Pressekonferenz philharmonie, dirigent gabriel venzago, intendant hans georg hofmann 2025 07 18 027 © harald borges

Offener Brief an OB und Bürgermeister: Perspektiven gefordert

Von Harald Borges

Die Musiker*innengewerkschaft unisono hat jetzt von der Stadt Konstanz klare Perspektiven für die Zukunft der Bodensee Philharmonie sowie schleunigst einen strukturierten Prozess zur Intendant*innenfindung angemahnt.

Die Stimme der (in der breiten Öffentlichkeit eher unbekannten) Gewerkschaft unisono Deutsche Musik- und Orchestervereinigung e.V. hat in der Branche großes Gewicht, verhandelt sie doch als Arbeitnehmer*innenvertretung über die Tarifverträge mit dem Deutschen Bühnenverein als Vertretung der öffentlichen Arbeitgeber*innen. Die Gewerkschaft versteht sich als die Vertretung sämtlicher Berufsmusiker*innen in Deutschland mit einem ungewöhnlich hohen Organisationsgrad, ihr gehören z.B. fast alle Orchestermusiker*innen an.

Nach den Turbulenzen rund um die Konstanzer Bodensee Philharmonie hat unisono jetzt einen offenen Brief an die Stadtverwaltung publiziert, in dem Sicherheit für die Konstanzer Orchestermusiker*innen gefordert wird. Anlässe sind der Weggang des Intendanten Hans-Georg Hofmann in diesem Sommer sowie die Spardebatte der vergangenen Monate, in der gar eine Schließung des Orchesters im Raum stand.

„Diese Diskussion betrifft sowohl die Öffentlichkeit als auch die Beschäftigten. Beide brauchen ein klares Bekenntnis, dass die Stadt weiterhin uneingeschränkt hinter ihrem Orchester steht“, schreiben die beiden Gewerkschafts-Geschäftsführer*innen Robin von Olshausen und Julia Hofmann in einer Medienmitteilung. „Die Mitglieder der Bodensee Philharmonie brauchen eine klare Perspektive, damit sie die richtigen Schritte in ihrer Weiterentwicklung gehen können.“

Hier der offene Brief:

Bekenntnis der Stadt

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Burchardt,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Dr. Osner,

UNISONO, die Gewerkschaft und der Berufsverband der professionellen Musikerinnen und Musiker in Deutschland, wendet sich mit großer Sorge an Sie in Bezug auf die aktuelle Situation der Bodensee Philharmonie.

Die Position der Intendanz ist ab der kommenden Spielzeit unbesetzt. Gleichzeitig wurde bislang kein erkennbares oder öffentlich kommuniziertes Findungsverfahren eingeleitet. Ein solcher Umgang mit einer zentralen Leitungsfunktion eines kommunalen Orchesters ist aus unserer Sicht höchst ungewöhnlich, intransparent und erklärungsbedürftig.

Selbst wenn übergangsweise eine Interimslösung angestrebt wird, entbindet dies nicht von der Notwendigkeit, parallel ein reguläres, transparentes Auswahlverfahren durchzuführen. Weder die Gründe für das Ausbleiben eines Findungsverfahrens noch die strategischen Überlegungen der Stadt sind nachvollziehbar kommuniziert worden.

Vor diesem Hintergrund stellen sich grundlegende Fragen, die nicht nur die Beschäftigten, sondern auch die Öffentlichkeit betreffen:

  • Steht die Stadt Konstanz weiterhin uneingeschränkt hinter ihrem Orchester?
  • Welche Perspektive sehen Sie für die zukünftige Entwicklung der Bodensee Philharmonie?

Wir fordern Sie nachdrücklich auf, ein transparentes Intendanten-Findungsverfahren einzuleiten und ein klares öffentliches Bekenntnis zur Zukunft der Bodensee Philharmonie abzugeben.

Wir halten eine öffentliche Debatte über die kulturpolitische Ausrichtung der Stadt Konstanz in diesem Zusammenhang für notwendig und überfällig.

5 Kommentare

  1. Alex Tasdelen

    // am:

    Nicht nur heute, am Tag der Arbeiterklasse, eine berechtigte Forderung der Musiker*innengewerkschaft UNISONO: eine baldige Gewissheit, welche Perspektive sich den Orchestermitgliedern, allesamt perfekt ausgebildet an ihren Instrumenten, und den Mitarbeiter*innen in der Orchesterverwaltung hier in Konstanz bietet.

  2. Peter Krause

    // am:

    Kleine Ergänzung: Die Stadt könnte das Bodenseeforum aufgeben, dann wäre evtl. auch Geld für das Orchester vorhanden.
    Ich weiß: Wird nicht passieren; aber MAN wird ja noch träumen dürfen.

  3. Peter Krause

    // am:

    Es ist durchaus wünschenswert, dass es in der Stadt Konstanz – immerhin ein „Oberzentrum“ – neben einem Theater auch ein Orchester geben sollte. Aber wie bezahlen? Das sogenannte „Sondervermögen“ (= Schulden) wird inzwischen derart oft als mögliche Finanzquelle für dies und jenes genannt, dass ich den Überblick verloren habe.
    Das von Herrn v. Bohr genannte positive Beispiel aus Buffalo (USA) scheint Hoffnung zu machen. Ein Blick in Wikipedia zeigte mir, dass die Stadt Buffalo fast 300.000 Einwohner und ein Einzugsgebiet von rund 1 Mio. Menschen hat. Ich vermute, dass in Buffalo – in guter amerikanischer Tradition – das Orchester und das Konzerthaus von den (wohlhabenden) Bürgern auch mit Spenden bedacht wird.
    Die Kleinstadt Konstanz liegt zwar an einem sehr schönen See, hat aber keine 90.000 Einwohner, und wie groß das Einzugsgebiet ist, weiß ich nicht. Und ob die Bürger der Stadt und der Region bereit wären, ein Orchester bzw. ein Konzerthaus mit Spenden zu unterstützen, weiß ich auch nicht.
    Wie gesagt: Ein Orchester ist wünschenswert, aber die Finanzierung unklar.

  4. Peter Köhler

    // am:

    Das BPO wäre wirklich ein gutes Vorbild, wie eine wohlhabende Bürgerschaft ihre eigene Kultur stärken kann. Die Stadt Buffalo braucht dort nichts zu finanzieren. Wenn ich es richtig recherchiert habe, bekommt das kanadische Orchester, das als Inc. arbeitet, jährlich über 11 Mio Dollar aus privaten Stiftungen und Einzelspenden, dreimal mehr als die Tickets einbringen. Sie haben dort eine hochaktive und offenbar sehr solvente Fördergesellschaft. Und auch das preisgekrönte Konzerthaus in Buffalo war einmal das Vermächtnis eines reichen Bürgers.

  5. Helmut von Bohr

    // am:

    Als ich 1991 nach Konstanz kam, fand ich die Tatsache, dass es hier in einer Stadt unter 100000 Einwohnern ein Profisinfonieorchester gibt, überaus erstaunenswert und ich bin auch gleich in die ersten Konzerte gegangen.

    Nun war ich in Köln die Gürzenichkonzerte unter Günter Wand gewöhnt, die angeblich unter der schlechten Akustik des Saales litten. „Für den Karneval gut genug …“ Nun ist in Köln ja auch etwas geschehen, in Konstanz leider nicht.

    Und genau das ist der Knackpunkt. Statt an der Philharmonie zu sparen, sollte die Stadt investieren und zwar in ein Konzerthaus. Gerade, wenn die Zeiten nicht so rosig sind, sollte investiert werden. Denn ungelöst wird dieses Problem alle anderen Probleme unlösbar machen.

    Schließlich gibt es doch Geld aus dem Sondervermögen.

    Der Niedergang der Philharmonie zeigt sich leider an vielen Dingen. Angeblich wird ja auch schon an den Noten gespart. Ein neuer Intendant kämpft da nur mit den alten Problemen.

    Gespart werden musste auch am Bruckner-Zyklus im Münster. Soviel ich weiß, ist die 9. Sinfonie nicht gespielt worden. Das ist doch dann kein Zyklus. Der Dirigent, Markus Bosch, angefragt, wusste auch nicht, was in Konstanz los ist …

    So ein Sterben in Raten ist einfach würdelos.

    Ein positives Beispiel dazu ist das Buffalo Philharmonic Orchestra. Dort hat sich nach einem Konzerthausneubau und der Einstellung einer erstklassigen Dirigentin (JoAnn Falletta) aus einer mittelmäßigen Kapelle ein international bedeutendes Orchester entwickelt.

    Helmut von Bohr

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