Arktisches Gekrächz und Walzerseligkeit

Britten und Schostakowitsch Seit‘ an Seit‘. Eine Sinfonie von Svendsen. Die Saison 2019–2020 der Südwestdeutschen Philharmonie trägt ganz die Handschrift des neuen Gespanns Insa Pijanka und Ari Rasilainen, die mit ihrer Mischung aus Bekanntem und Raritäten für Konstanz neue Akzente setzen. In den Orchesterkonzerten wird Mahler ebenso ausgiebig gehuldigt wie skandinavischen Komponisten. Außerdem im Programm: Weihnachtsmusik vom „Rat Pack“, Glamrock von „Queen“ und auch mal Walzerseligkeit satt.

Leonard „Lenny“ Bernstein (1918-1990) war einfach cool, ja er war eine der coolsten Erscheinungen, die die Klassikszene jemals hervorgebracht hat. Begehrt von Männlein wie Weiblein, als Komponist vor allem mit seiner „West Side Story“ extrem erfolgreich, aber auch als Dirigent weltweit bewundert – selbst wenn skeptische Stimmen gelegentlich fragten, was er außer Mahler und seinen eigenen Werken denn besser dirigiere, als dies andere taten. Kurzum, er war ein echter Sonnenschein und künstlerisch wie finanziell ziemlich erfolgreich.

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Radical Chic

Außerdem aber war Lenny auch noch ein Jet-Set-Liberaler von der Sorte, wie sie im New York und Hollywood der sechziger und siebziger Jahre einfach in Mode waren. Anders als Karajan, der Hohepriester seiner selbst mit einigen ziemlich klebrigen braunen Flecken auf der angeblich so weißen Weste, war Lenny leutselig und humorvoll und hatte einen Sinn für Normalmenschen, wie seine unterhaltsamen Einführungen in die Musik noch heute beweisen.

Da verstand es sich fast von selbst, dass auch er eines Tages eine Spenden-Party gab, auf der er seine reichen Freunde mit einigen Black Panthers zusammenbrachte, die dort viel Geld einsammeln wollten. Die Black Panthers in einem feinen Luxusapartment, das war natürlich obercool, ganz abgesehen von ihren sensationellen Frisuren und dem Flair echter Straßenkämpfer in höchst gediegenem Ambiente. Also gingen sie rum, machten etwas Smalltalk und hielten die Klingelbeutel auf, und alles war in allerbester Stimmung.

Die allerdings dauerte nur genau so lange, bis einer der Black Panther in einer launigen Rede erklärte, sein Kampf sei kein Rassen-, sondern ein Klassenkampf, und nach der hoffentlich baldigen Revolution würden die Reichen allesamt enteignet, aber das aller Voraussicht nach nicht mit dem Klingelbeutel. Betretenes Schweigen.

Irgendwie war der Abend danach nicht mehr ganz derselbe, wie Tom Wolfe in seinem umwerfenden „Radical Chic und Mau-Mau bei der Wohlfahrtsbehörde“ notierte – so hatten Lenny und die Seinen sich die coolen Straßenkämpfer denn doch nicht vorgestellt.

Eros versus Liebe

Als Komponist war Bernstein wesentlich erfolgreicher denn als Gastgeber. In Harvard hatte er nicht nur Musik studiert, sondern unter anderem auch Philosophievorlesungen besucht, und so lag es denn nahe, gelegentlich auch mal den Bildungsbürger, der er durchaus war, zu markieren. In diesem Sinne schrieb er Anfang der 50er Jahre die Serenade für Violine, Streichorchester, Harfe und Schlagzeug nach Platons „Gastmahl“. Das Stück hört sich allerdings, wer will’s Bernstein verübeln, eher nach sentimentaler neuzeitlicher Liebe als nach versoffenem, (k)nackigem altgriechischem Eros an. Die Südwestdeutsche Philharmonie spielt diese Serenade im dritten Saisonkonzert zusammen mit Werken von Waxman, Copland und Duke Ellington.

Im Neujahrskonzert sowie im Februar 2020 gibt es dann Walzer satt, und AnhängerInnen des Glamrock sind bereits vorher im Lustschloss, im Bodenseeforum sowie im Milchwerk in Radolfzell zu einer Hommage an Freddy Mercury eingeladen, wo Orchester und Band es ordentlich krachen lassen wollen. Außerdem gibt es in der Reihe „Unlimited“ eine Weihnachtsshow mit den öligsten Weihnachtsschnulzen vom Broadway und aus Las Vegas.

Arktische Vogelstimmen

Die neue Saison hat aber auch einiges an eher unbekannter Musik zu bieten, die – wen wundert’s? – oft skandinavischen Ursprungs ist. Aulis Sallinen (*1935) etwa ist hierzulande Terra incognita. Von ihm gibt es eine Rhapsodie aus seiner Oper „Palast“ auf ein Libretto von Hans Magnus Enzensberger und Irene Dische, die Ari Rasilainen bereits vor geraumer Zeit im Rahmen einer Gesamteinspielung von Sallinens Sinfonien auf CD gebannt hat. Anders als Sallinen ist Johann Severin Svendsen (1840–1911) als echtes One-Hit-Wonder bekannt, denn seine Violinromanze op. 26 hat sich als unverwüstlich erwiesen. Im zweiten Philharmonischen Konzert steht aber nicht dieser Ohrwurm, sondern dessen 2. Sinfonie an – und damit eine echte Rarität zumindest in deutschen Konzertsälen.

Ein Werk von Einojuhani Rautavaara (1928–2016) gar eröffnet das erste Konzert der Saison. Dieser Abend fällt ohnehin gänzlich aus dem gewohnten Rahmen, denn es gibt kein Solokonzert zu hören, sondern Schuberts „Unvollendete“ plus Mahlers 1. Sinfonie. Und eben Rautavaaras verblüffenden „Cantus arcticus“, eine Art Konzert für Vogelstimmen-Solo und Orchester, in dem die Vögel vom Band eingespielt werden. Das gibt einen ziemlich schrägen Sound, wenn man die Viecher richtig schön laut dreht, zumal auch Möwenscharen und Schwäne zu hören sind, Federvieh also, dem man anders als etwa der Nachtigall nicht gerade musikalisches Gespür nachsagt – und das zudem nur von geringem kulinarischem Interesse ist.

Aber das musste ja so kommen, denn Rautavaaras Werk trägt die Opuszahl 61, und was ist das berühmteste Werk mit dieser Opuszahl? Nein, nicht der „Sommernachtstraum“ samt Hochzeitsmarsch von Mendelssohn, auch nicht Schumanns 2. Sinfonie und schon gar nicht das 3. Violinkonzert von Camille Saint-Saëns. Es ist – richtig: Beethovens Violinkonzert, dessen letzter Satz ja vom Zungenschlag der Amsel inspiriert worden sein soll. Tradition verpflichtet eben.

H. Borges (Text & Foto)


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Das Programmheft für die nächste Saison erscheint ca. Mitte Juni. Abos (bis 14.07. mit 10% Zusatzrabatt): Montag bis Freitag 09.00-12.30 Uhr unter +49 7531 900-816 oder im Gebäude der Philharmonie am Fischmarkt 2 in Konstanz. E-Mail: abo@konstanz.de. Einzelkarten werden ab 12. September verkauft. Weitere Informationen: www.philharmonie-konstanz.de/