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Der 1. Mai in Konstanz: Es geht voran

Von Pit Wuhrer (Text und Fotos)
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Weitaus mehr Teilnehmer:innen als in den letzten Jahren, viel mehr Jungendliche und zahlreiche Reden mit klarer Ansage: Der 1. Mai verlief in Konstanz etwas anders als früher. Und schickte eine Botschaft aus: Wir lassen uns nicht mehr alles gefallen.

Am Anfang standen sie noch gruppenweise auf dem Stephansplatz herum: hier die Linksjugend solid, dort das Offene Antifaschistische Treffen (OAT), weiter hinten die Revolutionäre Linke Konstanz, am anderen Ende das Feministische Antifaschistische Kollektiv (FAK), dazwischen Menschen mit ver.di-Fahne, irgendwo in der Mitte Mitglieder der Konstanzer SPD, nebenan die Linke, und dazwischen jeweils ein paar Meter Platz. Eine beachtliche Zahl von Demonstrant:innen waren zusammengekommen – viel mehr als in den vielen Jahren zuvor und sogar mehr als am 1. Mai 2025, als Kolleg:innen aus dem Thurgau mit zum Stadtgarten marschierten.

Was hatte sie bewogen, sich am Freitagmorgen um 10 Uhr auf dem ansonsten menschen- und autoleeren Platz zu versammeln? Das brachte ver.di-Sekretär Thomas Weisz ziemlich schnell auf den Punkt: die fortwährenden Attacken des Kapitals, die vielen „Reform“-Ankündigungen der Regierung, die bevorstehende Demontage des Sozialstaats und nicht zuletzt der Vorschlag aus der Union, den 1. Mai als gesetzlichen Feiertag abzuschaffen.

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Und so rückten die Menschen auf dem Platz rasch zusammen, als Anna Maria Kübler von der Konstanzer Hochschule HTWG gleich zu Beginn ihrer Rede darlegte, wie sich in letzter Zeit die Lebens- und Arbeitsbedingungen verschlechtert haben. „Die Arbeitsbelastung steigt ständig“, sagte sie, „die Personallücken machen sich zunehmend bemerkbar“, und mittlerweile vergehe kaum eine Woche, „in der unsere Regierung nicht versucht, eine soziale Errungenschaft nach der anderen zu kippen, zu kürzen oder gänzlich abzuschaffen“. 

Willkommenes Kanonenfutter

Gleichzeitig fließe immer mehr Geld in die Rüstung: „Auch die HTWG setzt zunehmend auf Kooperation mit Unternehmen der Verteidigungsindustrie“, kritisierte Kübler, die sich jährlich um eine Verlängerung ihres Arbeitsvertrags bemühen muss – „unter anderem mit Diehl Defence oder Elbit Systems, welche sich, wie viele Firmen in Deutschland, am Genozid in Palästina und den verbrecherischen Feldzügen und Angriffen der israelischen Armee in Libanon, Syrien oder den Iran bereichern“.

Auch deswegen habe der Staat kein ehrliches Interesse daran, „unsere Arbeitsbedingungen zu verbessern. Wir sind kaum mehr als ein zu funktionierendes Rädchen im Getriebe der Profitmaximierung, hier und da noch willkommenes Kanonenfutter, wenn es wieder einmal darum geht, die geopolitische Vormachtstellung im Kampf um die Neuaufteilung der Ressourcen und Absatzmärkte zu sichern.“

Damit war ein Ton gesetzt, der in späteren Reden wieder auftauchen sollte. Doch zuvor, noch auf dem Stephansplatz, erläuterte Till Seiler von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), wie rücksichtslos im grün-schwarz regierten Baden-Württemberg weiterhin mit angestellten Lehrer:innen umgesprungen wird: „Sie werden zu Beginn der Sommerferien entlassen, müssen sich arbeitslos melden, alle Formulare ausfüllen sowie nachweisen, dass sie sich um einen neuen Arbeitsplatz bemühen – und dann werden sie, oh Überraschung, aufgrund des Personalmangels nach den Ferien wieder eingestellt.“ So dürfe mit Beschäftigten nicht umgegangen werden.

Die anerzogene Bescheidenheit

Von den Zuständen in einer ganze anderen Branche berichtete Lars Hofmann bei einem Stopp des 1.-Mai-Umzugs am Bodanplatz. Der neue Betriebsratsvorsitzende bei Kaufland berichtete über die „Wut der Leute“ in den Unternehmen, über den aktuellen Tarifkonflikt im Handel und die Arbeit: „Wenn morgens um vier Ware verräumt wird, wenn Paletten gezogen, Kisten geschleppt, Regale gefüllt und der Laden startklar gemacht wird, dann steckt dahinter körperliche Arbeit, Arbeit, die man im Rücken spürt.“ Gleichzeitig jedoch  „wird an Personal gespart, der Druck steigt, Schichten werden kurzfristig geändert, Überstunden werden zur Normalität“.

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Und das sei kein Zufall, „das ist ein Geschäftsmodell. Genau so funktioniert Kapitalismus. Die einen holen Profit raus, die anderen zahlen mit den Rücken, den Nerven und der Lebenszeit.“ Hofmann erinnerte in seiner Rede auch an die Corona-Zeit. Damals standen die Beschäftigten weiter im Laden, während andere Abstand halten sollten, und mussten sich „mit Infektionsgefahr, Stress, Angst, aggressiven Kund:innen und ständig neuen Regeln“ auseinandersetzen. Sie hätten als systemrelevant gegolten – „doch als aus Anerkennung bessere Bezahlung werden sollte, war von Systemrelevanz plötzlich keine Rede mehr. Da waren wir wieder Kostenfaktor und angeblich zu teuer.“ 

Und dann brachte er einen Punkt ins Spiel, der noch viel mehr Zuhörer:innen verdient hätte: „Das Problem sind nicht unsere Forderungen, das Problem ist diese anerzogene Bescheidenheit, dieses ständige Kleinmachen, dieses Gefühl, bloß nicht viel zu verlangen zu dürfen. Zu hoch sind nicht unsere Forderungen, zu hoch sind die Profite.“ Und das bedeute konsequenterweise: „Wir müssen organisierter werden, lauter werden, unbequemer werden, mehr Druck aufbauen – im Betrieb, auf der Straße und überall dort, wo unsere Arbeit den Laden am Laufen hält.“ Schade, dass es Hofmann, Kandidat der Linken bei der letzten Wahl, nicht in den Landtag geschafft hat: Dort sollten die Abgeordneten auch mal solche Reden hören.

Wenn Retter:innen nicht mehr helfen können 

Durch die Rosgartenstraße und die Marktstättenunterführung (siehe Video) erreichten die Demonstrant:innen den Stadtgarten, wo in der Zwischenzeit Mitglieder des ver.di-Ortsvereins alles schon aufgebaut hatten, wo Tische und Bänke aufgereiht waren und die Rockband „Recover“ die Tonanlage prüfte. Vor dem Konzert waren aber weitere Berichte aus unterschiedlichen Betrieben und Branchen angesagt.

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Und so setzte Normen Küttner, Betriebsratsvorsitzender des DRK-Rettungsdiensts und des DRK-Kreisverbands, die Beschreibung unhaltbarer Zustände fort. Auch er  sieht bei den Notfallsanitäter:innen, den Pflege- und Verwaltungskräften Überlastung, Personalmangel und ständig zunehmende Einsätze: „Viele Kolleginnen und Kollegen berichten von Dauerstress, von körperlicher Erschöpfung, von psychischer Belastung bis hin zu Depression und Burnout.“ Im Rettungsdienst arbeite die große Mehrheit der Beschäftigten in 12-, manchmal gar in 24-Stunden-Schichten. „Und trotzdem erleben wir überall Versuche, Arbeitszeiten weiter auszudehnen, Uhrzeiten aufzuweichen, Ausnahmen zur Regel zu machen.“

Sein Fazit: „Wer ständig am Limit arbeitet, rettet auf Dauer keine Leben. Er ruiniert sein eigenes.“ Und jetzt sollen noch massive Einschnitte in der gesetzlichen Krankenversicherung folgen: „Weniger Leistungen, höhere Zuzahlungen, Streichungen bei Prävention und Versorgung.“ Da sei Gegenwehr nötig.

Dreißig Prozent weniger Verdienst

Bei den Hebammen sieht es nicht besser aus. „Leider geht es uns Hebammen seit dem 1. November 2025 arbeitsrechtlich sehr schlecht“, sagte Ana Luca Dreßler, die in Konstanz als selbstständige Hebamme und im Belegteam des Konstanzer Kreißsaals arbeitet. „Durch einen neuen Hebammenhilfevertrag, der viele Veränderungen mit sich bringt, verdienen wir bis zu 30 Prozent weniger.“ Die neuen Bedingungen würden die Arbeit deutlich erschweren:  „Rund die Hälfte der Beleg-Hebammen-Teams in Baden-Württemberg haben schon aufgegeben“. Damit „uns das in Konstanz nicht passiert“, rief sie die Anwesenden zur Solidarität auf. „Wir gehen am kommenden Dienstag, den 5. Mai, dem Internationalen Tag der Hebammen, auf die Straße.“

Mit einer systematischen Abwertung ihrer Leistung sehen sich auch die Beschäftigten der psychotherapeutischen Versorgung konfrontiert. Schon heute, so berichtete Diana Koftun vom Fachbereich Psychologie der Uni Konstanz, seien die Wartezimmer voll, müssten Menschen monatelang ohne Hilfe auskommen. 2019 habe es eine Reform, „die Schluss machen sollte mit prekärer Ausbeutung, mit Arbeiten unter dem Mindestlohn und Zehntausenden Euro, die man aus eigener Tasche in die Ausbildung zur Psychotherapeutin stecken musste“. 

Doch bis heute „ist die Finanzierung unserer Weiterbildung völlig ungeklärt“. Sollte sich daran nichts ändern, „wird psychische Gesundheit zum Luxusgut“. Das sei ein Angriff auf die öffentliche Daseinsvorsorge, ein Weg in eine Zwei-Klassen-Medizin. Auch hier ist eine Aktion geplant: Am 20. Mai demonstrieren die Betroffenen unter dem Stichwort „Psychotherapie in Not“ in Konstanz. Warum aber wird die Arbeit von Psychotherapeut:innen so wenig respektiert und abgewertet? Die Antwort: „Die Psychotherapie ist ein weiblich geprägter Beruf.“

Welcher Krieg ist legitim?

Die bestehenden patriarchalen Strukturen waren ebenfalls Thema der gemeinsamen Ansprache von OAT und FAK, außerdem die eklatante soziale Kluft, der enorme Luxus der Supereichen und die Armut vieler. „Wie gerecht kann ein Staat sein, der Menschen dafür bestraft, dass sie sich kein Essen leisten können und es deshalb stehlen müssen“, fragte die Rednerin: „Ist es gerecht, dass Menschen ins Gefängnis kommen, weil sie mehrmals das Bus-Ticket zur Arbeit nicht zahlen konnten?“ 

Und überhaupt: „In was für einer Welt leben wir, in der wir uns den Sozialstaat angeblich nicht mehr leisten können, aber 500 Milliarden Euro in Rüstung investieren?“ Dazu komme der „Hass gegen Menschen, die nach Deutschland geflohen sind aus Gebieten, in denen mit deutschen Waffen Krieg geführt wird“. Und wenn „ erst einmal Deutschland erreicht haben, werden sie kriminalisiert, verteufelt und im schlimmsten Fall getötet“. Der einzig legitime Krieg, so die Schlussfolgerung, sei „der Krieg gegen den Status quo“.

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Einer von vielen Infoständen auf der 1.-Mai-Kundgebung im Stadtgarten

Es ist schon lange her, dass auf einer 1.-Mai-Veranstaltung so viel Kritik am Staat formuliert wurde (darunter auch am Einsatz von Massenüberwachungssoftware wie Palantir in Baden-Württemberg), aber auch am eigenen Handeln und den Gewerkschaften. Die Arbeitskämpfe der letzten Jahre, sagte beispielsweise Anna Maria Kübler zu recht, hätten „kaum mehr gebracht als Schadensbegrenzung, kaum mehr als eine Verlangsamung der fortschreitenden Prekarisierung eines Großteils aller Werktätigen“.  

Schwachsinn ganz oben

Vor Jürgen Weber, der für das Bündnis „Konstanz für Demokratie“ zum Kampf gegen die AfD und den Rechtsextremismus aufrief (seine Rede kann hier nachgelesen werden), griff Melanie Kühn vom ver.di-Bezirk Südbaden-Schwarzwald vieles auf, was vorher gesagt worden war, fügte aber weitere Informationen hinzu. Beispielsweise die über Bürgergeldempfänger:innen, die angeblich keine Lust zur Arbeit haben. Es gebe aber „viele unabhängige Studien, denen zufolge zwei Drittel davon Aufstocker:innen sind, die von ihrer Erwerbsarbeit nicht leben können“ – kurzum Menschen, deren Lohn zu niedrig ist.

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Auch Kühn sparte nicht mit Kritik an der Regierung: „Ich würde mir wünschen, dass die Parteien mit ihrer Politik im Moment mehr machen als Wahlkampf für die AfD“, sagte sie und fügte hinzu, dass das, was Friedrich Merz zur Zukunft des Sozialstaats sage, „wirklich Schwachsinn“ sei. Dafür – und für ihre Gegenvorschläge zur Steuerpolitik und zum Umgang mit der AfD und deren Wähler:innen – bekam sie, wie überhaupt alle Redner:innen, viel Beifall.  

Viele gute Beschreibungen der aktuellen Zustände in den Betrieben und Branchen, klare Ansagen an die Politik, jede Menge kapitalkritische Slogans während der Demo und im Stadtgarten, nützliche Hinweise auf kommende Auseinandersetzungen: Die Konstanzer 1.-Mai-Kundgebung war dieses Jahr beeindruckend. Offen aber blieb die Frage, was – außer der viel beschworenen Solidarität – konkret getan werden muss. Und wie die immer noch eher sozialpartnerschaftlich orientieren Gewerkschaften die kommenden Auseinandersetzungen angehen können.

Die nächsten Aktionen:

● Heute, Dienstag, 5. Mai, 17:30 Uhr: Demo zum internationalen Tag der Hebammen. Treffpunkt: Herosépark, Konstanz
● Freitag, 8. Mai, 12 Uhr: Schulstreik gegen Wehrpflicht. Treffpunkt: Münsterplatz
● Mittwoch, 20. Mai, 17 Uhr: Psychotherapie in Not. Treffpunkt: Herosépark, Konstanz    

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