Bodensee philharmonie 1 © ilja mess

Zum Leben zu wenig, zum Sterben genug

Von Harald Borges

Heute Nachmittag geht es im Gemeinderat um die Zukunft des Konstanzer Orchesters. „Der Gemeinderat bekennt sich zum Erhalt der Bodensee Philharmonie als kultureller Einrichtung der Stadt Konstanz“, heißt es in einer Sitzungsvorlage, die in Wirklichkeit eher ein Dolchstoß ist.

Die Stadtverwaltung will an ihrem Orchester in Zukunft ganz erheblich sparen und so (angeblich) dessen Zukunft sichern, nachdem aus radikaler Ecke sogar schon nach seiner gänzlichen Abschaffung gerufen wurde. Die Zuschüsse für die Bodensee Philharmonie sollen ab 2027 jährlich sinken. 2027 soll der städtische Zuschuss mit 3,7 Millionen Euro um 200.000 Euro geringer ausfallen als geplant. 2030 will die Stadt dann nur noch 3,25 Millionen Euro zuschießen, also 1,1 Millionen weniger als in der Planung vorgesehen.

Angesichts der zu erwartenden tariflichen Gehaltserhöhungen und allgemeinen sonstigen Kostensteigerungen stellt eine solche Kürzung das Orchester vor eine nahezu unlösbare Aufgabe, und das ist der Verwaltung, die diesen Sparvorschlag ausgearbeitet hat, auch bewusst. Daher schlägt sie eine Vielzahl von Maßnahmen vor, wie das Orchester seine finanzielle Situation verbessern soll. Bei manchen Vorschlägen reibt man sich allerdings verwundert die Augen.

Dass natürlich eine „deutliche Erhöhung der Einzelkarten- und Abonnementpreise unter Berücksichtigung der Nachfrageentwicklung und sozialer Gesichtspunkte“ im Raum steht, ist angesichts der finanziellen Gegebenheiten nicht anders zu erwarten. Auch dass die Bodensee Philharmonie in Zukunft von externen Veranstaltern, die sie anheuern wollen, mehr Geld verlangen soll, ist auf den ersten Blick nicht unlogisch. Ob der Markt tatsächlich höhere Gagen hergibt, bleibt abzuwarten, und etliche Verträge für das nächste Jahr dürften ohnehin schon unter Dach und Fach sein, so dass an den dort vereinbarten Honoraren nicht zu rütteln ist, während der Zuschuss bereits sinken soll.

Das Geld der anderen ausgeben

Als Geldgeber sollen schnell Dritte einspringen, so will es die Verwaltung. Sie fordert eine „substanzielle Erhöhung der finanziellen Beteiligung des Landkreises Konstanz, des Kantons Thurgau und der Stadt Kreuzlingen entsprechend der regionalen Nutzung und Ausstrahlung“. Man erinnert sich, dass Kreuzlingen vor einiger Zeit die Stadt Konstanz um einen Zuschuss zu den rund 27 Millionen Franken Sanierungskosten der auch von vielen Konstanzer:innen genutzten Bodensee-Arena bat: Vergebens, Konstanz konnte sich zu keiner Extrazahlung durchringen. Jetzt von den Schweizer:innen „substanziell“ mehr Geld für das Orchester zu erbetteln, weil sie die Konzerte ja auch gern besuchen, dürfte keine leichte Aufgabe werden.

Dazu sollen natürlich wie seit eh und je verstärkt Spenden und Sponsoringmittel an Land gezogen werden. Davon ist bereits seit Jahrzehnten die Rede, aber unsere Wirtschaft investiert ihr Geld lieber anderswo. Auch die Bedingung, dass das Land Baden-Württemberg seine Fördermittel in den nächsten fünf Jahren nicht kürzen soll, hört sich stark nach einem Vertrag zu Ungunsten Dritter an. Dass diese Fremdfinanzierungsziele kaum oder nur durch ein Wunder zu erreichen sind, ist der Verwaltung sehr wohl bewusst, wie sie in der Vorlage auch durchblicken lässt: „Insbesondere können zusätzliche Finanzierungsbeiträge Dritter derzeit nicht als gesichert vorausgesetzt werden.“

Eine gemeinsame Intendanz für alle?

Die letzten beiden Großideen sind erstens die organisatorische Zusammenlegung des Theaters, der Bodensee Philharmonie und der Musikschule „unter einer gemeinsamen Leitung beziehungsweise Intendanz“, um Synergien zu nutzen. Was das für die anstehende Orchesterintendanten-Suche heißt, bleibt abzuwarten. Die Aufgaben, die die Verwaltung in dieser Vorlage formuliert, sind praktisch kaum zu erfüllen, wenn nicht plötzlich der reiche Onkel aus Amerika vorbeischaut.

Tja, und dann taucht auch noch die Forderung nach einer Verkleinerung des Orchesters in der Beschlussvorlage für den Gemeinderat auf. Wenn die Verkleinerung schnell kassenwirksam werden soll, hieße das Kündigungen (etwa bei den Streicher:innen). Angesichts der Lage auf dem Arbeitsmarkt für Musiker:innen bedeutete das wohl langfristige Arbeitslosigkeit mit entsprechenden Folgen für die Betroffenen und deren Familien.

Das Konzerthaus taucht wieder auf

Dafür wird am Ende denn auch noch mit einem Guzzele als Trostpflaster gewinkt: Die Verwaltung will bei Zielerreichung „gegebenenfalls“ über einen eigenen Konzertsaalneubau für das Orchester nachdenken. Da lachen ja die Hühner, denn bei allen Einsparungen wird die Stadt auch in ein paar Jahren nicht mal eben schnell 50 oder mehr Millionen Euro für einen Konzertsaal locker machen.

Die von der Verwaltung vorgelegten Pläne kranken einerseits an viel zu optimistischen Annahmen und Forderungen: Dass Dritte massiv mehr Geld für das Orchester lockermachen werden, damit die geplante Kürzung des städtischen Zuschusses sowie die zu erwartenden Kostensteigerungen aufgefangen werden können, ist höchst unwahrscheinlich.

Dem Orchester ab 2027 weniger Geld zu geben, noch bevor Klarheit über eventuelle Mehreinnahmen herrscht, die – wenn überhaupt – jedenfalls nicht zeitnah fließen werden, ist eine Vorgehensweise, die das Orchester zwangsläufig in die Miesen treibt. Wenn dann der Offenbarungseid ansteht (sprich: die Stadt ein Defizit des Orchesters ausgleichen muss), kann man das Orchester aber getrost dichtmachen. „Ihr hattet ja Eure Chance, aber Ihr habt sie nicht genutzt“, kann man dann wohlgemut rufen und die Hände bis zu den Ellbogen in Unschuld baden.

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2 Kommentare

  1. Harald Borges

    // am:

    Dieser Tagesordnungspunkt wurde vertagt. Er wird am 23.10. in einer Sondersitzung ,des Orchester- und Musikausschusses und des Kulturausschusses behandelt.

  2. Peter Conzelmann

    // am:

    Kulturpolitik ist ein Minenfeld. Politiker sprechen gerne in ihren Sonntagsreden darüber, wie „wichtig Kultur für das gesellschaftliche Miteinander“ sei, und zücken am nächsten Tag den Rotstift, weil es sich ja um „Freiwilligkeitsleistungen“ handelt. Zu behaupten, man wolle das Orchester erhalten, gleichzeitig aber die Stelle des Intendanten nicht zu besetzen (die beratende Funktion des früheren Intendanten Beat Fehlmann ist kein auch nur annähernder Ersatz) und dem Orchester unerfüllbare finanzielle Kriterien vorzulegen, ist blanker Zynismus. Und das von jemandem, der der Stadt mit dem Bodenseeforum eines der faulsten Eier ins Nest gelegt hat.

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