
Bundesweit fehlen Psychotherapeut:innen: Kranke müssen oft monatelang auf Behandlung warten, und doch mangelt es an Nachwuchs. Weil Student:innen die Ausbildung selber zahlen sollen. Dagegen wird derzeit bundesweit protestiert – am Mittwoch auch in Konstanz.
„Wir sehen rot, Psychotherapie in Not“, „Keine Finanzierung, keine Therapie“, „Studiert, approbiert, blockiert“, „Thera-PISSED“, „No Cash, no Couch“, „Ohne Weiterbildung ist alles doof“, „Muss [Gesundheitsministerin] Warken erst selbst in Therapie, um es zu checken?“, „Sparen an der Psyche? Ziemlich irre!“, „Freudlos. Das Gesundheitssystem analysiert sich nicht selbst“ oder ganz einfach „Grr!“: In den letzten Jahren gab es in Konstanz zwar größere Demonstrationen, aber noch nie waren bei einem Marsch vom Herosépark zur Marktstätte so viele selbst angefertigte, handbemalte Kartons zu sehen wie beim Zug unter dem Motto „Psychotherapie in Gefahr“. Und das ist kein Zufall.
Denn die Empörung ist groß, und zwar nicht nur unter den aktiven Psychotherapeut:innen, deren ambulante Leistungen vor kurzem um 4,5 Prozent gekürzt wurden. Sondern auch – und vor allem – unter denen, die sich erst noch zu eigenständigen Psychotherapeut:innen ausbilden lassen wollen: Sie stehen vor einer ungewissen Zukunft.
Der Grund: 2019 beschloss die damalige schwarz-rote Bundesregierung eine Reform der Ausbildung von Psychotherapeut:innen, die 2010 in Kraft trat. Seither können Psychologiestudent:innen nach drei Jahren Bachelor- und zwei Jahren Masterstudium die Approbation als Psychotherapeutin beantragen, die jedoch nur beschränkt gilt: Wer sich zum Beispiel mit einer Praxis niederlassen will, braucht eine Weiterbildung in Kliniken oder ambulanten Einrichtungen, die mindestens fünf Jahre dauert. Und viel Geld kostet.
Sparkurs blockiert Reform
Wer für die Kosten der Weiterbildung aufkommt, ist bis heute unklar. Bei der Verabschiedung der Reform spielte die Finanzierung keine Rolle, das werde schon irgendwie geregelt, hieß es damals. Von wegen. Inzwischen heißt es, wie überall: Kein Geld da. Und so stockt es an allen Ecken und Enden, wie die Redner:innen (darunter Diana Kowtun, Amelie Keller und Emma Gadesmann von der Fachschaft Psychologie, Margit Löchte und Johanna Fiess vom Bodensee-Institut für systemische Therapie und Beratung, ein Vertreter der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg, Daniela Mier vom Uni-Fachbereich Psychologie und andere) in ihren Beiträgen zu Beginn der Veranstaltung im Herosépark und später auf der Marktstätte hervorhoben.
Dabei fehlt es bundesweit an Hilfe. „Die Wartezimmer sind voll, die Menschen warten im Schnitt fünf Monate auf Unterstützung“, berichtete Diana Kowtun schon auf der 1.-Mai-Kundgebung der Gewerkschaften. Und der Bedarf nimmt zu. Laut einer Studie der OECD hat sich in Deutschland der Anteil an Menschen mit unbehandelten psychischen Problemen seit 2021 von vier auf zehn Prozent mehr als verdoppelt. Gleichzeitig warten derzeit jährlich 2500 Student:innen, die das Masterstudium Klinische Psychologie und Psychotherapie (KliPP) abgeschlossen haben, auf einen Weiterbildungsplatz.
Sie warten, weil sie sich die Kosten (oft zehntausend Euro und mehr) für die Kurse während ihrer Weiterbildung (mindestens zwei Jahre in einer Klinik und zwei Jahre in einer Praxis) nicht leisten können – und die Ausbildungsstätten halten sich mit ihren Angeboten ebenfalls zurück, weil eine gesicherte Finanzierung fehlt. Da trotz Druck von unten und den Protesten von Organisationen wie der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung eine Lösung nicht absehbar ist, könnten im nächsten Jahr weitere 2500 Uni-Absolvent:innen auf der Warteliste landen, und im Jahr danach ebenso – ohne Perspektive. Gleichzeitig sind fast vierzig Prozent der praktizierenden Fachpsychotherapeut:innen sechzig Jahre alt – oder älter..
Behandlung nur noch für Reiche?
Der absehbare Mangel an Hilfe für psychisch angeschlagene Menschen ist – auch das sagten alle Redner:innen – kein Nischenthema: „Es ist ein Angriff auf die öffentliche Daseinsvorsorge.“ Mit der sinkenden Zahl an Praxen, denen von den Krankenkassen zudem die Honorare gekürzt werden, wächst der Anreiz, nur noch Privatpatient:innen und Selbstzahler:innen zu behandeln. Das aber wäre der Weg in eine Zwei-Klassen-Medizin.

Und so beteiligten sich am Mittwoch nicht nur Student:innen und psychiatrische Fachkräfte am Protest. Schon früh hatte sich eine Delegation der Linken eingefunden, ein Demonstrant schwenkte die Fahne der IG Metall und die Gewerkschaft ver.di hatte – wie so oft in letzter Zeit – die Warnwesten der Demo-Ordner:innen und die Lautsprecheranlage zur Verfügung gestellt.
Wie relevant eine psychiatrische Versorgung ist, zeigt das warnende Beispiel der Attentäter von Leipzig und Magdeburg, auf das eine Rednerin der Linken hinwies: Anfang Mai tötete ein Amokfahrer, der vorher in psychischer Behandlung war, in Leipzig zwei Menschen – und auch der Attentäter vom Madgeburger Weihnachtsmarkt 2024 (sechs Tote) hatte zuvor schon Zeichen einer gravierenden psychischen Erkrankung gezeigt, die jedoch aufgrund fehlender Therapieplätze und mangelnder Risikoeinschätzung nicht konsequent genug beachtet worden waren.
Es geht mithin um Leben. Und trotzdem, so Diana Kowtun in ihrer Eingangsrede, „kürzt die Politik, was das Zeug hält. Sie handelt blind und verantwortungslos gegenüber der gesamten arbeitenden Bevölkerung.“ Warum, so fragt sie sich, werde „die Arbeit von Psychotherapeut:innen so wenig respektiert und abgewertet? Wie kann es sein, dass bewusst die Versorgung psychisch erkrankter Menschen aufs Spiel gesetzt wird?“ Dass es gerade sie treffe, sei „kein Zufall: Psychotherapie ist ein weiblich geprägter Beruf.“
Am Schluss wiesen die Organisator:innen von der Fachschaft Psychologie auf die nächste Aktion hin: Sie findet am 10. Juni statt. Beginn: ebenfalls um 17 Uhr, wieder im Herosépark.


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