Hans Paasche: Seefahrt

Gestern hat unser Gastautor Helmut Donat an Hans Paasche erinnert, der vor 100 Jahren von rechten Freikorpskämpfern „auf der Flucht“ erschossen wurde. Paasche war nicht nur Lebensreformer, Offizier, Revolutionär und Pazifist, sondern auch Schriftsteller. Hier ein Text von ihm aus dem Jahr 1912, aus dem sich so manche (Trug-) Schlüsse ziehen lassen. Viel Spaß beim Lesen, denn schließlich ist Lesen zwar irgendwie wie Googlen, aber zum Glück doch noch immer viel, viel krasser.

Seefahrt bleibt Seefahrt. Heute sind die Dampfer, die den Ozean durchqueren, so groß, dass Schwimmbäder und Tennisplätze eingebaut werden können. Sie mögen noch größer werden, immer bleibt die Tatsache bestehen: Dies alles schwimmt. Es schwebt über ungeheurer Tiefe, es wird hindurchgeführt durch Nebelmassen und Strömungen, zwischen Eisbergen und Felsen, es bewegt sich mit lebendiger Kraft auf andere schwimmende Massen zu und will, in jeder Sekunde, von klarem Verstand sicher gelenkt sein. Kein Seemann vergisst das. Ein ungesunder Zug der Zeit aber will, dass der Reisende, der für wenige Tage einen Dampfer betritt, möglichst wenig davon merke, dass er Seefahrt miterlebt. (Fast ist ein Blick auf die bewegte See auch unnötig; man kennt das ja aus dem Kino.) Man glaubt, dem Reisenden etwas zu geben, wenn man ihn während einer Seefahrt durch alle Luxusräume hindurchlangweilt, die ein Ozeandampfer umfasst. Vom Speisesaal, wo üppig gegessen wird, durch den Palmengarten, ins Pariser Café, in die Bar, durch die Schreibzimmer, Rauchzimmer, Spielräume, Lesesäle. Und in Wirklichkeit hat man ihm die großen Eindrücke der Seefahrt genommen.

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Aber nicht nur das: man hat ihn planmäßig davon abgehalten, sich mit den notwendigen Kenntnissen auszurüsten, die jedem, der ein Schiff betritt, nützlich sind.

Es liegt, zum Teil wenigstens, eine Absicht darin. Der Fahrgast, der sich am wenigsten um die eigentliche Seefahrt kümmert und das Ende der Seefahrt geduldig in dem für ihn bestimmten Raume erwartet, ist dem Schiffer der angenehmste. Solche Fahrgäste wünscht er sich. Deshalb sagt der Reeder sich: Für einen Viehtransport brauche ich so und so viel Verschläge, soviel Heu, soviel Streustroh; für Fahrgäste, und für solche der ersten Klasse besonders, muss ich außer Betten und Futter auch Unterhaltung vorsehen, ich muss sie beschäftigen. Das tue ich, indem ich ihnen große Speisekarten drucke, eine Musiktruppe spielen lasse und die Räume, in denen sich die reichen Leute aufhalten sollen, so ausstatte, dass die Bewohner aus dem Staunen nicht herauskommen.

Zwischen Schiffswänden, wo man alles auf Biegung, Stoß, Erschütterung eingerichtet wähnt, werden Marmorplatten und Spiegelglas aufgestellt. Die Außenhaut eines Schiffes lässt nur Fenster bestimmter Größe zu; auf dem Ozeandampfer aber müssen Räume geschaffen werden, die wie Hotelzimmer aussehen, mit hohen Fenstern und Säulen, von Bambusgebüsch und Phönixpalmen umflattert. Der reiche Mann darf ja nicht daran erinnert werden, dass er zur See fährt. Was man auf einem Schiffe nicht vermutet, gerade das wird eingebaut: ein Schwimmbad, ein Tennisplatz, eine Reitbahn. Keine unentbehrlichen Einrichtungen, sondern Sehenswürdigkeiten.

Wer heute noch in Hamburg und sechs Tage später schon in New York in ein großes Schwimmbad gehen kann, der kann auf dem Dampfer ein Schwimmbad recht gut entbehren. Niemand wende ein, dass durch solche Einrichtungen dem Mangel an Bewegung abgeholfen werden soll. Wenn das Schwimmbad so eingerichtet wäre, dass es vielen Hunderten vom Menschen am Tage offen stände, dann könnte man es gelten lassen. Das ist es aber nicht. Es ist als Luxusbad gebaut, Und ganz gewiss dient der Tennisplatz nur der Bewegung weniger, während viele zuschauen. Anstatt den Blick auf das Meer zu richten, auf den Horizont, die Wolken, die Sterne.

Die läppische Art, Menschen der wohlhabenden Klassen über den Ozean zu amüsieren, ist zu einem System geworden. Weil es dem Schiffer so beliebte, muss sich der Reisende während einer Seefahrt in einen Luxus fügen, den er nicht gewohnt ist und der ihm meist zuwider ist. Beschäftigte Menschen, die nicht daran denken, in der Großstadt eine Bar aufzusuchen, lernen auf dem 350. Längengrade, was ein Champagnercobbler ist und wie ein Cocktail geschüttelt wird. Ein Beamter, der nach den Tropen reist und dessen Körper sich langsam an den Wechsel des Klimas gewöhnen will, muss vierzehn Tage lang die ausgesuchtesten Diners essen und die unmöglichsten Getränke dazu trinken, so dass er, gegen Krankheit widerstandsschwach, in der Tropensonne landet.

Es fragt sich nun, ob das System, das die Schiffer anwenden, berechtigt ist? Wenn alle Menschen, die als Fahrgäste der ersten Klasse eine Seefahrt machen, weltmüde Großstadtpflanzen wären, dann müsste die erste Klasse die Einrichtungen haben, die sie jetzt anstrebt. Wir hätten es dann glücklich zu einem lustigen Widerspruch gebracht: Auf dem festen Lande, zwischen den Häusern und Villen der Großstädte, werden große Schiffsgebäude aufgestellt, die so echt sind, dass sie nach Tang und Teer riechen; wenn unsre Knaben sich daran satt gespielt haben und aus dem Kintopp das Übrige wissen, was an der Seefahrt „interessant“, dann jagen wir sie, damit ihr Blick erweitert werde, nach Amerika hinüber und lassen sie unterwegs Tennis spielen! Wo ist eigentlich das müde Kulturvolk, auf das das Zeugnis solchen Unsinns passt? Und welches der seefahrenden Völker ist mit dem Zuschnitt gemeint? Die Deutschen, die Briten, die Amerikaner? Weil eine Minderheit irregeleiteter Menschen besteht, die unfähig ist, die großen Eindrücke der Seefahrt zu genießen, werden die Schiffsräume als Vergnügungslokale hergerichtet. Und die vielen Wanderer, die wollen, dass ihnen das Meer zum Erlebnis werde, müssen darunter leiden.

Der Schiffer und Reeder sagt, es gehe ihn nichts an, ob seine Fahrgäste andere Wünsche haben als die, die er befriedigt. Er will nur seinen Zweck erreichen, die Menschen nach der Größe ihres Geldbeutels zu beschäftigen. Sein Grund ist verständlich. Es muss aber gesagt werden, dass viele Reisende etwas anderes wollen als den schwimmenden Jahrmarktsrummel, und dass sie einen Anspruch auf den Genuss reicher Seefahrtseindrücke haben.

Es ist etwas Großes um die Seefahrt. „Das Meer“, schreibt Friedrich Ratzel, „ist das größte Ganze an unserer Erde. Dreiviertel der Erde sind vom Meere bedeckt.“ Es ist den seefahrenden Völkern gelungen und gelingt ihnen täglich von neuem, den Welthandel und den Weltverkehr über das Meer hin aufrecht zu halten. „Erst die Überbrückung des Meeres hat eine Menschheit möglich gemacht.“ Aber das eine muss stets bedacht werden: „Das Land unterwirft sich der Ackerbauer doch endlich einmal; das Meer wird nie ganz unterworfen!“ Eine Unsumme von friedlicher Arbeit, von Wissen, Einsicht und Geisteskraft ist fortwährend am Werke, um das Material und die Menschen zu bilden, die das Weltmeer beherrschen sollen. Und nur ein tüchtiges Volk kann die Männer hervorbringen, die den Aufgaben der Seefahrt gewachsen sind. Kühnheit, Weltkunde, Unternehmungsgeist, Erfahrung und eine Vorsicht und Verschlagenheit, die unter den Begriff der Seemannschaft fällt, vereinen sich in denen, die die Schiffe eines seefahrenden Volkes lenken. Es war eine große geschichtliche Entwicklung nötig, um die Menschen von einer Ferne zur andern vordringen zu lassen. Und wenn ein winziges Holzgefäß, mit mutigen und verzweifelten Männern bemannt, von unbekannten Winden getrieben, durch die schauerliche Einsamkeit und Nacht des Ozeans hindurch neue Küsten erreichte, dann ging ein Zittern durch die ganze Kulturwelt, ein Freudentaumel, eine Entdeckersehnsucht, deren letzte, schwächere Wellenringe gerade in unseren Tagen an den Polen der Erde branden.

Das heutige System will, dass der Reisende, der aus dem Inlande kommt, von all den großen Erinnerungen, die den Menschen mit dem Meere verbinden, nur die eine genieße: dass ihm die Menge aller an den Küsten des Weltmeeres wachsenden Gaumenkitzel auf dem Schiffe zur Verfügung stehe.

[…]

Das System der Vergnügung ist falsch und frevelhaft. Das Meer wird nie bezwungen werden. Eine Fahrt zur fernen Küste bleibt eine Aufgabe, bleibt ein Erlebnis auch für den, der zum zehnten Male in seinem kurzen Erdenleben nach demselben Ziel hinüberfährt. Es kann nur zwei Arten von Menschen geben, die auf Ozeandampfern fahren: die reisefrohen und die ruhebedürftigen. Für diese beiden ist zu sorgen. Und für beide ist die Ablenkung durch seichte Genüsse hinderlich. Jedem aber sollte eine gewisse Beschäftigung mit seemännischen Dingen Bedürfnis und Pflicht sein.

Auf See sollte jeder Reisende sich als Seefahrer fühlen und sollte sich freuen, als solcher behandelt zu werden. Ein Kriegsschiff geht nicht in See, bevor bekannt gegeben ist, wo jeder einzelne Mann seinen Platz hat, wenn Feuer ausbricht, wenn die Rettungsboote zu Wasser gelassen werden. Was ist im Wege, dass auch die Millionäre, die in Kabinen für 20000 Mark über den Ozean fahren, an Deck antreten, um zu erfahren, wer rechts, wer links von ihnen auf der Ducht des Rettungsbootes sitzt, wenn das Schiff verlassen werden muss? Ein Sport sollte die Seefahrt sein. Aber kein solcher, bei dem an der Bar Wetten abgeschlossen werden über die Schnelligkeit des Schiffes, sondern einer, bei dem das ganze Wunderwerk menschlicher Seefahrtskunst dem Reisenden im Angesicht der wildbewegten See zum Bewusstsein kommt. Dann wird auch nicht mehr der ernste, verantwortungsreiche Dienst der Schiffsbesatzung an dem Vergnügen der Reisenden Schaden leiden.

Wer das feste Land verlässt und über der Tiefe des Weltmeeres schwimmt, der soll nach den Sternen sehen, die dem Seefahrer den Weg zeigen. Er soll den Wind fühlen, der vom warmen Süden oder vom kalten Norden kommt. Er soll der Menschen gedenken, die vor ihm dasselbe Meer durchquerten und Gedanken und Taten an ferne Küsten trugen. Er soll sich auf der Höhe der Weltbeherrschung fühlen. Herrschen aber kann nur, wer auf sicherem Grunde steht, nicht wer tändelt und nascht und nippt und wem damit gedient ist, dass ihm in Schiffsräumen vorgetäuscht wird, er wohne nicht zwischen Spanten und Schotten, sondern in einem Luxushotel an der Riviera.

Noch nie ist der Gegensatz zwischen dem Luxus der Ozeandampfer und dem Ernst der Seefahrt so deutlich gewesen, wie bei dem Untergange der „Titanic“. Es darf gerade bei diesem grauenerregenden Unglück nicht gefragt werden, ob einzelne Mitreisende vielleicht, als das Schiff sank, verständiger hätten handeln können, wenn sie mit Schiffsordnung und Rettungseinrichtungen besser vertraut gewesen wären als mit der Tanzordnung und Speisenfolge; nur die eine Frage darf jedem, der dem Geschehenen nachdenkt, kommen: Wozu war denn das alles, was da in der klaren Sternennacht zwischen Eisschollen versank, diese Vorkehrungen zum Prunken, Prassen und Protzen, dies kaum beendete Ballfest? Was hatte denn das mit der Seefahrt zu tun?

[…]

Nie wird das Meer bezwungen werden. Die Fähigsten und Besten eines Volkes fordert das Weltmeer in seinen Dienst. Ein Blick auf die wilden Gewalten des Ozeans, seine Stürme und Eisberge lässt uns ahnen, welch eine Summe edler Menschenkraft Tag und Nacht wirkt, um die Gefahren zu umgehen, die nie beseitigt werden. Auf der Kommandobrücke nicht nur, tief unten auch, in den Maschinenräumen, an surrenden Rädern, an Manometern und Ventilen wacht Nervenkraft. Und die Beherrschung all der Kenntnis, die tausendjährige Erfahrung geklärt hat, muss immer neu erarbeitet werden.

Man hört nichts von all der Vorsicht, weiß nicht, was es für Arbeit kostet. Die Menschen und die Waren kommen in den Hafen herein, Schiffe ankern, eine Flotte kehrt von der Übung heim: das alles sieht sich so leicht an. So selbstverständlich wie das Atmen eines Körpers, der doch lebt. Wenn aber der Atem des Weltverkehrs einmal stockte, wenn das Meer nicht von vielen Tausenden von Seeleuten täglich neu erobert würde, dann wären die Güter nicht, die wir als die gewohnten hinnehmen, solange die Flaggen auf den Schiffen hoch stehender Völker wehen: Der Friede und das Brot der Völker.

Sollte es wirklich so wertlos sein, fünf Tage lang auf das weite Meer zu sehen und sich als Seefahrer zu fühlen?

Hans Paasche (Bild: Cunard / Public domain)


Aus: Der Vortrupp, 1. Jg., Nr. 15, S. 450-456, 1. August 1912. In: Hans Paasche: „Ändert Euren Sinn!“ – Schriften eines Revolutionärs. Hrsg. von Helmut Donat und Helga Paasche, Bremen 1992, S. 125-130.

[Wir in der Redaktion hatten an diesem Text große Freude, erinnerte er uns doch an David Foster Wallace’s „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft bitte ohne mich“.]