Auf dem Friedenspfad im Rüstungsparadies Bodensee

Der Internationale Bodensee-Friedensweg findet dieses Jahr wieder einmal in Konstanz und Kreuzlingen statt. Im vergangenen Jahr kamen rund 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Bregenz, um gegen die Waffenindustrie und für eine friedliche Welt zu demonstrieren. Für den 22. April, Ostermontag, werden ähnlich viele Menschen erwartet.

Arne Engeli ist im Schweizer Komitee des drei Länder umfassenden Organisationsteam für den Internationalen Bodensee-Friedensweg. Seit 35 Jahren nimmt er an den in den 1960er Jahren ins Leben gerufenen Ostermärschen teil. Er setzt sich zeitlebens für eine friedliche und gerechte Gesellschaft ein. Ein Schlüsselerlebnis für sein Engagement sieht er in einer Reise von der Schweiz nach Dänemark im Jahr 1947. Mit seiner Mutter, einer Dänin, die seit Beginn des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat nicht mehr gesehen hatte, reiste er mit dem Zug durch das zerstörte Deutschland. „Wir sind durch eine Mondlandschaft gefahren. An den Bahnhöfen bettelten uns Kinder, aber auch Erwachsene, um Essen an“, erinnert er sich an diese Zeit. Der damals Elfjährige sagte sich: „Das ist eine Katastrophe, die sich nicht wiederholen darf.“

Revolution ohne Gewalt

Zufällig war er im 1989 in Leipzig und Dresden und bekam die friedlichen Proteste unter anderem in der Nikolaikirche mit. „Ich war beeindruckt von dieser gewaltfreien Revolution.“ Dieses Erlebnis diente ihm als Beweis, dass Veränderungen ohne Gewalt herbeigeführt werden könne. Es brauche eben Zeit. Die letzten acht Jahre seiner beruflichen Laufbahn arbeitete der studierte Politologe beim Hilfswerk der evangelischen Kirche Schweiz (HEKS). Er war hier für jugoslawische Kriegsflüchtlinge zuständig und sah wieder, was Krieg anrichtet. Doch durch die „Frauen in Schwarz“, die in Belgrad für Frieden beteten und trotz erfahrener Gewalt und Gräuel ihre Hoffnung nicht aufgaben, wurde er ermutigt, sich weiter für eine friedliche Welt einzusetzen. „Mir wurde klar: Der Krieg bringt nicht nur Schlimmes an die Oberfläche, sondern auch die Kraft der Menschen, etwas anderes zu wollen als Krieg.“

Ferienlandschaft ist Waffenproduktionsstätte

1988 gab es den ersten Ostermarsch in Konstanz. Seit 2009 rufen verschiedenste Organisationen und Initiativen aus der österreichischen, deutschen und schweizer Bodenseeregion zum friedlichen Protest unter dem Namen „Internationaler Bodensee-Friedensweg“ auf. Das diesjährige Motto lautet „Von der Rüstungsregion Bodensee zur Friedensregion“. Lilo Rademacher aus Friedrichshafen ist seit 1973 in der Friedensbewegung aktiv. Warum diese Ostermontags-Demo gerade in der Bodenseeregion von so wesentlicher Bedeutung ist, erklärt sie an der Pressekonferenz zum Friedensweg: „Die Bodenseeregion ist in grossem Masse von Rüstungsfirmen bestimmt.“

Europaweit gibt es keine andere Region, die so dicht von Rüstungsfabriken besiedelt ist. Nimmt man alle drei Länder zusammen, kommt man auf 18 Betriebe, darunter ATM in Konstanz und die MOWAG (General Dynamics) in Kreuzlingen. „Wir wollen am Ostermontag aufzeigen, wie notwendig es ist, dass diese Firmen auf zivile Produktion umstellen“, sagt Rademacher. Diese Forderung richte sich nicht nur an die Unternehmen, sondern auch an die Politik. Arne Engeli fügt an: „Diese Waffen, die hier produziert werden, werden auch eingesetzt.“ Die Ressourcen, die die Rüstungsproduktion verschlinge, fehlten dem Planeten. „Wenn man diese Dollars für Friedenszwecke verwenden würde, sähe unsere Welt anders aus.“

Von der Konstanzer Marktstätte zum Kreuzlinger Hafen

Der Internationale Friedensweg findet jedes Jahr an einem anderen Ort rund um den Bodensee statt. Am 22. April ist um 10.15 Uhr Treffpunkt auf der Marktstätte. Bahnreisende werden von Samba-Gruppen am Bahnhof Konstanz empfangen und dorthin geleitet. Die Friedens-Demo steht unter der Schirmherrschaft des Konstanzer Oberbürgermeisters Uli Burchardt. Stellvertretend für ihn wird Roland Wallisch, für die Grünen im Gemeinderat, die Begrüssungsrede auf der Marktstätte halten. Von dort geht es durch die Altstadt zum Rheinsteig und weiter in den Stadtgarten, wo Jürgen Grässlin, der wohl bekannteste Rüstungsgegner Deutschlands, zum Thema „Von Europas dichtester Rüstungsregion zur Friedensregion Bodensee“ sprechen wird. Er ist unter anderem der Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft und vielfach mit Friedenspreisen ausgezeichnet.

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Drei Aktivistinnen an der Alti Badi

An der Hafenstrasse entlang führt der Zug bis zum Kreuzlinger Hafen, wo das „Solinetzwerk“ aus Rorschach zusammen mit dem Restaurant Alti Badi für Verpflegung sorgt. Als Rednerinnen für die Schweizer Seite konnte Susanne Dschnulnigg vom Kreuzlinger Komitee drei prominente Rednerinnen gewinnen: Die 88-jährige Louise Schneider begründete die Friedensmärsche in Bern und machte sich den Namen „Spray-Grosi“, nachdem sie im April 2017 mit roter Farbe „Kein Geld für Waffen“ an die Hauswand der Schweizer Nationalbank sprühte. Ausserdem spricht Annette Willi, Präsidentin und Begründerin der ICAN Schweiz (Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen). 2017 erhielt die Organisation ICAN den Friedensnobelpreis für ihre Arbeit für den Atomwaffenverbotsvertrag.

Als jüngste, aber lautstarke Aktivistin reist Tamara Funiciello nach Kreuzlingen. Die 28-jährige JUSO-Schweiz-Präsidentin und SP-Schweiz-Vizepräsidentin gilt als überzeugte Sozialistin, Feministin und Antikapitalistin.

Sie referieren zu „Stopp der Finanzierung von Waffen durch Schweizer Banken“. Zum Abschluss des Friedenswegs gegen 14.30 Uhr lädt die Kreuzlinger Musiklehrerin Manuela Eichenlaub zum gemeinsamen Singen von Friedensliedern ein.

Judith Schuck (Text & Foto)

Das Foto zeigt von links Arne Engeli, Susanne Dschulnigg, Helmut Luz und Lilo Rademacher vom Organisationsteam Konstanz/Kreuzlingen

Am 8. Mai werden um 16.30 Uhr die an der Demo gesammelten Spenden an drei Flüchtlingsorganisationen übergeben: Solinetzwerk (Rorschach), Save Me und Café Mondial (Konstanz)

Weitere Infos: www.bodensee-friedensweg.org