Ausflüge gegen das Vergessen (22): Das KZ Hailfingen-Tailfingen

Um den vorher von Zwangsarbeitern errichteten Nachtjägerflugplatz Hailfingen weiter auszubauen und ihn gegen die zunehmenden Angriffe der Alliierten zu schützen, wurde dort im November 1944 ein nur bis Mitte Februar 1945 bestehendes Konzentrationslager errichtet. Herbeigeschafft wurden die 601 jüdischen Häftlinge aus dem KZ Stutthoff bei Danzig. Nur etwa die Hälfte, möglicherweise sogar bloß ein Viertel überlebte die mörderischen Arbeits- und Lebensbedingungen.

Zwangsarbeiter zum Bau des Nachtjägerflugplatzes

Hermann Göring, Reichsminister für Luftfahrt, verfügte im August 1938 die Einrichtung eines Militärflugplatzes auf einem 40 Kilometer südwestlich von Stuttgart gelegenen Areal der Gemeinden Tailfingen, Hailfingen und Bondorf. Das 86 Hektar große unbebaute Gelände eignete sich gut als Standort: Es war eben, fast nebelfrei und lag strategisch günstig in relativer Nähe zur französischen Grenze. Die ersten Arbeiten verrichteten der Reichsarbeitsdienst (RAD) und lokale Firmen. Ab September 1942 setzten die Luftwaffe und die beteiligten Baufirmen Kriegsgefangene vor allem aus der Sowjetunion und Frankreich sowie ausländische Zivilarbeiter und Zwangsarbeiter ein.

Die Namen der 601 Häftlinge in zufälliger Reihenfolge in das Aluminium eingelassen

Auf dem zunächst nur als Ausweichflugplatz genutzen Gelände wurden im Mai 1944 Teile der I. Gruppe des Nachtjagdgeschwaders 6 stationiert. Um die Nachtjäger gegen die zunehmenden Angriffe der Alliierten zu schützen, wurde zusätzlich der Bau von Rollwegen, splittersicheren Flugzeugboxen und kleineren Flugzeughallen angeordnet. Dafür kamen auch über 350 aus Athen deportierte  Griechen zum Einsatz, die am 20. September 1944 in Hailfingen eintrafen.

Noch bis kurz vor dem Abzug der deutschen Besatzungstruppen aus Griechenland im Herbst 1944 dienten Razzien – vor allem in den „roten Hochburgen“ im Großraum Athen – zur Einschüchterung der Bevölkerung und der Suche nach „Kommunisten“. Sie waren aber auch ein probates Mittel, um den Arbeitskräftemangel der deutschen Rüstungsindustrie zu befriedigen. Aus den zusammengetriebenen Männern eines ganzen Bezirks wurden jeweils mehrere hundert Arbeitsfähige zwischen 14 und 60 Jahren ausgewählt, zunächst in das berüchtigte KZ Chaidari transportiert und danach zur Zwangsarbeit in deutsche Lager deportiert. In vielen Stadtteilen Athens entstanden nach Ende der Besatzung Gedenkstätten, die an die Opfer dieser Deportationen erinnern.

Die griechischen Zwangsarbeiter bewohnten zunächst den Hangar, der später stacheldrahtumzäunt als KZ-Unterkunft für die jüdischen Häftlinge diente. Dass die meisten Griechen den Aufenthalt in Hailfingen überlebten, verdankten sie ihrer Verlegung in andere Lager. Der damals 16-jährige Eduard Rock-Tabarowski aus Athen, der als Dolmetscher bis zur Befreiung blieb und als Zeitzeuge über 60 Jahre später schildern konnte, was sich ab Mitte November 1944 im Lager abspielte, brachte es auf den Punkt: „Wir waren Menschen zweiter Klasse, aber die waren in den Augen vieler Deutscher gar keine Menschen mehr.“ 

Jüdische Häftlinge im KZ Hailfingen-Tailfingen 

Das Logo der Gedenkstätte: abstrahierte Umrisse der Start- und Landebahn des von der Luft aus betrachteten Hailfinger Flughafens

Die Menschen, deren Schicksal Eduard Rock-Tabarowski beschrieb, waren KZ-Häftlinge, die von der Organisation Todt im September 1944 für den weiteren Ausbau des Flugplatzes angefordert worden waren. Am 17. November 1944 stellte die SS im KZ Stutthof bei Danzig einen Transport mit 600 als arbeitsfähig klassifizierten jüdischen Häftlingen aus 16 Ländern zusammen – unter anderem aus Polen, aus Ungarn, aus Frankreich, aus Lettland, aus Holland; auch „Reichsdeutsche“ waren dabei. Einige von ihnen hatten bereits fünf Jahre Arbeits- und Konzentrationslager hinter sich, bevor sie nach Hailfingen kamen, andere waren erst Mitte 1944 nach Auschwitz deportiert und von dort in das KZ Stutthof weitergeleitet worden.

Formal war das KZ Hailfingen-Tailfingen ein Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof im Elsass. Dieses aber war bereits im September 1944 wegen des Vormarsches amerikanischer Truppen geräumt worden und diente nur noch verwaltungstechnisch als Stammlager für viele Außenlager – darunter auch Bisingen, Schörzingen und Spaichingen. Unter unmenschlichen Bedingungen, mangelernährt und brutalen Quälereien ausgesetzt, mussten die Häftlinge Knochenarbeit leisten, schwerste Bau- und Planierungsarbeiten ausführen und in den naheliegenden Steinbrüchen arbeiten. Innerhalb weniger Wochen wurden ungefähr 190 Männer im Lager umgebracht, durch Arbeit vernichtet; einige wurden totgeprügelt, andere erschossen. Anfangs verbrannte man ihre Leichen in den Krematorien von Reutlingen und Esslingen; als diese ihre Arbeit einstellten, wurden sie in einem Massengrab am Rand der Landebahn verscharrt. Wie viele der 601 jüdischen Häftlinge nach der Räumung des KZ Mitte Februar 1945 oder auf den Todesmärschen ums Leben kamen, konnte bisher nicht geklärt werden: Von über 260 Häftlingen sind inzwischen Todesdatum und Todesort bekannt, es ist allerdings davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl der Opfer weit höher liegt. 

Mahnmal, KZ-Gedenkweg und Dauerausstellung 

Eine der Infotafeln des Gedenkweges

Die Vorgänge im KZ Hailfingen-Tailfingen lagen lange Jahre im Dunkeln, wurde verdrängt und verschwiegen. Erst mit der Veröffentlichung einer Studie zu diesem Thema begann eine rege öffentliche Diskussion, die Mitte der 1980er Jahre zur Errichtung eines ersten Gedenksteins auf dem Tailfinger Friedhof und einer Informationstafel an der früheren Startbahn führte. Ein Verein, der sich für die Errichtung eines Mahnmals gegründet hatte, machte außerdem erste ehemalige Häftlinge ausfindig.

Dass die KZ-Gedenkstätte mittlerweile aus einem beeindruckenden Mahnmal, einem KZ-Gedenkweg und einer Dauerausstellung besteht, ist das Ergebnis von jahrzehntelangem bürgerschaftlichem Engagement, vor allem den intensiven Recherchen von Volker Mall, Harald Roth und Johannes Kuhn. Das Mahnmal am Westende der ehemaligen Startbahn des Flughafens Hailfingen erinnert seit Juni 2010 an die 601 KZ-Häftlinge. Der Ellwangener Künstler Rudolf Kurz hat ihre Namen in zufälliger Reihenfolge in das Aluminium vor der schweren Betonwand eingelassen.

Seit dem Jahr 2010 beherbergt das Tailfinger Rathaus auch ein Dokumentationszentrum zur Geschichte des Konzentrationslagers mit einer modernen, stark auf den Einsatz audiovisueller Medien setzenden Dauerausstellung. Und an die Orte der grauenvollen Geschehnisse führt ein Gedenkpfad, der zur Zeit zwölf Stationen umfasst und mit dreisprachigen Informationstafeln die historischen Hintergründe erläutert.

Die „Denkpfeiler“ wurden Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern des Lagers Hailfingen-Tailfingen gewidmet

Der Pfad beginnt dort, wo früher der Hangar stand, in dem zunächst die griechischen Zwangsarbeiter, danach die jüdischen Häftlinge untergebracht waren. Er führt weiter zum Mahnmal, zur früheren Start- und Landebahn, zum Massengrab am südöstlichen Rand der Startbahn, zum Rollweg und dem Steinbruch Kochhartgraben, wo Häftlings-Arbeitskommandos Steine, Schotter und Sand für die Baumaßnahmen beschafften. Über den Friedhof Hailfingen, auf dem sich die Gräber von drei griechischen Zwangsarbeitern befinden, gelangt man in einem kleinen Wäldchen zur Ruine einer ehemaligen Flugzeug-Reparaturhalle. Nachdem sie jahrelang zwischen Bäumen und Sträuchern versteckt war, wurde sie 2014 und 2016 schrittweise sichtbar gemacht. Im Sommer 2016 entfernten Freiwillige im Rahmen eines internationalen Workcamps Gebüsch, Wurzeln, Efeu und legten die mit Erde bedeckten Fundamente frei. Im Juli 2018 wurden drei Pfeiler der Halle zu „Denkpfeilern“ umgestaltet: Der Rottenburger Bildhauer Ralf Ehmann brachte auf ihnen Edelstahlinschriften in sechs Sprachen an. „Jeder Mensch hat einen Namen” soll uns mahnen, aufzustehen gegen Entmenschlichung. Seit 13. Juli 2018 ist der so aufgewertete Ort den Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern des Lagers Hailfingen-Tailfingen gewidmet, jenen Opfergruppen also, die am Mahnmal für die 601 jüdischen KZ-Häftlinge unberücksicht geblieben sind.

Über den Steinbruch Reusten, in dem die Häftlinge Steine brechen und mit Kipploren zum Schotterwerk am Steinbruch bringen mussten, führt der Gedenkpfad weiter zum Friedhof Tailfingen mit dem Grab der dorthin umgebetteten 75 mittlerweile namentlich bekannten Opfer aus dem Massengrab. Er endet am Rathaus, in dem sich das Dokumentationszentrum befindet.

Sabine Bade (Text und Fotos)


Vertiefende Informationen:

KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen
Volker Mall / Harald Roth: Das KZ-Außenlager auf dem Nachtjägerflugplatz Hailfingen/Tailfingen
Flyer der KZ-Gedenkstätte Hailfingen–Tailfingen
Flyer Gedenkpfad der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen
Internetportal Gedenkorte Europa 1939-1945: Gedenkorte Athen
Volker Mall: Karl Bäuerle: Schachtmeister der Organisation Todt auf dem Nachtjägerflugplatz, In: Täter – Helfer – Trittbrettfahrer, Band 9 – NS-Belastete aus dem Süden des heutigen Baden-Württemberg, Gerstetten 2018, S. 16-26

In unserer Artikel-Reihe “Ausflüge gegen das Vergessen” erschien bisher:
Widerständiges Bregenz (1)
Die Tötungsanstalt Schloss Grafeneck (2)
Auf den Spuren Paul Grüningers in Diepoldsau (3)
Das KZ Spaichingen (4)
Zum Naturfreundehaus Markelfingen im Gedenken an Heinrich Weber (5)
Orte jüdischen Lebens in Gailingen (6)
Das Ulmer Erinnerungszeichen zu Zwangssterilisation und “Euthanasie” (7)
Die KZ-Gedenkstätte im Eckerwald (8)
Endstation Feldkirch (9)
Zum Mahnmal der Grauen Busse in die ehemalige Heilanstalt Weißenau (10)
Das KZ Radolfzell (11)
Opfergedenken und Tätererinnerung in Waldkirch (12)
Das KZ Überlingen (13)
Die Stuttgarter Gedenkstätte für Lilo Herrmann (14)
Die Gedenkstätte für nach Auschwitz deportierte Sinti aus dem Ravensburger Ummenwinkel (15)
Das KZ Bisingen (16)
Freiburger Erinnerungsstätten an die Oktoberdeportation 1940 (17)
Nach Riedheim und Singen im Gedenken an Max Maddalena (18)
Auf den Heuberg (19)
Zum Grab der Widerstandskämpferin Hilde Meisel nach Feldkirch (20)
Das „Gräberfeld X“ in Tübingen (21)