And Now Hanau © MK

Hanau – und was nun?

Von Albert Kümmel-Schnur (Text), MK (Bild)
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„Am 19. Februar 2020 ermordet ein Rassist in Hanau neun Menschen: Fatih Saraçoğlu, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Mercedes Kierpacz, Said Nesar Hashemi, Sedat Gürbüz Vili Viorel Păun und ein weiteres Opfer.“ So fasst der Autor Tuğsal Moğul den Anlass seiner theatralen Recherche „And Now Hanau!“ zusammen. Am 17. Juni ist das Stück im K9 zu sehen.

Am Abend des 8. Juli 1990 war ich in Paderborn unterwegs. Es war der Abend, als die Fußballweltmeisterschaft in Italien mit dem Sieg der deutschen Nationalelf endete. Die Straßen waren voll mit grölenden, betrunkenen Menschen, die fahrende Autos umkreisten und samt Insassen gemeinsam ins Kippeln brachten. Es war die Zeit der ‚Wieder-Vereinigung‘. Ich hatte Angst, bewegte mich schnell, den Kopf gesenkt, die Arme an den Körper gedrückt, durch die Masse. Es war der Beginn der ‚Baseballschlägerjahre‘.

Wenn ich den Stücktitel „And Now Hanau!“ lese, dann sehe ich die Bilder dieser Jahre vor mir. Horden gröhlender Neonazis und applaudierender Zuschauer:innen vor brennenden Asylbewerber:innen:heimen in Rostock, in Hoyerswerda. Dann sehe ich die ausgebrannten Wohnungen in Mölln (1992) und Solingen (1993).

Wegducken und Lügen

„Und nun also Hanau“ – so übersetze ich mir den Titel des Stückes im Sinne eines „Es ist schon wieder passiert“. Damit stelle ich Hanau in eine oder genauer gesagt in zwei Reihen, deren eine die Chronik der rassistisch motivierten Morde in Deutschland dokumentiert. Menschen werden getötet, weil andere Menschen meinen, dass sie nicht zu dieser Gesellschaft gehörten, dass sie fremd seien, kein Recht darauf hätten, hier zu sein.

Die andere Reihe stellt Ereignisse von System- oder Staatsversagen zusammen: dysfunktionales Krisenmanagement, Fehler im behördlichen Umgang mit solchen Morden, polizeiliche Ermittlungsfehler, politisches Wegducken und politische Lügen.

„Es hört einfach nicht auf“ – mit diesem Satz beginnt das Theaterstück und es wird die Zuschauenden mit der Trostlosigkeit dieses Satzes auch entlassen, ohne Lösung, ohne Katharsis, ohne dramatischen Wendepunkt und ohne ein „Wie-würden-Sie-entscheiden?“

Es hört einfach nicht auf

Ziel des Stückes ist zunächst einmal, das zu leisten, was behördlicherseits unterlassen wurde: Aufklärung. Das Stück basiert auf einer minutiösen Rekonstruktion der Ereignisse auf Basis der Auswertung von „Daten aus Überwachungskameras und Aufnahmen von Polizeihubschraubern, Notrufprotokollen, Zeugenaussagen und forensischen Berichten“. Anstelle eines Programmheftes erhalten alle Zuschauer:innen einen großformatigen Leporello, der auf einer Seite eine tabellarische Zeitleiste der Anschlagsnacht zeigt, beginnend um 19:08 Uhr mit der Aufnahme der Überwachungskamera, die das in der Hanauer Helmholtzstraße parkende Auto des Täters dokumentiert und endend mit der Feststellung des Todes des Täters durch den Notarzt um 4:05 Uhr. Jede dokumentierte Bewegung eines Opfers, jeder Notruf, jede Polizeiaktion sind in dieser Tabelle übersichtlich minutengenau verzeichnet. Man kann leicht unterscheiden zwischen angenommenen und technisch dokumentierten, bloß berichteten und durch mehrere Aussagen bestätigten Ereignissen. Auch die Verschiebungen zwischen der tatsächlich abgelaufenen Realzeit und den Zeitangaben der Polizei sind nachvollziehbar.

Auf der Rückseite des Leporellos findet man Fotos der neun Anschlagsopfer und Dokumente wie Briefe, Screenshots, Karten mit Bewegungsprofilen, Grundrisse von Tat- und Einsatzorten. Thematisch werden Problemfelder benannt und kommentiert: der nicht besetzte Notruf der Polizei, der verschlossene Notausgang der Arena Bar, des Schauplatzes der ersten Morde, des aggressiven Verhaltens von Polizei und Noteinsatzkräften gegenüber Überlebenden und Angehörigen, der fehlenden Versorgung noch lebender Opfer, des informationsfrei über der Stadt kreisenden Polizeihubschraubers. Die Frage, wer die Schüsse, mit denen der Täter zunächst seine Mutter und dann sich selbst tötete, gehört haben könnte oder sogar müsste, steht schließlich neben den Widersprüchen verschiedener Aussagen in Ermittlungsberichten.

Keine Bühne für den Täter

Tuğsal Moğul hat all dieses Material zu einem etwa 70-minütigen Theaterabend verdichtet. In der Stuttgarter Inszenierung sprechen drei Schauspieler und zwei Schauspielerinnen, mal sitzend, mal stehend, auch mal in der Mitte des Kreises, der dort das Bühnenbild formt (in Konstanz wird man eine Frontalversion anbieten müssen, weil das Raumangebot im K9 kein gemeinsames Kreissitzen ermöglicht), was verschiedene Akteur:innen gedacht und gesagt haben. Nur ‚der Täter‘ bleibt dabei auf eine Funktion begrenzt, erhält kein Gesicht, keinen Namen und keine eigene Stimme: diese Bühne gehört nicht ihm.

Das bedeutet: die gesprochenen Texte erhalten Körper, erhalten Stimmen und Stimmungen. Aus der Materialsammlung wird ein hoch emotionales Schau-Spiel. Was man sich im Medium ‚Druck‘ noch vom Leibe halten kann, rückt einem auf der Bühne ganz nah auf die Pelle. Je klarer das Bild wird, das dieser Abend von einem vollständigen System- und Staatsversagen zeichnet, desto schwerer lässt sich das ertragen.

So etwa, wenn deutlich wird, dass der Notausgang der Arena Bar nicht einfach irgendwie zufällig, sondern wohl ganz bewusst und auf polizeiliche Anordnung hin – waren doch mal ein paar Polizist:inn:en bös gestolpert beim Verfolgen von Verdächtigen durch eben diese Tür – verschlossen. Und man fragt sich, ob eine solche Anordnung überhaupt denkbar ist, widerspricht sie doch dem Sinn eines Not-Ausgangs. Aber natürlich war das auch keine irgendwie offizielle Anordnung und natürlich hat da auch niemand im Wortsinne etwas angeordnet, aber irgendwie liegt die Vermutung dennoch nahe … und man fragt sich, während man solchen Überlegungen nachsinnt, ob die inoffizielle Anweisung eines Nicht-Anzuordnenden nicht bereits das Symptom eines Systemfehlers ist, ob man, kurz gesagt, bereits mafiöse Strukturen annehmen muss oder doch nur das individuelle Versagen einzelner.

Max Florian Kühlem fällt in seiner Kritik der Uraufführung des Stücks auf den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2023 ein klares Urteil: „In dieser Ballung und klugen wie schockierend klaren Zusammenstellung der Uraufführung von Tuğsal Moğul hat jedoch sicher bisher niemand der Anwesenden das krasse Behördenversagen vor, während und nach den rechtsextrem motivierten Morden von Hanau vor Augen geführt bekommen.“

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Theaterhaus Stuttgart „And Now Hanau!“ 17. Juni 2026 um 19 Uhr im Kommunalen Kunst- und Kulturzentrum (K9), Hieronymusgasse 3, 78462 Konstanz. Kartenvorverkauf hier. Eintritt regulär 10 Euro, ermäßigt 6 Euro.

Am anschließenden Podiumsgespräch nehmen teil: Sebastian Koos, Professor für Soziologie und Mitglied des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ an der Universität Konstanz, Wolfgang Seibel, emeritierter Professor für Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz sowie die Schauspieler:innen des Theaterhauses Stuttgart.

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