Psychotherapeut demo konstanz herosepark 2026 06 10 © julian waibel

„Psychotherapie retten!“

Von Julian Waibel (Text und Fotos)
Psychotherapeut demo konstanz herosepark 2026 06 10 © julian waibel

Zum 1. April wurde die Vergütung für ambulante Psychotherapie seitens der Krankenkassen gekürzt. Weitere Kürzungen bei den Honoraren drohen. Im ganzen Land gab es Demonstrationen, die sich mit der gesellschaftlichen Stellung der Psychotherapie beschäftigten – so auch vergangene Woche in Konstanz.

Es mag am Regen gelegen haben, dass am vergangenen Mittwoch nur etwa 150 Protestierende an der Demonstration vom Herosé-Park zur Marktstätte teilgenahmen, während wenige Wochen zuvor rund dreimal mehr Menschen zum Thema Weiterbildungsfinanzierung in der Psychotherapie auf die Straße gegangen waren. Zur Demonstration hatte diesmal die Konstanzer Ortsgruppe des Aktionsbündnisses Psychotherapie e.V. aufgerufen – Teil eines deutschlandweiten Zusammenschlusses von Psychotherapeut*innen, der sich seit 2024 gegen Honorarkürzungen und Versorgungsengpässe wendet. Das Bündnis warnt angesichts weiterer geplanter Honorarkürzungen vor einem potenziellen wirtschaftlichen Verlust für ambulante Praxen in Höhe von 25 Prozent.

Statistisch warten Patient*innen nach Angabe des Aktionsbündnis derzeit 142 Tage auf einen Therapieplatz. Bei Rückgang des wirtschaftlichen Anreizes, Therapeut*in zu werden oder den Beruf weiter auszuüben, könnten diese Wartezeiten weiter steigen. Psychische Erkrankungen werden heute viel häufiger erkannt und behandelt als noch vor wenigen Jahrzehnten. Während die Zahl der Diagnosen steigt, bleibt die Zahl der psychotherapeutischen Praxen, deren Therapie von Krankenkassen finanziert wird – sogenannte Kassensitze – fast konstant. So steigen Wartezeiten.

Gesellschaftliche Strukturen, gesellschaftliche Verantwortung

„Gesellschaftliche Strukturen sind an der Entstehung von psychischen Erkrankungen mitbeteiligt“, erläuterte die Psychotherapeutin Mareike Ott: „Daher ist es auch gesellschaftliche Verantwortung, ein angemessenes Versorgungsangebot zu finanzieren.“

Bereits in Otts Rede wurde sichtbar, dass viele Psychotherapeut*innen die Augen vor gesellschaftlichen Umständen kaum verschließen können, die psychisches Leid mitverursachen. Im Verweis auf „gesellschaftliche Verantwortung“ wurde deutlich, dass die Gesellschaft seitens des Aktionsbündnisses als potenziell kollektiv handelndes Subjekt gedacht wird, das Mitverantwortung an diesem Leid trägt. Nach dieser Logik wird angenommen, dass jemand, der anerkennt, Teil dieses abstrakten Kollektivsubjekts zu sein, zwangsläufig für mehr Therapie eintreten sollte. 

Daraus resultierte eine Art Tadel: Persönliche Verantwortung missachte, wer sich nicht für eine gute Versorgung von Psychotherapeut*innen einsetzt. Die Kritik richtet sich besonders gegen jene Therapeut*innen, die sich trotz eigener Betroffenheit und gesellschaftlicher Mitverantwortung nicht gegen die Kürzungen engagieren.

„Die Schere geht auseinander“

Die aufgebürdete Verantwortung für ein Versorgungsangebot wurde während der Demonstration deutlich stärker betont als der Wandel der verursachenden gesellschaftlichen Strukturen.

Andererseits zeigte Mareike Ott auch auf, dass sie gesellschaftliche Strukturen durchaus benennen kann, die eine psychische Erkrankung verursachen können, und wies auf einen Zusammenhang zwischen ökonomischer Stellung und psychischer Gesundheit hin: „Es macht mir Angst, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander geht. Es macht mir Angst, dass immer mehr Menschen der Zugang zu der Versorgung verwehrt wird, die sie brauchen, und ich frage mich: Wo soll das alles hinführen?“

Neben der Perspektive der Behandelnden wurden auch Erfahrungen von Betroffenen vorgestellt. Barbara Wagenblast, die seit über 20 Jahren Selbsthilfegruppen für Angehörige von psychisch Erkrankter begleitet, machte auf das erhöhte innerfamiliäre Übertragungsrisiko bei Depressionen aufmerksam. Sie beleuchtete Gruppen, die oft die größte Unterstützung für Erkrankte leisten und dabei selbst erkranken können: „Was passiert, wenn die direkten Angehörigen aufgrund der Dauerbelastung selber krank werden? In den letzten Jahren habe ich einige Gruppenmitglieder gehabt und sie begleitet, die in die Klinik kamen und monatelang nicht arbeiten konnten.“

Therapie als ökonomischer Faktor

Die Warnung, dass Mangel an Arbeitskräften durch Mangel an Therapieplätzen entstehen könnte, kehrte in allen Redebeiträgen im Herosé-Park wieder. Sowohl Therapeutinnen als auch Angehörige und Betroffene führten auf dieser Demonstration aus, dass es allen Menschen auch ökonomisch nützen würde, wenn es weniger psychische Erkrankungen gebe.

Psychotherapeut demo konstanz wessenbergstraße 2026 06 10 © julian waibel
Am 10. Juni in der Konstanzer Wessenbergstraße

Sie präsentierten Psychotherapie als Mittel, Menschen wieder arbeitsfähig zu machen und wirtschaftliche Schäden zu begrenzen. Ein Schaden an der Wirtschaft wird auf diese Weise zum Schaden für alle. Konsequenterweise betrachten sie die Ökonomie als allen Beteiligten nützlich und durch Psychotherapie erhaltenswert. 

Am deutlichsten trat diese ökonomische Argumentation im Redebeitrag der Therapeutin Marie-Theres Klemp zu Tage. Sie zitierte unter anderem die Lancet-Studie der World Health Organisation (WHO). Nach den von ihr zitierten Zahlen könnten aus einem Dollar, der in psychologische Prävention investiert wird, 24 Dollar erwirtschaftet werden. Die Deutsche Rentenversicherung mache psychische Gesundheit als Hauptursache für den Eintritt in eine Frührente aus. „Eine Psychotherapie kostet durchschnittlich 3.200 Euro. Findet sie nicht statt, kostet das die Allgemeinheit im gleichen Jahr 10.425 Euro. Das ist keine Vermutung, das sind Zahlen der Techniker Krankenkasse.“

Die Demonstration richtete sich folglich vor allem gegen die Verschlechterung der Behandlungsmöglichkeiten und warf kaum Licht auf die sozialen Umstände, die den Bedarf an psychotherapeutischer Hilfe überhaupt hervorbringen.

Reichen größere Pflaster?

„Psychotherapie retten!“ war eine der zentralen Parolen der Kundgebung. Wörtlich genommen stellen sich die demonstrierenden Psychotherapeut*innen damit der Hoffnung auf einen Wandel der Gesellschaft hin zu einem Zustand entgegen, in dem weniger psychisches Leid und damit weniger Notwendigkeit von Therapie besteht. Die Positionen, in denen die Funktion des therapeutischen beruflichen Handelns als natürlich dargestellt wurden, dominierten. Obwohl Psychotherapeut*innen beruflich ständig mit den Folgen gesellschaftlicher Verhältnisse konfrontiert sind, steht in den Demonstrationen weniger die Analyse der gemeinsamen Ursachen psychischer Erkrankungen im Mittelpunkt als der Erhalt der eigenen beruflichen Stellung.

Wenn die Ursachen psychischer Probleme zurückgingen, würde der Bedarf an Therapeut*innen abnehmen. Erhalt der eigenen ökonomischen Stellung als Therapeut*in und Bekämpfung der gesellschaftlichen Ursachen stehen, so gesehen, im Widerspruch zueinander – einem Widerspruch allerdings, der den demonstrierenden Therapeut*innen persönlich nicht vorzuwerfen ist.

Statt Wunden zu verhindern, sollen die Pflaster erhalten und vergrößert werden – so in etwa ließe sich der inhaltliche Kern der Demonstration umschreiben. Andererseits braucht es aber in Zeiten, in denen die Politik noch mehr Wunden aufreißt, auch größere Pflaster. Schließlich ist allen Erkrankten zu wünschen, dass ihnen im Bedarfsfall schnell therapeutischen Angebote zugute kommen und Engpässe in der psychotherapeutischen Versorgung zurückgehen.

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