Seht und hört! Nicht mehr

„Der 90-jährige Wolfram Mehring inszeniert derzeit ‚Glückliche Tage‘ von Samuel Beckett am Konstanzer Stadttheater.“ Der erste Satz eines Textes, das hat man als Journalist verinnerlicht, muss die LeserInnen reinziehen. Und viel mehr geht hier nicht. Diese Kombination verspricht faszinierende, aufregend-nachdenkliche Abende in der Spiegelhalle, die Premiere fand vergangenen Samstag statt.

Also ein Treffen mit dem in Münster geborenen Vollblut-Theatermann, der ab 1954 in Paris u.a. mit seiner von ihm gegründeten Truppe „Theatre de la Mandragore“ eine künstlerische Bewegung initiierte, die eine „eigenständige Konzeption des transkulturellen Theaters“ (Programmzettel) verfolgte. In Konstanz hat er u.a. schon Camus und Büchner inszeniert.

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Also mutig mit dem beeindruckenden alten Herrn und in Begleitung von Chefdramaturg Martin Stefke im klassischen Rosgarten-Café treffen. Aufnahmegerät an und gut zuhören. „Wir wollten immer mehr das Theater als Ganzes entdeckt, nicht nur spielen.“ Schon früh hatte Mehring Deutschland verlassen, schon als Schüler, der in Münster „unter Buhrufen der Bürger gegen die Wiederbewaffnung protestierte“, zog es ihn immer wieder nach Paris. Zuhause sprachen sie viel Französisch und der Vater, so erinnert sich Mehring, hatte ihm noch auf demTotenbett geraten: „Junge, hau ab!“ Mehring spricht leise, langsam, sehr nachdenklich: „Der hat erkannt, was ich wollte.“

Frühe Jahre in Paris – Stichworte, die von den „aufregendsten Zeiten“ berichten, wie Mehring es selber nennt: Literarisch-philosophisch die Entdeckung des Mythos, des griechischen Theaters. „Die Franzosen haben die Revolte und den Streit im Blut, es war faszinierend. Ich war sofort im Quartier Latin auf der Seite der jungen Revoluzzer, der Surrealisten. André Breton schrieb uns: Ihr seid die einzigen, die stolz sein können im Theater. Unser Ziel war ein nackter Mensch auf einer nackten Bühne, den Menschen entdecken.“

Vom Nebentisch schauen zwei ältere Damen interessiert herüber – ja, Wolfram Mehring strahlt eine beeindruckende Persönlichkeit aus. Schließlich ist er der älteste Regisseur, der je in Konstanz inszeniert hat. Sein „Pendant“, der Jüngste, der hier je ein Stück auf die Bühne bringen wird, ist übrigens Lorenz Leander Haas, der „Stalin“ macht, Premiere am 15. Februar. Wir werden an dieser Stelle noch berichten.

„Herr Mehring, mussten Sie überredet werden, Beckett hier zu machen oder inszenieren Sie das mit Lust und Freude?“ Er: „Wenn ich das nicht mit Lust und Freude machen könnte, würde ich es nicht machen. Erst zuckte ich etwas zusammen – soll ich Beckett machen?“ Er macht es. „Mehring macht Beckett!“ – Werden die Zuschauer alles verstehen, was Sie ihnen sagen wollen durch die Schauspieler*innen Renate Winkler und Thomas Ecke?

Jetzt sind wir am Kern. „Weiß ich nicht, alles bestimmt nicht. Ich hoffe, sie verstehen einiges. Es gibt verschiedene Ansätze in dem Stück: Einmal die Beziehung zwischen zwei Menschen, die getrennt sind. Willie und Winnie. Winnie ist oben, Willie ist unten. Sie setzen sich auseinander, fast beschimpfend, sie erkennen nicht, dass es etwas gibt, das sie zusammenhält, weil sie im Schweigen leben. Weil sie über äußere Bezüge einen Menschen finden. Eine Beschimpfung kann möglich sein, ohne irgendwas zu zerbrechen.“

Mehring mittendrin. „Man entdeckt viele Dinge erst dann im Leben, wenn man sie verliert, wenn sie in Gefahr geraten, vergessen zu werden. Es geht nicht immer nur um Wissen, es geht um dynamische Bezüge zwischen Menschen, die schweigen. Ich habe sehr viel gearbeitet am absolut schweigenden Theater. Stimme schon, aber nicht die konstruierte Sprache.“ Während die Damen immer noch schauen, habe ich eine – vielleicht etwas schräge – Idee. Aber schließlich will auch ich Beckett irgendwie näher kommen und Mehrings Theatervisionen: „Ganz banal, Herr Mehring: Ich sage meiner Freundin Stella, drei Tage lang reden wir nicht miteinander – geht das gut?“ Mehring schaut mich an, mir scheint ein Schmunzeln auf seinem Gesicht: „Das ist auf jeden Fall ein begeisterndes Experiment. Mir geht es immer um das Schweigen und nicht um das Reden im Theater. Ein Blick ist viel stärker als ein Wort. Es geht ganz ohne, man spürt einen Menschen, die Sensibilität ist eine der wichtigsten Lebensquellen, finde ich.“

Jetzt sind wir nahe dran, der große Mehring und der schulverwiesene 68er aus Braunschweig: „Es gibt Freund*innen, denen habe ich gesagt: Nächste Woche gehe ich in die Beckett-Inszenierung! Dann haben die immer gesagt: Oh! Du traust Dir was zu! Ist das so?“ Mehring schaut konzentriert. „Beckett hat was, das stimmt schon. Man soll da ganz naiv rangehen, vor allem sich nicht hinsetzen und sagen, ich will jedes Wort verstehen und warum und wozu? Dann ist man verloren. Es geht so schnell, da kommt man nicht mit. Man soll aber ein Grundsituation, die durch das Stück geht, mitbekommen.“

Finale Frage, allmählich wird das kleine Aufnahmegerät doch sehr warm: „Gibt es eine Botschaft, die man den Besucher*innen vorher sagen kann? Menschenskind, geh einfach rein…?“ Doch – jetzt blitzen die Augen des Wolfram Mehring: „…und hört zu und hört zu. Seht und hört. Nicht mehr! Versucht nicht zu analysieren, warum hat sie das gesagt … hört einfach zu, was da gesagt wird.“ Also angstfrei reingehen, zuhören und sich hinterher selber beobachten, wie man da rauskommt – oder? Mehring lächelt, lacht ein wenig. „Ja wie kommt man da rein…“ Ist das ein Beckettsches Finale? Hmmm. Jetzt mischt sich final noch Chefdramaturg Martin Stefke ein. Kurz, knackig, verständlich: „Reingehen und wahrnehmen.“ Hmmm. Habe ich jetzt auch Beckett verstanden? Scheint so. Man muss nur naiv genug sein. Dann geht`s. Sagt Mehring seinen Schauspieler*innen auch immer. Geht doch.

Lutz Rauschnick (Text und Bild)

Im Bild: Links Dramaturg Martin Stefke, neben ihm Regisseur Wolfram Mehring.


Weitere Aufführungen in der Spiegelhalle: 18.2./ 21.2./ 28.2./ 3.3./ 5.3./ 8.3.