
Die Bahn zieht die Notbremse. Vorgestern wurde bekannt, dass sich die Fertigstellung des verkehrspolitisch unsinnigen Bahnhofsprojekts S21 um weitere Jahre verzögert: Unter dem Druck einer frühzeitigen Eröffnung reihte sich ein Fehler an den anderen. Wird nun alles gut?
Der Stuttgarter Oberbürgermeister und S21-Befürworter Frank Nopper zeigte sich entsetzt: Angesichts der neuerlichen Verschiebung müsse die Bahn „alles dafür tun, dass der Name unserer Stadt nicht mit einem nicht enden wollenden Jahrhundertprojekt in Verbindung gebracht wird“, sagte er laut SWR – als wäre diese Verbindung nicht längst in vielen Köpfen abgespeichert.
Dabei war von Anfang an klar gewesen, das dass von ehemaligen CDU-Grosskopfeten und auto-affinen Bahnmanagern konzipierte Projekt in die völlig falsche Richtung geht. Es legte weitaus weniger Gleise als nötig in einen ohnehin schon durchbohrten Untergrund, nur um Platz für oberflächige Immobilienspekulation zu schaffen – und konnte in der Folge die vielen Kritikpunkte der Gegner:innen nie entkräften, im Gegenteil.
Bei ihnen in der Schweiz, erläuterte beispielsweise ein Bahnexperte aus dem Nachbarland vor fünfzehn Jahren der S21-Schlichtungsrunde von Heiner Geißler, werde vor Bahnbauprojekten erst der künftige Bedarf ermittelt, dann die Streckenführung geplant, schließlich der Bahnhofsumbau ins Auge gefasst und zum Schluss der neue Fahrplan bekannt gegeben. In Deutschland aber, so sein Fazit, „ist es umgekehrt“.
Eine ähnlich stümperhafte Umkehrung sinnvoller Abläufe hat sich jetzt wieder ereignet. Einem Bericht der Tagesschau zufolge muss die Bahn für das Pilotprojekt des Digitalen Knotens Stuttgart kilometerweise neue Kabel vergraben. Die ursprüngliche Idee war gewesen, zuerst die Planung abzuschließen (welche Kabel, Schächte, Verteilerkästen und so weiter werden gebraucht?), dann Baufirmen zu beauftragen und schließlich die Zugsicherungstechnik anzuschließen. Doch diese Reihenfolge sei nicht eingehalten worden, heißt es in dem Bericht: Die Bahn gab noch vor Abschluss der Planung die Kabelverlegung in Auftrag. Warum? „Wir wollten den Eröffnungstermin von Stuttgart 21 nicht gefährden“, zitiert die Tagesschau einen Insider. Da jetzt mehrere hundert Kilometer Kabel neu verlegt werden müssen, ist einer der Gründe für die erneute Verzögerung.
Weg mit den Fernwanderwegen!
Aber dafür, so eine Pressemitteilung des Pro-Gäubahn-Landesbündnisses, können nun vernünftige Lösungen gesucht und gefunden werden – nicht nur für den Digitalen Knoten, sondern auch für den Erhalt des Stuttgarter Kopfbahnhofs, die dauerhafte Nutzung der Panoramastrecke, das erhoffte Ende des Pfaffensteigtunnels und natürlich den Ausbau der Gäubahn zwischen Singen und Stuttgart.
Hier die Mitteilung des Bündnisses:
„Das Pro Gäubahn-Landesbündnis begrüßt die am Montag bekannt gewordene Verschiebung der Inbetriebnahme von Stuttgart 21 auf das Jahr 2031. „Für die Fahrgäste entlang der Gäubahn ist das zunächst eine sehr gute Nachricht“, sagt Andreas Frankenhauser vom Pro Gäubahn-Landesbündnis. „Die geplante Kappung der Gäubahn in Stuttgart-Vaihingen rückt damit erneut in weitere Ferne. Die Menschen entlang der Strecke behalten ihre direkte Anbindung an den Stuttgarter Hauptbahnhof nun mindestens bis 2031.“
Nach Ansicht des Bündnisses schafft die erneute Terminverschiebung wertvolle Zeit, um den Bahnknoten Stuttgart fahrgastfreundlicher zu gestalten und die von der Deutschen Bahn (DB) als Provisorium geplante Kombibahnhoflösung auf Dauer umzusetzen.
Besonders kritisch sieht das Bündnis die bislang vorgesehenen langen Wege zwischen Stuttgarter Innenstadt, Tiefbahnhof, Kopfbahnhof sowie S- bzw. Stadtbahn. „Es ist schwer vermittelbar, dass Reisende weiterhin große Umwege zurücklegen sollen, obwohl Tiefbahnhof und Kopfbahnhof dicht nebeneinander liegen“, kommentiert Hans-Jörg Jäkel vom Gäubahn-Komitee Stuttgart. „Die nun gewonnene Zeit muss die DB nutzen, um die Fernwanderwege durch kurze Verbindungen zu den Bahnsteigen zu ersetzen. Hierzu haben wir bereits eigene gut umsetzbare Vorschläge unterbreitet.“
Sechs Forderungen
Das Pro Gäubahn-Landesbündnis fordert deshalb, den S21-Tiefbahnhof frühzeitig als direkten Durchgang zu den oberirdischen Bahnsteigen des Kopfbahnhofs zu öffnen. Fahrgäste sollen künftig ohne Umwege zwischen den beiden Bahnhofsteilen wechseln können.
„Jede weitere Verschiebung bestätigt, dass es falsch wäre, funktionierende Infrastruktur vorschnell aufzugeben“, so Hendrik Auhagen von Pro Gäubahn Konstanz. „Der bestehende Kopfbahnhof wird auch in den kommenden Jahrzehnten unverzichtbar bleiben. Statt über dessen Rückbau zu diskutieren, muss die DB nun mutig vorangehen und eine dauerhafte Kombibahnhofslösung mit ausreichenden Kapazitäten umsetzen.“
Das Bündnis fordert deshalb:
● die direkte Anbindung der Gäubahn an Stuttgart Hbf (oben) dauerhaft abzusichern,
● die geplanten Fernwanderwege im Hauptbahnhof durch direkte Verbindungen zwischen Tiefbahnhof und Kopfbahnhof zu beseitigen,
● den Tiefbahnhof frühzeitig als Durchgang zu den oberirdischen Bahnsteigen zu öffnen,
● den als Provisorium von der DB geplanten Kombibahnhofbetrieb dauerhaft anzulegen und als Chance für mehr Kapazität und Betriebsstabilität zu nutzen,
● die oberirdische Schieneninfrastruktur in Stuttgart instand zu setzen und fit zu machen für die nächsten Jahrzehnte,
● sowie den zweigleisigen Ausbau der Gäubahn endlich konsequent voranzutreiben.
„Die erneute Verschiebung von Stuttgart 21 ist vor allem eine Chance“, betont Frankenhauser: „Eine Chance, den Bahnknoten Stuttgart fahrgastfreundlicher zu gestalten, die Umsteigewege zu verkürzen und die direkte Anbindung der Gäubahn dauerhaft zu sichern. Diese Zeit sollte jetzt sinnvoll genutzt werden.“
Text: Pressemitteilung Pro-Gäubahn-Landesbündnis / Pit Wuhrer
Foto: Pit Wuhrer
Weitere Infos:
● Während sich der Bau von S21 weiter verzögert, feierten die SBB am 1. Juni das zehnjährige Bestehen des Gotthard-Basistunnels.
● Die Mängelliste der „Ingenieure22“ zeigt auf, was noch alles schief gehen kann.
● Und hier noch ein Überblick, über die vielen Krisen des Projekts (von Tom Adler).


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