Kauflandstreik kn streikposten 2026 05 15 © pit wuhrer

Streikauftakt bei Kaufland Konstanz

Von Pit Wuhrer (Text und Fotos)
Kauflandstreik kn streikposten 2026 05 15 © pit wuhrer

Im Einzel- und Großhandel stehen harte Tarifrunden an. Die Gewerkschaft fordert eine Steigerung des Reallohns, die Unternehmen bieten jedoch bloß eine Anhebung weit unter der Inflationsrate. Ohne Arbeitsniederlegungen wird es also nicht gehen. In Konstanz haben Beschäftigte von Kaufland schon mal damit begonnen.

„Heute ist kein Arbeitstag – heute ist Streiktag!“ Dieser inzwischen etwas betagte Spruch war am Freitag in der Konstanzer Carl-Benz-Straße zu hören. Dort standen knapp dreißig Beschäftigte mit gelben ver.di-Westen vor dem Haupteingang der Kaufland-Filiale. Sie riefen: „Ohne uns kein Geschäft!“, artikulierten lautstark ihre Forderung: „300 Euro mehr!“, und waren sichtlich guter Stimmung.

Sie bekamen einigen Zuspruch von Passant:innen, etliche Konsument:innen hoben den Daumen, Vorbeifahrende drückten solidarisch auf die Hupe und einer, der gerade den Laden verließ, meinte: „500 Euro mehr wären auch angebracht.“ Es war also einiges los an diesem Brückentag, den viele zum Shoppen nutzten. Dreht sich also die Stimmung zugunsten der seit langem unterbezahlten Angestellten im Einzelhandel? Zeit wäre es ja.

Kauflandstreik kn 2026 05 15 © pit wuhrer
Streikposten vor dem Haupteingang (andere stehen beim Parkzugang)

Denn die Beschäftigten leiden schon lange unter schlechter Bezahlung, während gleichzeitig die Arbeitsbelastung zunimmt. Und das soll, wenn es nach den Konzernleitungen und -eignern geht, auch so bleiben. In der gerade begonnenen Tarifrunde haben die Unternehmensverbände in den Tarifgebieten Hamburg und Nordrhein-Westfalen ein erstes Angebot vorgelegt: Sie bieten eine sechsmonatige Nullrunde und danach magere 2 Prozent fürs erste Jahr, danach (ab August 2027) für ein weiteres Jahr 1,5 Prozent mehr Lohn. Das macht bei einer Gesamtlaufzeit von zwei Jahren unter dem Strich ein Prozent Lohnsteigerung pro Jahr.

Die Wache am Eingang

Die Gewerkschaft ver.di nennt die Offerte (zu Recht) „eine Unverschämtheit“. Angesichts einer Geldentwertung von aktuell rund drei Prozent kämen die Verkäuferinnen, Lagerarbeiter und Kassierer:innen schon heute „kaum über die Runden“ – was die Streikenden vor der Kaufland-Filiale im Industriegebiet bestätigen: Schon jetzt fressen Miete, Energie und andere Lebenshaltungskosten die Löhne vollkommen auf.

Dazu kommt, dass zwei Drittel der Lohnabhängigen im Einzelhandel – die rund 800 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften – in Teilzeit arbeiten, weil die Unternehmen kaum noch Vollzeitstellen anbieten. Also haben die Tarifkommissionen von ver.di bundesweit eine Forderung nach sieben Prozent mehr Entgelt beschlossen; in Baden-Württemberg verlangen die Gewerkschaftsmitglieder 300 Euro mehr und 150 Euro für Auszubildende.

Es geht also um viel: Auf der einen Seite um ein halbwegs auskömmliches Leben, auf der anderen um noch mehr Profit. Und so holte die Filialleitung, vom Ausstand offenbar überrascht, einen Security-Mann, der die Zugänge freihalten sollte und sich ständig in der Nähe der Streikposten aufhielt. Das sei während der Corona-Zeit noch ganz anders gewesen, erinnert sich Lars Hofmann, seit kurzem Betriebsratsvorsitzender der Kaufland-Filiale: Damals hatte der Chef keine Sicherheitsleute aufgeboten, um den Eingang zu bewachen und die Konsument:innen um Geduld bitten, weil schon zu viele Menschen im Laden waren – „damals mussten wir ran und die Beschimpfungen der Wartenden ertragen.“

Nur wenige sind tarifgebunden

Auf die Arbeitsbedingungen zur Corona-Zeit hatte Hofmann schon in seiner Rede am 1. Mai in Konstanz hingewiesen: „Während wir in der Pandemie den Laden am Laufen gehalten haben, ist Dieter Schwarz [der Eigentümer von Lidl und Kaufland, d. Red.] um mehr als 14 Milliarden US-Dollar reicher geworden. Das sind grob 12 Milliarden Euro. Und uns wollen sie erzählen, 300 Euro im Monat seien zu viel“, sagte er.

So ungleich und profitgetrieben seien die Verhältnisse heute noch, erläuterte er in seiner Rede: Das Geld sei da, „es liegt nur auf der falschen Seite der Kasse. Aldi, die Schwarzgruppe, Edeka und Rewe kontrollieren den Markt, die Regalplätze, die Preise. Und halten das Personal knapp.“ Am Ende „bezahlen die Beschäftigten und die Kund:innen die Rechnung“.

Der Streik am Freitag war Teil einer bundesweiten Operation von  ver.di, überall im Land standen Lohnabhängige vor den Filialen. Weitere Streiks sind zu erwarten, auch in Konstanz. Viele werden es jedoch nicht sein. Es gibt kaum noch einen lokalen Einzelhandelsbetrieb, der tarifgebunden ist, und nur wenige (darunter Kaufland, Karstadt-Galeria mit eigenem Haustarifvertrag oder Zara) haben die vom Betriebsverfassungsgesetz eigentlich vorgeschriebene betriebliche Vertretung – was zum Teil auch daran liegt, weil manche Firmen wie Edeka Baur aktiv gegen Betriebsratsgründungen vorgingen. Es sind in Konstanz also keine größeren Ausstände zu erwarten. 

Und doch ist Kampfbereitschaft wie bei Kaufland wichtig: Höheres Entgelt in tarifgebundenen Unternehmen hebt erfahrungsgemäß auch die Löhne in anderen Geschäften an. Und so kommt es demnächst wieder zu einer Arbeitsniederlegung. Wann? Antwort einer Streikenden an der Carl-Benz-Straße: „Von mir aus gerne morgen.“

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