Der Zirkus ist in der Stadt: Hereinspaziert!

Wann waren Sie zuletzt auf Klein-Venedig? Wenn man nicht gerade passionierter Gassi- oder Grenzgänger ist, kommt man eher selten an diesen Ort in Konstanz, der zu einem der schönsten gehört. Doch jetzt gibt es einen Grund für einen Besuch: das Theater Konstanz hat seinen Sommerstandort hier aufgeschlagen: im Zirkuszelt! Darum herum gibt es Liegestühle mit Seeblick, kulinarische Genüsse und einen Hüpfburgenpark.

Man könnte es als Metapher sehen, dass Intendant Christoph Nix nach all den Querelen mit der Stadt das alljährliche Freilufttheater nicht mehr in deren Mitte platziert. Bislang gab es dies ja im Herzen von Konstanz zu sehen, direkt am Münsterplatz, zentral gelegen, bestens besucht. Aber nach all dem Trubel der letzten Zeit scheint die Stadtmitte kein geeigneter Standort mehr zu sein. Das Theater verzieht sich in einen Außenbereich. Auf Klein Venedig schafft das Theater zusammen mit einem Wanderzirkus einen Ort, der fast ein Konzerthaus ersetzen könnte: in und um das Zelt des Circus Salto-Mortale herum finden Inszenierungen des Theaters statt.

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Mit der Zirkusfamilie Bügler verbindet Nix eine langjährige Freundschaft sowie eine große Solidarität. „Die Zirkusleute sind abgehängt von der Gesellschaft, keiner interessiert sich für ihre Bedürfnisse. Sie haben keine politische Lobby und gehen unter“, sagt der Intendant beim Pressegespräch zum Sommertheater. Dass Zirkusfamilien nur schwer leben können von ihrer Arbeit, ist bekannt, doch dass es politische Entscheide gibt, die es nahezu unmöglich machen, weiß fast niemand. So scheitern sie beispielsweise an der Bürokratie, wenn sie ein Auto anmelden wollen, aber keinen festen Wohnsitz nachweisen können – und die Wägen sind nun mal das Must-Have eines fahrenden Volkes. Es gibt keine staatlich subventionierten Winterlager und auch die Unterrichtsregelungen für die Zirkuskinder sind nicht optimal, da diese von Ort zu Ort auch die Schulen wechseln. Es ist also nicht einfach, ein Leben für die darstellende Kunst, verlassen von der Politik, so Nix. Er solidarisiert sich mit dem Zirkus und sieht ein gemeinsames Thema: den Zwiespalt zwischen Sicherheit und Kunst.

Freiluftstück mit Blick auf das Zirkuszelt

Dieser wird im Open-Air-Theater mit dem Stück „Katharina Knie“ auf die Bühne gebracht. Die Geschichte erzählt von der gleichnamigen Tochter einer Zirkusfamilie, die beim Stehlen von Futter für ihren Esel vom Bauern erwischt und zu einem Jahr sesshaftem Hofleben verdonnert wird. Es kommt, was kommen muss: die Liebe. Und so steht sie nach Ablauf der Frist vor einer schweren Entscheidung. Sicherheit oder Kunst? Sesshaft sein oder herumreisen? Bauernhof oder Zirkus? Regie führt Martina Eitner-Acheapong – bekannt aus Fernsehproduktionen wie Tatort oder Stromberg und bereits mit „Die Vermessung der Welt“ regieführend am Konstanzer Theater. Sie verspricht dem Publikum einen melancholischen und traumhaften Abend hinter dem Zirkuszelt, das als Kulisse dient, mit Liveband und Akrobatiknummern der Zirkusfamilie aber garantiert kein „Henkeltöpfchensommertheater“! Beginn ist jeweils um 21 Uhr, Premiere am 29. Juni.

Clowntragödie in Schwarz und Weiß

Im Zelt selbst findet die Inszenierung von „Foottit und Chocolat“ statt. Es wird die Geschichte des ersten dunkelhäutigen Clowns erzählt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus der Sklaverei entflohen und als Clown auf den Bühnen Frankreichs zu sehen war. Es ist eine Geschichte von Freundschaft, von Menschlichkeit und von der Lebensparabel des Erfolgs, an dem viele Biografien zerbrechen, erklärt der Schweizer Clown Olli Hauenstein, der Foottit spielt. Ramsés Alfa begibt sich in die Rolle von Chocolat, dessen reale Vorlage übrigens auch der erste Krankenhausclown war. Begleitet wird auch diese Inszenierung von einer Band, Beginn ist jeweils um 20 Uhr, Premiere ist morgen, 15. Juni.

Fischi, Fischi, Fischi!

Für Kinder ab sechs Jahren gibt es das Stück „Sagt der Walfisch zum Tunfisch“, das sich auf einen beliebten Kinderwitz bezieht, der so weitergeht: „Was soll ich tun, Fisch? – daraufhin erwidert der: Du hast die Wahl, Fisch!“ Mit ähnlicher Sprachakrobatik geht es hier um die Figuren Ich und Du, die gemeinsam auf die Arche wollen, wo Noah nur die hineinlässt, die gut Witze erzählen können. Ich scheitert daran und Du bleibt letztlich bei ihm. Es geht also um Beziehungen, um ein Miteinander und um die Suche nach einer gemeinsamen Sprache. Der ambitionierte Text des preisgekrönten Autors Carsten Brandau verlangt den Schauspielern einiges ab, die Regisseurin Nora Bussenius zeigt aber sehr viel Spaß bei der Entwicklung der Inszenierung. Premiere ist am 23. Juni um 15 Uhr.

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Neben den Inszenierungen des Theater Konstanz präsentiert der Circus Salto Mortale bis zum 21. Juni täglich ab 14 Uhr einen Hüpfburgenpark – ein lustiges Ferienvergnügen, schon selbst ausprobiert – und auch die eigenen Zirkusshows werden gezeigt: am Sonntag, 14. Juli um 19 Uhr, sowie am Donnerstag, 25. Juli um 20 Uhr. Hier gibt es 208 Jahre Zirkustradition zu sehen und auch hier ist das Motto: Hereinspaziert! Auf ins Zirkuszelt!

Veronika Fischer (Foto: Theater Konstanz/Ilja Mess)