Mit Bus und Bahn zur Impfung?

Ganz durchdacht scheint die anlaufende Impfkampagne nicht zu sein: Unser Landkreis hat zwei größere Städte, die weit auseinander­liegen, jede mit ihrem eigenen Einzugsbereich. Die Abstrichzentren in Konstanz und Singen zeigen, wie man die Epidemiemaßnahmen zu den Menschen bringen kann. In beiden Städten arbeiten Kassenärztinnen[1] und Klinikum unbürokratisch zusammen und stellen die wohnortnahe Versorgung sicher. Warum sollten solche örtlichen Kooperationen nicht auch für die Impfung genutzt werden? Fragt unser Autor, der in Konstanz als Mediziner tätig ist.

Am Raummangel liegt es jedenfalls nicht, dass in Konstanz nicht geimpft werden soll: Konstanz hat mit dem Bodensee-Forum ein geeignetes Gebäude und könnte auch genügend Fachkräfte und Helferinnen mobilisieren. Es wäre sinnvoll und möglich, zwei Impfzentren im Kreis Konstanz vorzusehen, so wie in Stuttgart oder Heilbronn.

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Auf den ersten Blick sind die insgesamt ca. 60 Impfzentren relativ gleichmäßig über Baden-Württemberg verteilt.[2] Konstanz ist allerdings die einzige Stadt mit über 70.000 Einwohnern, wo keines eingerichtet werden soll. Angesichts der schlechten Verkehrsanbindung unserer Stadt wird das zum Problem für diejenigen Bürgerinnen, die kein Auto besitzen. Denn jede muss individuell anreisen, Sonderzüge oder Busse voller Impflinge wären im Hinblick auf das Abstandsgebot kontraproduktiv.

Es ist wichtig, Massenimpfungen niederschwellig anzubieten, sie nahe zu den Menschen zu bringen (eine Erfahrung aus früheren Kampagnen). Und das gilt besonders für ärmere Bevölkerungsschichten, die epidemiologisch wichtig sind, weil deren Wohn- und Arbeitsumstände die Ansteckung erleichtern. Unabsichtliche „Priorisierung“ nach Wohnort oder Einkommen wäre nicht nur unsozial, sie würde auch Impflücken erzeugen und den Erfolg der Kampagne gefährden.

Drei Impfstoffe stehen vor der EU-Zulassung, sie stammen von Pfizer, AstraZeneca und Moderna. Zumindest im Falle von Pfizer ist es reine Formsache, denn dieses Produkt wird in Großbritannien, Kanada und den USA schon ausgerollt. Aber egal, ob wir einen Impfstoff haben oder drei: Nicht nur die Substanzen, auch Glasampullen, Nadeln und Zubehör müssen erst produziert werden, jede der Herstellerfirmen ist vielfach überbucht, alles wird noch monatelang knapp bleiben.

Deshalb das Zentrenkonzept. In jedem Zentrum sollen 750 Impfungen pro Tag durchgeführt werden, von 7 bis 21 Uhr, 7 Tage die Woche. Grob geschätzt kann Baden-Württemberg so in drei Monaten ungefähr zwei Millionen Menschen versorgen, etwas weniger als ein Fünftel der Bevölkerung. Man sieht, es geht noch nicht um Herdenimmunität – vorläufig können wir nur durch gezielten Mitteleinsatz die Sterblichkeit mindern und die Ausbreitung hemmen. Zunächst werden die Hochrisikogruppen (chronisch Kranke, Pflegeheimbewohnerinnen) geimpft, dann Gesundheits- und Pflegepersonal, dann Polizistinnen und Feuerwehrleute, Mitarbeiterinnen anderer wichtiger Behörden, Lehrerinnen und Erzieherinnen, zuletzt die Allgemeinbevölkerung.[3] Auch das ist eine Erfahrung früherer Kampagnen: Die Ausrottung der Pocken in Indien in den 70er Jahren gelang erst, als die Regierung davon überzeugt werden konnte, vom Ziel der Herdenimmunität abzulassen.

Umso wichtiger ist es, die geplanten Impfungen ohne Lücken auszubringen. Die Heime werden von den Mitarbeiterinnen der Impfzentren aufgesucht. Doch alle anderen Impfwilligen müssen in die Zentren kommen. Und das sollte erleichtert werden, so gut es geht. Wir hoffen auf die Mitwirkung aller, aber können auch alle mitwirken? Es ist jedenfalls einfacher, einen Lkw mit Ampullen durch die Baustellen vor Konstanz zu schicken, als zehntausende Personen. Die Planung der Stuttgarter Landesregierung stammt vom Reißbrett und folgt nicht unserer örtlichen Situation.

Noch ist Zeit genug, sie zu korrigieren.

Peter Köhler (Bild: FGL)


Anmerkungen

[1] Die maskuline Form ist mitgemeint.
[2] Hier die Karte der geplanten Impfzentren.
[3] Das Positionspapier von Impfkommission, Ethikrat, und Leopoldina zur Priorisierung finden Sie hier.