Literaturhighlight „Mauerläufer“

Die sechste Ausgabe des „Mauerläufer“ ist frisch erschienen. Das Herz eines jeden Literatur- und Kunstliebhabers seufzt laut auf beim Durchforsten des literarischen Jahresheftes, das es zum zweiten Mal auf die Longlist der „Schönsten Deutschen Bücher“ geschafft hat. Inhaltlich steht es dem äußeren Schein in nichts nach. Das Titelthema ist „Wahrnehmung“. Es folgt eine ebensolche im Schnelldurchlauf.

„Mörike stellte die Kamera auf“ – so steht es als Titel auf dem literarischen Jahresheft „Mauerläufer“, das zum sechsten Mal von Literatur- und Kunstschaffenden im Bodenseeraum herausgegeben wird. Das Zitat stammt aus dem Text „Alles wissen“ von Beate Rothmaier, in welchem die Autorin beschreibt, was Wahrnehmung bedeuten kann: „[…] er zoomte, und was er da sah, war er selbst, wie er da stand, verlegen, die Hände in den Taschen der ausgebeulten Cordhosen, Standbein, Spielbein und darauf wartete, fotografiert zu werden.“ Ein Blick auf sich selbst, der sich im Laufe des Textes wandelt, weiterschweift, den Mikrokosmos verlässt und alles umfasst: „Aus der Vogelperspektive sah er das Halbrund der Erdkugel und auf ihrer kaltgespannten Kruste den Weberknecht seines klumpigen Fotoapparates auf spirreligen Stativbeinen schwebend.“ Die Wahrnehmung – ein breites Thema also, wie gleich zu Beginn des Bandes deutlich wird und wie es auch das Cover zeigt: ein unscharfer Weg führt ins Irgendwo.

Das Irgendwo des „Mauerläufers“ bewegt sich in fünf Kapiteln durch unterschiedliche Textgattungen und Bildbeiträge von Kunstschaffenden. Beginnend mit Lyrik, die von Bergen, Felsen, Pappeln, Eichen, Spinnen, Bussarden und Glockenblumen referiert, bis Jürg Weing damit Schluss macht. Ein „Rasenroboter jault von rechts nach links“ und Pflanzen werden „schikaniert, ausgemustert, gemobbt bis zum völligen greenout oder chlorophylerbrechen“. Ende der Naturromantik, es geht weiter in die Stadt, durch Cafés und endet mit Betrachtungen aus dem Augenwinkel. Illustriert ist dieses erste Kapitel mit wunderbar bunten Papierarbeiten aus den Notizbüchern des Künstlers Roland Dostal, die so perfekt zu den Texten passen, als seien sie dafür eigens angefertigt worden.

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Zweites Kapitel: Es geht um die Diskrepanz der Wahrnehmung von Jugend und Alter. Rückblicke auf die Kindheit, Beschreibungen von Elternfiguren, Gottesglaube, der Versuch das Schicksal zu ändern, die Fehlbarkeit von Männern und Vätern – diese Themen werden in unterschiedlichen Texten aufgegriffen. Es sind rührende Zeilen, die man mit viel Ruhe und Luft lesen muss. Katrin Seglitz beginnt ihren Text „Würfeln“ mit einem harmlosen Kinderspiel, das in eine solche Schwere kippt, dass es schwer zu ertragen scheint. Christa Ludwig nimmt in ihrem Text „Häuser bauklotz purzeln“ die Perspektive eines Kindes mit einer solchen Intensität ein, dass man traurig wird beim Lesen. Zum einen, weil die Geschichte traurig ist, zum anderen aber auch, weil man feststellen muss, dass man die Logik der Kindheit verloren hat. „Als sie ausstieg, versuchte sie, den Teddy im Auto zu lassen, doch der Vater griff ihn und drückte ihn ihr in die Hände, nicht in die Arme, weil sie sich weigerte, Arme zu haben, nur Hände, fern den Schultern, dazwischen nichts. Aber die Häuser hatten Arme, da sie ja lebendig geworden waren, und in diesen Armen, Türen, Wänden, Decken schlief sie trotz allem sommerwarm und abendweich.“

Künstlerisch wird dieses Kapitel von Stefanie Scheurells Werk „Ruth“ begleitet, in dessen Rahmen sie ihre Großmutter auf dem Weg der Demenz begleitete und ihr den unerfüllten Wunsch der Schauspielerei ermöglichte, indem sie ihr verrückte Kleidung anzog und sie schminkte. Außerdem zeigt die Künstlerin Christiane Lehmann mit ihren Fotografien die Vergänglichkeit und Widersprüchlichkeit der Existenz auf.

Kapitel 3 widmet sich dem Thema „Kapitulationsstörungen“ und beschreibt die Auseinandersetzungen von Menschen mit ihrer Umgebung. „Wäre ich doch klug/ Klüger als ich bin/ Müsste mich dann nicht/ Mit einer Gabel kämmen“ fragt sich Monika Helfer, während Hermann Kinder eine Deutschland Collage aus Zitaten der rechten Gesellschaftsecke verschiedener Zeiten zusammenstellt. Stefan Keller berichtet vom letzten Henker der Ostschweiz und Martin Ebbertz schreibt über „Die Letzten vom Schwarzen Mann“ und damit von der Unfähigkeit eines Dorfes zu kapitulieren. Reinhold Schneider schreibt eine Hommage an den Musiker Alvaro – der Chilene mit der singenden Nase: „Alvaro schuf sich sein eigenes Reich im Exil. Und er ist nichts für Bildungsbürger. Weder HiFi noch gepflegte Querflöte ist zu hören, allenfalls eine Nasenflöte, die bis heute, als sein Image, seinem Namen anhaftet.“

Chris Inken Soppa beschreibt die Welt aus der Wahrnehmungsposition eines alternden Körpers: „Längst denkt er nicht mehr darüber nach, welchen Anblick er bietet. Ein alter Körper, der nur eingeschränkt funktioniert, hat das Recht, hässlich zu sein. Die tägliche Reinigung wird immer anstrengender. Sollen sich die Jüngeren um die Pflege des Körpers kümmern! Doch seine Neffen kommen so gut wie nie, und die Gurkenfrau verrichtet ihre Arbeit immer gleich.“ Hierzu finden sich Gemüse und Zeitungscollagen von Eva Hocke die in ihrer Humorigkeit an den österreichischen Künstler Erwin Wurm erinnern. Die Grafikerin ist darüber hinaus verantwortlich für das gesamte Design des „Mauerläufers“, der es verdientermaßen auf die Longlist der „Schönsten Deutschen Bücher“ geschafft hat – zum zweiten Mal.

Die Redaktion (von links oben nach rechts unten): Christa Ludwig, Katrin Seglitz, Eva Hocke, Hanspeter Wieland, Jochen Kelter, Hippe Habasch.

Kapitel 4 taucht ein in die Schweizer Mundart, die laut Rainer Stöckli unterschieden werden muss von der „Muulart“, wie Manfred Hagel in einem Text über Kuhnamen referiert: „[…]man habe hierzulande nicht bloss ‚Muul‘, sondern auch das schriftsprachlich anmutende ‚Mund‘ durchaus im Gebrauch, und zwar in Müntschi, Mümpfeli und Mundete (eine ‚Mundvoll‘), ferner in Form von Mündli als Brotanschnitt, zuletzt im Kuhnamen Munda als Kuh mit einem weissen Mund […]“. Aber auch die Lyrik gelingt in ebendieser behandelten Sprachform: „Häsch en gäärn/ de tunkel See/ Ggschpürsch en gäärn/ de chaalti Wind/ Am Uufer hätt s e bitzli Schnee/ und d Häntschli vo-m-e Chind“ – Alfred Wüger.

Schnee gibt es auch in einem herrlichen Text von Hippe Habasch, allerdings in Form von Eulen: Schneeeulen. Sie stehlen Holger und somit einem verdächtigen Mörder die Show: „zwei weißfedrige eulen erwogen angesichts des entsetzlichen lärms, erstmals einen winter mit den schwalben im süden zu verbringen. sber dann krächzte irgendein kauz auf einer weit entfernt stehenden tanne: vergesst nicht, dass ihr schneeeulen seid. schneeeulen.“ Es folgen „Kindheitsbegradigungen“ von Volker Demuth, eine lyrische Kletterpartie von Wolfgang Haenle sowie eine Reise mit dem Postbus von Zsuzsanna Gahse. Illustriert findet sich dieses Kapitel mit einigen plastischen Arbeiten von abermals Stefanie Scheurell sowie einem Einblick in die „Miniaturisierungswelle“ der Stuttgarter Künstlerin Carmen Weber.

Und im letzten Kapitel wird der heimatliche Boden verlassen und es wird gereist – vom Gardasee über Moskau geht es nach Marokko und Havanna, bis ins Weltall. Sie dürfen nun raten, aus welchem Reiseziel die folgenden Zeilen von Jochen Kelter stammen: „Das Leben wird vorgespielt/ hier wird die Täuschung ergattert/ hierher dringt nichts von draussen“ Eindrucksvoll ist außerdem der Beitrag „Fremde“ von Andreas Kirchgäßner, der mit der Kulturgeschichte der arabischen Lehnworte das Zitat Horst Seehofers entkräftet, der Islam gehöre nicht zu Deutschland und Deutschland sei durch das Christentum geprägt. In eben diesem findet man auch eine schöne Beschreibung über das Schreiben als Tätigkeit: „Für mich ist das der eigentliche Impuls zum Schreiben: Der Prozess der eigenen Verortung innerhalb einer Welt, die mir von früh an fremd erschien. Schreiben ist wie das Aussenden von Morsezeichen ins All: ‚Hallo, ist da noch jemand, der so empfindet, wie ich?‘ Danach bleibt es meistens still. […] Manchmal aber kommt eine Antwort, und dies sind die Glücksmomente, für die sich die Tortur des Reisens, des Schreibens lohnt.“

Dass es sich lohnt, das Schreiben, das spürt man, in all den Beiträgen dieses Projektes, an dem so viele Menschen unentgeltlich beteiligt sind. Und das Lesen – es lohnt sich auch!

Veronika Fischer


Mauerläufer 19/20
6. Literarisches Jahresheft
16 Euro
Bestellung: www.mauerlaeufer.org