Der Konstanzer „Gammlermord“ 1970: Ursachen eines Staatsversagens

Seit kurzem erinnert am Blätzleplatz eine Gedenktafel an den Tod von Martin Katschker. Der 17-Jährige wurde im August 1970 Opfer eines Verbrechens, zu dem den Täter rechte Hetze angestachelt hatte. Unser Autor, zu der Zeit Schüler in Konstanz, beschäftigt sich in seinem Beitrag mit den Ursachen der Bluttat und geht der Frage nach, welche Rolle damals die Verwaltungsspitze und die Polizeiführung spielten.

In seinem wissenschaftlichen Gutachten vom 10.12.2020 zum Konstanzer „Gammlermord“ vom 29.08.1970 kommt der Historiker Prof. Dr. Klöckler zu dem Schluss, dass die Vorgänge, die im Sommer 1970 auf dem Blätzleplatz letztlich zum Tod von Martin Katschker geführt haben, auf ein Versagen der Konstanzer Stadtverwaltung und Polizei unter der damaligen Leitung von Oberbürgermeister Helmle und Polizeichef Stather zurückzuführen sei.

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Es stellt sich die Frage, wie das Staatsversagen, das Herr Prof. Dr. Klöckler als „schwarzen Schwan“, als seltenes Organisationsversagen mit schwerwiegenden Folgen bezeichnet, in der damaligen Situation zustande kommen konnte. Zur Beantwortung der Frage ist es hilfreich, einen ausführlicheren Blick auf die Vorgeschichte der Ereignisse zu werfen, als Herr Prof. Dr. Klöckler es in seinem Gutachten unternimmt.

Ich bin in Konstanz aufgewachsen und habe die Zeit um 1970 als Schüler und Student intensiv miterlebt. Inzwischen lebe ich in Berlin. Aus der heutigen, etwas distanzierteren Sicht stellt es sich für mich so dar, dass die Ereignisse der zugespitzten Situation des Jahres 1970 sich u.a. aus der Kollision von zwei sich widersprechenden Tendenzen erklären lassen, die sich durch die gesamte Konstanzer Geschichte ziehen: die Tendenz zum Konservatismus und zu einer spezifischen Konstanzer Liberalität. Hinzu kamen besondere persönliche Faktoren bei den beiden Verantwortungsträgern.

Gegründet als Vorposten zum Schutz des römischen Imperiums vor den barbarischen Germanen und über Jahrhunderte Sitz eines bedeutenden Bistums, war für Konstanz eine starke Tendenz zum Konservatismus von Anfang an kennzeichnend. Der Konservatismus lebt dort bis heute sowohl in seiner schwarzen als auch in seiner grünen Variante fort.

Daneben zieht sich bereits seit dem Mittelalter eine Konstanzer Liberalität durch die Geschichte. Die stolze freie Reichsstadt hatte weit reichende Handelsbeziehungen insbesondere in das fortschrittliche mittelalterliche Italien. Dadurch entstand eine größere Offenheit für die weite Welt. Speziell während des illustren kosmopolitischen Großereignisses des Konzils dürfte ein Geist des Aufbruchs, der Offenheit und der Veränderung durch die Gassen von Konstanz gezogen sein.

Reformiert und aufmüpfig gegenüber dem Kaiser, anschließend von diesem unterworfen, wurden die Konstanzer zwangsweise rekatholifiziert. Für die katholische Kirche blieben sie   für lange Zeit unsichere Kantonisten. Genervt von den aufsässigen Konstanzern verlegte der Bischof seinen Sitz nach Meersburg.

Auch bezüglich ihrer staatlichen Zugehörigkeit blieben die Konstanzer unsichere Kantonisten: die nahe republikanische Schweiz stellte über einen langen Zeitraum hinweg für viele eine Versuchung dar, zu ihr überzulaufen. Aus der Schweiz traf später Hecker ein, der in Konstanz die erste deutsche Republik ausrief und von dort aus mit seinen Anhängern gegen die Preußen zog.

Imperia ist seit geraumer Zeit das freche Konstanzer Wahrzeichen, und im Jahr 2020 hätte Konstanz fast einen Migranten aus Süditalien als ersten Linken in Deutschland zum Oberbürgermeister gewählt.

In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Konstanzer Universität als Reformuniversität gegründet, deren zum erheblichen Teil linke Student/innen bald die Konstanzer Kneipen bevölkerten. Die linke Szene in Konstanz verbreiterte sich rasch und fand z.B. auch unter Schülern Anklang. Für mich war im Frühjahr 1970 die Teilnahme am Schülerstreik gegen die Einführung des Numerus clausus ein erstes politisches Erlebnis.

Auch in Konstanz machte sich damals der kulturelle Aufbruch der 60er und frühen 70er Jahre bemerkbar. Etwas vom Geist der Veränderung des Konstanzer Konzils zog durch die Stadt. Die 68er-Bewegung erscheint aus heutiger Sicht wie eine Vorahnung der tiefgreifenden technologischen, sozioökonomischen und kulturellen globalen Umbrüche, die wir heute real erleben. Die antiautoritären Verhaltensweisen der Jugendlichen des Jahres 1970 auf dem Konstanzer Blätzleplatz konnten vor diesem historischen Hintergrund auftreten.

Der Konstanzer Konservatismus blieb dabei immer weiter präsent und wirksam. Die Konstanzer Erwachsenen des Jahres 1970 waren zudem durch ihr Leben im Dritten Reich geprägt und zum Teil noch immer in die Nazi-Ideologie verstrickt. Diesen Aspekt illustriert der Historiker Klöckler ausführlich.

Hans Stather, der Polizeichef des Jahres 1970, hatte im Juni 1968 einen mit Knüppeln und Tränengas weit überzogenen Polizeieinsatz gegen demonstrierende Fachhochschulstudenten geleitet, der in der Folge zu weiteren Protesten und als „Konstanzer Studentenunruhen“ zu überregionaler Aufmerksamkeit geführt hatte.

Der damalige Oberbürgermeister Helmle hatte als Finanzbeamter während der NS-Diktatur aktiv an deren Verbrechen mitgewirkt. Bis zu seinem Lebensende blieb er bemüht, seine früheren Tätigkeiten zu verschleiern. Posthum wurde ihm 2012 die Konstanzer Ehrenbürgerwürde aberkannt.

Vor diesem historischen und persönlichen Hintergrund lässt sich die Frage beantworten, warum die Konstanzer Polizei und Stadtverwaltung nicht rechtzeitig eingeschritten sind, um die Verhaltensweisen von Jugendlichen auf dem Blätzleplatz und die darauffolgende Eskalation zu verhindern.

In der erhitzten Konstanzer Atmosphäre des Jahres 1970 kollidierten die Konstanzer Tendenzen zum Konservatismus und zur Liberalität in fataler Weise und sorgten für Chaos, Verwirrung und Unklarheit sowohl in der allgemeinen Öffentlichkeit als auch in den Köpfen der Obrigkeit. Öffentlichkeit und Obrigkeit waren daher in der Auseinandersetzung mit jugendlichen Verhaltensweisen dieser Zeit mental überfordert.

Exemplarisch zeigte sich das am Verhalten der Verwaltung bei der Genehmigung von Popveranstaltungen. Ausgerechnet das frisch renovierte Konzilsgebäude, die Herzkammer der Konstanzer Geschichte, wurde für das Popkonzert im Frühsommer 1970 freigegeben. Dies war vermutlich einerseits auf eine gewisse Naivität zurückzuführen, andererseits aber auch auf die spezifische Konstanzer Tendenz zur Liberalität.

Die dann aufgetretenen Beschädigungen im Konzilsgebäude führten zu großer Empörung und zur Auslagerung des darauffolgenden Open-Air-Festivals auf das damals wenig geeignete Gelände von Klein Venedig mit den damit verbundenen hygienischen Folgeproblemen und ihren Wirkungen in der Öffentlichkeit.

Zusätzlich wirkten sich auf die Ereignisse des Sommers 1970 die persönlichen Vorgeschichten der Vertreter der damaligen Konstanzer Obrigkeit fatal aus. Sowohl Oberbürgermeister Helmle als auch Polizeichef Stather waren sehr darauf bedacht, keine größere öffentliche Aufmerksamkeit und Kritik auf sich zu ziehen und unterließen es daher, am Blätzleplatz rechtzeitig einzugreifen.

Polizeichef Stather wollte nach seinem überzogenen Vorgehen gegen die Demonstration der Fachhochschulstudenten im Jahr 1968 vermutlich ein zweites Mal überregionales Aufsehen vermeiden. Auch Oberbürgermeister Helmle war aufgrund seiner früheren Verstrickung in die NS-Diktatur daran interessiert, überregionale Aufmerksamkeit für Konstanzer Verwaltungshandeln zu vermeiden, da dies eventuell genauere Nachforschungen zu seiner Person auslösen konnte.

Aus dieser Gemengelage von Konservatismus und Liberalität in der Konstanzer Öffentlichkeit des Jahres 1970, einer mentalen Überforderung angesichts neuer kultureller Erscheinungen und der Vorsicht leitender Personen vor dem Hintergrund ihrer eigenen Vergangenheit lässt sich das Staatsversagen bezüglich der Jugendlichen auf dem Blätzleplatz mit seinen tragischen Konsequenzen erklären.

Berthold Vanselow

Das Bild zeigt die Demo zum 1. Mai 1973. Unter anderem sind Plakate gegen Berufsverbote und für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum zu sehen. Als Jugendzentrum und zum Protest gegen eine geplante Schnellstraße über den Rhein wurde damals ein Haus im Paradies besetzt. (Quelle: privat)