Hans georg hofmann 2025 11 26 01 16 9 © harald borges

Eine Stadt muss doch zu ihrem Orchester stehen (Teil I)

Von Harald Borges
Hans georg hofmann 2025 11 26 01 16 9 © harald borges
Intendant Hans-Georg Hofmann © Harald Borges

Der Intendant der Bodensee Philharmonie Hans-Georg Hofmann verlässt Konstanz nach zwei Jahren schon wieder. Hier ein ausführliches Gespräch mit ihm, das in den nächsten Tagen fortgesetzt wird. Heute geht es um die aktuelle Lage der Bodensee Philharmonie und deren Perspektiven.

seemoz: Wie bist Du überhaupt ausgerechnet nach Konstanz gekommen?

Hofmann: Über Gabriel Venzago. Ich hatte ihn 2023 als Gastdirigent zu einem Konzert nach Basel eingeladen und wir haben uns sofort blendend verstanden. Bis Ende April 2024 war ich dort beim Sinfonieorchester als Künstlerischer Direktor tätig gewesen und hatte nach 25 Jahren Orchestermanagement ein Sabbatical eingeplant. Doch nach drei Wochen kam ein Anruf von ihm aus Konstanz. Er besuchte mich in Basel, wir haben am Rhein Kaffee getrunken, und er hat mir erzählt, was er rheinaufwärts alles vorhat und dass er dafür dringend Unterstützung braucht. Du weißt, Gabriel kann seeehr überzeugend sein …

Ich bin dann nach Konstanz gekommen, das Wetter war traumhaft, die Menschen flanierten glücklich am See, und ich war schnell überzeugt.

Pressekonferenz philharmonie, dirigent gabriel venzago, intendant hans georg hofmann 2025 07 18 016 © harald borges
Gabriel Venzago und Hans-Georg Hofmann © Harald Borges

seemoz: Du verlässt Konstanz zu Saisonende in diesem Sommer, nach einem Jahr als Interims- und einem weiteren Jahr als fest bestallter Intendant. Wie hast Du Deine Konstanzer Zeit erlebt, etwa im Vergleich zu den vielen Jahren vorher in Basel?

Hofmann: Ich kam im Sommer 2024 nach Konstanz und habe hier eine ungeheure Aufbruchsstimmung erlebt. Eine Spardebatte war erfolgreich verhindert worden, das Orchester bekam einen neuen Namen, ein neues Programm, und Gabriel Venzago war in einem Jahr aus dem Stand zum Publikumsliebling geworden. Dann kam die Exzellenzförderung, und ich konnte meine Kontakte zu Veranstaltern auch in der Schweiz ausbauen. Das Orchester schien wieder in ruhigerem Fahrwasser unterwegs zu sein.

Zur Person

Hans-Georg Hofmann hat in Halle/Saale Musik- und Literaturwissenschaft studiert und an der Universität Bern promoviert. Nach seiner Tätigkeit als künstlerischer Manager beim Kammerorchester Basel wechselte er 2013 zum Sinfonieorchester Basel, wo er bis 2024 als Künstlerischer Direktor arbeitete. Er war Kurator des Festivals „Schweizgenössisch“ im Radialsystem Berlin und künstlerischer Berater beim „Tongyeong International Music Festival“ (Südkorea). Von 2014-2021 war er Präsident des Festivals „KlangBasel“, Vorstandsmitglied im Verein „Zeiträume“. Er sitzt seit 2019 im Stiftungsrat der Stiftung Colla Parte und seit 2026 im Vorstand Europäisches Kultur Forum Mainau (EKFM). Seit 2022 unterrichtet er an der Universität St. Gallen.

seemoz: Was waren Deine größten Herausforderungen?

Hofmann: In Basel hatte ich 20 Leute im Management, in Konstanz etwa die Hälfte, dabei ist das Arbeitsvolumen gefühlt dreifach so hoch – allein 192 Konzerte gab es im Jahr 2025. Das ist rekordverdächtig. Neben diesem Berg an Arbeit durfte ich auch das Kunststück mit im direkten Vergleich wenig Geld möglichst maximale künstlerische Wirkung zu entfalten in Angriff nehmen. Das ging nur über ein Netzwerk, das ich mir vorher in Basel aufgebaut hatte.

Außerdem stand ich nach einer intendantenlosen Phase vor der Herkulesaufgabe, die Geschäftsstelle zu stabilisieren.

seemoz: Was hat Dich dazu bewogen, schon so schnell wieder zu gehen?

Hofmann: Mit der Haushaltssperre im Herbst 2025 nahmen die Diskussionen um die Zukunft des Orchesters plötzlich Fahrt auf. Bei meiner Vertragsverhandlung hatte man mir allerdings zugesichert, dass es eine 20-Prozent-Debatte wie im Herbst 2023 in naher Zukunft nicht wieder geben wird. Im letzten November gab es dann eine Sitzung des Orchesterausschusses, die haarsträubend verlief. Der Gemeinderat unterstellte der Philharmonie, ihre Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. Ich konnte das nicht nachvollziehen, denn das Orchester hatte ja gerade zu diesem Zeitpunkt künstlerisch wie finanziell geliefert, trotz fataler Arbeitsbedingungen – der Proberaum wurde auf Grund fragwürdiger Brandschutzmaßnahmen unangekündigt kurzfristig zur Baustelle und nur noch eingeschränkt nutzbar. Aber nochmal: trotz Ticketerhöhungen konnten wir die Auslastungszahlen weiter erhöhen. Am Ende liegt jetzt auch der vorläufige Jahresabschluss der Philharmonie im grünen Bereich. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass die Philharmonie trotz dieser positiven Bilanzen immer wieder am Pranger steht. Ein Exzellenzprojekt wie die Zukunftsmusik gewinnt deutschlandweit Preise, und gleichzeitig muss man sich als „teures, elitäres Nischenprodukt“ bezeichnen lassen, obwohl wir unsere Strahlkraft in die Gesellschaft konsequent und strukturell ausgebaut haben. Da fragt man sich irgendwann, ob man nicht zur falschen Zeit, am falschen Ort ist.

seemoz: Viele Gemeinderät:innen hatten wohl das dem Orchester abgezwungene Versprechen, in die Mitte der Gesellschaft zu rücken (was für eine Phrase!) so missverstanden, dass der Zuschussbedarf des Orchesters sinken oder zumindest nicht mehr steigen würde.

Hofmann: Wir sind künstlerisch zurückgerudert, haben spannende Werke aus dem Programm genommen und kleiner besetzte Werke ohne Zusatzinstrumente eingebaut. Wir haben es auf diese Weise geschafft, die Jahr für Jahr steigenden Personalkosten weitgehend aufzufangen. Eigentlich ein Wunder – deshalb verstehe ich die Diskussionen nicht. Niemand ist auf die Idee gekommen, die Museen, das Bodenseeforum oder das Theater so zu kritisieren. Es ist enttäuschend, mit was für geringen Mitteln wir jetzt eine Spielzeit gestalten müssen, und gleichzeitig wird uns vorgehalten, dass wir nicht ausreichend sparen können.

seemoz: Warum gilt die Philharmonie unter den Konstanzer Kulturinstitutionen als am ehesten verzichtbar? Liegt es daran, dass die Gemeinderät:innen als Kinder alle mal im Theater beim Weihnachtsmärchen waren und darum eine sentimentale Beziehung zum Theater haben?

Hofmann: Genau deshalb sind wir in den Schulen, in den Kitas, veranstalten Babykonzerte, verknüpfen unsere Arbeit in unserem Eigenbetrieb mit der Musikschule und vieles mehr. Dass die Philharmonie anders als andere Kulturinstitutionen so infrage gestellt wird, hängt vor allem aber damit zusammen, dass man es in Konstanz nicht geschafft hat, ein Konzerthaus zu bauen. Das bleibt eine offene Wunde, die schmerzt. Trotzdem – und das ist das Konstanz-Phänomen: Das Orchester hat mit dem Konzil die schlechteste Spielstätte der Welt und trotzdem die höchsten Publikums- und Abozahlen. Davon können andere Städte nur träumen – auch habe ich eine solche Begeisterungsfähigkeit wie hier andernorts selten erlebt.

An überregionaler Anerkennung unserer Arbeit fehlt es nach dem Auslaufen der Exzellenzförderung nicht: Nach dem 1. Preis beim Staatsanzeiger Award in der Kategorie „Kultur & Tourismus“ steht unser Projekt „Zukunftsmusik“ unter insgesamt 228 Bewerbungen auf der Shortlist „ZukunftsGut 2026“ für institutionelle Kulturvermittlung der Commerzbank-Stiftung.

© benno hunziker
Hans-Georg Hofmann © Benno Hunziker

seemoz: Ich stelle es mir als menschliche Erleichterung für Dich vor, wenn Du diese Querelen ab dem Sommer hinter Dir hast.

Hofmann: Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Auf der einen Seite freue ich mich auf meine neuen Herausforderungen. Auf der anderen Seite werde ich mein Team, dieses wunderbare Orchester und sein enthusiastisches Publikum vermissen. Es ist bemerkenswert, dass es in Konstanz weniger die großen Namen für Standing Ovations und Sternstunden braucht … auch wenn wir mit dem Weihnachtskonzert im Münster, das von der ARD ausgestrahlt wurde, mit Ludovic Tézier einen der ganz großen Opernstars nach Konstanz holen konnten.

seemoz: … und die finanzielle Last?

Hofmann: Wir haben dank der Exzellenzförderung durch den Bund und weiterer Stiftungen 2025 Drittmittel in Höhe von mehr als 300.000 Euro abrufen können. Ich denke, das ist im Vergleich mit anderen Institutionen dieser Stadt eine sehr beachtliche Leistung.

seemoz: Welche Perspektiven siehst Du für das Konstanzer Orchester? Wie sollte es Deiner Meinung nach weitergehen, was sollte die Verwaltung tun, was der Gemeinderat fordern?

Hofmann: Die Stadt muss dem Orchester endlich eine klare Perspektive geben und definieren, unter welchen Bedingungen sie bereit ist, dieses Orchester für die nächsten zehn Jahre finanziell zu tragen. Derzeit schweigen die Entscheidungsträger:innen, und das ist für alle Beteiligenden auf Dauer zermürbend.

Wir brauchen ein klares Bekenntnis der Stadt zu ihrem Orchester, wir brauchen verlässliche finanzielle Zusagen für die nächsten fünf bis zehn Jahre. Wir brauchen ein Konzept, sobald die Zahlen definiert sind. Wenn die Stadt kürzt, wird auch das Land kürzen. Das muss allen klar sein. Die wichtigste Aufgabe meiner Nachfolge wird es deshalb sein, herauszufinden, wie es mit den Förderungen aus den unterschiedlichsten Töpfen, auch seitens des Landes, weitergehen kann.

seemoz: Und abgesehen von öffentlichen Mitteln?

Hofmann: Ich sehe selbst bei unseren hervorragend besuchten Abonnements-Konzerten noch Luft nach oben. Es stellt sich die Frage, wie wir solche Programme noch stärker in der Region rund um den See und in die Schweiz verkaufen können. Mit einem Programm, das wir einmal geprobt haben, kann man durch mehr Auftritte höhere Einnahmen erzielen.

seemoz: Das ist eine Chance für die Bodensee Philharmonie?

Hofmann: Auf Dauer sind jene Städte, die ein eigenes Orchester unterhalten, musikalisch besser grundversorgt. Die Menschen kennen dieses oder jenes Orchestermitglied, das Orchester ist Teil der Stadtgesellschaft. Entsprechend stark ist die Identifikation. Die Chance, dass die Leute ins Konzert kommen, wenn ein Orchester vom eigenen See eine Brahms-Sinfonie spielt, ist sicherlich größer als bei irgendeinem kostengünstigen Telefon-Orchester. Nicht wenige Städte im Bodenseeraum haben einen Konzertsaal, aber kein Orchester. Da sehe ich eine Chance.

seemoz: Warum wurden diese Chancen in den letzten 30 Jahren nicht genutzt?

Hofmann: Weil in den Städten genug Geld vorhanden war, um sich die großen Namen zu leisten. Das Publikum möchte natürlich am liebsten ein weltberühmtes Orchester aus Berlin oder London hören.

Mit david garrett und dem sinfonieorchester basel auf tournee märz 2017 16 9 © privatbesitz
Mit David Garrett und dem Sinfonieorchester Basel auf Tournee, März 2017 © Privatbesitz

seemoz: In den letzten Jahrzehnten wurde das Konstanzer Orchester immer wieder umbenannt, zuletzt von Südwestdeutsche Philharmonie in Bodensee Philharmonie, und früher hieß es ja schon einmal Bodensee-Symphonie-Orchester. Bewirken solche Umbenennungen aus Deiner Sicht als Verkäufer dieses Orchesters etwas?

Hofmann: Unter einer Bodensee Philharmonie kann ich mir mehr vorstellen als unter einer Südwestdeutschen Philharmonie, denn wenn ich an Südwestdeutschland denke, denke ich automatisch an Freiburg. Beim Bodensee denke ich an eine Region, die vier Länder miteinander verbindet.

seemoz: Ist Deutschland im internationalen Vergleich eigentlich führend in der Kunst, seine Kultur zusammenzustreichen?

Hofmann: Im internationalen Vergleich ist Deutschland noch immer das Land mit den meisten Orchestern …

seemoz: … es gibt rund 130 öffentlich finanzierte Orchester mit etwa 10.000 Musiker:innen, obwohl nach der Wende einige Orchester in der ehemaligen DDR aufgelöst wurden.

Hofmann: Selbst in den neuen Bundesländern gibt es auch nach der Wiedervereinigung in einigen Städten noch immer ein Orchester. Aber wir sehen ja gerade dort, welche politisch fatalen Konsequenzen es für unsere Demokratie hat, wenn Kultur abgebaut wird. Andererseits hast Du in Baden-Württemberg rund um den Bodensee im Umkreis von 100 km nur noch einen einzigen Punkt auf der Karte, und das sind wir (siehe Karte).

seemoz: Ist es in der Schweiz anders?

Hofmann: Ja. Das Land ist klein und hat einige Metropolen, in denen sich wie in Basel gleich mehrere Spitzenensembles behaupten können. Deshalb ist der Bedarf auf dem schweizerischen Musikmarkt weitgehend gedeckt. Und das ist der Unterschied zu Konstanz, wo der Markt nicht gesättigt ist. Das zeigt sich beispielsweise an der Auslastung. Selbst die Tonhalle Zürich mit ihrem Spitzenorchester und prominenten Künstler:innen erreicht nicht unsere Auslastung von 87 Prozent. Die Philharmonie hat nicht nur eine besondere künstlerische DNA, sondern eine sehr starke Verankerung in der Stadt und Region. Stellen wir uns mal vor, die Bodensee Philharmonie gäbe es nicht mehr, was würde es denn hier in der Gegend noch geben? Konzerte in Freiburg oder Stuttgart … das alles ist ziemlich weit weg. Abgesehen davon, dass der Umsatz in Restaurants und Weinstuben ohne unsere Konzerte deutlich sinken würde.

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Ein Kommentar

  1. Markus Nabholz

    // am:

    Deutliche Worte, die hoffentlich in der Breite Gehör finden.

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