Ganz dicke Luft beim Südkurier

Die Entscheidung der Tageszeitung vor Ort, mit ihren Ausgaben in Konstanz und Radolfzell auch eine AfD-Wahlzeitung unters Volk zu bringen, hat quer durch alle Lager für heftige Kritik gesorgt. Es rappelt im Karton und viele langjährige SK-LeserInnen haben ihr Abo gekündigt. Damit hat die Verlagsleitung offensichtlich nicht gerechnet, fühlt sich nun aber genötigt, ihren LeserInnen eine Erklärung anzubieten, die sich allerdings wenig überzeugend liest. Hier der Text im Wortlaut.


In eigener Sache

Liebe Leserin, lieber Leser,

am vergangenen Mittwoch erschien in den SÜDKURIER-Lokalausgaben in Konstanz und Radolfzell eine Wahlwerbung der AfD. Die Veröffentlichung hat in der Leserschaft zu zahlreichen Reaktionen geführt. Manche waren polemisierend, manche waren konstruktiv und kritisch. Aber fast alle Zuschriften enthielten die Frage: Warum transportiert der SÜDKURIER Wahlwerbung der AfD?

Unabhängigkeit und Überparteilichkeit sind das höchste Gut unserer Zeitung. Beides konsequent anzustreben und zu bewahren, ist unsere Aufgabe (im Original steht hier: aufzugeben; von uns geändert). Das kommt für uns nicht in Frage.

Ebenso gilt für uns das Prinzip, dass wir nicht für den Inhalt von Wahlwerbung verantwortlich zeichnen. Deshalb ist eine klare Absenderkennzeichnung und eine erkennbare Trennung von Anzeigen und redaktionellem Teil Pflicht. Wir achten streng darauf, dass Rechte Dritter nicht verletzt werden. Ist dies der Fall, lehnen wir Wahlwerbung ab. Wahlwerbung spiegelt in keiner Weise die Haltung unseres Verlages wieder.

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Wir wissen nur allzu gut, dass nicht alles, was rechtens ist, moralisch auch zu vertreten ist. Das wollen wir auch gar nicht. Überparteilichkeit ist schwer auszuhalten. Demokratische Grundwerte zu vertreten ist bisweilen anstrengend. Eine Demokratie hat viele Stimmen und Meinungen. Einige davon bergen Gefahren und verletzen.

Jedoch: Was in unserer politischen Landschaft legitimiert ist und was nicht, darüber wachen unsere Staatsorgane. An ihr Urteil fühlen wir uns im rechtsstaatlichen Sinn gebunden. Daher mutet es absurd an, uns Propaganda anzudichten. Bei denjenigen, die das so sehen, möchten wir zu bedenken geben, dass die Urheber von Werbebotschaften nicht mit den
Überbringern verwechselt werden sollten.

Bleibt die Frage: Hat die kürzlich veröffentlichte Beilage der AfD die Grenzen unserer Grundsätze überschritten? Die kritisierte Beilage war zeitungsähnlich gestaltet und konnte trotz deutlicher Kennzeichnung als Wahlwerbung für einen Teil des SÜDKURIER gehalten werden. Darüber darf und muss diskutiert werden. Das haben wir verlagsintern ausführlich getan und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir unseren Umgang mit Wahlwerbung neu bewerten werden.

Aus unserem Selbstverständnis heraus werden wir die Position der Überparteilichkeit nicht aufgeben. Was wir überdenken werden, ist die in unseren Medien angemessene Form von Wahlwerbung. Wir haben bereits entschieden, dass wir zukünftig jegliche Form presseähnlicher Parteiwerbung wie Zeitungsbeilagen und PR-Anzeigen nicht mehr zulassen. Das wirksamste Mittel der Unterscheidbarkeit von Redaktion und Werbung ist, dass das Trennungsgebot ohne jeglichen Zweifel bleibt.

Michel Bieler-Loop und Peter Selzer
Geschäftsführung SÜDKURIER Medienhaus

*Rückmeldungen nehmen wir gerne unter mail@suedkurier.de


„Wir schämen uns in Grund Boden“

(hr) So die Aussagen mehrerer fester und freier SK-RedakteurInnen, die allerdings nicht namentlich genannt werden möchten. Aus gutem Grund, denn Kritik am Vorgehen der Verlagsleitung könnte schnell dazu führen, dass die KollegInnen um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass die „unabhängige“ Tageszeitung kritische MitarbeiterInnen wie im Fall Michael Lünstroth kaltstellt oder gleich ganz entsorgt.

Die Erklärung der Geschäftsführung ist grottenpeinlich. Sie hätte durchaus die Chance gehabt, sich bei ihren LeserInnen für diesen Fehlgriff zu entschuldigen. Die Badische Zeitung hat das vorgemacht. Auch dort wurde eine AfD-Werbung beigelegt, was einen Stum der Entrüstung nach sich zog. Schnell bat man um Vergebung beim Leservolk und gestand einen Fehler ein, der sich nicht wiederholen werde. Derlei Einsicht ist von den Südkurier-Herren nicht zu erwarten. Hier glaubt man, das könne man aussitzen. Doch danach sieht es nicht aus, und das ist auch gut so.

Die immer lauter erhobene Forderung, der Südkurier möge die satten Einnahmen – Druck- und Beilagenerlös für die Lokalausgaben Konstanz und Radolfzell – einem sozialen Zweck zuführen, ist eine gute Idee. Ob die Verantwortlichen des Verlags allerdings diesem Wunsch nachgeben, ist eher unwahrscheinlich. Zudem stellt sich die Frage: Wer bezahlt im Endeffekt die hohen Kosten für Druck und Beilage und um welche Summe handelt es sich? Der eher klamme AfD-Kreisverband wird dazu nicht in der Lage sein. Und dass der AfD-Landesverband mit hohem finanziellem Aufwand einen ihrer Kandidaten unterstützt, der kaum Chancen hat, in den Landtag einzuziehen, ist kaum anzunehmen. Woher kommt also die Kohle für eine PR-Aktion, die im höheren fünfstelligen Bereich liegen wird? Die SK-Geschäftsführung, so ist ihrer Erklärung zu entnehmen, nimmt „Rückmeldungen gerne“ an. Dieser Bitte sollten möglichst viele LeserInnen und AbonnentInnen nachkommen.

(Bild: H. Reile)

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