Tuttlinger Krähe geht an einen Berliner

Lennart Schilgen heißt der diesjährige Gewinner der „Tuttlinger Krähe“. Der Liedermacher und Musik-Kabarettist aus Berlin gewinnt den renommierten süddeutschen Kleinkunstpreis. Damit trägt er sich in die Liste namhafter „Krähe“-Gewinner ein, in der unter anderem bereits Sascha Grammel, Florian Schroeder, Lars Reichow, Heinrich del Core oder Suchtpotenzial stehen. Bemerkenswert auch die Solidarität unter den KünstlerInnen, die das Preisgeld unter allen Finalisten aufteilten.

Die Jubiläumsausgabe der „Tuttlinger Krähe“, die – durch den Lockdown im Frühjahr bedingt – erstmals im Frühherbst verliehen und parallel in der Angerhalle Möhringen und der Stadthalle Tuttlingen ausgetragen wurde, ist zu Ende: Zum 20. Mal flatterte der renommierte Vogel in diesem Jahr. Weitere Preisträger bei 20-Jährigen sind StandUp Comedian Martin Niemayer aus Hamburg, Komiker und Musiker Heinz Grönig sowie den verwirrt-charmanten fränkischen Liedermacher El Mago Masin. Die zwölf teilnehmenden Finalisten nutzten die „Krähe 2020“ für eine beeindruckende Solidaraktion, die die schwierige Lage der Kulturschaffenden überdeutlich macht: Die Preisgelder in Höhe von 10.500 € gingen nicht mit den vier Gewinnern nach Hause, sondern wurden unter allen Teilnehmern aufgeteilt.

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Wieder einmal fliegt die „Tuttlinger Krähe“ nach Berlin: in der Hauptstadt zuhause ist der 32-jährige Lennart Schilgen. Er hat auf der Heimfahrt mit der Bronzeplastik des Tuttlinger Künstlers Roland Martin einen der wichtigsten deutschen Kleinkunstpreise im Gepäck. Mit Highlights aus seinen beiden Programmen „Engelszungenbrecher“ und „Verklärungsbedarf“ begeisterte der mit Worten und an der Gitarre gleichermaßen virtuose Künstler Publikum und Jury. Nach dem Prix Pantheon im vergangenen Jahr gewinnt Schilgen nun also mit der Krähe eine weitere der Top-Auszeichnungen der Szene.

Die Siegerschecks fielen allerdings im Jubiläumsjahr geringer aus. Denn in einer bemerkenswerten Solidaraktion – ohne Zutun der veranstaltenden Tuttlinger Hallen – hatten sich die teilnehmenden Künstler im Vorfeld darauf verständigt, alle Preisgelder in einen Topf zu werfen und zwischen den zwölf Finalisten gerecht aufzuteilen, um jedem Künstler in diesem schwierigen Jahr neben dem Antrittsgeld eine weitere Unterstützung zukommen zu lassen. „Das ist einerseits eine sympathische und ungemein kollegiale Aktion, andererseits verdeutlicht sie den aktuell dramatischen Zustand, in dem sich die Kulturszene befindet. Denn für viele Künstlerinnen und Künstlern geht es um die Existenz. Es ist fünf vor zwölf“, so Geschäftsführer Michael Baur von den Tuttlinger Hallen zur Lage der Kulturschaffenden. Das Preisgeld in Höhe von insgesamt 10.500 € wird durch Sponsoringpartner aus der örtlichen Wirtschaft beigesteuert, die auch den Mehraufwand für die diesmal erforderlichen zwei Spielorte übernahmen.

Weitere Preise erhielten bei der von Jess Jochimsen (der Kabarettist und Wahl-Freiburger sprang kurzfristig für die erkrankte Vorjahresgewinnerin Miss Allie in der Stadthalle ein) und Krähe-Preisträger Frank Fischer (in der Angerhalle) moderierten Preisträgergala der Hamburger Stand Up Comedian Martin Niemeyer (2. Jurypreis), der Nordrhein-Westfalener Komiker und Musiker Heinz Gröning (Sonderpreis der Jury) und der Franke El Mago Masin (Publikumspreis), der das Publikum u.a. mit einer musikalischen Hommage auf die Donaustadt zu Beifallsstürmen hinriss. Auch diese drei Preisträger durften aus den Händen des Moderators eine Kleinplastik von Roland Martin in Empfang nehmen.

Die rund 400 Besucher des Finales waren aus Platzgründen wegen der geltenden Mindestabstände auf zwei Häuser verteilt, die Künstler spielten ihr Programm jeweils zwei Mal und wurden zwischen Tuttlingen und Möhringen geshuttelt. Lennart Schilgen stand als Sieger natürlich im Mittelpunkt, als am Sonntagabend die deutsche Kleinkunstwelt wieder für einen Abend auf die Donaustadt blickte und als am Ende einer über zweistündigen Preisträgergala das Geheimnis um die diesjährigen Preisträger der „Tuttlinger Krähe“ gelüftet wurde. Der klassisch ausgebildete Pianist brachte sich selbst das Gitarrespielen bei und tritt seit 2012 als Solo-Künstler auf.

2015 hatte sein erstes Soloprogramm „Engelszungenbrecher“ in seiner Heimatstadt Berlin Premiere. 2019 folgte „Verklärungsbedarf: Lieder vom Schwarzmalen & Schönfärben“. Die Juror*innen lobten den Gewinner 2020 in ihrer Laudatio u.a. mit dem Hinweis auf seine treffenden Pointen und sein gutes Timing als „ironischen Gegenentwurf zum vorherrschenden Zeitgeist“. „Er benötigt für seinen Siegeszug lediglich seine Gitarre und seinen Schalk, denn der junge Liedermacher mit dem verschmitzten Lächeln macht aus seinem minimalistischen Handwerk grandios große Kunst“, heißt es da. Der 2. Jurypreis ging für „blitzscharfen Humor und hintersinnige Nummern“ an Martin Niemeyer, den Sonderpreis der Jury heimste „Rampensau“ und „Sexiest Man Alive“ der Kleinkunstszene, Heinz Grönning, ein, der bereits seit 30 Jahren auf der Bühne steht. Und Publikumspreisträger El Mago Masin versteht es, so die Jury, „die Menschen mit seinen irrwitzigen und humortriefenden Liedern über die Ungereimtheiten des Lebens, Menschen mit Macken und den Wahnsinn eines jeden neuen Tages zu unterhalten.“

Insgesamt hatten sich zwölf Finalisten aus über 90 Bewerbern an drei Abenden dem Publikum in der Angerhalle in Tuttlingen-Möhringen live präsentiert. Die Besucherinnen und Besucher erlebten drei dichte, zumeist hochkarätig besetzte Abende, die viel vom faszinierenden Spektrum des Genres abbildeten – vom Varietéact über Musikkabarett und Comedy bis hin zu Kabarett oder Comedic Story Telling. Wie stark das Teilnehmerfeld besetzt war, macht Programmchef Berthold Honeker deutlich: „Allein sich bei der ‚Tuttlinger Krähe‘ zu qualifizieren, ist eine Auszeichnung.“

Die „Tuttlinger Krähe“ zählt zu den wichtigsten und höchstdotierten deutschen Kleinkunstpreisen. Die Fortsetzung folgt schon im nächsten Frühjahr. Vom 13. bis 18. April steigt dann die „21. Tuttlinger Krähe“. Und die Fachjury mit Michael Baur, Rolf Brohammer, Karlheinz Helmschroth, Sabine Schürnbrand, Rosa Wagner und David Zapp hat wieder die Qual der Wahl – diesmal aus 84 Bewerbungen.

MM/hr (Foto: Tine & Paul Bossenmaier)