Hospizverein in der Frühzeit, vermutlich ca. 1993 © Hospizverein Konstanz

Wir sind alle mal dran (II)

Hospizverein in der Frühzeit, vermutlich ca. 1993 © Hospizverein Konstanz
Hospizverein in der Frühzeit, ca. 1993

Niemand denkt gern an den Tod, zumal nicht an den eigenen, auch wenn er unausweichlich ist. Wenn es dann so weit ist, bietet der Hospizverein seine letzte Hilfe an, für Schwerkranke, Sterbende und deren Umfeld. Zum 30-jährigen Jubiläum des Vereins ein Gespräch mit den Vorständen Petra Hinderer und Simon Diefenbach über Gegenwart und Zukunft der Konstanzer Hospizbewegung.

Teil 2 von 3 [Teil 1 finden Sie hier, Teil 3 hier]

seemoz: Wie viele Leute seid Ihr insgesamt?

Hinderer: Wir haben etwa 800 fördernde Vereinsmitglieder, die ihre 40 € Jahresbeitrag zahlen. Wir haben etwa 200 aktiv tätige Ehrenamtliche, von denen etwa die Hälfte, also 100, ambulanten Hospizdienst leisten. Dann gibt es noch mal etwa 50 Menschen in der Kinder- und Jugendhospizarbeit für den gesamten Landkreis, andere arbeiten mit bei Trauerangeboten wie dem Trauercafé oder den Ge(h)sprächen mit. Es sind also rund 200 Ehrenamtliche regelmäßig bei uns aktiv. Wir beide sind der Vorstand, und es gibt acht Mitarbeiterinnen in Teilzeit und einen Aufsichtsrat.

seemoz: Wenn ich zu einem sterbenden Menschen gehen sollte, wüsste ich nicht, wie ich mich verhalten soll. Werden Ehrenamtliche von euch entsprechend vorbereitet? Prüft ihr auch, ob jemand für diese Aufgabe überhaupt tauglich ist?

Diefenbach: Die Aufnahme eines Ehrenamtlichen in den Verein erfolgt in zwei Stufen. Zuerst gibt es ein Kennenlern-Gespräch. Wir wollen wissen, wer ist die Person, was ist die Motivation dahinter? Die zweite Stufe ist ein Vorbereitungskurs von etwa 100 Stunden, in denen man sich mit diesen Themen auseinandersetzen muss. Damit erreicht man die qualifizierte ehrenamtliche Betätigung. Dies geschieht in neun Schulungsabenden und einem Samstag sowie im Selbststudium. Das meiste davon ist Selbsterfahrung und methodische Schulung in bestimmten Themenblöcken. Die Interessenten für die Erwachsenenarbeit lernen bei uns übrigens nicht gemeinsam mit denen für die Kinder- und Jugendhospizarbeit. Das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe, selbst wenn sie sich in manchen Themen überschneiden.

Hinderer: in dieser Vorbereitungszeit lernen die Ehrenamtlichen ihre Arbeit gut kennen, aber auch wir lernen sie kennen, sodass wir sie später passend einsetzen können und sie auch wissen, ob sie überhaupt zu uns passen.

Diefenbach: Es gibt auch Ausschlusskriterien wie Sucht oder Missionsdrang jedweder Art. Menschen, die gerade einen schweren Verlust erlitten haben, raten wir, auf jeden Fall noch mindestens ein Jahr zu warten. Wir wollen vermeiden, dass die eigenen Gefühle den anderen übergestülpt werden. Wir sind inzwischen auch sehr altersdifferenziert, was uns sehr freut. In den letzten Jahren kommen verstärkt jüngere Leute auf uns zu, selbst Menschen im Studentenalter oder Menschen, die gerade erste Familienerfahrungen machen.

Hinderer: Das hängt natürlich auch mit unseren Veranstaltungen und unserer Medienarbeit zusammen. Wir werden uns dennoch auch in Zukunft nicht voll durchdigitalisieren, wir werden also keine Sterbebegleitung mit dem Tablett anbieten, sondern weiterhin Menschen an der Seite von Menschen vor Ort vermitteln.

Diefenbach: Wir investieren einiges in die Ehrenamtlichen und wünschen uns natürlich, dass sie für längere Zeit bei uns bleiben. Zuerst geht natürlich eine unserer hauptberuflichen Koordinatorinnen in das System des Kranken, um zu sehen, was sie brauchen, und sich Gedanken darüber zu machen, welche ehrenamtliche Person in diesem Fall gut passen könnte. Aber die Ehrenamtlichen machen die eigentliche Arbeit, und die Profis organisieren vor allem.

Hinderer: Eines hat sich in den letzten 30 Jahren sehr geändert: Früher hatten die Menschen einfach mehr Zeit oder ein anderes Verständnis von Zeit. Das ist natürlich auch eine frauenpolitische Frage. In diesem Verein spielen wie in allen sozialen Fragen Frauen eine überragende Rolle. Früher gab es zum Beispiel die Professorengattin, deren Kinder aus dem Haus waren, die jetzt viel freie Zeit hatte und vier oder fünf Stunden in der Woche etwas geben konnte und wollte. Das gibt es heute nicht mehr. In unserem Verein findest Du keine Frau, die nicht noch arbeitet oder zumindest nebenher Weiterbildungen macht, ihre Freundinnen trifft, ihre Kinder schaukelt, ihre Partnerschaft pflegt und dann noch allen möglichen anderen Kram erledigt.

Diefenbach: Zeit für ein Ehrenamt ist ein rares Gut geworden. Darum müssen wir genau schauen, was die Quality time ist, die Ehrenamtliche überhaupt geben können. Wir brauchen Personen, die sich für eine oder zwei Stunden voll auf einen zu betreuenden Menschen einstellen. In der Psychotherapie würde man dafür einen Haufen Geld zahlen.

Hinderer: Ehrenamtliche, die ja keinen Auftrag in Sachen Therapie, Pflege, Pädagogik usw. haben, bekommen oft Sachen mit, die den anderen entgehen, weil sie Zeit mitbringen, sich hinsetzen, zuhören und sich umschauen können. Wir haben viele sehr, sehr fähige Menschen. Sie haben sehr viel Lebenserfahrung und entwickeln oft ganz fantastische Ideen, auf die man als Profi gar nicht mehr käme.

Sie sind auch Multiplikatoren, und wichtige Ansprechpartner etwa für Nachbarn, die etwas über die Hospizarbeit wissen wollen, aber bisher die Hemmschwelle nicht überwinden konnten, zumal der Tod kein schönes, sondern ein sehr angstbesetztes Thema ist.

Diefenbach: Das ist ein sexy Thema. Es hat sicher auch etwas mit dem Reiz des Tabubruchs zu tun.

seemoz: Aus dem 18. oder 19. Jahrhundert hat man noch immer das Bild vor Augen, dass jemand im Kreis seiner Familie stirbt.

Hinderer: Das Sterben ist immer mehr institutionalisiert worden, im Krankenhaus und im Pflegeheim. Die Hospizbewegung war in ihren Ursprüngen und ist dies in Konstanz auch bis heute geblieben, eine Bewegung gegen diese Institutionalisierung und Professionalisierung des Todes. Heute gibt es ja praktisch kein Sterben mehr ohne Medizin. In diesem alten Bild vom Sterben in der Großfamilie, zu der alles zählte, was unter einem Dach zusammenwohnte, also auch die Knechte und Mägde, spielt die Medizin eine untergeordnetere Rolle. Mit Essen und Trinken aufzuhören war ein natürlicher Tod. Dass das ein angenehmeres Sterben als heute war, wage ich zu bezweifeln.

Diefenbach: Heute ist immer auch die Medizin mit dabei, und es stellt sich eher die Frage, wann man etwas einfach sein lässt, statt mit der Behandlung noch weiterzumachen. Das Bewusstsein für diese Problematik ist heute eindeutig stärker ausgeprägt.

Hinderer: Im Kontext des Sterbens kann man sich natürlich fragen, ob das die richtige Vorbereitung ist. Wir denken, man sollte sich damit beschäftigen und den Gedanken daran, dass das eigene Leben endlich ist, nicht einfach verdrängen. Das führt nach meiner Erfahrung nicht etwa in die Depression, sondern dazu, dass man das, was man hat, besonders zu genießen lernt und vielleicht sogar lernt, Dinge wegzulassen, mit denen man Lebenszeit vergeudet.

Zur Website des Hospizvereins geht es hier.

Text: Harald Borges, Bild: Hospizverein Konstanz e.V.

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