runde Druck auf die Unter­nehmens­führung zu machen, die Forde­run­gen nach mehr Geld zuvor abgebügelt hatte. Nach einer eindrucksvollen Streikaktion konnte die Gewerkschaft noch am Nachmittag einen Abschluss vermelden.

Die ersten Verhandlungen über die Neufassung des nach zwei Jahren ausgelaufenen Tarifvertrags für die knapp 700 Radolfzeller Hügli-Beschäftigten waren am 27. Mai ergebnislos zu Ende gegangen, weil die Firmenleitung noch nicht einmal ein Angebot vorgelegt hatte. Die Gewerkschaft ging mit der Forderung nach 6,3 Prozent mehr Lohn an den Verhandlungstisch, zudem wollte sie 100 Euro zusätzlich für Auszubildende, denen außerdem per Tarifvertrag die Übernahme zugesichert werden sollte.

Das Aufeinandertreffen war von Gewerkschaftsseite mit Spannung erwartet worden, weil die Radolfzeller Traditionsfirma erst im Jahr zuvor den Besitzer gewechselt hatte. Die Mehrheitsaktionärin der börsennotierten Hügli-Gruppe, eine von Nachkommen der Gründerfamilie gebildete Holding, verkaufte im Januar 2018 ihr Aktienpaket (50,2 Prozent Kapital-, 63 Prozent Stimmanteil) an den Bell-Food-Konzern. Das ebenfalls an der Börse gelistete Basler Unternehmen ist wie Hügli im Lebensmittelbusiness tätig, dreht aber europaweit mit etwa 12.000 Beschäftigten und einem jährlichen Umsatz von mehr als 3 Milliarden Schweizer Franken ein wesentlich größeres Rad.

Die neuen Eigentumsverhältnisse schob die Geschäftsleitung prompt als Verweigerungs­grund vor. Angesichts der Ertragslage und der Erwartungshaltung des Bell-Konzerns sei man nicht in der Lage, der Gewerkschaft ein Angebot zu unterbreiten, gab die Hügli-Verhandlungsführung laut NGG beim Tariftreffen am 26.5. zu Protokoll. Für Claus-Peter Wolf, Geschäftsführer der NGG Region Baden-Württemberg Süd, ist das „nicht zu verstehen und für die Kolleginnen und Kollegen im Betrieb ein ganz schlechtes Signal“. Der Gewerkschafter verweist auf den aktuellen Jahresbericht des neuen Inhabers Bell Food, der bestätige, „dass Hügli auf einem guten Weg ist“. Dazu habe die gute Arbeit der Hüglianer im letzten Jahr beigetragen, wovon auch gut gefüllte Arbeitszeitkonten zeugen: „Die Produktion ist ohne Mehrarbeit nicht zu machen“, so der NGG-Gewerkschafter. Daher sei die Geschäftsleitung „in der dringenden Pflicht“, den Beschäftigten eine angemessene Lohnerhöhung zu zahlen.

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Das sahen die KollegInnen in der Produktionsstätte an der Güttinger Straße offenbar ebenso. Von fünf Uhr bis acht Uhr morgens legten rund 170 Beschäftigte die Produktion lahm, im Werk verblieb nur eine Notbesetzung. „Fast alle haben sich an dem Warnstreik beteiligt“, freut sich Claus-Peter Wolf über die „eindrucksvolle“ Protestaktion. Dieser Wink der Belegschaft mit dem Streikpfahl hat offenkundig Wirkung gezeigt.

Nach mehrstündigen, „intensiven Verhandlungen“, berichtet Verhandler Wolf, einigten sich Gewerkschaft und Hügli-Chefs auf einen Abschluss von 5 Prozent in zwei Stufen. Die Betriebsratsvorsitzende Sandra Straub konnte die Hüglianer anschließend vor dem Werkstor darüber informieren, dass die Löhne und Gehälter rückwirkend zum 1. Mai um 2,5 Prozent steigen, eine weiteres Plus in gleicher Höhe gibt es zum 1. Mai im kommenden Jahr. Über mehr Geld können sich zudem Auszubildende freuen, deren Vergütungen ebenfalls in zwei Etappen deutlich angehoben werden. Einziger Wermutstropfen: auf die von der NGG geforderte tarifvertragliche Übernahmegarantie nach Ausbildungsende wollte sich Hügli nicht einlassen. Für die NGG ist das ein Schönheitsfehler, wegen dem man die Übereinkunft jedoch nicht platzen lassen wollte. „Das regelt sich von selbst“, ist Wolf überzeugt, denn der Fachkräftemangel zwinge das Unternehmen „de facto“, jeden Berufsanfänger zu übernehmen.

Zufrieden mit dem Ausgang der Tarifauseinandersetzung ist nicht nur die Gewerkschaft, auch die ersten Rückmeldungen aus der Belegschaft seien durchweg positiv ausgefallen, weiß der NGG-Geschäftsführer zu berichten. Der Erfolg sei auch deshalb wichtig, weil die Gewerkschaft bei Hügli – im Gegensatz etwa zu Maggi – noch „in den Startlöchern“ stehe. Der Abschluss ist also auch ein Signal, dass sich gemeinsamer Kampf lohnt.

J. Geiger (Foto: NGG; Sandra Straub informiert die Belegschaft über den Tarifabschluss)

Hügli wurde 1935 von Beat Stoffel in Arbon gegründet. Mit dem Eigenprodukt „Brodox“ stieg die kleine Firma damals ins Geschäft mit industriell gefertigten Bouillonwürfeln ein. Heute produziert der Nahrungsmittelhersteller, mittlerweile mit Hauptsitz im sankt-gallischen Steinach, eine Vielzahl an Würzmitteln, Suppen, Saucen, Bouillons sowie weitere Fertiggerichte. Das von 1957 bis 2004 vom Gründerenkel Alexander Stoffel geführte Unternehmen hob 1959 im vorarlbergischen Hard eine erste Tochtergesellschaft aus der Taufe, 1964 eröffnete man das Werk in Radolfzell. Aus dem kleinen Suppenwürfel-Hersteller ist ein beachtlicher Player der Schweizer Nahrungsmittelbranche geworden, der europaweit neun Produktionsstandorte und fünf Vertriebsgesellschaften unterhält. Rund 1500 Beschäftigte erarbeiten für die als Aktiengesellschaft organisierte Firmengruppe jährlich inzwischen fast 400 Millionen Franken Umsatz. Was immer die Gründernachkommen zum Verkauf ihres Mehrheitsanteils bewogen haben mag, mangelnder Unternehmenserfolg kann es nicht gewesen sein. Laut dem Schweizer Wirtschaftsmagazin Bilanz gehört die Familie Stoffel dank Hügli zu den reichsten in der Ostschweiz, mit einem Vermögen von um die 150 Millionen Franken (Angaben von 2010). Und seit letztem Jahr dürfte noch das eine oder andere Milliönchen dazu gekommen sein.