Ausflüge gegen das Vergessen (26): Die Gedenkstätte für jüdische Flüchtlinge in Riehen

In der kleinen Schweizer Gemeinde Riehen im Dreiländereck bei Basel befindet sich seit dem Jahr 2011 die Gedenkstätte für jüdische Flüchtlinge. Ganz nah an der Grenze, an der während des NS-Regimes so viele Fluchtversuche dramatisch scheiterten, widmet sich die Gedenkstätte nicht nur jenen jüdischen Flüchtlingen, die das Glück hatten, in der Schweiz Aufnahme zu finden. Erinnert wird hier auch an alle, denen die Schweiz den rettenden Einlass verweigerte: der Opfer einer rigiden und rassistischen Flüchtlingspolitik.

Nicht Emigration oder Auswanderung – sondern Vertreibung

Zwischen 1933 und 1941 haben schätzungsweise zwischen 257.000 und 273.000 Jüdinnen und Juden Deutschland verlassen. Sie flohen wegen der terroristischen Begleiterscheinungen der Machtübergabe an das NS-Regime, der Nürnberger Rassegesetze vom September 1935 und der nachfolgenden Verordnungen, die sie zu Staatsangehörigen minderen Rechts machte, stetig weiter entrechteten und nahezu jeder Einkommensmöglichkeit beraubten. Sie flohen nach den Novemberpogromen 1938, der damit verbundenen Inhaftierung jüdischer Männer in Konzentrationslager und den Oktoberdeportationen von 1940 in das südfranzösische Internierungslager Gurs, nach denen Baden und Saarpfalz von ihren NS-Gauleitern stolz als „judenrein“ proklamiert wurden.

Die im ehemaligen Weichenwärterhaus untergebrachte Gedenkstätte

Zu den vielfältigen ökonomischen und behördlichen Schwierigkeiten und den beträchtlichen politischen Hindernissen, die einer Ausreise entgegenstanden, schreibt Wolfgang Benz: „Bis 1939 forcierte und bremste der NS-Staat gleichermaßen die Auswanderung der deutschen Juden. Die Verdrängung aus der Wirtschaft förderte den Emigrationswillen, aber die Ausplünderung durch Vermögenskonfiskation und ruinöse Abgaben hemmte die Auswanderungsmöglichkeiten. Kein Immigrationsland ist an verarmten Einwanderern interessiert, und eine Heimtücke des Regimes bestand darin, dass es den Antisemitismus zu exportieren hoffte, wenn die aus Deutschland vertriebenen Juden zum sozialen Problem in den Aufnahmeländern würden.“

Schweizer Abweisungspolitik: Gegen „Überfremdung“ und „Verjudung“

Etwa 30.000 jüdischen Frauen, Männern und Kindern, so schätzt man heute, soll  die Flucht in beziehungsweise über die Schweiz gelungen sein. Aber etwa ebenso viele Verfolgte sollen an der Schweizer Grenze abgewiesen worden sein, was für die meisten von ihnen Deportation und Tod bedeutete.

Da die Schweiz vielen als das klassische Asylland galt, in dem Flüchtlinge auf Schutz und Humanität hoffen durften, war sie ab 1933 das klassische Fluchtziel vieler Jüdinnen und Juden. Sie wurden jedoch bitter enttäuscht, denn den rassisch Verfolgten war bereits im April 1933 per Gesetz der Status als politische Flüchtlinge abgesprochen worden, womit sie nicht darauf hoffen konnten, in der Schweiz Asyl zu erhalten. Die Schweiz könne nur ein Transitland sein, lautete die Anordnung.

Die Schweizer Abweisungspolitik bringt der Schweizer Journalist und Historiker Stefan Keller in seinem Beitrag im von Benz et al. herausgegebenen Buch auf den Punkt: „Immer dann, wenn im Deutschen Reich oder in den besetzten Ländern neue antisemitische Maßnahmen ergriffen wurden, wenn die Verfolgung zunahm und sich Menschen davor zu retten versuchten, verschärfte die Schweiz ihre Asylbestimmungen.“

Informationstafeln im Außenbereich der Gedenkstätte zur Situation der Flüchtlinge …

Dazu gehörte nach dem „Anschluß“ im März 1938 die Visumspflicht für Flüchtlinge aus dem ehemaligen Österreich, verbunden mit dem ausdrücklichen Hinweis, grundsätzlich keine Visa für Jüdinnen und Juden auszustellen. Dazu gehörten auch die bilateralen Verhandlungen, an deren Ende sich im Herbst desselben Jahres das NS-Regime verpflichtete, Reisepässe mit dem „Juden-Stempel“ zu kennzeichnen, um der Schweiz eine gezielte Abweisung zu ermöglichen. Als Kampf gegen „Überfremdung“ und „Verjudung“ der Schweiz charakterisierte Heinrich Rothmund, Chef der Fremdenpolizei und einer der Hauptverantwortlichen für die Umsetzung der Flüchtlingspolitik des Bundesrates, diese Politik in einem Brief vom 27. Januar 1939 an den Schweizer Botschafter in Den Haag, Arthur de Pury.

So konstatierte dann auch die 1996 gebildete „Bergier-Kommission“, die die Geschichte der Schweiz vor, während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg umfassend aufzuarbeiten hatte: „Die Absicht, die Einwanderung von Juden mit allen Mitteln zu verhindern, bestimmte die Motive der schweizerischen Entscheidungsträger.“

Die Gedenkstätte

Nach Riehen, eine der beiden rechtsrheinisch gelegenen Landgemeinden des für eine vergleichsweise liberale Flüchtlingspolitik bekannten Kantons Basel-Stadt, kamen „fast täglich Flüchtlinge“. Wem es aber nicht gelang, weiter ins Landesinnere zu kommen und Kontakt zu einer der Hilfsorganisationen aufzunehmen, wurde direkt zurückgewiesen.

… und Frauen und Männer, die in ganz besonderem Maße Zivilcourage bewiesen

An diesem Ort dramatischer Flüchtlingsschicksale befindet sich seit dem Jahr 2011 die privat betriebene und täglich geöffnete Gedenkstätte. Sie ist im ehemaligen Riehener Weichenwärterhaus untergebracht, das wie der gesamte Schienenstrang der – hier auf Schweizer Territorium verlaufenden – badischen Wiesentalbahn früher der Deutschen Reichsbahn gehörte. Die Dauerausstellung bietet Hintergrundinformationen zur Flüchtlingspolitik der Schweiz, Berichte von Zeitzeugen und die Darstellung der besonderen Situation Riehens als Ort an der Grenze. Gedenken und Erinnern sollen, so der Initiator der Gedenkstätte Johannes Czwalina, an diesem Ort dazu beitragen, den vielen Menschen eine späte Würdigung zu verschaffen, die durch Zurückweisung zu Opfern wurden.

Neben der Dauerausstellung bietet die Gedenkstätte, im Jahr 2015 um einen modernen Anbau erweitert, Raum für Wechselausstellungen und Fachvorträge. Im Außenbereich erinnern Gedenktafeln an Schweizer Frauen und Männer, die in ganz besonderem Maße Zivilcourage zeigten. Zu ihnen gehören die Diplomaten Carl Lutz und Ernest Prodolliet, der Leiterin des Schweizerischen Arbeiterhilfswerk Regina Kaegi, das Ehepaar Recha und Isaak Sternbuch (die unter anderem großen Anteil an der Freilassung von 1200 jüdischen Häftlingen aus Theresienstadt hatten) und der St. Galler Polizeikommandant Paul Grüninger.

Sabine Bade (Text und Fotos)

 

Vertiefende Informationen:

Gedenkstätte Riehen
„Bergier-Kommission“, Band 17: Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus
Wolfgang Benz / Johannes Czwalina / Dan Shambicca (Hg.): „Nie geht es nur um Vergangenheit“ – Schicksale und Begegnungen im Dreiland 1933-1945, 2018
Lukrezia Seiler / Jean-Claude Wacker: „Fast täglich kamen Flüchtlinge“: Riehen und Bettingen – zwei Grenzdörfer 1933 – 1948, 4. Auflage 2013
Wolfram Wette (Hg.): „Stille Helden, Judenretter im Dreiländereck während des Zweiten Weltkriegs“, 2005

In unserer Artikel-Reihe “Ausflüge gegen das Vergessen” erschien bisher:
Widerständiges Bregenz (1)
Die Tötungsanstalt Schloss Grafeneck (2)
Auf den Spuren Paul Grüningers in Diepoldsau (3)
Das KZ Spaichingen (4)
Zum Naturfreundehaus Markelfingen im Gedenken an Heinrich Weber (5)
Orte jüdischen Lebens in Gailingen (6)
Das Ulmer Erinnerungszeichen zu Zwangssterilisation und “Euthanasie” (7)
Die KZ-Gedenkstätte im Eckerwald (8)
Endstation Feldkirch (9)
Zum Mahnmal der Grauen Busse in die ehemalige Heilanstalt Weißenau (10)
Das KZ Radolfzell (11)
Opfergedenken und Tätererinnerung in Waldkirch (12)
Das KZ Überlingen (13)
Die Stuttgarter Gedenkstätte für Lilo Herrmann (14)
Die Gedenkstätte für nach Auschwitz deportierte Sinti aus dem Ravensburger Ummenwinkel (15)
Das KZ Bisingen (16)
Freiburger Erinnerungsstätten an die Oktoberdeportation 1940 (17)
Nach Riedheim und Singen im Gedenken an Max Maddalena (18)
Auf den Heuberg (19)
Zum Grab der Widerstandskämpferin Hilde Meisel nach Feldkirch (20)
Das „Gräberfeld X“ in Tübingen (21)
Das KZ Hailfingen-Tailfingen (22)
Die andere Mainau (23)
Die ehemalige „Heilanstalt Zwiefalten (24)
Das KZ Oberer Kuhberg in Ulm (25)