Kaufland Konstanz: Streikbruchprämien, Handgemenge, Strafandrohung

Die Sache war eigentlich ganz einfach gedacht. Im Laufe der aktuellen Tarifverhandlungen im Einzelhandel besuchten Streikende aus Radolfzell, Singen und Freiburg die Kaufland-Filiale im Seerhein-Center. Dort wollten sie mit den Beschäftigten reden, die sich immer wieder als StreikbrecherInnen in anderen Filialen einsetzen lassen. Doch dann griff die Filialleitung ein.

Zu einer gemeinsamen Streikaktion im Rahmen der laufenden Tarifrunde im baden-württembergischen Einzelhandel kamen am vergangenen Freitag rund vierzig VerkäuferInnen am Konstanzer Gewerkschaftshaus zusammen. Streikende KollegInnen von Kaufland Radolfzell, der Konstanzer Kaufland-Filiale im Industriegebiet sowie von den H&M-Filialen Singen und Freiburg trafen sich zunächst im Garten der Verdi-Geschäftsstelle zu einer Streikversammlung, auf der der zuständige Verdi-Sekretär Markus Klemt über den Stand der Tarifverhandlungen berichtete.

Zum aktuellen Zeitpunkt waren nämlich in Nordrhein-Westfalen sowie in Hamburg bereits Tarifabschlüsse durchgesetzt worden. Dort erhalten die Beschäftigten in der Einzelhandels- und Versandbranche 3 Prozent mehr Lohn und Gehalt in den unteren Gehaltsgruppen und 1,8 Prozent ab 2020; die höheren Gehaltsgruppen bekommen pauschal 77,50 Euro mehr. Laufzeit: 24 Monate.

Einen ähnlichen Abschluss sollte bei der Stuttgarter Verhandlungsrunde am gestrigen Montag auch für die baden-württembergischen Einzelhndelsbeschäftigten durchgesetzt werden. Deswegen standen am Wochenende rund 800 VerkäuferInnen nochmals im Ausstand, um den Druck auf die Unternehmen zu erhöhen; diese hatten zuletzt gerade mal 1,7 Prozent für 2019 und 1,2 Prozent für 2020 geboten.

Am Freitag wären sogar mehr Aktive zusammengekommen – doch am Abend zuvor musste Verdi streikbereite KollegInnen der Konstanzer Zara-Filiale zurückpfeifen: Sie waren durch den Hamburger Tarifabschluss quasi über Nacht wieder an die Friedenspflicht gebunden, da der Zara-Konzern Mitglied des hanseatischen Arbeitgeberverbands ist.

Prämien für Streikbruch

Zur Mittagszeit formierten sich die in Konstanz zusammen gekommenen Streikenden zu einer gemeinsamen Aktion im Kaufland Seerheincenter. Nach Kenntnis der bei Verdi organisierten Betriebsräte und Vertrauensleute stellen sich zahlreiche Beschäftigte aus der Kaufland-Filiale am Zähringerplatz als StreikbrecherInnen zur Verfügung – und lassen sich in dieser Funktion in bestreikten Kaufland-Filialen einsetzen.

Laut Verdi werden sowohl bei Kaufland wie auch bei H&M jeweils vor Tarifrunden auffällig viele Aushilfen befristet für sechs Monate eingestellt. In wenigen Monaten werden sie dann so eingearbeitet, dass sie bei Streiks den Verkauf aufrecht erhalten können, während eingearbeitetes Personal an stark bestreikte Filialen ausgeliehen wird. Dem Vernehmen nach erhalten StreikbrecherInnen Prämien in Höhe von bis zu 100 Euro pro Einsatztag. Ein Kaufland-Beschäftigter hatte sich vor einigen Monaten in der Verdi-Geschäftsstelle sogar nach der Streikplanung in Konstanz erkundigt. Begründung: Während der Tarifauseinandersetzung 2017 habe er sich dank Streikbruchprämien einen zehntägigen Urlaub leisten können …

In gelben Streikwesten mit dem Aufdruck „Ohne uns kein Geschäft!“ und mit Trillerpfeifen marschierten am Freitagmittag zeitgleich 40 Streikende ins Seerheincenter und besuchten die arbeitenden Verkäuferinnen an den Kassen, Bedienungstheken oder bei der Warenverräumung. Sie übergaben einen Streikaufruf für das Kaufland im Seerheincenter sowie die extra von Verdi gedruckte Broschüre „8 Argumente gegen Streikbruch“ mit dem Kaufland-Logo. Einige Beschäftigte freuten sich über den Besuch, trauten sich jedoch nicht, sich der Aktion anzuschließen. Solidarisch zeigten sich etlichen KundInnen, die den Einkauf spontan beendeten; hierbei soll der ein oder andere gefüllte Einkaufswagen stehen geblieben sein …

Handgreiflichkeiten am Ausgang

Das überforderte offenbar die Filialleitung und den Warenhausdetektiv, und so kam es zum Eklat: Am Ausgang des Seerheincenters hielt der Wachmann, assistiert vom Hausleiter, einige junge Frauen fest und warf ihnen Diebstahl vor. Sie hätten das Eis nicht bezahlt, das sie beim Verlassen des Hauses noch in der Hand hielten. Als der alarmierte Verdi-Sekretär einschritt, kam es zu gegenseitigen Vorwürfen und handgreiflichen Auseinandersetzungen, da Klemt die festgehaltenen Kolleginnen aus dem Unterarmgriff des Detektivs befreien wollte. Dieser machte dabei eine bemerkenswerte Aussage: Er kenne zahlreiche Streikende aus der Nachbarfiliale in Radolfzell – und diese seien allesamt potenzielle Diebe. Außerdem drohte er dem Verdi-Sekretär mit einer Strafanzeige, wegen „Vereitelung der Verfolgung einer Straftat“.

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Auf der abschließenden Versammlung wurde die Aktion nochmals diskutiert und bewertet. Dabei wiesen die jungen Kolleginnen Kassenbons vor, die den Kauf ihres Speiseeises belegen. Wenn also etwas ungerechtfertigt war, dann das übergriffige Festhalten der jungen Frauen. Sollte die Kaufland-Filialleitung juristisch gegen sie vorgehen, behält sich Verdi im Gegenzug eine Anzeige wegen Verleumdung, kurzzeitiger Freiheitsberaubung und leichter Körperverletzung vor.

Zum Abschluss des Aktionstags reisten die auswärtigen Kolleginnen und Kollegen zurück nach Radolfzell, Singen und Freiburg, wo sie auch am Samstag sowie am Montag ihre Streiks fortsetzten.

Text: MM/pw (Fotos: pw)