
Hans-Georg Hofmann, derzeit noch Intendant der Bodensee Philharmonie, über seine Erfahrungen mit Orchestern und die Kulturpolitik am Bodensee und im befreundeten Ausland.
seemoz: Als Du 1995 nach dem Studium von Halle an der Saale nach Bern gingest, kamst Du in eine für Dich komplett neue Welt?
Hofmann: Ja, ich war Ende 20 und gerade Vater geworden. Wir lebten als Familie zunächst mit einem Kind in Bern von etwa 2500 CHF monatlich dank eines Stipendiums vom Schweizer Nationalfond. Das war für Schweizer Verhältnisse nicht viel. Deshalb habe ich neben der Promotion noch eine Teilzeitstelle am Musikinstrumentenmuseum im Lohnhof in Basel angenommen, bin ein Jahr lang zwischen Bern und Basel gependelt und habe nachts Programmhefttexte für Konzerte und Festivals geschrieben.
2001, als ich mit meiner Doktorarbeit in den letzten Zügen lag, kam die Ausschreibung des Assistenten der Geschäftsleitung beim Kammerorchester Basel. Christopher Hogwood war dort Principal Guest Conductor. Er war für mich als Dirigent, Cembalist und Musikwissenschaftler, als Pionier der historischen Aufführungspraxis und Autor der wichtigsten Händel-Biografie ein großes Vorbild. Ich bewarb mich. Die Findungskommission meinte, dass ich als promovierter Akademiker überqualifiziert für einen Assistenten-Job sei. Der Orchestervorstand hat dann aber meine Bewerbung wieder aus dem Papierkorb geholt.
Ich hatte das große Glück, in den ersten Jahren sämtliche Positionen vom Orchesterwart, Bibliothekar, Projekt- und Tourmanager und Kommunikationsbeauftragten zu durchlaufen. Die dramaturgische Arbeit der Programmplanung zusammen mit Christopher Hogwood zu gestalten, das war für mich das Sahnehäubchen. Hogwood hatte dem Orchester signalisiert, dass er in Basel keine Alte Musik machen möchte. Ihn reizte vielmehr das Repertoire der klassischen Moderne. In der Paul-Sacher-Stiftung liegen ja rund 120 Nachlässe und Sammlungen von Größen wie Igor Strawinsky, Béla Bartók, Anton Webern, György Ligeti oder Sofia Gubaidulina.
Hogwood war anspruchsvoll, und ich habe nicht selten ganze Nächte durchgearbeitet, um Programmkonzepte zu erarbeiten, die ihn überzeugen sollten. Ich musste die Entstehung, die Hintergründe, Handschriften, Partituren und produzierte Aufnahmen der vorgeschlagenen Stücke zusammenstellen. Er erwartete auch eine Einschätzung, ob sich das für eine eigene CD-Aufnahme lohnt. Hogwood war immer auf der Suche nach etwas Besonderen, hatte aber auch ein Gespür, ob das kommerziell erfolgversprechend ist.
seemoz: Woher hattest Du denn all das Wissen für all diese Jobs?
Hofmann: Mich hat die Suche nach Raritäten schon immer fasziniert. Ich brachte musikwissenschaftliches Fachwissen und genügend Sitzfleisch mit und pflegte einen regelmäßigen Austausch mit den Mitarbeitenden der Paul-Sacher-Stiftung. Wir haben zum Beispiel – ich konnte es zuerst kaum glauben! – von Strawinsky Bearbeitungen einiger Stücke aus dem Wohltemperierten Klavier von Bach für eine völlig verrückte Besetzung mit drei Klarinetten und zwei Fagotten entdeckt. Da leuchteten Hogwoods Augen. Wir haben diese Arrangements in Basel aufgeführt und später Ärger mit der Familie von Strawinsky bekommen, da diese Bearbeitungen ursprünglich nur für den Privatgebrauch gedacht waren.
Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich mit den Erfolgen des Kammerorchesters mitwachsen konnte. Diese 13 Jahre habe ich als eine besonders schöne Erfahrung in Erinnerung. Dann kam die Anfrage vom Sinfonieorchester Basel, ob ich die Programmplanung übernehmen möchte. Das Stadtcasino sollte für 3 Jahre umgebaut werden und man fragte mich nach einem Konzept, an verschiedenen Orten der Stadt unterschiedliche Konzertformate zu präsentieren. Das war zunächst nicht ganz unproblematisch, denn es ist ähnlich wie im Fußball, wenn man zwischen zwei Revierrivalen wechseln will, etwa von Schalke zu Dortmund. Aber für mich war das ein Glücksfall, auch weil meine Kinder in Basel zur Schule gingen.

seemoz: Wie funktioniert denn die Finanzierung von Orchestern der Schweiz? Läuft das städtisch, auf Kantonsebene oder über Sponsoren?
Hofmann: Den Löwenanteil der Subventionen übernimmt der Kanton Basel-Stadt. Das Sinfonieorchester Basel mit knapp über 100 Musikerinnen und Musikern erhält jedes Jahr etwa 15 Millionen von der Stadt. Zum Vergleich: in Konstanz beträgt der städtische Anteil an der Orchesterfinanzierung 3,6 Millionen.
In Basel gibt es außerdem ein starkes Mäzenatentum, das eher philanthropisch veranlagt ist, nach dem Motto „tue Gutes und sprich‘ nicht darüber“. Die alten Familien aus dem Basler „Daig“ (Teig) hatten bereits im 18. Jahrhundert ihre Apotheken oder Farbgeschäfte, haben auch mit Seide ihr Geld verdient und über Jahrhunderte hinweg Geld angespart. Basel ist heute eine Stadt mit fast 900 Stiftungen. Viele Sonderprojekte wie Orchestertourneen oder CD-Produktionen konnten über Stiftungen finanziert werden.
seemoz: Wo liegen denn nach all den Jahren im Musikgeschäft Deine musikalischen Vorlieben?
Hofmann: Da bin ich ganz offen in alle Richtungen und neugierig. Ich habe neben dem Festival „Schweizgenössisch“ in Berlin über mehrere Jahre auch das Festival „KlangBasel“ aufgebaut und geleitet. Das Schöne dabei war, dass ich durch beide Festivals alle Musikrichtungen vom Jazz, Pop, Hiphop bis hin zur neuen Schweizer Volksmusik und zeitgenössischer Musik kennengelernt habe. Begegnungen mit Daniel Schnyder, Stimmhorn, Sophie Hunger oder Stiller Has bleiben ebenso unvergesslich wie Tourneen mit Cecilia Bartoli, Jonas Kaufmann oder Sol Gabetta. Ich sehe es als Bereicherung, dass ich mit dem Kammerorchester Basel ein ganz anderes Repertoire programmieren konnte als später mit dem Sinfonieorchester Basel und jetzt mit der Bodensee Philharmonie. Es gibt so viele gute Musik. Wenn ich den Soundtrack meines Lebens zusammenstellen sollte, wird das eine unendlich lange Playliste.

seemoz: Du hast Deine Stelle in Konstanz gekündigt. Wie geht es bei Dir denn weiter?
Hofmann: Ich bin schon mit einem Bein im Appenzell, im wunderschönen Dorf Schwellbrunn oberhalb von Herisau. Ich habe dort eine Wohnung mit Blick auf den Säntis gemietet und auch ein Büro eingerichtet, von dem aus ich zusammen mit meiner Schwester eine kleine, feine Musikagentur für junge Künstler aufbauen möchte. Mal schauen – im Moment eröffnen sich gerade weitere Optionen. Von daher halte ich mich besser zurück mit Prognosen – vor zwei Jahren dachte ich ja auch, dass ich erst einmal ein Sabbatical einlege.
seemoz: Du hast ja auch Literaturwissenschaften studiert. Hat das Spuren hinterlassen?
Hofmann: Literatur lag mir schon immer am Herzen. Durch mein Studium lernte ich zum Beispiel E.T.A. Hoffmann und Georg Büchner intensiv kennen. Ich habe gerade an der Universität St. Gallen eine kleine Vorlesungsreihe über E.T.A. Hoffmann und die Musik gehalten. Da spielten auch seine Romane eine Rolle. Hoffmann ist der erste Erzähler, der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, Verstand und Wahnsinn aufgebrochen hat. Seine Schauer- und Fantasiegeschichten haben viele Komponisten beeinflusst und sind heute aktueller denn je.
seemoz: Bist Du auch an der aktuellen Literatur interessiert?
Hofmann: Nachdem ich Alain Claude Sulzers Roman „Aus den Fugen“ gelesen hatte, habe ich den Autor angeschrieben. Inzwischen sind wir miteinander befreundet, und er gibt mir immer wieder Tipps für neue Bücher. Im Moment lese ich gerade, und das traue ich mich fast gar nicht zu sagen, Hildegard Knefs „Der geschenkte Gaul“, ein umwerfendes Buch. Ähnlich beeindruckt hat mich auch die Autobiografie von Oscar Peterson, der ein wirklich wildes, verrammeltes Leben geführt hat.
seemoz: Als sich im 18. Jahrhundert eine bürgerliche Orchestermusik-Tradition herausbildete, also nicht die längst vorhandene an den Adelshöfen oder in den Kirchen, wurden ständig neue Stücke gespielt. Heute ist der Anteil neuer Werke im Repertoire der Orchester sehr gering, wenn man mal von Spezialorchestern absieht. Warum hat sich das Publikum großenteils von zeitgenössischer Musik abgewendet? Zumindest in Deutschland ist das, was zum guten Ton gerechnet wird, mindestens 110 Jahre alt.
Hofmann: Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert stand die Musik unter allen Künsten an erster Stelle. Es wurde immer die neueste Musik der Zeit aufgeführt. Mit Mendelssohn und Brahms kam ein neues Denken in die Musikwelt. Man entdeckte die Musik von Bach und Händel neu und nahm sie wie die Werke von Beethoven und Schubert wieder in die Konzertprogramme auf. Als die 2. Wiener Schule mit Schönberg und Berg kurz vor dem 1. Weltkrieg einen neuen Weg abseits der Romantik von Wagner und Bruckner suchte, sorgte das im Wiener Musikverein noch für einen handfesten Skandal.

Nach 1945 propagierten insbesondere die neuen Rundfunkanstalten mit ihren Orchestern eine neue Musik abseits von Wagner und Liszt, deren Musik ja von den Nazis für Propagandazwecke missbraucht wurde. Ich denke, das meiste, was nach 1945 im Auftrag der Sendeanstalten komponiert wurde, hat etwas Konstruiertes an sich. Diese Musik kann man sich nur selten allein durchs Zuhören erschließen. Ich finde es aber fragwürdig, wenn man sich zuerst durch 20 Seiten Vorwort quälen muss, um zu verstehen, was der Komponist eigentlich möchte. Musik sollte unmittelbar und ohne intellektuelle Vorkenntnisse berühren und begeistern.
Inzwischen haben sich die Zeiten geändert und es gibt höchst interessante neue Strömungen in der Musik. Leider fehlen uns bei der Bodensee Philharmonie gerade die finanziellen Möglichkeiten für Kompositionsaufträge. Aber für das Eröffnungskonzert der nächsten Saison hat der peruanische Komponist Jimmy López eine von Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ inspirierte Symphonie „Fantastica“ geschrieben. Das ist ein Auftragswerk mehrerer Orchester, darunter der Bodensee Philharmonie mit Unterstützung der Messmer-Stiftung. Wir spielen die deutsche Erstaufführung.
seemoz: Was waren denn Deine umwerfendsten Konzerterlebnisse in den letzten Jahren?
Hofmann: Das waren die Konzerte, in denen ich spürte, dass ein Orchester in einen Dirigenten frisch verliebt ist. Klaus Mäkelä mit der „Symphonie fantastique“ von Berlioz und dem Orchestre de Paris. Die 10. Sinfonie von Schostakowitsch mit Krzysztof Urbański und dem Sinfonieorchester Basel. Petr Popelka mit den Wiener Sinfonikern und „Till Eulenspiegel“ von Strauss oder die „Eroica“ mit Gabriel Venzago und der Bodensee Philharmonie.
seemoz: Apropos Liebe … vielen lieben Dank für dieses Gespräch!


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