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„Nicht wie Feuer und Wasser“: Können Christ:innen sozialistisch sein?

Von Helmut Reinhardt
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Man kennt das Klischee aus vielen Debatten, allerlei Statements und auch so manchen Filmen: das vom Gegensatz zwischen Glauben und dem Kampf für eine gerechte Gesellschaft, zwischen Kirche und egalitären Positionen. Doch es gibt mehr Gemeinsamkeiten, als allgemein vermutet wird.

Es war vor genau 100 Jahren auf der – von Konstanz aus gesehen – anderen Seeseite, als im Sommer 1926 der Bund Religiöser Sozialisten gegründet wurde. Erwin Eckert, evangelischer Pfarrer in Meersburg, seit 1922 auf seiner ersten Pfarrstelle, war Protagonist dieser neuen Vereinigung. SPD-Mitglied seit 1911 und Student der Theologie und Philosophie meldete er sich 1914 bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Freiwilliger. Wiederholt verwundet, kehrte er 1918 als entschiedener Kriegsgegner zurück.

Erwin Eckert warnte von Ende November 1930 bis Juli 1931 auf zahlreichen Versammlungen in ganz Deutschland vor der Gefahr des Nationalsozialismus; der Karlsruher Pfarrer und SPD-Stadtrat Heinz Kappes nannte ihn den „erfolgreichsten Redner Süddeutschlands gegen den Faschismus“. Sein dann eingeschlagener weiterer politischer Weg zum Kommunisten lässt erahnen, warum er – zu Unrecht – heute fast vergessen ist.

Nach dem Reichstagsbrand kam Eckert aufgrund der „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ vom 1. März 1933 bis Juli in „Schutzhaft“, anschließend bis Oktober 1933 ins Gefängnis. Im Oktober 1936 wurde er wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einer Zuchthausstrafe von 3 Jahren und 8 Monaten verurteilt, da er die illegal verbreitete Broschüre „Das proletarische Volksgericht“ mit verfasst hatte. Nach seiner Freilassung 1941 blieb er bis zum Kriegsende unter Polizeiaufsicht; seinen Lebensunterhalt bestritt er zeitweise als Buchhändler in Frankfurt/Main. Dies sind nur einzelne Passagen aus seinem bewegten politischen Leben.

„Als Christ muss ich Sozialist sein“

Auch Adolf Grimme, Namensgeber der renommierten Medienpreise, ab 1922 SPD-Mitglied, erster Kultusminister Niedersachsens, ab 1948 Generaldirektor des Senders NWRD (1955 aufgespalten in WDR und NDR) war ab den 1920er Jahren als undogmatischer Protestant im „Bund religiöser Sozialisten“ aktiv. Ihm wird der Satz „Als Sozialist kann ich Christ sein, als Christ muss ich Sozialist sein“ zugeschrieben.

Der Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands (BRSD), Menschen wie Erwin Eckert und Adolf Grimme und das, was sie bewegte – all dies steht im Zentrum des gerade erschienenen Buchs „Nicht wie Feuer und Wasser. Was wir von den religiösen Sozialisten in der Weimarer Zeit lernen können“, herausgegeben von Franz Segbers und Peter Ulrich.

Die Autoren entreißen Menschen wie Eckert und Grimme dem Vergessen und würdigen die Arbeit der heute ökumenisch offenen Vereinigung Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands sowie das Engagement ähnlicher Organisationen und Bewegungen, die als „Brückenbauer zwischen Religion und Sozialismus“ weiterhin wichtig sind. Denn „heute müssen Christen zur Rettung des Lebens aus der lebensbedrohlichen sozial-ökologischen Krise des Kapitalismus Sozialisten sein“.

Das Buch erschien pünktlich um Katholikentag 2026, der bis gestern in Würzburg unter dem Leitwort „Hab Mut, steh auf!“ stattfand. Es wurde dort von der Rosa-Luxemburg-Stiftung vorgestellt, die mit Vorträgen und mit einem Pavillon auf dem Kirchentag vertreten war.

Morgen referieren und diskutieren die beiden Autoren – Ulrich Peter, Theologe, Historiker, langjähriger Vorsitzender des Bundes der Religiösen Sozialisten und Autor unter anderem von „Der Bund der religiösen Sozialisten in Berlin von 1919-1933“ (Verlag Peter Lang 1995) sowie Franz Segbers, Theologe, ehemals Professor für Sozialethik an der Universität Marburg und Autor zahlreicher Publikationen wie dem mit Michael Ramminger herausgegebenen Sammelband »Alle Verhältnisse umzuwerfen … und die Mächtigen vom Thron zu stürzen.« Das gemeinsame Erbe von Christen und Marx – über ihr Buch.


Der Rosa-Luxemburg-Club Konstanz


Der 2025 gegründete Rosa-Luxemburg-Club Konstanz ist eine lokale Untereinheit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg. Wie diese steht er der Partei Die Linke nahe, ist aber unabhängig. Seine Aufgabe ist politische Bildungsarbeit in der Region, wozu vor allem die Organisation öffentlicher Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen gehört. Thematische Schwerpunkt bilden dabei die Theorie und Geschichte linker Bewegungen, Kapitalismuskritik, Antifaschismus und Internationalismus. Interessent:innen an seiner Arbeit können sich per Mail an RLC-Konstanz@Rosalux-BW.org für den Newsletter anmelden.

Dienstag, 19. Mai, 19 Uhr im Zentrum Petershausen, Konstanz, Georg-Elser-Platz 1. Die Veranstaltung organisiert hat der Rosa-Luxemburg-Club in Kooperation mit seemoz e.v..

PS: In Meersburg ist übrigens immer noch eine Spur der Tätigkeit von Erwin Eckert zu finden. Da steht in einer aktuellen Ausschreibung des Alten Pfarrhauses als Ferienhaus: „Als erster Pfarrer lebte hier Erwin Eckert, der Bauherr, ein feuriger religiöser Sozialist.“

Fotos: Don Camillo und Pepone, Ikonen des Dauerkonflikts © Anna Blank, aufgenommen in Venedig / Das Alte Pfarrhaus in Meersburg © Helmut Reinhardt / Porträt Franz Segbers © Franzis von Stechow

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