
Am vergangenen Sonntag eröffnete das Archäologische Landesmuseum (ALM) in Konstanz seine neue Sonderausstellung „Rom lebt! Ein Mitmachabenteuer“. Die am ersten Tag von sagenhaften 1200 Neugierigen besuchte Schau richtet sich vor allem an Familien und lädt besonders vier bis zwölf Jahre alte Kinder dazu ein, auf unterhaltsame Weise in das Leben der alten Römer:innen einzutauchen.
Vierzehn farbenfrohe Wandbilder im Großformat zeigen lebensgroße Szenen aus dem römischen Alltag – Legionäre am romantischen Lagerfeuer oder beim Marsch, Handwerker beim Töpfern und Hausbau, Frauen in der Küche, am Marktstand und am Schminktisch, schließlich Kinder im Schulunterricht. Dabei scheinen die naturalistischen Gemälde an irgendeiner Stelle aus dem Rahmen zu treten und so in unsere Realität überzugehen – wo sie mit einer Leerstelle enden.
Niemand hält den frei schwebenden Geldbeutel, aus dem die Münzen in die Hand der Händlerin fallen. Niemand greift den Teller, auf den Köchin gerade schöpft. Die Tuba, bei den Römern noch eine gerades Rohr, schreitet ohne menschliche Hilfe dem Militärmusikensemble voran – und wartet darauf, dass jemand so tut, als bliese er/sie in das Instrument. Wie auch der Teller und der Geldbeutel gehalten werden wollen.
Wer diese Einladungen aufgreift und sich passend ans Bild stellt, wird damit selbst Teil der römischen Welt. Ein Erinnerungsfoto mit dem Handy hält die Illusion fest. Über die sozialen Netzwerke geteilt, so mögen es jedenfalls die Museumsleute erhoffen, macht es auf die Ausstellung aufmerksam und lockt weitere Besucher:innen.
Die neue Museumswelt: Hauptsache interaktiv
Neben dem Foto-Spaß laden weitere Mitmach-Stationen dazu ein, den Alltag der Römer:innen mit den eigenen Händen oder gar der Nase zu entdecken. Römische Brett- und Würfelspiele liegen aus. In einer Riechstation wollen Küchengewürze erschnüffelt werden. In einer Kiste gilt es, kleine Gegenstände zu ertasten.

Man darf an einer schweren Getreidemühle kurbeln, Straßen pflastern (zum Glück mit Plastiksteinen) oder sich mit Holzklötzchen am Bau eines Torbogens versuchen („wo zum Teufel ist der Schlussstein?“). Vor allem Jungs verkleiden sich mit Helm, Brustpanzer, Gürtel und Schild als Legionäre – das schwere Marschgepäck bleibt ihnen erspart. Auch Tunika, Toga und Stola liegen zur Anprobe aus.
Im Bauch eines Miniatur-Lastkahns können junge Mitmacher:innen Amphoren stapeln und damit ihr Geschick beweisen, möglichst viele Gefäße im Schiff unterzubringen. Eine ganz ähnliche, doch anspruchsvollere Aufgabe stellt das Lindauer Museum Cavazzen. Dort geht es mit etwas größeren Amphoren um die Balance der Lädine. Stapelt man falsch, kentert das Boot.
Früher und länger
Mit den Artefakten und diese erklärenden und kontextualisierenden Texten der althergebrachten Museumswelt hat „Rom lebt!“ kaum noch etwas am Hut. Ja, es gibt noch Vitrinen. Hier mit einer angerosteten Spitzhacke, dort mit ein paar römischen Münzen, und beim Thema Schule mit Griffel und (rekonstruierter) Wachstafel. Doch solche Objekte sind eher Nebensache.
Manche Texttafel dürfte jene Schulkinder zudem mehr verwirren als erhellen, die im Geschichtsunterricht gut aufgepasst haben. Gleich eingangs steht: „Das Römische Reich bestand von 509 v. Chr. bis etwa 395 n. Chr.“ Der einprägsamen Satz „Sieben – fünf – drei: Rom kroch aus dem Ei“ scheint überholt, Romulus und Remus sind verschwunden. Und endete Westrom nicht erst anno 476 mit der Absetzung des letzten Kaisers?

(© Stephanie King / ALM)
Schwamm drüber, wen interessieren noch Jahreszahlen. Schwerer wiegt der Verzicht auf eine orientierende Landkarte. Auch als Grundschüler hätte ich anhand einer Karte damals erkannt, dass dort, wo wir im letzten Sommer an der Costa Brava Urlaub machten, früher mal die Römer waren.
Heile Welt?
Konzipiert wurde die interaktive Erlebnis-Ausstellung um die scheinbar dreidimensionalen Acrylgemälde bereits 2017 von der Agentur tricture und den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. Damals wurde auch ein im ALM nicht vorrätiges, doch noch immer bestellbares Begleitheft aufgelegt. Zuletzt war die Ausstellung in Mannheim und Kempten zu sehen. Mannheim punktete mit einem umfangreichen Begleitprogramm, Kempten mit einem eigenen Ausstellungsteil zur römische Vergangenheit der Allgäustadt.
Das ALM verzichtet auf lokale Bezüge zum Kastell Constantia oder zu römischen Relikten in der weiteren Umgebung – Schleitheim und Hüfingen hätten sich angeboten. Zudem werden, wohl aus Platzmangel, nicht alle der ursprünglich 19 Themenbereiche aufgespannt. So haben die ALM-Verantwortlichen etwa den in der Arena kämpfenden Tiger oder den schmerzhaften Zahnarztbesuch gestrichen.

(© Ralph-Raymond Braun)
Doch in der gekürzten wie in der vollständigen Version skizziert die Ausstellung allzu unkritisch den römischen Alltag als ein herrschaftsfreies Leben entlang tradierter Geschlechterrollen. Frauen machen sich schön, kochen und verkaufen Obst und Gemüse. Männer bauen, reisen und kämpfen. Für Kinder im Kita-Alter mag das angehen, älteren kann man auch Themen wie Sklaverei, die Entrechtung von Frauen und Nicht-Bürgern oder das Klientelwesen durchaus altersgerecht präsentieren.
Auch die romantische Verherrlichung des Soldatenlebens dürfte nicht allen Eltern gefallen, zumal angesichts der heute angesagten „Zeitenwende“ hin zur Kriegstüchtigkeit. Zwar erwähnen die Texttafeln, dass nur jeder zweite Legionär den Dienst überlebte. Der interaktive Mitmachteil versucht jedoch erst gar nicht, Todesgefahr, Disziplinarstrafen oder auch nur die Mühen der mit schweren Gepäck beladenen Märsche erlebbar zu machen.
Spätestens hier sind pädagogische Begleitung und Nachbereitung durch Eltern, Lehrer:innen oder Erzieher:innen gefragt.
Titelfoto: Ralph-Raymond Braun

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