Ist Karl Marx grandios gescheitert? (I)

Der bedeutende Denker, Philosoph und Ökonom Karl Marx hat ein unvollendetes Werk hinterlassen – das später von anderen mehr oder weniger zutreffend oder grausam schablonenhaft interpretiert wurde. Seine These, dass der Kapitalismus an seinen inneren Widersprüchen scheitern werde, hat sich jedenfalls nicht bewahrheitet – bisher nicht. Was bleibt nun von seinem Hauptwerk „Das Kapital“? Zwei Konstanzer Wissenschaftler – Ivan Glaser und Herbert Rünzi – haben Marx erneut analysiert.

Vor mehr als fünfzig Jahren machten sich kleine Grüppchen an deutschen Unis zu einer neuen Beschäftigung mit dem Marx’schen „Kapital“ auf. Mittlerweile sind diese Bemühungen auch mit einem Etikett versehen worden: „Neue Marx-Lektüre“. Auch an der Konstanzer Universität wurde die neue Kapital-Lektüre betrieben – ein Kreis junger WissenschaftlerInnen um Volkbert M. („Mike“) Roth arbeitete sich an den „blauen Bänden“ ab, wie die Marx-Engels-Werke aufgrund ihrer Einbandfarbe genannt werden. Zahlreiche Projektberichte und Veröffentlichungen sind aus diesem Nachdenken hervorgegangen, mittlerweile weitgehend vergessen und in Bibliotheken eingemottet. Aber ein toter und verscharrter Hund ist Marx dennoch nicht, wie zwei neue Veröffentlichungen dokumentieren.

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Der lange in Konstanz lebende und lehrende Philosoph und Jurist Ivan Glaser, zeitweise selbst Teil des genannten Theoriekreises, hat in diesem Jahr eine provokative Streitschrift vorgelegt, Titel: „Marx‘ Verabschiedung des Historischen Materialismus im ‚Kapital'“. Der schmale Band enthält mehrere Essays, in denen Glaser nachweisen will, dass erstens Friedrich Engels eine unlautere Editionsarbeit betrieb, zweitens Marx seine wissenschaftlichen und seine revolutionären Absichten nicht trennen beziehungsweise unter einen Hut bringen konnte und drittens im marxschen Werk implizit eine Theorie enthalten ist, die die kapitalistische Gesellschaft deswegen rechtfertigt, weil in ihr der technische Fortschritt immer weitergetrieben werden kann.

Herbert Rünzi hingegen formuliert in seiner minutiösen und umfangreichen Analyse des marxschen Hauptwerks gleichfalls grundsätzliche Einwände, die sich aber nicht als Beitrag zu einer Legitimationstheorie verstehen, sondern eine stimmige wissenschaftliche Theorie der bürgerlichen Gesellschaft intendieren. Doch der Reihe nach.

Das unvollendete Werk – ein Torso

Die meterlangen Marx-Bände in Bibliotheken vermitteln ein falsches Bild. Obwohl Marx ein unermüdlicher Arbeiter und brillanter Kopf war, sind die meisten Werke, die die Bücherregale füllen, erst nach seinem Tode erschienen. Marx tat sich schwer, seine Forschungsarbeiten abzuschließen und in Druck zu geben. Dies gilt auch für das „Kapital“. Nur den ersten der drei Bände hat Marx selbst veröffentlicht. Für diesen Band des Kapitals konnte er noch eine deutschsprachige überarbeitete zweite Auflage publizieren sowie die Übersetzung ins Französische (mit eigenhändigen Korrekturen) und ins Russische betreuen. Die Bücher zwei und drei gab schlussendlich Friedrich Engels, sein Kampf- und Denkgefährte, heraus.

Es gelang Engels innerhalb von zwei Jahren, den zweiten Band des Kapitals, der sich mit der Zirkulation des Kapitals beschäftigte, zu editieren. Der dritte Band, der den Gesamtprozess des Kapitals thematisiert, machte ungleich mehr Mühe, da die Manuskriptenlage deutlich schlechter war. Neun Jahre dauerte es, bis der dritte Band (1894) dann endlich erschien. Er ist weniger aus einem Guss als der zweite Band, dies ist schlicht dem diffusen Ausgangsmaterial geschuldet. Das Werk endet dann auch mit der lapidaren Bemerkung: „Hier bricht das Ms. [Manuskript] ab.“ Ein Ganzes ist „Das Kapital“ keineswegs, es blieb unvollendet, und wer die jeweiligen Vorworte liest, erfährt, dass die Werke posthum und nicht von Marx selbst veröffentlicht wurden. Dennoch sind es Schriftstücke aus marxscher Feder.

Der Nachlass von Marx war ein veritables Verhau – Tonnen von Material (wie Statistiken zum Grundeigentum in den USA und in Russland) und ein kaum zu überblickender Wust an Manuskripten, Notizen und Kritzeleien vermachte er der Nachwelt. Marx interessierte sich für Alles und Jedes, das nur im Entferntesten seine Forschungsarbeiten betraf. Mit diesem Berg an Papieren durften sich Engels und die Marx-Tochter Eleanor, genannt Tussy, herumschlagen.

Marx hatte kein Vermächtnis abgefasst und es gibt kein Schriftstück, das regelt, wer für seinen geistigen Fundus verantwortlich ist. Gemäß seiner mündlichen Aussage sollten sich Tussy und Engels um die Publikation seiner Werke kümmern. Eleanor Marx wurde schließlich von den englischen Behörden als legitime Vollstreckerin eingesetzt.

Engels und die Editionsarbeit

Ivan Glaser nimmt diese unübersichtliche, aber auch anspruchsvolle Ausgangslage zum Anlass, um Engels als legitimen Editor der marxschen Manuskripte in Frage zu stellen. Die Vorwürfe gegenüber Engels gipfeln in der Bemerkung: „Engels hat geradezu bedenkenlos alles ausgeschüttet, was er im Sack dieses Nachlasses vorfand, wohl aus der Überzeugung heraus, als authentischer und unumstrittener Sachwalter auftreten zu können“ (S. 26), sowie in der Aussage, dass „Das Kapital“ als ein umfassendes Ganzes „nach Marx´ Tod von Engels erfunden werden“ (S. 60) musste.

Mag sein, dass Engels in der Datierung und Editierung einzelner Manuskripte Fehler beging, kein Wunder angesichts der Mammutaufgabe. Aber was wäre die Alternative gewesen? Die marxschen Manuskripte der nagenden Kritik der Mäuse zu überlassen? Wer hätte die Kritzeleien und Hieroglyphen von Marx überhaupt entziffern können, wer war mit seinen Gedanken und Überlegungen besser vertraut? Es war Marxens Wille, dass Engels die Manuskripte in eine druckreife und lesbare Form bringt, und Engels wiederum war überzeugt, dass die bahnbrechenden Ideen seines genialen Freundes unbedingt das Licht der Welt erblicken müssten.

Glaser nimmt die Aussage von Marx aus dem Jahr 1866: „Obgleich fertig, ist das Manuskript, riesig in seiner jetzigen Form, nicht herausgebbar für irgendjemand außer mir, selbst nicht für Dich“ (S. 2), als wäre sie in Stein gemeißelt und würde auch noch 1883 (in Marx’ Todesjahr) dessen letztem Willen entsprechen. Dies unterschlägt zum einen, dass Marx nach der Herausgabe des ersten Bandes noch intensiv am Manuskript für den zweiten Band arbeitete und vergisst zudem die Eitelkeit und das nicht geringe Selbstbewusstsein von Marx, der sich den intellektuellen Zeitgenossen weit überlegen fühlte – und dies nicht zu Unrecht. In einem weiteren Essay nimmt Glaser den Frontalangriff auf Engels wieder zurück und lobt die „formal gesehen vorbildlich gelungene Kompilation des 2. Buches. (…) Auf souveräne Weise fügte er dort Partien aus verschiedenen Manuskripten zusammen, die vom Zeitpunkt ihrer Entstehung her bis zu ca. 10 Jahren auseinanderlagen“ (S .67). Man fragt sich, was gilt denn nun: Engels, der „intellektuelle Erbschleicher“ und „raffinierte Mythenbildner“? Oder der souveräne Editionsarbeiter?

Es drängt sich der Eindruck auf, dass Glaser zwar auf Engels „einschlägt“, aber im Grunde die Kanonisierung der Marx-Engels-Werke durch die Epigonen und insbesondere im späteren Sowjetreich meint. Marx und Engels wurden dort zu Ikonen der sozialistischen Weltauffassung stilisiert, aber darauf hatten weder Marx noch Engels Einfluss.

Das Verstummen – der Wissenschaftler enttäuscht den Revolutionär

Glaser belässt es nicht bei den letztendlich müßigen „Vorwürfen“ gegenüber Engels. Bedeutsamer ist der von ihm behauptete Grund dafür, dass Marx sein Hauptwerk nicht abschloss, sondern als Torso hinterließ. Glaser fällt auf, dass Marx den ursprünglichen Plan, die jetzigen Bände 1 und 2 des „Kapitals“ in einem Band herauszubringen, aufgab, und stattdessen den ersten Band mit historischem Material zum Arbeitstag sowie zur Entwicklung von Maschinerie und Industrie aufblähte, um dem Verleger ein respektables Manuskript vorlegen zu können. In Briefen gab Marx zwei Erklärungen für diese Ausweitung an: Zum einen machten ihm seine Karbunkel schwer zu schaffen – er konnte nicht theoretisch arbeiten, aber zur Einarbeitung historischen Materials reichte es allemal, und zum anderen gefiel es ihm, bislang nicht benutzte amtliche Quellen auszuschlachten, um die erbärmlichen Lebensumstände des englischen Proletariats detailliert zu illustrieren.

Die marxschen Erläuterungen lässt Glaser nicht gelten, vielmehr unterstellt er Marx, dass er mit seinem Hauptwerk zeigen wollte, dass a) der Kapitalismus unvermeidlich und von selbst zusammenbricht und b) zu einer neuen höheren, sprich sozialistischen Gesellschaftsform führen muss. Der Revolutionär Marx habe von dem Wissenschaftler Marx den untrüglichen Beweis bekommen wollen, dass der (verhasste) Kapitalismus dem Untergang geweiht sei. Doch die Arbeit am „Kapital“ förderte, so Glaser, gerade die gegenteilige Erkenntnis zutage: Das kapitalistische System geht nicht an sich selbst zu Grunde, vielmehr kennt es Mittel und Wege, sich zu reproduzieren und immer wieder neuen Schwung zu holen. Für einen systembedingten Zusammenbruch spricht nichts. Was blieb dem Wissenschaftler Marx zu tun? Arbeit am Kapital einstellen und aufgeben. Die wissenschaftliche Fundierung des Sozialismus sei missglückt, und so bliebe, laut Glaser, nur das Verstummen.

Diese These besagt, dass Marx bewusst auf die Fertigstellung seiner Theorie zum Kapital verzichtete, weil ihm das Resultat aus praktischen Überlegungen missfiel. Diesen Standpunkt soll er dann mehr als 15 Jahre für sich behalten und die engsten Vertrauten, die auf den nächsten Band gespannt warteten, jeweils an der Nase herumgeführt haben.

Bevor wir diesen Gedanken weiter vertiefen und inhaltlich erörtern, kurz eine eher biographische Einordnung. Natürlich kennt Glaser den marxschen Briefwechsel genau. Und so weiß er, dass Marx etwa in einem Brief im Jahre 1879 als Erklärung fürs Nichterscheinen der weiteren Bücher folgendes anführte:

a) Die Zensur würde ein Erscheinen in Deutschland nicht zulassen; dies käme ihm aber gerade recht, weil er
b) unter keinen Umständen den II. Band veröffentlichen wollte, bevor die damals herrschende industrielle Krise in England ihren Höhepunkt erreicht hätte. Die Verhältnisse müssten ausgereift sein, bevor man sie theoretisch durchdringen könne;
c) das Material, das Marx aus Russland und den USA erhielt, gab ihm, wie er selbst sagte, den „Vorwand“, seine Untersuchung weiterzutreiben, anstatt sie abzuschließen und zu veröffentlichen; der Arzt riet ihm überdies eindringlich, seinen Arbeitstag stark zu verkürzen.

Glaser erwähnt zwar, eher zweifelnd, die Zensur (Punkt a), lässt aber die folgenden Punkte unerwähnt. Generell scheint er dem Gedanken nichts abgewinnen zu können, dass die wiederkehrenden Krankheitsphasen, die nicht immer einfachen familiären und finanziellen Verhältnisse, gepaart mit der (Zwangs-)Vorstellung, immer die aktuellsten Entwicklungen und Theorien zu kennen und einzuarbeiten, zu einem Befinden führten, in dem Marx weder das enorme empirische Material noch die theoretische Weiterentwicklung meistern konnte und schlicht ermattete.

Ulrich Weigel (Bild: John Jabez Edwin Mayall / Public domain)

Im zweiten Teil seiner Rezension, die morgen erscheint, geht unser Autor der Frage nach, ob Marx tatsächlich (und wider Willen) die kapitalistischen Zustände legitimiert hat – und zu welchen Ergebnissen die Analyse von Herbert Rünzi kommt.


Glaser, Ivan: „Marx‘ Verabschiedung des Historischen Materialismus im Kapital. Die Geschichte eines Verstummens“. Wien: LIT Verlag 2020, 112 Seiten, 24,90 Euro.

Rünzi, Herbert: „Mit Marx über Marx hinaus. Zur Kritik und Korrektur von Marx‘ Theorie der bürgerlichen Gesellschaft“. Hamburg: tredition 2019, 616 Seiten, gebunden 30,99 Euro, kartoniert 22,99 Euro.