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Wein trinken mit Faschisten

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Ändert sich mit der Rechtsentwicklung der Medien auch die Zusammensetzung des Schweizer Parlaments (im Bild: das Wandgemälde in Bern)?

Sinkende Werbeeinnahmen, schrumpfende Auflagen, immer wieder Verlagsübernahmen durch rechte Geldgeber: In den letzten Jahren hat sich die Schweizer Presselandschaft erheblich verändert. Wie der Rechtsruck der Mainstream-Blätter orchestriert wurde, hat WOZ-Redakteur Kasper Surber im ersten Teil seines Artikels erläutert. Hier folgt der zweite.

Rico Bandle arbeitete acht Jahre lang als Kulturredaktor für die Weltwoche. „Roger Köppel hat mich sehr geprägt. Er war wahnsinnig fordernd – aber auch unglaublich inspirierend mit seiner Leidenschaft für den Journalismus”, sagt er. Gelernt habe er von Köppel besonders eine Regel: „Dass das Kontraintuitive journalistisch das Interessante ist. Nicht das Bekannte bringen, sondern den Widerspruch dazu.” Und wie beurteilt er Köppels Mutation vom Journalisten zum SVP-Politiker und heutigen Putin-Propagandisten? „Ich bin nicht immer gleicher Meinung wie Köppel. Man kann mit ihm sehr gut streiten. Im Gegensatz zu anderen will ich nicht den Stab über ihn brechen.”

Bandle ist nicht der Einzige, der von der Weltwoche zur SonntagsZeitung gewechselt hat. Auch seine einstigen Kolleg:innen Andreas Kunz und Bettina Weber haben sich dort eingefunden. Und sie tun, was sie von Köppel gelernt haben. Sie frönen dem Kontraintuitiven. Diesen Sommer etwa machten sie Studien zu Schlagzeilen, wonach Studentinnen lieber reiche Männer heirateten, statt sich um eine Karriere zu bemühen, oder dass Linke in den Städten besonders intolerant seien.

Dass die erste Studie noch kein Peer-Review, also eine unabhängige Begutachtung, durchlaufen hatte und dass die zweite tendenziös interpretiert wurde, nahm die Redaktion offenbar bewusst in Kauf: Fehler führen erst recht zu Aufregung und damit zu noch mehr Klicks. Oder in den Worten eines Kommentars von Chefredaktor Arthur Rutishauser: „Da haben wir offensichtlich in ein Wespennest gestochen.”

Auch bei der NZZ machen Leute Karriere, die bei den Rechtsaußenblättern ihre Sporen abverdient haben. So etwa Benedict Neff, der von Somms BaZ nach Berlin geschickt wurde, dort später das Deutschlandbüro der NZZ mit aufbaute und von Eric Gujer schließlich zum neuen Feuilletonchef gekürt wurde. Diesen Sommer besuchte er den faschistischen Vordenker Renaud Camus auf seinem Schloss in Frankreich. Statt einer scharfen Analyse über seine antisemitische Verschwörungserzählung von einem „Grossen Bevölkerungsaustausch” entstand ein einfühlsames Porträt. Beim Cabernet-Sauvignon gab man sich unter weißen Männern gemeinsam dem Weltzweifel hin. Diesem Tiefpunkt in der liberalen Publizistik der NZZ durfte Neff noch einen Leitartikel zur Migration mit antimuslimischen Ressentiments nachschicken.

Einseitige Berichterstattung zur Altersvorsorge

Dass die Welt nicht nur in einzelnen Artikeln von rechts interpretiert wird, sondern auch der Gesamtsound einer Berichterstattung den Interessen der bürgerlichen Parteien und Wirtschaftsverbände folgen kann, zeigt das Thema der Altersvorsorge.

Zeitungsständer
Sie Schweizer Presselandschaft hat sich erheblich verändert.

Als im Herbst letzten Jahres die Rentenaltererhöhung der Frauen auf 65 Jahre zur Abstimmung kam, sprachen sich alle großen Medien dafür aus: „Starke Frauen sagen Ja”, kommentierte der Tages-Anzeiger vor der Abstimmung, und der Blick meinte zur Annahme: „Heureka, die Schweiz ist reformfähig! Das Ja zur AHV-Reform [der Reform der staatlichen Alters- und Hinterbliebenenversicherung AHV, d.Red] bricht den linken Nimbus der Unbesiegbarkeit in Sozialfragen.”

Der Politologe Marco Jeanmaire hat die Berichterstattung zur AHV untersucht – nicht nur zu einer einzelnen Abstimmung, sondern in einem längeren Zeitraum: zwischen den Jahren 2017 und 2022. Er kommt in seiner Masterarbeit an der Universität Fribourg zu einem klaren Schluss: Der Fokus der Berichterstattung in diesen Jahren lag stärker auf den Finanzierungsproblemen der AHV, die häufig von der rechten Seite thematisiert werden.

Fragen zur Rentenleistung oder Altersarmut, die von den Gewerkschaften forciert werden, fanden hingegen weniger Eingang in die Medien. Und vor allem: Frauen, deren Rentenalter in dieser Phase erhöht werden sollte, waren in der Debatte unterrepräsentiert. Das Fazit von Jeanmaire: Die Berichterstattung zur AHV war insgesamt unausgewogen. Die Sichtweisen der Befürworter:innen einer Rentenaltererhöhung – und damit auch die Kapitalinteressen der Privatversicherer – könnten als hegemonial bezeichnet werden.

Der „Tagi” misst die Temperatur

Dass der Tages-Anzeiger in seinen Kommentaren die Rentenaltererhöhung begrüsste und in diesem Jahr kritisierte, der Frauenstreik sei von links gekapert worden, hat auf Twitter viele Feminist:innen verärgert. Kippt nun auch der „Tagi”?

Das wäre besonders fatal. Im Gegensatz zur NZZ, die schon immer rechts orientiert war, verstand sich der Tages-Anzeiger nach dem gesellschaftspolitischen Aufbruch von 1968 schließlich einmal als linksliberale Zeitung. Oder wie es in der Unternehmensgeschichte zum Hundert-Jahr-Jubiläum von 1993 schwarz auf weiß heißt: „Der Tages-Anzeiger bleibt ein liberales Blatt, mit Standort etwas links von der Mitte.”

Es lohnt sich überhaupt, dieses Buch in die Hände zu nehmen, um die Veränderungen im Schweizer Journalismus in einem noch längeren Bogen zu verstehen. Fern vom TX-PR-Sprech, wie er unter dem heutigen Verwaltungsratspräsidenten Pietro Supino etabliert wurde, behandelt es die eigene redaktionelle und wirtschaftliche Entwicklung kritisch.

Wie die Schweizer Medien politisch immer weiter nach rechts driften.
Wie die Schweizer Medien politisch immer weiter nach rechts driften.

In einem 200-seitigen Report wird die Entlassung von Chefredaktor Viktor Schlumpf Anfang der neunziger Jahre aufgearbeitet, die eine Folge des Wirkens des damaligen Generaldirektors Heinrich Hächler war: Dieser trieb die Kommerzialisierung des Tages-Anzeigers voran und wollte die Redaktion disziplinieren. Dafür lancierte er die SonntagsZeitung, die von Beginn weg seichter und rechter berichtete – und wollte neu Ressortchef:innen in der Redaktion einführen. Diese leistete kollektiv Widerstand. Man stelle sich das vor: Bis auf die Chefredaktion gab es damals keine offiziellen Hierarchien, während das aktuelle TX-Organigramm ein einziges Wimmelbild von Chef:innen und Subchef:innen ist.

Hört man sich heute unter den Tamedia-Mitarbeiter:innen um, sehen viele das größte Problem weniger im politischen Kurs des Medienkonzerns als in seinen Strukturen: In den neoliberalen Hierarchien sei die Empathie völlig verloren gegangen. Die einzige Temperatur, die beständig vermessen werde, sei die Klickrate einzelner Artikel. Nur wenn ein Thema „Temperatur” habe – so der intern verbreitete Ausdruck –, werde es weiterverfolgt. Die Aufklärung und die Differenzierung blieben dabei oft auf der Strecke.

Nicht mehr „links von der Mitte“

Dieses Jahr wurde Raphaela Birrer zur neuen Chefredaktorin des Tages-Anzeigers gekürt. Durch die Redaktion, so heißt es, sei ein hörbares Aufatmen gegangen: Endlich eine Leiterin mit Empathie! Birrer hat die erwähnten Kommentare zur AHV oder zum Frauenstreik geschrieben. Wo sie politisch steht, daraus macht sie im Gespräch keinen Hehl. Nicht etwas links von der Mitte, sondern ganz genau in der Mitte. In der Zeitung ist denn auch ihre Vorliebe für Gerhard-Pfister-Interviews erkennbar. „Meine Haltung ist seit vielen Jahren bekannt. Man kann sie in meinen Kommentaren nachlesen oder auch in unseren Podcasts nachhören”, sagt Birrer. Nach ihrer politischen Haltung sei sie bei der Ernennung im Übrigen nie gefragt worden.

Birrer ist es wichtig zu betonen, dass sie keinen politischen Kurs vorgeben möchte. „Der Tages-Anzeiger soll die Summe der Meinungen seiner Mitarbeiter:innen bleiben”, sagt sie. Sie wolle das Medium noch stärker als bisher zu einer Forumspublikation machen, in der eine breite Debatte stattfinde. Deshalb habe sie gerade das Meinungsressort gestärkt. Was ihr dabei am meisten Sorgen macht: wie stark der Clickbait einzelne Themen verstärkt. „Kulturkampfthemen sind in der Leser:innenschaft stark nachgefragt.” Woraus sich folgern lässt: Die Orientierung an den Klicks bewirkt eine thematische Engführung – und fördert den Regress gegen gesellschaftspolitische Veränderungen.

Zielen auf die SRG

Die Geschichte des Rechtsrucks der Schweizer Medien handelt von strategischen Investoren, die geschickten Jongleuren die Manege bauten. Von Vorturnern, die sich so weit aus der Manege hinaus radikalisierten, dass sie sich längst nicht mehr an die berufsethischen Regeln halten. Von einem einst stolzen Wirtschaftsblatt, das mittlerweile die AfD bedient. Von einer SonntagsZeitung, die schludrige Thesen fabriziert, die von anderen Medien wegen der hohen „Temperatur” weitergeschmiedet werden. Von einem Clickbait fern jeder Aufklärung, bei dem auch viele Linke in Dauerempörung Artikel teilen, auch wenn es beim ganzen Rechtsdreh um eine Diffamierung von linken Ideen geht. Warum diese Texte eigentlich ständig verbreiten?

Die Geschichte des Rechtsrucks dauert schon mehrere Jahrzehnte, aber sie ist noch lange nicht fertig erzählt. Es gäbe noch von der Ringier-Familie zu berichten, wo beim SonntagsBlick gerade der Chefredaktor gegangen ist. Sein Kurs war – beinahe ein Unikum in der heutigen Medienlandschaft – sozial und ökologisch. Auch von den CH-Medien könnte man erzählen, die als Regionalzeitungsverbund von vielen unbemerkt zu einer potenten Privatfernsehgruppe gewachsen sind.

Wenn es in den kommenden Jahren um die SVP-„Halbierungsinitiative” gegen die [öffentlich-rechtliche Rundfunk- und TV-Anstalt, d.Red.] SRG geht [deren Budget gekürzt werden soll, d.Red.], darf man gespannt sein, ob sich die Gruppe von Peter Wanner als Nutznießer eines Abbaus in Stellung bringt.

Bloß ein Argument möchte man in dieser ganzen Debatte dann nicht mehr hören: dass die Medien doch viel zu links seien.

Text: Kaspar Surber. Sein Artikel erschien zuerst in der Schweizer Wochenzeitung WOZ
Bilder: oben (Schweizer Parlamentssaal): Charles Giron – Copyrighted free use – commons.wikimedia.org; Mitte: Pit Wuhrer; Grafik unten: WOZ

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