Tschernobyl heli einsatz©wikimedia commons

Curie eleison

Von Holger Reile
Tschernobyl heli einsatz©wikimedia commons
Hubschraubereinsatz nach der Explosion des Tschernobyl-Reaktors

Am Sonntag jährt sich die Atomkatastrophe von Tschernobyl zum vierzigsten Mal. Was sie in der Natur angerichtet hat, blieb lange Zeit unklar – und ist es zum Teil bis heute. Gesellschaftlich und politisch aber hatte der GAU sofort Folgen – auch für die alternative Szene, wie der folgende Beitrag aus dem Regionalmagazin Nebelhorn von Juni 1986 zeigt.

Ein Slogan wurde innerhalb weniger Tage salonfähig. Survival-Training für alle, Teilnahmegebühr entfällt, geübt werden kann zu Hause. Der Irrsinn deckt sich in etwa mit einer Notiz aus der Harzburger Zeitung vom Anfang Mai, in der das dort ansässige Gesundheitsamt allen Ernstes kundtat, Spaziergänge seien ungefährlich, sofern keine Bodenberührung erfolge. Es riecht nach einer Hochkonjunktur für Hängegleiter und Zirkusstelzen, für Katastrophenschützer und Überlebenskünstler.

Zugegeben, man kann nicht behaupten, dass sich kurz nach Tschernobyl (eine neue Zeitrechnung?) nichts auf der Straße bewegt hätte, aber mir scheint, die überwiegende Mehrheit hat sich quasi über Nacht auf eine Republik einschwören lassen, die einem gigantischen Reparaturbetrieb ähnelt. An allen Ecken und Enden wird geschrubbt und gesaugt, geputzt, gewienert und geduscht. Atom ist immer und überall.

Die Einladung zum Abendessen bei Steffi und Helmut, sie Kindergärtnerin, er Verwaltungswissenschaftler, hätte ich besser abschlagen sollen. Schon vor der Haustür schubst mich Steffi, ansonsten eine lebensfrohe Zeitgenossin, mit ernster Miene in eigens herbeigeschaffte Pantoffeln: ,,Du weißt schon, die Werte draußen sind weiterhin sehr hoch …“ Noch im Vorraum muß ich mir anhören, dass meine Sommerlatschen mit Bastsohlen wohl besser auf die Sondermülldeponie gehörten: ,,Gerade da reichert sich Radioaktivität an …“ Massive Vorwürfe ernte ich, als ich erzähle, daß wir die Kinder wieder im Freien spielen lassen: ,,Also unsere dürfen erst nach Pfingsten wieder …“

Im Büro erzählt man sich das Neueste von der Konstanzer „Atomfront“. Es heißt, der Run auf Trockenmilch habe begonnen und die Büchsenregale bei Aldi seien nahezu leergekauft. Ein Kollege berichtet von einem Schild, das in der Chérisy-Kaserne vor einer Wohnungstür hängt: „Schuhe ausziehen! Diese Wohnung ist dekontaminiert! Bei Zuwiderhandlung: Rübe ab!“ Nur ein schlechter Scherz, nur ein Formulierungs-Fauxpas? Angst lähmt, und wo sie umschlägt in Panik, wird zurückgegriffen auf einen Maßnahmekatalog, in dem immer dann eifrig geblättert wird, wenn es darum geht, sich vermeintlicher Feinde zu entledigen: Sind nach den Juden und Bolschewisten nun die uneinsichtigen Salat- und Gemüseesser dran? „Gesunde Selektion“ kommt wieder in Mode.

Hausbesetzer:innen und treu-deutsche Beamtenfamilien

Sicher steckt hinter der „Vorsorge“-Hysterie in der Kasernenwohnung eine Menge Dummheit – aber wie steht’s um die politische Moral, wenn sich die vor kurzem noch boykottierten Lebensmittel aus Chile und Südafrika wieder gesteigerter Beliebtheit erfreuen? Ist’s plötzlich vorbei mit dem politischen Bewusstsein, wenn der „Ernährungswahn“ seinen Tribut fordert? Mahlzeit!

Ganz Clevere stopfen sich und ihren Kindern Jod in den Hals und haben sich jetzt schon beim örtlichen Katastrophenschutzbeauftragten zur Sprechstunde angemeldet. Ein unwirkliches, aber zur Realität gewordenes Szenario. Da braut sich eine stille Allianz zusammen aus Teilen der Alternativbewegung, in der sich Realschullehrer genauso ihre Nischen eingerichtet haben wie ehemalige Aktivisten aus der Hausbesetzerbewegung und treu-deutschen Beamtenfamilien mit Vorgartenzwerg-Geruch um die Nase und Bausparvertrag, Auszahlungstermin 1998.

So kommen sich zwei angeblich grundverschiedene Bevölkerungsgruppen schrittweise näher. Da die Biedermänner und -frauen aus der „Lindenstraße“ [eine Familien-TV-Serie, die von 1985 bis 2020 ausgestrahlt wurde, d. Red.], dort der Edel-Alternativ-Verschnitt, der sich schon immer für was Besseres gehalten hat. (Über)Leben – ein gemeinsames Ziel, das verbindet. Nur die Besten kommen durch und für deren erbärmliche Zukunftsaussichten wird bei Kerzenschein emsig Getreide gekocht und durch ein Sieb gequetscht – auch das gibt Milch, aber saubere! Natürlich nicht für alle, logisch.

Wo die Meinungsfreiheit endet

Eine absurde Situation: Die Bedrohung durch eine atomare Katastrophe, die alles Leben auslöschen könnte, macht offenkundig, wie viele insgeheim darauf warten. Sie gebärden sich vorbereitet, wollen der Herausforderung ins Auge sehen, sich am Rande des Abgrunds bewegen. Sich in kindischem Trotz mit Alkohol- und Nikotinverzicht, mit Mandelmilch und Wohnzimmergemüse für ein ewiges Leben auf dieser Schrotthalde vorbereiten – ist es das, was inzwischen alle für den neuen Zeitgeist halten? Wollen wir da nicht lieber ehrlich sein und zugeben, daß es mit dem Leben nicht mehr so weit her sein kann, wenn der Wille zum Fortbestand durch Parolen dokumentiert werden muß: ,,Wir haben ein Recht auf Leben!“ Allah bewahre uns vor noch schlimmeren Banalitäten, etwa dergestalt: „Wenn ich wüßte, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Dann schon lieber Mandelmilch mit einem kräftigen Schuss Batida de Coco.

So wird also das praktiziert, was sich die Bundesregierung sehnlichst erhofft hat: Die Diskussion über den Ausstieg aus der Atomenergie nicht überkochen zu lassen und große Teile der Bevölkerung mit der Zusammenstellung der Speisepläne für die nächsten Jahre zu beschäftigen. Die 50.000 Demonstrant:innen in Wackersdorf können wir somit getrost der Bayrischen Staatspolizei übergeben, die mit chemischen Keulen, Tiefflugeinsätzen, vierbeinigen Beißmaschinen und Hartgummiknüppeln den „Chaoten“ schon zeigen wird, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung spätestens an den Zufahrtsstraßen zur geplanten Wiederaufbereitungsanlage verwirkt ist.

Zwei Fragen geistern durch die Redaktion: Wie steht es mit der politischen Kultur? Und: Weist der politische Widerstand nicht nur gegen die Atommafia, sondern auch gegen alle Tendenzen, die den Abbau der verbliebenen demokratischen Rechte zu forcieren versuchen, neue Qualitäten auf? Zweifel werden geäußert, ob beispielsweise die geplante Aktion einiger Konstanzer:innen, Anti-AKW-Transparente aus den Fenstern zu hängen, die gewünschte Wirkung haben wird. Und wie ist es zu verstehen, wenn eine Mehrheit der neugegründeten Bürgerinitiative – wie auf einem Planum geschehen – ihr vorrangiges Ziel darin sieht, sich von „gewalttätigen Chaoten“ zu distanzieren, ohne dass sie jemand darum gebeten hätte.

Alle in einem Boot?

Da verkommt der Protest sehr schnell zur kritisch-loyalen Ergebenheitsadresse. Auch das lähmt den Widerstand, vor allem dann, wenn es darum geht, neue Aktionsformen zu erproben. Wer darauf verzichten will, kann – das wäre konsequent – die Verhaltensmaßregeln für kommende Auseinandersetzungen vor Kasernen oder auf AKW-Terrain schriftlich beim Innenministerium anfordern.

Wo bleibt die Anleitung, Schreiberling? Ich habe keine. Der Aufforderung einiger Kollegen, ,,die Leser:innen wachzurütteln“, kann ich nicht nachkommen. Genauso wenig halte ich von der Mobilisierungseuphorie eines Journalisten in den SüdschwäbischenNachrichten, der seine Glaubensbrüder und -schwestern dazu aufrief, alles zu tun, um die momentane Ablehnung der Bevölkerung gegen Atomkraftwerke in die richtige politische Richtung zu lenken, „die Gunst der Stunde zu nutzen“.

Auch diese Trockenmilchmädchenrechnung wird wohl nicht aufgehen. Welche dann? Machtvolle Demonstrationen, Platz-Besetzungen, Blockaden …? Mag sein. Aber wie auch immer: Hinter allen Aktionen steckt die Hoffnung, dieses Pulverfass Erde irgendwie ins nächste Jahrhundert zu hieven. Jetzt plötzlich sitzen wieder alle in einem Boot. Jean-Jacques Becquerel, Rudi Rem und die Heavy-Metal-Gruppe „Strontium“ sind fortan. dabei und lassen herzlich grüßen: Curie eleison!

Dieser Beitrag erschien zuerst im Regionalmagazin Nebelhorn, Ausgabe Juni 1986 (Nr. 6/86). In der selben Nummer gab es auch Interviews mit einem Physiker der Uni Konstanz und dem damaligen Chef des Konstanzer Fleischbeschauamts sowie Artikel über den Umgang der Reichenauer Gemüse-Genossenschaft mit der Kontaminierung der Böden, über gesundheitliche Risiken, über die Reaktionen der Bevölkerung diesseits und die ganz andere Haltung der Menschen jenseits der deutsch-schweizerischen Grenze.

Fotos: Hubschraubereinsatz © By IAEA Imagebank – Wikimedia commons / Der zerstörte Reaktor © By IAEA Imagebank – Wikimedia commons / Rübe-ab-Hinweis und Anti-AKW-Demo-Bericht © Nebelhorn

40 Jahre Tschernobyl – Ausstellung, Vorträge, Aktionen

● 25. und 26. April, 13–18 Uhr, Wolkensteinsaal, Kulturzentrum Konstanz: Ausstellung mit Bildern von Julia Germroth, die drei Mal die Sperrzone von Tschernobyl besucht hat.
● 25. April, 15 Uhr, Wolkensteinsaal: „Momentaner Gesundheitszustand in Fukushima und Tschernobyl“, Vortrag von der NGO Internationale Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkriegs ippnw
● 26. April, 12:45 Uhr, Münsterplatz: Kundgebung zu Tschernobyl: Warum es weiterhin eine starke Anti-Atom-Bewegung braucht. 
● 26. April, 15 Uhr, Wolkensteinsaal: „Tschernobyl – vbon der Katastrophe zur Wildnis“, Vortrag von Jarid Zimmermann, BUND Konstanz
● 26. April, 16 Uhr, Wolkensteinsaal: „Kernkraft ade: der Weg zur günstigen, unabhängigen und nachhaltigen Energie“, Vortrag von Radovan Kopecek vom ISC Konstanz
● 28. April bis 13. Mai: K9, Konstanz, Hieronymusgasse: Fortsetzung der Tschernobyl-Ausstellung von Julia Germroth. Vernissage am 28. April

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