Das Volk bläst der Obrigkeit gehörig den Marsch

Nicht das geringste Verständnis für die Verlegung der Buslinie 6 von der Mark­grafen- in die Reichenaustraße zeigten jene zumeist älteren PetershausenerInnen, die in der Bürgerfragestunde des Gemeinderats die Gelegenheit nutzten, der Verwaltung mal lautstark mitzuteilen, wo sie der Schuh drückt. Auch Fridays for Future forderte die Stadtoberen nachdrücklich zu sofortigem Handeln auf. Dabei sitzen doch gerade im Ratssaal die am konsequentesten prakti­zierenden KlimaaktivistInnen weit und breit.

Was den Londonern die Speakers‘ Corner im Hyde Park, ist den KonstanzerInnen ihre Bürgerfragestunde im Gemeinderat, auch wenn diese wieder einmal so begehrt war, dass der Oberbürgermeister gar nicht alle BürgerInnen zu Wort kommen ließ, sondern nach rund 60 Minuten das Mikrofon abstellte.

Die Stimme des Volkes

Als mitreißende Rednerin erwies sich Frau Vormittag, die der Verwaltung erbost und mit tränenerstickender Stimme nur eine Frage entgegenstieß: „Warum bestrafen Sie uns? Sagen Sie mir: Was haben wir getan, dass Sie uns so bestrafen? Sind wir Diebe? Haben wir jemanden umgebracht? Womit haben wir diese Strafe verdient?“ Erstaunlich viele betagte PetershausenerInnen hatten den Weg in den Ratssaal gefunden, viele davon offenkundig erstmals in ihrem langen Leben. Sie machten ihrem Unwillen über die Verlegung der Buslinie 6 vernehmlich Luft und spendeten Frau Vormittag lebhaften Beifall.

Frau Vormittag ist nach eigenen Angaben schwerbehindert und kann sich nur mit Mühe dahinschleppen, darum ist sie auf den Bus angewiesen, den sie jetzt kaum noch erreicht. Mit der Versicherung des Oberbürgermeisters allerdings, die Verlegung der Buslinie sei nicht als Strafe für sie und ihresgleichen gedacht, gab sie sich nicht zufrieden und wollte wissen, weshalb man ihr den Bus wegnehme, nicht aber den FahrradfahrerInnen, deren Fehlverhalten ja der Grund für die Verlegung des Busses gewesen sei, ihre Fahrräder. Uli Burchardt und Bürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn versicherten den Aufgebrachten, dass die Busfahrer in kurzer Zeit allein 200 gefährliche Situationen dokumentiert hätten und dass es im Gefolge der Einrichtung der Fahrradstraße bereits zu einem schweren Unfall gekommen sei.

Das Herz am rechten Fleck

Der Baubürgermeister berichtete zudem, man prüfe derzeit, ob es nicht eine Möglichkeit gebe, die Busse in Zukunft doch wieder durch die Markgrafenstraße fahren zu lassen. Mit dieser lauwarmen Versicherung beruhigte er Frau Vormittag aber nicht, die ihn kühl abblitzen ließ, das hätte man ja wohl prüfen müssen, ehe man den Bus überhaupt verlegte. Und die Busfahrer, die angeblich all die Sicherheitsprobleme dokumentiert hätten, machten ihre Arbeit ohnehin nicht, sondern plauderten den ganzen Tag mit den Fahrgästen, da sei es kein Wunder, dass sie es nicht mal schafften, mit ihrem Bus sicher abzubiegen.

Allerdings bewies Frau Vormittag ein sichtlich großes Herz, denn sie versicherte, sie wünsche Langensteiner-Schönborn nicht, dass er jemals im Leben derart leiden und solche Schmerzen ausstehen müsse wie sie. Einige aus Frau Vormittags Begleitung machten allerdings den Eindruck, als sei es genau das, was sie der ganzen Verwaltungsbank an den Hals und andere Körperteile wünschten – plus die Skrofeln sowie alle sonstigen Gebresten, mit denen Gott den Hiob prüfte, gleich noch dazu.

Buslinie 10 Paradies-Friedhof ist auch futsch

Außerdem erinnerten BürgerInnen daran, dass man ihnen vor Jahren auch schon die Buslinie 10 weggenommen habe und dass man die Fahrradstraße, die so viel Ungemach verursache, ja auch einfach wieder zurückbauen könne, damit es wieder so wie früher werde. Außerdem könne man die Busse stadteinwärts ja einfach wieder durch die Markgrafenstraße leiten und die Busse stadtauswärts durch die Reichenaustraße führen, damit sich wenigstens kein gehbehinderter Mensch mehr über die Reichenaustraße wagen müsse.

Schicksalsgenossin Frau Bamberg aus der von-Emmich-Straße fühlte sich von dem in der Presse zu lesenden Rat, dann solle sie doch, statt den Bus zu nehmen, am Bahnhof Petershausen in den Zug steigen, verhöhnt. Der Bahnhof sei noch nicht fertig, außerdem weit weg und der Zug zudem ungeeignet, wenn man ins Theater oder an die Laube wolle. Das Taxi sei viel zu teuer, und schon der Bus schier unerschwinglich, weil es ja nur einen Einheits-, aber keinen Kurzstreckentarif gebe. Und außerdem habe man ja Lösungen vorgeschlagen, wie der Bus ab sofort wieder durch die Markgrafenstraße komme.

Der OB verkniff sich sicherheitshalber die Antwort, dass die Stadtwerke derzeit an einer App für einen Kurzstreckentarif für alle SmartphonebesitzerInnen arbeiten, denn dann hätte ihm vermutlich eine altersfleckige Hand sein neumodisches Handy dorthin gesteckt, wo selbst bei ihm niemals die Sonne hineinscheint. Er lobte stattdessen seine Stadtwerke und pries den anstehenden barrierefreien Ausbau der Bahnhöfe, wie man überhaupt viel über Barrierefreiheit diskutiere. Dass die Buspreise nicht zu hoch seien, setzte er dann aber doch noch wagemutig hinzu. Das zeige sich daran, dass die Busse trotz der derzeitigen Preise meist voll seien.

Klar, aus der Sicht eines Mannes der Wirtschaft, wie der OB es ist, muss man umgehend die Preise erhöhen und nicht senken, wenn eine Ware so gut nachgefragt wird wie die Konstanzer Busse. Das ist das Manufactum-Prinzip, nach dem ausgegeizte Wohlhabende die Sparsamkeit der Nichtbesitzenden gern zu einem Zeichen schlechten Geschmacks umdeuten.

Alle Ausweichmanöver werden aber dem OB nicht helfen. Die Petershausener AktivistInnen verteilten im Rat einen offenen Brief, in dem sie fordern, die Busfahrer sollten die Möglichkeit erhalten, die Ampel in der Fahrradstraße nach ihrem Bedarf zu steuern und notfalls Schranken wie auf dem Döbele zu installieren. „Sollten auch Sie uns nicht helfen können und wir bis zum 25.04.2019 keine schriftliche Zusage bekommen haben, sind wir gezwungen, uns mit dem ganzen Schriftverkehr an Berlin und an die Privaten Medien zu wenden, dann kann jeder lesen und sehen, wie man in Konstanz mit den Bedürfnissen der Schwächsten umgeht.“

Auch die Jugend macht mobil

Eine Fridays-for-Future-Aktivistin beklagte, dass der OB den Antrag, den Klimanotstand auszurufen, nicht schon jetzt behandeln lasse, sondern auf die Sitzung im Mai verschoben habe. Der OB antwortete ihr, der Grund dafür sei, dass das alles sehr kompliziert sei und die Verwaltung mit größter Sorgfalt eine wasserdichte Vorlage ausarbeiten wolle. Er wolle es nicht bei einer bloßen Deklaration belassen, sondern ganz konkrete Handlungsfelder vorschlagen und so die Forderungen von FFF noch vertiefen. Er versprach, dass die Vorlage der Verwaltung spannende Fragen aufwerfen werde. Außerdem lobte er sich dafür, dass etwa das neue Wohngebiet Hafner klimaneutral werden solle. Zusätzlich sei man am Thema Elektrobusse dran. Das Problem sei aber, dass das alles Zeit koste und nicht von heute auf morgen gehe, wie das die jungen Menschen in ihrem jugendlichen Übermut forderten.

Eine junge Frau wollte Zeitnot als Ausrede nicht gelten lassen, denn schließlich kündige sich die Klimakatastrophe bereits seit langem an. Statt mit diesem überlebenswichtigen Thema beschäftigte sich die Verwaltung aber offensichtlich lieber mit ihren teuren Spielzeugen wie beispielsweise dem Bofo und verweigere jedwede Selbstkritik.

Um das Klima machte sich auch eine andere Bürgerin Gedanken, die den Verlust von Grünflächen durch den Ausbau des Hafner beklagte, dort fiele Trockenrasen weg, und auch die Insekten würden dort kaum noch überleben können, weshalb man dort nicht bauen dürfe. Das war wie ein Stichwort für Karl Langensteiner-Schönborn, der auf sein schönes neues Grünflächenkonzept verwies, das beweise, dass die Verwaltung „beim Bauen die Freiflächen gleich mitdenkt“, was momentan (man hörte sie jüngst schon im TUA) seine neue Lieblingsformulierung ist. Außerdem werde es ja auf dem Siemens-Areal gleich 2 Hektar neuer Grünflächen geben, auch Bahnhofs- und Stefansplatz würden begrünt, und die Zeit der mittelalterlichen Stadt, die eine steinerne war, sei endgültig vorbei, die Stadt der Zukunft werde grün.

Der Rat is(s)t doch längst grün!

Nach derart viel Schelte muss ich jetzt aber doch noch eine Lanze für den Rat und die Verwaltung brechen, die durchaus große Opfer für die Umwelt auf sich nehmen. Auf dem Foto oben sehen Sie, was während der vielstündigen Gemeinderatssitzungen an Essen kredenzt wird: Belegte Vesperschnittchen nebst einer weißen rechteckigen Esspappe als Sättigungsbeilage. Sie sind in eine Klimaschutz-Folienverpackung eingeschweißt, die sich ums Verrecken nicht öffnen lässt, und damit vor jeglichem Verzehr geschützt.

Dahinter steckt eine alte grüne Erkenntnis: Wer etwas gar nicht erst zu sich nimmt, produziert hinterher auch keine Blähgase und schont somit durch seinen Verzicht das Klima – nicht nur das im Ratssaal.

O. Pugliese (Text & Foto)