„Es geht ums große Ganze“

So Oberbürgermeister Uli Burchardt bei einer gut besuchten Podiumsdiskussion zur OB-Wahl am Montag im Konzil. Sein Herausforderer Luigi Pantisano, der bei der ersten Wahl vor ihm gelegen hat, verkaufte sich erneut gut und beeindruckte auch WählerInnen, die bislang eher der Meinung waren, der Oberbürger­meister solle auch weiterhin Burchardt heißen. Komplettiert wurde die muntere Runde durch Außenseiter Andreas Matt, der an Burchardt kaum ein gutes Haar ließ.

Da Pantisano im ersten Wahlgang die Nase vorne hatte, ging die erste Frage auch an ihn. Südkurier-Chefredakteur Stefan Lutz, der zusammen mit seinem Kollegen Jörg-Peter Rau den Abend moderierte, griff zum wiederholten Mal in die Rote-Socken-Kiste, denn viele BürgerInnen wälzten sich angeblich schlaflos im Bett, getrieben von der quälenden Frage, ob man einen Linken wählen könne.Würde er, Pantisano, Oberbürgermeister werden, stünde er doch, käme es erneut zu einer Hausbesetzung, beispielsweise vor der epochalen Entscheidung: „Wem gelten dann ihre Sympathien? Dem Hausbesitzer oder den Hausbesetzern“. Pantisano ließ diesen muffigen Kampagnenwurm, den der Südkurier seit Wochen am Kochen hält, souverän abtropfen. Seine Aufgabe sei es dann, mit beiden Seiten zu reden und nach einer einvernehmlichen Lösung zu suchen.

Andreas Matt, der an diesen Abend einen passablen Eindruck machte, sprang ihm bei. Ihm ginge dieses Linken-Bashing, das vom Burchardt-Wahlkampfteam mitgetragen werde, gehörig auf den Zeiger, so Matt sinngemäß. Ob er sich damit nicht zum „Königsmacher für einen Linken“ mache, wollten die Moderatoren wissen. Allgemeines Gähnen. Oberbürgermeister Burchardt bezeichnete die entscheidende Wahl kommenden Sonntag als „Richtungswahl“ bei der es „um´s große Ganze geht“. Er hoffe, dass er auch weitere acht Jahre die Geschicke der größten Stadt am Bodensee lenken dürfe.

Anzeige

Thema Hafner. Auch dazu kurbelte der Südkurier am Wochenende in seiner Printausgabe die Debatte an und versuchte damit den Eindruck zu erwecken, Pantisano wolle dieses Wohnprojekt stoppen. Ruhig entgegnete Pantisano, das sei mitnichten der Fall, das habe er so nie gesagt, aber, und dazu stehe er weiterhin, „der Hafner soll klimaneutral bebaut werden“. Das hat er übrigens seit Monaten zigfach so geäußert. Natürlich bedeute jeder Neubau u.a. einen vermehrten Co2-Ausstoss, also müsse vorwiegend mit Holz gebaut werden. Außerdem gelte es, mit den vorhandenen Flächen sorgsam umzugehen, eine zunehmende Versiegelung der Landschaft sei der falsche Weg. Eine Wohnbebauung auf dem Döbele, einer völlig versiegelten Fläche, sei schneller umzusetzen, um günstigen Wohnraum zu schaffen.

Burchardt hingegen plädierte für ungezügelte Bautätigkeit auf breiter Front, um „die Leute unterzubringen“. Da nahmen ihn Pantisano und Matt zusammen in die Zange und verwiesen darauf, dass Burchardt nichts dagegen unternommen habe, das ehemalige Vincentius-Gelände und auch das Bückle-Areal privaten Investoren zu überlassen. Hier hätten relativ zeitnah bezahlbare Wohnungen entstehen können. Dort aber, so Pantisano, rissen sich nun überwiegend Gutverdiener und Millionäre aus München und Stuttgart die Immobilien als Wertanlage unter den Nagel und die KonstanzerInnen blieben außen vor. Das brachte Burchardt auf die Palme: „Großer Mist“ würde da seit geraumer Zeit abgesondert. „Nur Bauen hilft“, Konstanz sei eben eine beliebte „Schwarmstadt“, werde „immer eng und teuer bleiben“ und der Wunsch nach sinkenden Mieten „ist Fantasterei“.

Veto, entgegnete ihm der gut vorbereitete Pantisano und verwies beispielsweise auf die Stadt Freiburg, in der zukünftig niemand, der in städtischen Wohnungen lebt, mehr als 30 Prozent seines Einkommens für die Miete ausgeben solle. In diese Richtung müsse es auch in Konstanz gehen, denn es sei nicht hinnehmbar, dass beispielsweise die MieterInnen in der Schwaketenstraße vom Immobilienhai Vonovia aus ihren Wohnungen vertrieben würden, weil sie die erhöhten Mieten nicht mehr bezahlen könnten. Auch Modelle aus anderen Städten, die verhindern sollen, dass private Investoren und Immobilienspekulanten weiterhin glauben, die Stadt Konstanz sei eine Art Bankschließfach, brachte Pantisano in die Diskussion ein. Burchardt konnte kaum kontern und schien überrascht, dass sein ernsthaftester Widersacher fast durchgängig konkrete Vorschläge zu unterbreiten hatte, wie Konstanz` Zukunft, und da vor allem die ihrer BürgerInnen, aussehen könnte. „Uli ratlos“, zischte es aus einer hinteren Reihe. Beim Amtsinhaber scheint weiterhin sein neoliberales Credo ganz oben zu stehen, das in etwa lautet: Im Wesentlichen weiter so und alles wird gut. Reicht das, um die Stadt sozialer und auch ökologischer zu gestalten?

Anzeige

Auch die Ansiedlung von Zalando im Gebäude der Sparkasse wurde kurz angerissen. Damit schädige man den hiesigen Einzelhandel massiv, sagten Matt und Pantisano. Vielmehr sei von Vorrang, die inhabergeführten Läden zu stärken, um einer durchkapitalisierten Verödung der Innenstadt einen Riegel vorzuschieben. Burchardt aber ist weiterhin der Meinung, dass Konstanz genau der richtige Platz für Zalando sei und für die Stadt, ähnlich wie der Einkaufstempel Lago, zum „Leuchtturm“ werde.

Bei den bisherigen Debatten kam die Kultur meist nur am Rande zur Sprache. Doch Burchardt öffnete das Fass ein wenig, wohl eher zwangsläufig, um einem Teil seiner Wählerschaft Glücksgefühle anzubieten. Mit ihren Kulturausgaben bewege sich Konstanz zwar an der „oberen Grenze“, dennoch plane er weiterhin, auf dem Gelände neben den Bodenseeforum ein Konzerthaus zu bauen, denn das „hat die Philharmonie verdient“. Leises Stöhnen durchzog den Raum. Nochmal Millionen neben einer Investitionsruine versenken, für die mittlerweile rund 25 Millionen aus dem Fenster geworfen wurden? Pantisano erwiderte, Burchardt hätte sich in der Vergangenheit eher darum bemühen müssen, das Scala nicht vor die Hunde gehen zu lassen.

Zum Desaster Bodenseeforum verkniffen sich die Moderatoren kritische Nachfragen. Was verständlich ist, denn vor allem Rau hat während seiner Zeit als Südkurier-Lokalchef heftigst für das Eurograb am Seerhein geworben. Da kramte er gegen Schluß des Abends lieber nochmal eine rote Socke aus seiner Hosentasche und erklärte, ein ausgewiesener Linker wie Pantisano mache es den KonstanzerInnen wohl eher schwer, sich für ihn zu entscheiden. Das darf man getrost als billige Stimmungsmache verstehen. Werden die KonstanzerInnen kommenden Sonntag mehrheitlich darauf hereinfallen?

H. Reile (Text und Foto)