
Beat Fehlmann, als Orchester-Intendant in Konstanz noch in bester Erinnerung, wird für maximal ein intendantenloses Jahr der Bodensee Philharmonie und der Lokalpolitik beratend zur Seite stehen. Ein Gespräch über seine Absichten und Aufgaben in einer Stadt, in der die Kultur wieder einmal einen schweren Stand hat.
seemoz: Du bist gerade für ein Jahr nach Konstanz zurückgekehrt, nachdem der bisherige Intendant gekündigt hat. Bist Du jetzt neben Deinem Hauptberuf an der Musikakademie in Liechtenstein hier am Bodensee Aushilfsintendant?
Beat Fehlmann: Nein. Ich übernehme keine Interimsintendanz, sondern die strategische Arbeit. Dazu zählen die Neubesetzung der Intendanz und der Position des Chefdirigenten sowie die Programmgestaltung für die Saison 2027/28.
In erster Linie aber geht es jetzt um einen politischen Prozess, der im November mit den Haushaltsberatungen im Gemeinderat abgeschlossen werden soll. Die wichtigste Frage ist nämlich, wie die künftige Finanzierung der Philharmonie aussieht. Welchen Weg schlägt die Stadt finanziell ein und welche Konsequenzen hat das für die einzelnen Bereiche, im Besonderen natürlich für das Orchester?
seemoz: Drei Optionen scheinen derzeit denkbar. Das Orchester zu schließen, es zu verkleinern oder den jetzigen Zustand beizubehalten.
Beat Fehlmann: So lange darüber nicht entschieden ist, ist es nicht sinnvoll, die Intendanz neu zu besetzen. Kandidat:innen müssen ja wissen, worauf sie sich in Konstanz einlassen, ob das Orchester eine Zukunft hat oder ob sie den Apparat abwickeln müssen. Eine solche Ungewissheit wie im Moment ist einer neuen Intendanz einfach nicht zuzumuten.
Die Weichen müssen jetzt gestellt werden
seemoz: Bist Du Dir sicher, dass diese Fragen in derart kurzer Zeit endgültig geklärt werden können?
Beat Fehlmann: Ich zumindest sehe das so: Diesen Herbst muss der Gemeinderat zwingend einen neuen Haushalt beschließen, wenn die Kommune selbständig handlungsfähig bleiben will. Der neue Doppelhaushalt regelt dann zumindest kurzfristig die finanzielle Lage der Institution. Das ist ja noch kein Signal für die fernere Zukunft, schafft aber erstmal für diese beiden Jahre finanzielle Klarheit. Die Stadt steht unter massivem Druck, denn sie hat vom Regierungspräsidium den Auftrag erhalten, ihren Haushalt in den nächsten Jahren zu konsolidieren.
seemoz: Die Aufsichtsbehörde, das Regierungspräsidium, hat moniert, dass die Stadt Konstanz im Moment pro Jahr 15 Millionen Euro mehr ausgibt, als sie hat, und das muss sie bis 2030 in den Griff bekommen. Angedacht sind jährliche Einsparungen von zehn Millionen Euro und Mehreinnahmen von fünf Millionen.
Beat Fehlmann: Deshalb braucht es jetzt noch mehr als „nur“ den Beschluss über den Doppelhaushalt, es braucht darüber hinausreichende strategische Entscheidungen. Andernfalls wäre die Stadt in ein paar Jahren nicht mehr handlungsfähig.
Zur Person
Beat Fehlmann ist Kulturmanager, Intendant, Dirigent, Klarinettist und Komponist. Er war von 2013 bis 2018 Intendant der Südwestdeutschen Philharmonie (heute: Bodensee Philharmonie) in Konstanz. In den Jahren 2018 bis 2025 wirkte er als Intendant der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen. Seit einem Jahr ist er künstlerischer Leiter und Geschäftsführer der Musikakademie in Liechtenstein und managt das dortige „Ensemble Esperanza“. 2025 erschien sein Buch „Kompetenzzentrum für Musik: Ein Zukunftsmodell für professionelle Orchester“.
seemoz: Wie wirkt sich die Ungewissheit auf die Musiker:innen aus?
Beat Fehlmann: Ich vergleiche das gern mit der Situation, in der man nach einer Untersuchung auf die Diagnose wartet. Es geht zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin und her. Dann gibt es irgendwann den Punkt, wo Du einfach nicht mehr kannst und die Diagnose haben willst, egal wie sie ausfällt, weil ab einem bestimmten Zeitpunkt alles besser ist als diese Ungewissheit. Diese Situation ist extrem kräftezehrend, und das merkt man dem Betrieb auch an.
„… ein tolles Zukunftsprojekt ermöglichen …“
seemoz: Wirst Du in den nächsten Monaten einen Großteil Deiner Arbeitszeit in Konstanz verbringen? Oder eher einen Tag in der Woche?
Beat Fehlmann: Ich denke eher an einen Tag Anwesenheit und öfter mal einen Austausch über digitale Lösungen. Abgesehen davon ist es von Liechtenstein ja nicht so weit nach Konstanz. Ich hoffe, dass es gelingt, einen guten Mix zu finden zwischen dem Persönlichen und dem rein sachlichen Austausch. Es ist wahrscheinlich hilfreich, dass in der jetzigen Situation jemand wie ich, der die Beteiligten bereits seit Jahren gut kennt, ins Spiel kommt, und keine neue Person, die sich erst einarbeiten und Beziehungen knüpfen muss. Ich kann sofort anfangen.
Ich werde ausdrücklich nicht alle Aufgaben übernehmen, die eine Intendanz zu erledigen hat. Ich will aber durch meine Kontakte und Erfahrungen ein tolles Zukunftsprojekt ermöglichen, so dass ich dann irgendwann beruhigt wieder gehen kann. Sowie die politische Situation geklärt ist, kann ich mich auch früher als geplant wieder zurückziehen, falls jemand kommt, der sofort anfangen kann.
seemoz: Kulturabbau ist in vielen Kommunen das Gebot der Stunde …
Beat Fehlmann: Es geht ja nicht nur darum, die eigene Institution zu verteidigen, sondern ich denke, dass Kulturabbau immer auch eine akute Demokratiegefährdung ist. Es geht dabei nicht nur um die reinen Einsparungen, sondern dass man sich auch der Konsequenzen bewusst wird. Was macht das mit uns als Gesellschaft, wenn wir auf diese Dinge verzichten? Ist eine Abkehr von diesen Errungenschaften langfristig clever? Steckt da nicht viel drin, um das es sich zu kämpfen lohnt? Dabei geht es ja nicht nur um eine Kulturleistung, sondern auch um die Art, wie wir Gesellschaft denken. Natürlich ist die Auseinandersetzung darum, was wir uns leisten können und wollen, ein unablässiger Prozess, der einfach dazugehört.
Es geht um die Existenz von Menschen
seemoz: Würde das Orchester hier dichtgemacht, wäre das für die meisten Musiker:innen eine Katastrophe, gerade für die älteren, die vermutlich nie wieder einen Job kriegen und sich als Instrumentallehrer oder sonst irgendwie durchschlagen müssten. Außerdem wartet hier wirklich niemand auf 21 weitere Geigenlehrer.
Beat Fehlmann: Nein, absolut nicht. Und eine Anstellung in einem anderen Orchester zu finden ist schwierig und auf jeden Fall mit einem größeren Ortswechsel verbunden. Eine Entscheidung gegen diesen Klangkörper in seiner bisherigen Größe heißt einerseits Kulturabbau und bedeutet andererseits auch, Sozialfälle zu schaffen. Es geht hier um die Existenz von Menschen samt ihrer Familien.
seemoz: Und wenn man Stellen einfach nicht wiederbesetzt wie bei der Zusammenlegung der SWR-Orchester?
Beat Fehlmann: Eine Verkleinerung ließe sich in diesem Fall nicht über natürliche Abgänge regeln. Wenn die Bodensee Philharmonie plötzlich mit 30 Leuten dasitzt, kann sie unter Umständen nicht mehr spielfähig sein. Es gäbe nämlich zum Beispiel plötzlich keine Bratschen mehr. Wenn dann auch noch der Solo-Oboist pensioniert und nicht ersetzt wird, dann kann das Orchester nicht einmal mehr stimmen [die Solo-Oboe bläst beim Stimmen den Stimmton für die anderen Instrumente].
seemoz: Mit vier Kontrabässen und drei Geigen kannst Du nichts anfangen, selbst wenn die Bläser voll besetzt sind.
Beat Fehlmann: Über diesen Weg wird es bei dieser Orchestergröße nicht gehen. Das muss allen Verantwortlichen klar sein. Man kann alles denken, aber man muss sich auch die Konsequenzen für das Orchester und die Gesellschaft deutlich vor Augen halten. Das ist ein wichtiger Teil dieser Diskussion.
seemoz: Ich habe den Eindruck, dass im Gemeinderat in den letzten Monaten die Stimmung massiv umschlägt und dass sich in bestimmten Fraktionen ein brutales, rein ökonomisches Denken breitmacht, das ausschließlich nach Rentabilität fragt.
Beat Fehlmann: Man wird sehen. Ich hoffe, dass es uns gelingt, zumindest eine sachliche Debatte zu führen. Eine Entscheidung ist nun unumgänglich und ein Rausschieben und Vertagen von Verantwortung ginge zu Lasten zahlreicher Faktoren. Ich will dabei helfen, dass der Gemeinderat am Ende eine wohlinformierte Entscheidung treffen und sorgfältig abwägen kann.
seemoz: Unser Orchester dürfte auch für die meisten Lokalpolitiker:innen ein unbekanntes Wesen sein.
Beat Fehlmann: Zumindest gewisse Vorgänge scheinen doch vielen unbekannt. So war ich etwa bei Fragen zum Haustarifvertrag überrascht, dass einigen Stadträt:innen offensichtlich nicht klar war, wie der Abschluss eines solchen Vertrages überhaupt funktioniert. Manche dachten, dass ein solcher Vertrag zwischen den Musiker:innen und den Orchesterverantwortlichen hier in Konstanz vor Ort vereinbart werden könne. Etliche waren sehr erstaunt, dass das so nicht geht, sondern dass ein solcher Vertrag auf Bundesebene über die Tarifparteien geklärt werden muss.
seemoz: Manche im Gemeinderat scheinen zu denken, wenn man dem Orchester nur massiv genug droht, dann werden die Musiker:innen auf einen Teil ihres Gehalts verzichten. Das ist scheint’s bei manchen Leuten im Gemeinderat das Verständnis des Haustarifvertrages.
Beat Fehlmann: Es gibt in Deutschland kein Vorbild für eine solche Lösung. In diesem Fall wäre aber auch mit einem massiven Arbeitskampf zu rechnen. Man darf nicht vergessen, dass über 90 Prozent der Musiker:innen gewerkschaftlich organisiert sind. Eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen wird die Gewerkschaft nicht zulassen, weil das eine bundesweite Signalwirkung hätte. Da kämen viele Kommunen und würden dasselbe versuchen. Dabei darf man nicht aus den Augen verlieren, dass Orchestermusiker:innen hoch spezialisierte Berufsleute sind. Es gibt sehr wenig Berufe, welche im gesamten Verlauf der Karriere so anspruchsvoll sind. Die Bezahlung fällt aber dennoch im Vergleich mit anderen, weit gewöhnlicheren Aufgaben, sehr moderat aus.
„… wir erleben gerade eine ungewöhnlich herausfordernde Zeit“
seemoz: Das Orchester lebt nicht nur von den Zuwendungen der Stadt, sondern erhält auch andere Mittel.
Beat Fehlmann: Das Orchester wird fast zur Hälfte auch vom Staat gefördert, das heißt vom Land Baden-Württemberg. Dabei gilt aber das Subsidiaritätsprinzip: Wenn die Stadt ihrem Orchester weniger Geld gibt, reduziert auch das Land seine Zahlungen. Wenn die Stadt Konstanz am Orchester also den Betrag X einspart, dann streicht das Land seine Zuschüsse in derselben Höhe. Am Ende hat das Orchester also insgesamt 2 mal X, also das Doppelte der städtischen Einsparungen, weniger in der Kasse. Auch für das Land ist die Lage ja derzeit nicht gerade rosig, weil etliche wirtschaftlich wichtige Player, etwa die Automobilindustrie, wirtschaftlich schwächeln. Das kann brutal werden, wir erleben gerade eine ungewöhnlich herausfordernde Zeit.
seemoz: Es gab immer wieder mal Spardebatten um das Orchester, aber die fanden statt, wenn ein Intendant – upps – seine Buchhaltung vergessen hatte und plötzlich ein paar Hunderttausend fehlten. Da blühten dann die wildesten Ideen auf, etwa das Orchester mit dem in Reutlingen zusammenzulegen.
Beat Fehlmann: Im Kulturbereich ist die Debatte nochmal besonders schön zu pushen. Jede Gehsteigsanierung wird ja teurer als budgetiert, aber das hat noch nie jemanden gestört.
seemoz: Genauso wenig wie die Millionen, um welche die Z-Brücke am Bahnhof Petershausen teurer geworden ist als geplant.
Beat Fehlmann: Dafür gab es aber damals einen Riesenaufriss, als beim Orchester Geld fehlte.
seemoz: Im Kulturbereich ist die Aufregung nach meinem Eindruck auch deshalb größer als in anderen Bereichen, weil alle glauben, dass Kultur eigentlich nichts kosten darf und der pure Luxus ist.
20. August 2018 | Fängt beim Dreiklang der Faschismus an? Ein Gespräch mit Beat Fehlmann.

Schreiben Sie einen Kommentar