Ausflüge gegen das Vergessen (11): Das KZ Radolfzell

„Die Flüsterstadt” nannte Gerd Zahner sein Theaterstück über die NS-Vergangenheit der ehemaligen SS-Garnisonsstadt Radolfzell. Über zehn Jahre später muss nicht mehr hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen werden, dass es in Radolfzell – wie auch in Überlingen-Aufkirch – ein Außenlager des Konzentrationslager Dachau gab: Bürgerschaftliches Engagement hat lange Verdrängtes offengelegt und zur Schaffung zweier Gedenkstätten geführt.

Radolfzell als SS-Garnisonsstadt

Als die SS im Süden Deutschlands nach einem Standort für den Bau einer neuen Kaserne suchte, bewarb sich auch Radolfzell. Die Stadt stellte die Schenkung von 55 Hektar ihrer Gemarkungsfläche in Aussicht und bekam den Zuschlag. Nach zweijähriger Bauphase bezog das III. Bataillon der SS-Standarte „Germania” – eine jener Truppen, die zu Hitlers besonderer Verfügung aufgestellt wurde und zusammen mit anderen SS-Verbänden später den Kern der Waffen-SS bildete – unter Führung von Sturmbannführer Heinrich Koeppen (1890-1939) mit etwa 800 Mann und 90 Pferden am 31. Juli 1937 die neue Kaserne. Radolfzell war SS-Garnisonsstadt.

Historische Aufnahme der Heinrich-Koeppen-Kaserne auf einer der Informationstafeln der Gedenkskulptur

Darüber geriet der in Gaienhofen lebende Schriftsteller Ludwig Finckh (1876-1964) auch noch im vierten Kriegsjahr, in der 2. Auflage seines Buches „Die kleine Stadt am Bodensee“, geradezu in Verzückung: „Die Zeiten der alten Hegauer Ritter waren versunken, Waffengeklirr und Geschützdonner verstummt. Unseren Tagen blieb es vorbehalten, der kleinen Stadt wieder soldatischen Atem einzuhauchen. Im Sommer 1937 war, wie aus dem Boden gewachsen, ein großer Hof mit hohen, schlichten Gebäuden umgeben, und mit einem Bataillon der SS / Germania bevölkert. Was für ein frischfröhliches Leben im alten Radolfzell! Ein Freundschaftsbund wurde geschlossen, erst in Scherz und Freude und Arbeit, Handel und Wandel blühten auf; die Seele der Kameradschaft war der Kommandeur der SS, Obersturmbannführer Koeppen – auf der anderen Seite der allzeit bereite und tatkräftige Vater der Stadt, Bürgermeister Jöhle. […]. Auch im nahen Hegau sind neue Ritter auferstanden aus dem urkräftigen Mutterboden der Vulkanberge […]: Sieben Ritterkreuzträger des Eisernen Kreuzes […], – kaum irgendwo im Deutschen Reich ist auf so schmalem Raum soviel Heldentum zusammengedrängt.“

Dieses von Ludwig Finckh so hochgelobte Bataillon der Radolfzeller SS-Standarte „Germania, das unter anderem am „Anschluss” Österreichs und der Besetzung des Sudetenlandes beteiligt war, hatte auch maßgeblichen Anteil an allen „Vergeltungsaktionen“ im Rahmen der Novemberpogrome 1938 gegen die jüdischen Gemeinden von Konstanz und auf der Höri. So sprengte einer ihrer Pionierzüge am Morgen des 10. November 1938 die zwar in Brand gesetzte, aber nicht zerstörte Konstanzer Synagoge. Auch die – von schweren Misshandlungen an der jüdischen Bevölkerung begleiteten – Sprengungen der Synagogen in Gailingen, Randegg und Wangen wurden von Einheiten der „Germania” verübt.

Ein KZ-Außenlager zum Bau des SS-Schießstandes

Nachdem das III. Bataillon der SS-Standarte „Germania” Radolfzell am 18. August 1939 verließ, um sich am Überfall auf Polen zu beteiligen, belegten unterschiedliche SS-Einheiten das Kasernenareal, das nach Koeppens Tod im September 1939 nach ihm benannt wurde. Ihren Standort hatte dort 1939/40 auch das SS-Totenkopf-Infanterie-Ersatz-Bataillon I, das – zusammen mit Konstanzer Gestapo und lokaler Ordnungspolizei – am  22. Oktober 1940 die Jüdinnen und Juden der Region zu den Bahnhöfen trieb, von denen aus sie ins südfranzösische Lager Gurs deportiert wurden.

Informationstafel am ehemaligen SS-Schießstand

Mitte Februar 1941 wurde in der Kaserne die Waffen-SS-Unterführerschule Radolfzell (USR) eingerichtet, an der der auf Rassenhygiene und Rassenreinheit schwörende Hitlerfreund Ludwig Finckh oft als Vortragsredner für „weltanschauliche Erziehung” auftrat. Wenig später entstand für die Belange der USR dort auch ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau: Zum Weiterbau eines Großkaliberschießstands am nordöstlichen Ortsrand brachte am 19. Mai 1941 ein Eisenbahntransport 113 deutsche, polnische und tschechische Häftlinge aus dem KZ Dachau nach Radolfzell.

Untergebracht waren die mindestens 120 namentlich nachweisbaren Häftlinge, die das KZ-Außenkommando bei wechselnder Belegstärke durchliefen, im ehemaligen Pferdestall der Heinrich-Koeppen-Kaserne. Neben der menschenunwürdigen Unterbringung gehörten Hunger und schlechte medizinische Versorgung ebenso zum Alltag der Häftlinge wie die schikanöse Behandlung durch das prügelnde SS-Wachpersonal unter dem ersten Lagerkommandanten SS-Hauptscharführer Josef Seuß, der später im Dachauer Hauptprozess zum Tode verurteilt und 1946 hingerichtet wurde.

Mindestens zwei KZ-Häftlinge, Jacob Dörr (1916-1941) und Fritz Klose (1904-1943), wurden nachweislich in Radolfzell vom SS-Wachpersonal ermordet. Weitere Gefangene sollen bei oder nach Fluchtversuchen getötet worden sein. Zwei Männer aber konnten fliehen: Am 15. November 1943 gelang es Leonhard Oesterle und seinem tschechischen Mithäftling Oldrich Sedlácek, das Gelände zu verlassen und sich mit einem Boot ans Schweizer Bodenseeufer zu retten. Sedlácek, der als Mitglied der tschechischen Exilarmee 1940 der Gestapo in die Hände gefallen und nach Dachau deportiert worden war, starb 1949 im Alter von nur 29 Jahren an Tuberkolose.

Leonhard Oesterle, der zusammen mit anderen jungen Leuten der Stuttgarter „Gruppe G“ um Hans Gasparitsch am 14. Oktober 1936 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu fünf Jahren Zuchthaus mit anschließender „Schutzhaft“ verurteilt worden war, weil er Flugblätter verteilt und Anti-Hitler-Parolen an Wände und Denkmäler gemalt hatte, wurde nach seiner geglückten Flucht Bildhauer (eine seiner Bronze-Skulpturen steht im Garten der Radolfzeller Villa Bosch) und wanderte 1956 nach Kanada aus.

Dass in Radolfzell Gedenkstätten errichtet wurden, die an das ehemalige KZ-Außenlager und die Leiden der dort eingesetzten Häftlinge erinnern, hat Leonhard Oesterle nicht mehr erlebt. Er starb am 7. November 2009 in Toronto.

Von der „Flüsterstadt” zum Ort anerkannter Gedenkstätten

Gedenkskulptur vor dem Radolfzeller Innovationszentrum (RIZ)

Als erstes brachte eine private Initiative im Jahr 2010 in einem der Kurzbahn-Kugelfänge des ehemaligen SS-Schießstands eine Gedenktafel an. Mit ihr wurde lang unter den Teppich Gekehrtes ans Licht gebracht: „113 Häftlinge des KZ Dachau, Außenlager Radolfzell, wurden hier 1941 und 1942 geschunden. Unter unmenschlichen Bedingungen wurden sie gezwungen, die Schießanlage der SS fertigzustellen”. Wie nötig es war, dieses Kapitel der Radolfzeller Geschichte endlich offen anzusprechen, zeigt das Zitat des ehemaligen Häftlings Leonhard Oesterle: „Ich war enttäuscht darüber, wie wenig man von uns wissen wollte.”
(Bereits seit geraumer Zeit ist diese Gedenktafel nur aus der Ferne zu betrachten, da die Kugelfänge wegen Einsturzgefahr von der Stadt Radolfzell gesperrt wurden.)
Ein paar Meter weiter wurde am 16. November 2012 im Rahmen einer offiziellen Gedenkveranstaltung – zu der auch Leonhard Oesterles Tochter und Enkeltochter eingeladen waren – eine Informationstafel am ehemaligen SS-Schießstand der Öffentlichkeit übergeben.
Und seit September 2013 steht vor dem Areal der ehemaligen SS-Kaserne, auf  dem sich heute das Radolfzeller Innovationszentrum (RIZ) befindet, die vom Pforzheimer Künstler René Dantes geschaffene Gedenkskulptur, die auf vier Informationstafeln darüber Auskunft gibt, was hier während der NS-Zeit geschah.
Beide Gedenkorte sind seit 2014 vom Land Baden-Württemberg offiziell als „Gedenkstätten“ anerkannt.
Übrigens: Nach Ludwig Finck, der sich so begeistert über die vermeintlichen Heldentaten der SS geäußert hatte (und den Hermann Hesse vollkommen zu Recht einen „alten vernagelten Nazi“ nannte, „der 12 Jahre lang ‚Heil Hitler’ geschrieen hat und es am liebsten wieder täte“), ist noch immer ein Wanderweg des Schwarzwaldvereins benannt.

Sabine Bade (Text und Fotos)


Vertiefende Informationen:

Radolfzell zur NS-Zeit
Gerd Zahner: Die Flüsterstadt
Videodokumentation Enthüllung der Informationstafel 2012 (Kurzversion)
Markus Wolter: Waghalsige Flucht als letzter Ausweg, Südkurier 15. November 2013
Markus Wolter: Radolfzell im Nationalsozialismus – Die Heinrich-Koeppen-Kaserne als Standort der Waffen-SS, In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung Heft 129, 2011

In unserer Artikel-Reihe „Ausflüge gegen das Vergessen” erschien bisher:
Widerständiges Bregenz (1)
Die Tötungsanstalt Schloss Grafeneck (2)
Auf den Spuren Paul Grüningers in Diepoldsau (3)
Das KZ Spaichingen (4)
Zum Naturfreundehaus Markelfingen im Gedenken an Heinrich Weber (5)
Orte jüdischen Lebens in Gailingen (6)
Das Ulmer Erinnerungszeichen zu Zwangssterilisation und „Euthanasie“ (7)
Die KZ-Gedenkstätte im Eckerwald (8)
Endstation Feldkirch (9)
Zum Mahnmal der Grauen Busse in die ehemalige Heilanstalt Weißenau (10)