Flexibilisierung: Die Grenzen verschwimmen

Nicht nur GewerkschafterInnen sollte das Thema interessieren, über das der Konstanzer Ortsverein der Gewerkschaft ver.di am kommenden Mittwoch bei einer Mitglieder­ver­sammlung diskutieren will. Es geht um die Arbeitszeitfrage, die sich heute im betrieb­li­chen Alltag ganz anders stellt, als noch vor einigen Jahrzehnten. Flexibilisierung heißt ein Zauberwort, mit dessen Auswirkungen sich gerade Beschäftigte im Dienstleistungs­sek­tor oft herumschlagen müssen.

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Die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeitszeit „beginnen immer mehr zu verschwimmen“, resümieren Edith Eberhardt und Rolf Schützinger, die Ortsvereinsvorsitzende und der Gewerkschaftssekretär der ver.di-Geschäftsstelle, in der Einladung die Situation vieler Beschäftigter. Die Frage, wie lange der Chef die Arbeitskraft seiner ArbeiterInnen und Angestellten benutzen darf, steht in der Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit schon immer im Zentrum. Doch sehen sich Gewerkschaften heute dabei häufig ganz anderen Herausforderungen gegenüber, als etwa noch beim Kampf um die 35-Stunden-Woche in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts.

In der Arbeitswelt ist der Normalarbeitstag von sieben oder acht Stunden an fünf Tagen der Woche für viele längst Geschichte. Befeuert durch ökonomische ebenso wie technologische Entwicklungen, und flankiert von deregulierenden Gesetzesmaßnahmen, setzen immer mehr Unternehmen auf flexible Arbeitszeitmodelle, die in unterschiedlichsten Varianten daherkommen. „Vertrauensarbeitszeit“ ist ein in Unternehmerkreisen vielbemühtes Schlagwort, das den Beschäftigten verheißt, kommen und gehen zu können, wenn man will.

Was sich erst einmal nicht schlecht anhört – denn wer bräuchte nicht mehr Zeit für persönliche Angelegenheiten –, hat indes einen dicken Pferdefuß. Denn in den Chefetagen verbindet man mit dem Adjektiv flexibel etwas anderes als die von solchen Regelungen betroffenen Lohnabhängigen. Nach dem Willen der Unternehmen „sollen wir arbeiten, wenn viel Arbeit ist, und nach Hause gehen, wenn wenig Arbeit da ist“, beschreibt der ver.di-Ortsverein die betriebliche Realität. „Also, unser gesamtes Leben soll sich an den Rhythmus des Betriebs, der Verwaltung anpassen. Geht’s noch?“

Es geht, allerdings in die schlimmere Richtung. Denn ziemlich genau 100 Jahre nach der Einführung des 8-Stunden-Tags unternimmt nun die grün-schwarze Landesregierung in Stuttgart einen Anlauf, die Arbeitszeit weiter zu „flexibilisieren“: Sie will im Bundesrat einen Antrag einbringen, den 12-Stunden-Tag sowie die 54-Stunden-Woche legal zu machen.

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Was ist nötig, um sich mit Aussicht auf Erfolg gegen solche Zumutungen zu wehren? Welche neuen Wege müssen beschritten werden, um Arbeitsverhältnisse zu erreichen, die wirklich den Beschäftigten nützen; die Arbeitsdruck lindern, Stress abbauen, mehr Zeit für Familie, Verein, Sport und Kultur schaffen? Über diese wichtigen Themen wollen die ver.di-AktivistInnen am 26.6. im Treffpunkt Petershausen bei ihrer Mitgliederversammlung sprechen. Zu Gast sein wird dort auch die stellvertretende Landesvorsitzende Hanna Binder. Apropos Gäste: Sie sind herzlich willkommen – ein Angebot, von dem hoffentlich viele Gebrauch machen.

J. Geiger (Bild: ver.di-Aktivistinnen 2018 bei einem Warnstreik in Konstanz; Foto: P. Wuhrer)


Wann? Mittwoch, 26. Juni, 18.00 Uhr. Wo? Treffpunkt Petershausen, Konstanz, Georg-Elser-Platz 1.