Innenstadt: Wohin mit den Fahrrädern?

Die Situation für RadlerInnen in der bahnhofs­nahen Innenstadt (und nicht nur dort!) ist konfus: Bei gutem Wetter finden nur Günstlinge des Schicksals oder extrem dreiste Menschen im Bahnhofsumfeld einen Abstell­platz für ihr Fahrrad – irgendeinen, wohlgemerkt, ganz ohne Regen- und Diebstahlsschutz. Die Stadt will die Situation in diesem Bereich schrittweise verbessern, dürfte aber mit der großen und tendenziell steigenden Nachfrage in den nächsten Jahren kaum Schritt halten.

Es langt hinten nicht, und es langt vorne nicht: Die circa 1.000 abgestellten Fahrräder, die bereits im Herbst 2017 im weiteren Umfeld des Bahnhofs gezählt wurden – also im Bereich Fischmarkt, Konzilmole, Marktstätte, Bahnhofplatz, Dammgasse, Bahnhofstraße und vor dem Lago – sind beim besten Willen nicht an den rund 190 Fahrradanlehnbügeln („Panzersperren“) für 380 Fahrräder in diesem Bereich unterzubringen. Während die unerwünschten Autos sehr einfach durch eine Reduzierung der Parkplätze aus der Innenstadt fernzuhalten sind, stehen die schlankeren und mobileren Fahrräder dort überall in der Gegend herum. Da aber das Fahrrad das Verkehrsmittel der Zukunft ist, gilt es, die Zahl der Abstellplätze um den Bahnhof herum schleunigst spürbar zu vermehren, um noch mehr Menschen bei Fahrten in die Innenstadt auf ihre Drahtesel zu locken. Neben Einkäufer­In­nen und EisschlotzerInnen soll ja vor allem auch Berufs­pend­lerIn­nen das Fahrrad auf ihrer werktäglichen Fahrt zum Bahnhof schmackhaft gemacht werden. Als bahnhofsnah gilt dabei übrigens alles im Umkreis von rund 200 Metern vom Bahnsteig­zugang, worüber Berufspendler, die stets auf den allerletzten Drücker kommen und sich auf den letzten Metern noch die Zahnpasta aus dem Gesicht wischen, vermutlich nur ermattet lächeln können.

Viel mehr „Panzersperren“

Neben dem in ferner Zukunft angedachten Fahrradparkhaus neben dem Bahnhof (seemoz berichtete hier) gibt es auch einige kurz- und mittelfristige Maßnahmen, die der Radverkehrsbeauftragte Gregor Gaffga erarbeitet hat und die in den nächsten Jahren stufenweise umgesetzt werden sollen.

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Während sich die Verkehrspolitik in der Vergangenheit fast ausschließlich an den Bedürfnissen der Autofahrenden orientierte, zieht sie jetzt gelegentlich auch die Anliegen der RadfahrerInnen in Betracht. Gerade PendlerInnen, deren Gefährt werktäglich viele Stunden lang in Bahnhofsnähe im Freien steht, benötigen wetterfeste Abstellmöglichkeiten, und wer ein vergleichsweise teures E-Bike reitet, möchte sein Prachtstück natürlich auch beim Einkaufen oder während der Arbeit diebstahlsgesichert abstellen. Die Ansprüche dieser Gruppe sind höhere als jene „normaler“ BenutzerInnen, die ihr Fahrrad beim Einkaufen nur mal schnell für ein paar Minuten abzustellen brauchen. „An Bahnhöfen sollten wettergeschützte, überdachte Fahrradabstellplätze Standard sein, zum Teil mit Zugangssicherung (Boxen, Radstation, o. Ä.). Ziel ist es, dass das Rad trocken und sicher geparkt werden kann, damit die Kombination aus Rad und Bahn erst wirklich attraktiv und die umweltfreundlichen Verkehrsmittel insgesamt gestärkt werden“, so die Zielvorstellung, von der auch das Konstanzer Bahnhofsumfeld noch um Lichtjahre entfernt ist.

Wie wichtig ein pendlerInnenfreundliches Umfeld ist, belegen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes: „18,4 Millionen Pendlerinnen und Pendler nutzten 2017 zumindest für einen Teil des Arbeitsweges das Auto. Das entsprach einem Anteil von 88 %. Übers ganze Jahr betrachtet, legten die Autopendlerinnen und -pendler im Schnitt eine Strecke von 3 434 Kilometern zurück, das ergab eine Gesamtstrecke von rund 63 Milliarden Kilometern.“

88 Prozent pendeln mit dem Auto

Die Bedarfsermittlung ist relativ übersichtlich: Für das Kurzzeit-Fahrradparken bis zu 2 Stunden sind die klassischen Bügel gedacht, Parkzeiten bis zu 24 Stunden machen eine Überdachung attraktiv, und für Gewohnheits- und LangzeitparkerInnen sind etwa verschließbare Boxen und Sammelgaragen gedacht. Für manche der gehobenen Angebote sollen die NutzerInnen dann wohl auch zur Kasse gebeten werden, etwa durch Mietzahlungen für ihre Boxen.

Die Stadt kalkuliert angesichts der steigenden Radelfreude mit einem aktuellen Bedarf von 1.000 Stellplätzen im Bahnhofsbereich und erwartet einen Bedarf von 1.400 im Jahre 2030. Um der ersten Not zu wehren, soll es schnell weitere Bügel geben: An der Dammgasse entstehen bis 2022 so rund 140 Stellplätze (dafür entfallen einige wenige Anwohnerparkplätze), in der Bahnhofstraße sind es ca. 40 und im Hafen am Katamaran-Anleger 128. Außerdem verhandelt die Stadtverwaltung mit den Betreibern des Parkhauses in der Dammgasse über die Einrichtung von Radstellplätzen, es steht aber zu vermuten, dass deren Preisvorstellungen eher astronomisch sind. Hier rächt sich, dass die Autoparkhäuser nicht von der Stadt in Eigenregie betrieben werden.

Hinter Schloss und Riegel

Eine Neuerung für die Konstanzer Innenstadt sollen 20 verschließbare und wetterfeste Boxen am Susosteig in Höhe der Philharmonie werden. Sie sehen etwa aus wie Schließfachanlagen an Bahnhöfen und sind doppelstöckig angeordnet. Beim Parken im oberen Stockwerk hilft eine ausziehbare Schiene, in die das Fahrrad gestellt wird, ehe diese Schiene mit Unterstützung einer Gasdruckfeder in die luftige Höhe gestemmt wird – es bedarf also keiner übermenschlichen Kräfte, um das System zu bedienen. Solche Boxen lassen sich an vielen Stellen rund um die Altstadt aufstellen, gerade auch auf der Laube, die wohl auch überdachte und gegebenenfalls beleuchtete Stellplätze gebrauchen könnte.

Mittelfristig soll es auch weitere Anlehnbügel auf dem Bahnhofsplatz geben, die teils demontierbar sind, so dass sie später einmal, nach Errichtung des Fahrradparkhauses, wieder abgebaut werden könnten, falls dann kein Bedarf mehr bestehen sollte. Ebenso wird auch eine überdachte Abstellanlage für 50 Velos im nördlichen Bahnhofsbereich auf dem bahneigenen Rasenstück bei den BSB-Schaltern geplant, nicht zuletzt als Teilersatz für die 80 wegfallenden überdachten Stellplätze auf Gleis 1 des Konstanzer Chaotenbahnhofs; daraus könnte bereits 2023 oder 2024 etwas werden. Zusammen mit den Stellplätzen am Katamaran dürfte das die Zahl jener RadlerInnen, die mit Karacho und ohne jedwede Rücksicht auf fremde Verluste durch die Unterführung zwischen Marktstätte und Hafen brettern, ganz erheblich erhöhen. Die Unterführung lässt sich kaum gegen Räder abschotten, und nur wenige RadfahrerInnen dürften bereit sein, einen eventuellen Umweg über die oft geschlossenen Bahnschranken am Konzil in Kauf zu nehmen.

Und noch eine weitere Nutzergruppe will natürlich bedacht werden: Die – zumeist touristischen – FahrradmieterInnen, die mit dem Zug anreisen und sich dann direkt am Bahnhof ein Fahrrad für ihren Tagesausflug nehmen oder ihre Kinderschar oder anderes Gepäck ins Lastenfahrrad wuppen.

Es bleibt knapp

Es gibt also auch im Bahnhofsbereich (der ja eines Tages verkehrsberuhigt werden soll) eine starke Konkurrenz mit Fußgängern, Bussen und dem motorisierten Individualverkehr, die klare Entscheidungen wie etwa die Umwidmung von Auto- in Fahrradparkplätze verlangt. Der geringe Flächenbedarf und die geringen Kosten sprechen dabei deutlich für das Fahrrad: Pro Stellplatz werden je nach System nur 0,5–1,5 Quadratmeter benötigt, und die Kosten liegen bei Bügeln bei 200 Euro und bei Überdachungen bei 1.000 Euro. Fahrräder bieten also gegenüber Autos – abgesehen vom ökologischen Nutzen – auch ganz erhebliche Kostenvorteile.

Natürlich aber steht und fällt das Parkkonzept mit dem Fahrradparkhaus, denn dort sollen etwa 600 Stellplätze der prognostizierten 1.400 entstehen (wenn’s man langt, wo doch die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass selbst die simpelsten Bügel eine geradezu magische Anziehungskraft auf Fahrräder ausüben). Solange dieses Parkhaus-Wunderwerk (andernorts längst Alltag) nicht endlich fertig ist – ob es überhaupt errichtet wird, ist noch unsicher, sicher ist nur, dass das noch ein knappes Jahrzehnt dauern dürfte, – wird weiterhin massiver Stellplatzmangel im Bahnhofsbereich herrschen. Wild um Laternenpfähle und Verkehrsschilder gedrängte Räder oder ein gelegentlich ausuferndes Chaos wie an der unteren Marktstätte werden also auch in den nächsten Jahren das Stadtbild mitprägen.

O. Pugliese (Bild: Stadt Konstanz, 2018; es zeigt Umberto Petriciuolo von den TBK bei der Arbeit an einem Fahrradbügel)