„Ausflüge gegen das Vergessen“. Die Reaktionen (1)

KZ-Geschichtslehrpfad in Bisingen

Es kommt nicht alle Tage vor, dass eine seemoz-Serie auch als Buch erscheint. Deshalb haben wir ExpertInnen, die sich schon lange mit NS-Gedenkstätten und Erinnerungskultur beschäftigen, um ihre Meinung zu Sabine Bades Buch „Ausflüge gegen das Vergessen“ gebeten. Den Anfang macht der Lindauer Lokalhistoriker Karl Schweizer, der seit Jahrzehnten zur NS-Geschichte von Lindau recherchiert und Initiator der dortigen Gedenkstele für NS-ZangsarbeiterInnen war.

Nun hat Sabine Bade also erneut ein wichtiges Buch vorgelegt. Nach den „Partisanenpfaden im Piemont“ sowie als Mitautorin im von Florence Hervé herausgegebenen Band „Mit Mut und List“ über europäische Frauen im Widerstand erschien vor kurzem im ehemals Konstanzer UVK-Verlag ihr neues Buch „Ausflüge gegen das Vergessen“ über NS-Gedenkorte in der Region.

Aufbauend auf ihre viel beachtete Artikelreihe in seemoz informiert Bade in dem Buch anhand von 35 Gedenkorten über die jeweiligen Verbrechen des NS-Regimes vor Ort sowie über das späte Ringen um ein angemessenes Gedenken an die ehemaligen Verbrechen, deren Opfer sowie die Täterinnen und Täter.

Antifaschistische KämpferInnen

Doch nicht nur fundierte Informationen über die Geschichte von Regimeopfern finden sich auf den 196 Seiten des Buches. Auch der antifaschistische Widerstand in der Region zwischen den Vogesen und dem Montafon, zwischen Stuttgart und dem Bodensee fand einen gebührenden Platz in dem gut lesbaren und leicht verständlich geschriebenen Buch.

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So erfahren Leserinnen und Leser Interessantes unter anderem über den widerständigen, ehemals jüngsten württembergischen KPD-Landtagsabgeordneten Alfred Haag (1904–1982), über den „amtlichen“ Schweizer Retter hauptsächlich jüdischer Flüchtlinge Paul Grüninger (1891–1972) aus St. Gallen sowie über die Widerstandgruppe um die Stuttgarter Studentin und Jungkommunistin Lilo Herrmann (1909–1938).

Deren informelles Netzwerk reichte bis hinein in die Dornier-Metallwerke in Friedrichshafen. Auch die vielfältigen Widerstandsaktionen der Wiener Sozialdemokratin Hilde Meisel (1914–1945) werden kenntnisreich und gut verständlich geschildert, bis hin zu deren tragischem Tod nach einer erneuten erfolgreichen Anti-NS-Aktion in Vorarlberg unter ihrem Decknamen Eva Schneider. Bei Feldkirch-Tisis wollte sie am 17. April 1945 über Liechtenstein zurück in die rettende Schweiz. Kurz vor der Grenze wurde sie von Grenzwächtern angeschossen, woraufhin sie mangels ärztlicher Versorgung kurz darauf im Gefängnis an ihrer Schusswunde verstarb.

Radolfzell und Ravensburg

Sabine Bade erhellt auch die Geschichte des in Radolfzell seit 1937 stationierten III. Bataillons der SS-Standarte „Germania“. Dieses Bataillon war etwa an der Besetzung Österreichs und des sudetendeutschen Teils der Tschechoslowakei 1938 beteiligt, verübte im Rahmen der antisemitischen Pogrome im November 1938 die Sprengungen der jüdischen Synagogen in Konstanz, Gailingen, Wangen und Randegg und nahm am deutschen Überfall auf Polen 1939 teil. Viele Radolfzeller:innen haben das längst vergessen – oder nie gewusst. Dank Bades Veröffentlichung können sie und alle anderen die Fakten nun nachlesen.

Zu den vielen Stärken von Bades Buch gehört, dass die Autorin immer wieder zeitgenössische Quellen und Augenzeugenberichte mit aufnimmt. Und sie deckt gelegentlich auch auf, wer jeweils vor Ort die Täter und Täterinnen der „Herrenrasse“ verherrlichte. So zitiert sie beispielsweise den Heimatschriftsteller Ludwig Finckh, der in seinem Buch „Die kleine Stadt am Bodensee“ zu Radolfzell über diese SS-Standarte verzückt schrieb: „Kaum irgendwo im Deutschen Reich ist auf so schmalem Raum so viel Heldentum zusammengedrängt.“ Bade vergisst auch bei diesem Beispiel nicht, auf erschreckende Kontinuitäten bis in die Gegenwart hinzuweisen. Zitat aus dem Buch: „Übrigens: Nach Ludwig Finckh ist noch immer ein Wanderweg des Schwarzwaldvereins benannt.“

An anderer Stelle notiert die Autorin über das kleine „Zigeunerlager“ Ummenwinkel bei Ravensburg, dass die wenigen überlebenden Sinti und Roma, die nach 1945 aus den NS-Vernichtungslagern zurückgekehrt waren, dort erneut angesiedelt wurden und bis 1984 (!) auch in der Regel verblieben: „Der im November 1937 angelegte Brunnen mit Handpumpe war bis zuletzt ihre einzige Wasserstelle.“

Mord durch Arbeit

Illustriert durch eine Regionalkarte mit den 35 Gedenkorten, einem Ortsplan für Spaichingen sowie mit 125 Bildern bekommen die Leserinnen und Lesern auch einen reichhaltigen Überblick über die verschiedensten Formen künstlerischer Gestaltung an den Erinnerungsorten. Dies reicht ab 1945 von einfachen und oft wenig konkreten Gedenktafeln über das Motiv des Kreuzes bis hin zu anspruchsvollen Plastiken, Text- und Bildtafeln, modernen Gedenkräumen und sorgfältig restaurierten, authentischen Relikten der vorgestellten Orte des Grauens.

Die Gedenkstele für ZwangsarbeiterInnen in Lindau

Jedes Kapitel enthält auch aufschlussreiche Informationen darüber, wie die jeweilige Gedenkkultur vor Ort meist mühsam erkämpft werden musste. Bürgerschaftliches Engagement von politischen, kulturellen oder gesellschaftlich meist links beheimateten Menschen mussten oft über viele Jahre hinweg Durchhaltevermögen, geduldiges, aber auch mutiges Argumentieren und Informieren beweisen, bis überhaupt ein öffentliches Gedenken stattfand beziehungsweise dieses – dem Anlass angemessen – praktiziert wurde. Beispielhaft erwähnt seien hierfür die Bemühungen in Königsbronn und Hermaringen, dem Hitlerattentäter Georg Elser (1903–1945) ein würdiges und informierendes Andenken zu gestalten.

Bade beschreibt auch die mörderische Ausbeutung von Zwangs- und KZ-Arbeitern an den verschiedenen Standorten des SS-Unternehmens „Wüste“. Dieses hatte im letzten Dreivierteljahr der NS-Herrschaft in der hohenzollerischen Region rund um Schörzingen, Eckerwald und Balingen Ölschiefer für die Treibstoffgewinnung abgebaut. „Hier erfolgte Vernichtung durch Arbeit“ schreibt Bade. Mörderische Arbeit  mussten auch die Häftlinge des KZ Natzweiler-Struthof im Elsass leisten, dem einzigen NS-Konzentrationslager auf französischem Boden.

Umfassende Dokumentation

Überaus hilfreich sind die am Schluss mancher Kapitel angefügten Zusatzinformationen über „weitere Gedenkorte in der Nähe“, die etwa auf das Ulmer Deserteurs-Denkmal oder dem dortigen Erinnerungszeichen zu NS-Zwangssterilisationen und der „Euthanasie“ verweisen.

Sabine Bades Buch schließt für die weit gefasste Region eine bisher schmerzhafte Wissenslücke. Eine Zeittafel am Buchende listet zentrale Daten auf, ebenso wichtig sind die Quellenhinweise am Ende jedes Kapitels. QR-Codes lassen bei Bedarf schnell die geographische Lage der Gedenkorte erschließen, ein Ortsregister bietet gezielte räumliche Orientierung, eine umfangreiche Literaturliste sowie Weblinks zu Gedenkstätten ermöglichen ein vertieftes Studium der jeweiligen Ereignisse und ihrer Hintergründe.

Das außerordentlich wertvolle Buch bietet engagierten Lehrkräften, Privatpersonen, politischen und gewerkschaftlichen Bildungsveranstaltern fundierte Informationen und Anregungen für den Besuch der vielen Gedenkorte.

Text: Karl Schweizer

Im zweiten Teil der dreiteiligen seemoz-Serie über die Reaktionen der Fachwelt auf Bades Buch schreiben Marco Brenneisen (Vorsitzender des Verbunds der Gedenkstätten im ehemaligen KZ-Komplex Natzweiler), Hanno Loewy (Leiter des Jüdischen Museums Hohenems) und Oswald Burger (Gründer des Vereins Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen). Ihre Stellungnahmen erscheinen am Mittwoch. Weitere Statements folgen am Freitag.

Sabine Bade: „Ausflüge gegen das Vergessen – NS-Gedenkorte zwischen Ulm und Basel, Natzweiler und Montafon“. UVK-Verlag München und Tübingen 2021. 196 Seiten, 22 Euro. ISBN: 978-37398-3106-0 (Print); 978-37398-8106-5 (ePDF).

Alle hier gezeigten Fotos sind aus dem Buch. © Sabine Bade