Hinter dem Zero ein Nero (I)

Er hat ausgedient – vielleicht ja bald auch in Konstanz? Nicht überall, aber zumindest gelegentlich verschwinden weitere Hindenburgplätze und -straßen aus dem Stadtbild. Angemessen wäre es allerdings, gleichzeitig eine Umbenennung zugunsten ausgemachter Kritiker des Reichspräsidenten vorzunehmen. Doch dazu kommt es in diesem Land eher nicht. Ein Plädoyer für die Namensänderung von Straßen und Plätzen, die nach dem Kriegsverbrecher und Reichspräsidenten Paul von Hindenburg benannt sind.

Hindenburgstraßen und -plätze gibt es zwar nicht wie Sand am Meer – aber immer noch zu viele: in nahezu sechzig deutschen Städten und Kleinstädten. Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR oder in den nach 1945 polnisch gewordenen, ehedem deutschen Regionen sucht man sie vergebens. Hier hat man sie nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschafft, niemand kräht seither nach ihnen. Anders in Westdeutschland. Umbenennungen führen in der Regel zu Auseinandersetzungen, landen auf der langen Bank oder nehmen einen stillen Verlauf. So etwa in Stuttgart, wo die Schriftzüge auf der Fassade des ehemaligen Hindenburgbaus zwar von der Eigentümerin, der LBBW-Immobilien, gemäß einem Gemeinderatsbeschluss 2010 entfernt, Vorschläge aber, das Geschäftshaus nach einer Persönlichkeit wie Carl von Ossietzky, Willi Bleicher oder Clara Zetkin zu benennen, in den Wind geschlagen wurden. Im selben Jahr hat der Gemeinderat Paul von Hindenburg die ihm 1933 verliehene Ehrenbürgerwürde mit einer Gegenstimme der „Republikaner“ aberkannt.

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Schwäbische Sparsamkeit

Wie eine Provinzposse liest sich der Streit um die Hindenburgstraße in Stuttgarts Nachbarstadt Esslingen. Statt einer Umbenennung will man eine Informationstafel aufstellen. Die beschämend vorgeschobene Erläuterung: Man wolle „die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte am Laufen halten“. Die Bewohner hätten nach einer Umbenennung ihre Adressen, Briefbögen, Visitenkarten etc. ändern müssen. Auch die Geschäftsleute wären betroffen: „Wir hätten“, so der Metzger Rainer Mayer an der Ecke zur Schondorfstraße, „alle Rechnungsvordrucke ändern müssen, den Internetauftritt, die Tragetaschen, das Firmenlogo, die Adressdateien, wir hätten umfirmieren müssen und vieles mehr.“

Republikanische Traditionspflege? Wozu? Kostet doch nur Geld. Das Hemd sitzt vielen Bürgern eben näher als der Rock. Wenn man bedenkt, dass die Straße erst Ende 1933, also von den Nazis, den Namen Hindenburgs bekam – zuvor hieß sie Klara- sowie Oberesslinger Heusteigstraße –, so muss man hinzufügen, dass die Esslinger wohl lieber an Nazibeschlüssen festhalten, als sich eines Besseren zu besinnen. Unklar ist bloß, welches Ausmaß der Schildbürgerstreich hat, gleich mehrere Hinweisschilder anzubringen. Die Argumentation wirkt hirnrissig. Man hält einen Mann aus diversen Gründen für „fragwürdig“, attestiert ihm, „ein aktiver Wegbereiter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ gewesen zu sein – gleichwohl will man ihn bzw. seinen Namen in der Stadt nicht missen.

Auch in Mainz finden inzwischen Bürger, vertreten durch die Ortsbeiratsfraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke, dass es Hindenburg nicht gebühre, seinen Namen der etwa 700 Meter langen Prachtstraße auch weiterhin zu verleihen. Er gehöre, so die Ortsbeirätin Clara Wördsdörfer, „als Steigbügelhalter Hitlers eindeutig nicht mehr zum Kreis derer, auf die wir uns traditionsbildend berufen sollten“. Recht hat sie, aber ein bloßer „Steigbügelhalter Hitlers“ war Reichspräsident Hindenburg beileibe nicht. In Mainz musste 1916 die Bonifaziusstraße, die bis dahin an den Mainzer Bischof erinnert hatte, dem im Gefolge der Schlacht von Tannenberg propagierten Hindenburg-Mythos weichen.

Ehrenbürgerschaft aberkannt

Dass es auch anders geht, zeigte sich kürzlich in Gundelfingen. Hier beschloss der Gemeinderat Ende Januar 2021 einstimmig, Hindenburg die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen, weil er u.a., so die Begründung, dazu beigetragen hat, die Demokratie in Deutschland zu zerstören. Von solcher Einsicht ist die Bundeswehr weit entfernt. Zu ihr ist es bislang nicht vorgedrungen, welch zwielichtige Rolle Hindenburg gespielt hat. Jetzt hat Hermann Fricke aus Hannoversch Münden, schon seit längerer Zeit mit dem Thema Traditionspflege befasst, den Brigadegeneral Christian Freuding aufgefordert, die „Hindenburg-Kaserne“ in Munster bei Soltau umzubenennen. Wir sind gespannt, ob dieser den Namen weiterhin für traditionswürdig hält.

Aufsehen erregte 2015 der Münchner Künstler Wolfram P. Kastner, als er mit zwei Kollegen in Dietramszell/Bayern den 1939 an der Klostermauer angebrachten und von Josef Thorak, dem populärsten Bildhauer im „Dritten Reich“, gestalteten Hindenburg-Kopf demontierte und dem Enkel des Hindenburg-Jagd- und Kriegsgefährten Florian von Schilcher in dessen Garten stellte – versehen mit einer hakenkreuzigen Augenklappe. Die Bürgermeisterin, der Gemeinderat, Trachtenvereine etc. liefen Sturm und wollten den Bronzeschädel sofort wieder anbringen. Doch das scheiterte, weil die Bronze und die Mauer den Salesianerinnen gehört und der Bischof der Erzdiözese München und Freising es den Klosterschwestern aus seelsorgerischen Gründen nicht empfehlen wollte, die Büste wieder am alten Ort anzubringen. Kastner wurde, wie er schreibt „öffentlich symbolisch an einen Galgen gehängt (das ist scheinbar der dort herrschende Galgenhumor), und die Gemeinde eiert seither mit Veranstaltungen und Arbeitskreisen herum und (sie) wissen nicht, was sie tun können, um ihren geliebten Hindenburg wieder öffentlich zu ehren.“

Straßennamen oder Nazi-Relikte können – nicht zuletzt wie im Falle Hindenburgs – Wut und Empörung wecken. Nicht unbedingt in erster Linie für Deutsche, die sich von ihm militärisch und politisch aufs Beste vertreten sahen und sehen. Anders betrachten es Belgier oder Franzosen. Für sie gilt Hindenburg als Kriegsverbrecher und mit Ludendorff als hauptverantwortlich für Untaten, die denen der Nazifaschisten nicht gar so wenig nachstehen.

Wer war Hindenburg?

Hindenburg, 1847 in Posen geboren, ist als Sohn eines preußischen Majors und Gutsbesitzers von Kindheit an nach kurzem Schulbesuch an diversen Kadettenanstalten ausgebildet worden. Als preußischer Leutnant nahm er 1866 an dem von Bismarck provozierten Krieg gegen Österreich, 1870/71 an dem gegen Frankreich teil. Äußerst konservativ gesinnt, wurde er 1897 zum General ernannt. Seit 1911 im Ruhestand, lebte er fortan in Hannover. Im August 1914 als Oberbefehlshaber einer deutschen Armee im Osten reaktiviert, siegte er mit seinen von Stabschef Erich Ludendorff geleiteten Truppen in der Schlacht von Tannenberg. Wilhelm II. ernannte ihn im November 1914 zum Oberbefehlshaber Ost und zum Generalfeldmarschall. Die Begeisterung für das vermeintliche „Wunder“ von Tannenberg diente nicht zuletzt dem Zweck, das Debakel der Marne-Schlacht im Westen von Ende September vergessen zu machen, nach der der Krieg im Grunde verloren bzw. nicht mehr zu gewinnen war. Gleichwohl ließ Hindenburg sich fortan gern als „Retter Ostpreußens“ und „größter Feldherr“ feiern, obwohl er während der von Ludendorff geführten Schlacht geschlafen hatte. 1915 errichteten die beiden in den okkupierten Ostgebieten den Militärstaat Ober Ost, dessen Bevölkerung sie unterdrückten, ausplünderten und zur Zwangsarbeit nach Deutschland verfrachten ließen.

Zugleich waren beide verantwortlich für zahlreiche deutsche Kriegsverbrechen in den Jahren 1916–1918, nachzulesen bei Till Zimmermann in dem von ihm und Nikolas Dörr herausgegebenen Band „Gesichter des Bösen – Verbrechen und Verbrecher des 20. Jahrhunderts“. Dazu gehörten die Durchsetzung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges, die Verschleppung von Zehntausenden belgischen Zwangsarbeitern nach Deutschland, der Einsatz von Giftgas an der Westfront, die unverhältnismäßigen Bombardements von Städten (Paris und London), die Deportation französischer Zivilisten in Konzentrationslager, die systematische Zerstörung und Entvölkerung von Teilen Nordfrankreichs beim Rückzug der Deutschen auf die „Siegfriedlinie“ bzw. „Siegfried“-Stellung im Frühjahr 1917, eine im Spätherbst von Hindenburg und Ludendorff beschlossene „Frontbegradigung“ im Westen (auch „Alberichbewegung“ genannt, hinter der sich die Umwandlung eines etwa 1.800 Quadratkilometer umfassenden Geländestreifens in eine tote, öde Wüste bei gleichzeitigem Abtransport der Bewohner dieses Gebiets verbarg), sowie die mutwillige, im Herbst 1918 und wenige Wochen vor Ende des Kriegs auf dem Rückzug der deutschen Truppen von der Obersten Heeresleitung (OHL) angeordnete Flutung von Kohlebergwerken, die planmäßige Zerstörung von Industrieanlagen, Bahnverbindungen und Obstplantagen. Von Wilhelm II. unbehelligt, errichteten Hindenburg/Ludendorff zudem in Deutschland eine De-facto-Militärdiktatur; innenpolitisch gleichsam den totalen Krieg durchsetzend (Hindenburg-Programm), verursachten sie durch die unnötige Verlängerung des Völkermordens den Hungertod Hunderttausender deutscher Zivilisten.

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Hindenburg, wie es manche, vor allem jüngere Militärs oder Linksintellektuelle taten, als eine Art „Trottel“ oder „Weihnachtsmann“ abzuqualifizieren, wäre zu billig und wohl auch ungerecht. Als Militär keineswegs ein Fehlgriff, war sein Stabschef der überragende Stratege. Ohne Hindenburgs Ruhe und seine Nervenstärke hätte Ludendorff nie so frei walten und schalten können. Hindenburg ließ ihn gewähren und war daher in hohem Maße mitverantwortlich für dessen Anordnungen.

Zu Teil II geht es hier.
Zu Teil III geht es hier.

Text: Helmut Donat (Bilder: Bundesarchiv, Bild 102-14569 / CC BY-SA 3.0 [oben]; Hindenburg, Der deutsche Moloch, Petit Journal, 1915 (c) Donat Verlag)


Literatur

Dieter Hoffmann: Der Skandal – Hindenburgs Entscheidung für Hitler, Bremen 2020.
Till Zimmermann/Nikolas Dörr: Gesichter des Bösen – Verbrechen und Verbrecher des 20. Jahrhunderts. Mit einem Geleitwort von Heribert Prantl, Bremen 2015.