
Nach monatelangem Rechtsstreit veröffentlicht seemoz heute 142 Seiten an Originalunterlagen. Sie werfen ein neues Licht auf die Kontroverse um die Ehrenbürgerwürde für den früheren Nazi-Bürgermeister August Kratt. Während ein Teil des Radolfzeller Gemeinderats die Ehrung (vergebens) widerrufen wollte, gab es im Hintergrund enge Kontakte zwischen der Stadtverwaltung und der Familie Kratt.
Im August 2023 hatte seemoz eine Recherche über den Radolfzeller August Kratt veröffentlicht, der während der NS-Zeit NSDAP-Mitglied und förderndes Mitglied der SS gewesen war und dem 1962 die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen wurde. Daraufhin gab die Stadtverwaltung Radolfzell ein Gutachten über ihren Ehrenbürger in Auftrag. Das von der Historikerin Carmen Scheide verfasste Gutachten löste eine kontroverse Debatte über das Gutachten und den Umgang mit Kratts NS-Vergangenheit aus: Soll ihm posthum der Ehrentitel aberkannt werden? Im Juni 2025 entschied sich der Radolfzeller Gemeinderat dagegen.
Bereits vor der Abstimmung hatte seemoz immer wieder nachgefragt: Sind alle relevanten Fakten bekannt? Kennen die Stadträt:innen und die Öffentlichkeit die Hintergründe? Gab es Absprachen zwischen der Stadt und der Familie Kratt? Doch die Stadtverwaltung mauerte, forderte Belege für die journalistische Tätigkeit, stellte horrende Kosten in Aussicht – und hüllte sich in Schweigen. Erst jetzt, nach einem längeren Rechtsstreit, kann seemoz auf Basis eines Antrags nach dem Landesinformationsfreiheitsgesetz interne Unterlagen veröffentlichen.

Sie geben einen detaillierten Einblick in die nicht überraschenden, aber sehr engen Abstimmungen zwischen der Bürgermeisterin Monika Laule und der Familie Kratt („Lieber Hermann“, „Hallo Monika“, „Grüße über den Marktplatz“).
Stümperhafte Zensurversuche
Die Unterlagen, die von der Stadtverwaltung freigegeben wurden, waren teilweise geschwärzt, allerdings ohne professionelle Tools: Allem Anschein nach hatte jemand die ausgedruckten Unterlagen erst mit einem Filzstift übermalt und dann eingescannt. Danach muss der Stadtverwaltung aufgefallen sein, dass die gelöschten Stellen durchscheinen, die Inhalte somit sichtbar geblieben sind.
Also nahm die Verwaltung eine neue, digitale Schwärzung vor – jedoch ebenso wenig professionell. Sie schwärzte die nur gräulichen Markierungen im gescannten PDF-Dokument lediglich mit der Kommentar-Funktion und schickte die Unterlagen in dieser Form an seemoz. Die auf diese Weise scheinbar verdeckten Informationen ließen sich jedoch einfach wieder sichtbar machen, so dass die vermeintlichen Löschungen lesbar wurden.
Radolfzeller Schwärzungen
Die Schwärzungen der Stadtverwaltung ließen sich einfach löschen, weil sie nur per Kommentierfunktion ergänzt wurden (zum Beispiel bei Adobe Acrobat über die „Entfernen“-Taste). Die Schwärzungen waren überwiegend ohnehin rechtswidrig; lediglich einzelne Stellen hat seemoz ordentlich nachgeschwärzt, beispielsweise Handynummer oder private (E-Mail-)Adressen. An den Stellen, an denen seemoz Schwärzungen vorgenommen hat, wurden die bereits vorhandenen Schwärzungen der Stadtverwaltung automatisch gelöscht – ursprünglich war jede Nennung des Namens „Hermann Kratt“ von der Stadtverwaltung geschwärzt worden. Seine persönliche E-Mail-Adresse hat seemoz unkenntlich gemacht.
Die rechtlich notwendigen und sinnvollen Schwärzungen haben weder 32 noch 4 Arbeitsstunden in Anspruch genommen, sondern nur 45 Minuten gedauert.
Im Ergebnis waren also beide Durchläufe umsonst. Das macht aber nichts, weil die Schwärzungen ohnehin überwiegend rechtswidrig waren: Die Namen und E-Mail-Adressen von behördlichen Mitarbeitenden und der Gutachterin Carmen Scheide müssen zugänglich bleiben. Dass Hermann Kratt sich für die Beibehaltung der Ehrenbürgerwürde seines Großvaters eingesetzt hat, ist ohnehin öffentlich bekannt.
Kuhhandel mit der Ehrenbürgerwürde?
Außer der Feststellung, dass die Stadt und die Familie Kratt in ständigem Austausch standen, ist an den Unterlagen vor allem das Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 18. Oktober 1962 interessant. In dieser nichtöffentlichen Sitzung entschied der damalige Gemeinderat, August Kratt die Ehrenbürgerwürde zu verleihen. Dieses Protokoll wurde dem Gemeinderat auf Wunsch der Grünen-Fraktion des Radolfzeller Gemeinderats als Anlage zur Verfügung gestellt; zudem sandte es die Stadtverwaltung zur Kenntnisnahme auch an Herrmann Kratt und veröffentlichte es im Informationsratssystem.
Aus dem Protokoll geht zweierlei hervor:
● Die Schenkung des Grundstücks am Libellenweg von August Kratt an die Stadt und die Mitfinanzierung des Altenheims auf eben diesem Grundstück knüpfte August Kratt an Bedingungen bezüglich der Bebauung, welche die Stadt als einengend empfand.
● Der Gemeinderat beschloss am 18. Oktober 1962 die Verleihung der Ehrenbürgerwürde daran zu knüpfen, dass August Kratt seine Bedingungen wieder zurücknimmt: „Die Verleihung wird jedoch davon abhängig gemacht, daß Herr Kratt von den einengenden Bedingungen bezüglich der Bebauung des gestifteten Grundstücks am Libellenweg Abstand nimmt.“ (Anlage 3 für den Gemeinderat, S. 1)
Offensichtlich gab es darüber eine Einigung zwischen August Kratt und der Stadt Radolfzell, denn am 24. Dezember 1962 wurde Kratt die Ehrenbürgerwürde überreicht. Damit erscheint die Darstellung des Gutachtens von Carmen Scheide, dass August Kratt vor dem 24. Dezember 1962 nichts von der Verleihung gewusst habe, als nicht schlüssig.

In ihm heißt es: „Eine andere, bis heute immer wieder formulierte Kritik bezog sich auf eine großzügige Schenkung von Kratt an die Stadt Radolfzell unmittelbar vor seiner Ehrung, die den Anschein erweckte, dass er sich die Ehrenbürgerwürde erkauft habe. Dieser Vorwurf lässt sich auf der Grundlage von Akten im Stadtarchiv Radolfzell überprüfen und entkräften. Die Verleihung am 24. Dezember 1962 erfolgte in der Wohnung von August Kratt; in den städtischen Akten stand der Vermerk, er hätte nichts davon gewusst und sei sehr überrascht gewesen.” (S. 28–29 des Gutachtens)
Es ist naheliegend, dass August Kratt davon überrascht war, als plötzlich städtische Vertreter*innen unter seinem Weihnachtsbaum auftauchten. Aber daraus zu schließen, dass er nichts von der Verleihung wusste, wirkt angesichts des vorangegangenen Deals unglaubwürdig.
Bürgermeisterin verletzt Redaktionsgeheimnis
Aus den veröffentlichten Unterlagen geht darüber hinaus hervor, wie die Radolfzeller Stadtverwaltung mit journalistischen Recherchen umgeht: Dass Bürgermeisterin Monika Laule in der Causa Kratt schon im vergangenen Sommer durch Behinderung der Presse und verzögerte Antworten auf Pressefragen auffiel, ist nicht neu – seemoz berichtete. Neu dagegen ist das Ausmaß, das die veröffentlichten Unterlagen nun dokumentieren.
Direkt auf Blatt 1 der Unterlagen ist eine E-Mail vom 1. August 2023 von Laule an Hermann Kratt enthalten, mit der sie ihn über Recherchen von seemoz informiert – und das, nachdem das Büro des Oberbürgermeisters dies offenbar bereits zuvor schon einmal getan hatte. Diese Informationen erfolgten zu einem Zeitpunkt, an dem seemoz seinen ersten Bericht noch nicht einmal veröffentlicht hatte:

Die vorzeitige Informierung der Familie Kratt durch Bürgermeisterin Laule setzte sich auch 2025 fort, abermals vor Erscheinen eines Artikels in seemoz, das von einer derart bereitwilligen Kooperation nur träumen konnte:

Mit diesen Warnungen an Hermann Kratt hat die Stadt Radolfzell rechtswidrig das Redaktions- und Recherchegeheimnis von seemoz verletzt. In einer ganz ähnlichen Konstellation hat etwa das Verwaltungsgericht Dresden kürzlich entschieden, dass die dortige Staatsanwaltschaft nicht den damaligen Bundeswirtschaftsminister über Presseanfragen zu einem Ermittlungsverfahren über ihn informieren durfte – vor allem nicht, bevor die Medien selbst ihre Recherchen veröffentlichten.
Abschreckende Bearbeitungsgebühren aufgehoben
Gute Nachrichten gibt es hingegen zur Gebührenforderung der Stadt. Zur Erinnerung: Ursprünglich hatte die Stadt angekündigt, für die Zusammenstellung und Schwärzung der jetzt veröffentlichten Unterlagen Gebühren in Höhe von 1920 Euro zu verlangen, was laut Gebührenordnung der Stadt rund 32 Stunden Arbeitsstunden entspricht (seemoz berichtete).

seemoz vermutete schon damals, dass diese Gebührenankündigung vor allem zur Abschreckung diente – ein Verdacht, der sich bewahrheitete: Am 10. November 2025 übersandte die Stadtverwaltung die geschwärzten Unterlagen und gleichzeitig einen Gebührenbescheid über (nur noch) 240 Euro, was etwa vier Arbeitsstunden entspricht. seemoz erhob auch dagegen einen Widerspruch, der dazu führte, dass die Verwaltung im Januar 2026 die Gebührenfestsetzung vollständig aufhob.
Das ist richtig und gut, hätte aber schon im Juni passieren müssen. Zugleich vermeidet die Stadt damit ein Gerichtsverfahren zur rechtlich interessanten Frage, ob sie Gebühren für (doppelte) Schwärzungen verlangen kann, die sich einfach löschen lassen und damit vollständig unnötig sind.
Was bleibt?
Es bleibt die Erkenntnis, dass es in der Stadt Radolfzell doch Bedingungen für die Verleihung einer Ehrenbürgerwürde gibt: Die Rücknahme von Bebauungsbedingungen. Noch schöner wäre nur die Bedingung, kein Nazi-Bürgermeister gewesen zu sein.
Der E-Mail-Verkehr zwischen Bürgermeisterin Laule und Hermann Kratt dokumentiert das enge Verhältnis, die ständigen Absprachen und die Tatsache, dass die Familie Kratt oft früher als der Gemeinderat informiert wurde, beispielsweise über den Vorentwurf des Scheide-Gutachtens.
Am Ende bleibt trotzdem ein – von der Radolfzeller Stadtverwaltung wahrscheinlich unbeabsichtigter – Sieg der Pressefreiheit über die Intransparenz. Getrübt wird er nur dadurch, dass die erst jetzt veröffentlichten Unterlagen schon vor der Abstimmung des Gemeinderats über die Aberkennung von Kratts Ehrenbürgerwürde den Gemeinderatsmitgliedern und der Öffentlichkeit zur Verfügung hätten stehen müssen: für eine qualifizierte Debatte.
Die Dokumente: Frag den Staat
Die vollständigen Unterlagen sind hier auf der Website von FragDenStaat zu finden.
FragDenStaat ist eine gemeinnützige Organisation, die sich für Informationsfreiheit stark macht: Neben eigenen journalistischen Recherchen, Kampagnen und juristischer Unterstützung unterhält sie vor allem die Plattform FragDenStaat.de, auf der Menschen mit wenigen Klicks Anfragen an alle Behörden nach dem Informationsfreiheitsgesetz stellen und bereits gestellte Anfragen öffentlich ansehen können.
Hier einige Beispiele für die Stadt Konstanz, für das Bundeskanzleramt oder das Verkehrsministerium Baden-Württemberg.
02.08.2023 | Radolfzell: Ein Nazi als Ehrenbürger
11.06.2025 | Petition: Kein Radolfzeller Nazi als Ehrenbürger!
17.06.2025 | Radolfzeller Gemeinderat will Nazi-Bürgermeister als Ehrenbürger behalten
20.06.2025 | Wie viel Nazi darf’s denn sein?
23.06.2025 | Offener Brief zur Frage der Ehrenbürgerwürde von August Kratt
24.06.2025 | Radolfzell: Intransparenz in der Causa Kratt
25.06.2025 | Nazi-Bürgermeister Kratt bleibt Radolfzeller Ehrenbürger
08.07.2025 | Ehre, wem Ehre gebührt?`
Fotos: Kratt in Uniform © Stadtarchiv Radolfzell / alle anderen © Pit Wuhrer

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