Siegesfeier legion condor 102 18233

„¡No pasarán!“ (4) – Fronten, Flucht und Missachtung

Von Pit Wuhrer
Siegesfeier legion condor 102 18233
Siegesfeier der Legion Condor im Juni 1939

Der antifaschistische Kampf gegen Franco forderte viele Opfer, auch unter den Freiwilligen aus der Region. Und viele derer, die das Kriegsende überlebten, landeten in KZs. Aber wie erging es ihnen danach – im neuen, besseren, demokratischen Deutschland?

Nicht alle waren von Anfang an bis zum Schluss des Kriegs in Spanien gewesen wie der Nordbadener Carl Einstein (siehe letzter Teil). Fritz Birk und Josef Arzner, die beiden KPD-Mitglieder aus Tiengen, hatten bereits 1936 das Hauptquartier der Internationalen Brigaden in Albacete erreicht, ebenso (im Dezember) Louis Übrig und Siegfried Held aus Konstanz. Die anderen – die Konstanzer Adolf Probst, Jakob Stoll und Emil Götschl sowie Anon Mattes aus Singen – erreichten die Front zwischen Mai und September 1937. Wann Josef Stoll (Radolfzell) dort eintraf, ist aufgrund der dürftigen Faktenlage nicht feststellbar.

Fast alle dienten im Bataillon Thälmann oder im im ebenfalls deutsch­sprachigen Bataillon Edgar André der XI. Internationalen Brigade, kämpften an verschiedenen Fronten – unter anderen an der am Jarama (Übrig), in den Schlachten von Teruel (Birk), von Belchiste (Probst) oder am Ebro (Götschl und Josef Stoll) –, wurden bei den Auseinandersetzungen zum Teil schwer verletzt (Probst, Übrig), kamen in Gemetzeln um (wie Götschl und Josef Stoll im Herbst 1938 am Ebro) oder waren als Kraftfahrer (Mattes) oder Motorradfahrer (Held) unterwegs gewesen.

Innerhalb der von der KP kontrollierten Brigaden herrschte – anders als bei den anfangs so wichtigen, eher basisdemokratisch organisierten anarchistischen Milizen – eine eiserne Disziplin. Der kommunistische Geheimdienst überprüfte die Handlungen und Einstellungen der Freiwilligen; Kommandeure begutachteten regelmässig die Interbrigadisten, die stets zu gehorchen hatten; es gab für „Unzuverlässige“ auch Gefängnisse und Strafbataillons. Das hielten nicht alle aus.

„Unzuverlässige“ Elemente

So wurde der kriegsunerfahrene Siegfried Held im Herbst 1937 wegen möglicher Fluchtabsichten ins Campo Lukacz bei Albacete eingewiesen, wo er als „schlechter Soldat und verdächtiges unzuverlässiges Element“ (so die „Spionageabwehr“ der Internationalen Brigaden) Befestigungsarbeiten verrichten musste – er soll zuvor, nach einer Verletzung, zweimal versucht haben, zu desertieren. Ob er im Sommer 1938 ausgewiesen wurde, aus gesundheitlichen Gründen abreisen durfte oder floh, ist nicht bekannt. Jedenfalls befand er sich in Paris, als Deutschland Frankreich überfiel.

Auch Louis Übrig soll sich, so wurde ihm vorgeworfen, abgesetzt und zur Mittelmeerküste durchgeschlagen haben (er selber hingegen berichtete, dass er von Faschisten festgenommen worden sei und fliehen konnte). Fakt ist, dass er im August 1938 nach sechs Tagen auf See in einem Fischerboot in Marseille ankam. Danach, so heißt es auf seiner Stolperstein-Seite, reiste er zu seiner Mutter nach St. Gallen – und wird Ende 1939 bei einem illegalen Grenzübertritt von Kreuzlingen nach Konstanz verhaftet, ins KZ Dachau überstellt, von wo er floh. Erneut wurde er an einer Grenze (diesmal an der zwischen Vorarlberg und der Schweiz) festgenommen, zurück nach Dachau gebracht und dort erschossen.

Der Druck, dem Held und Übrig in Spanien ausgesetzt waren, traf auch andere. Die ständigen Attacken der mitunter erdrückenden faschistischen Übermacht, die Flächenbombardements der Nazis, das oft bestialische Vorgehen der Putschisten gegen die Zivilbevölkerung, die vielen Gefallenen – dazu das in den Brigaden (und teilweise auch in den Milizen) herrschende straffe Regime, die erzwungene Unterordnung, die barschen Befehle, mitunter auch Konflikte zwischen den verschiedensprachigen Freiwilligen: Zahlreiche Berichte (wie das „Spanische Kriegstagebuch“ von Alfred Kantorowicz) erinnern daran, wie hart der Kampf war. Und wie gnadenlos manchmal der Umgang miteinander.  Der 17-jährige Emil Götschl zum Beispiel, so das Urteil eines KP-Kommissars, sei „unorganisiert und unqualifiziert gewesen“.

Von Spanien ins KZ 

Es brauchte viel Überzeugung und Entschlossenheit, um all das durchzuhalten. Und unendlich viel Mut. Für den und seine „militärischen Fähigkeiten“ wurde Jakob Stoll zum Unteroffizier befördert – einen Rang, den auch Adolf Probst bis zu seiner Verletzung in der Schlacht von Belchite inne hatte. Auch Durchhaltevermögen war vonnöten – vor allem gegen Ende des Konflikts und nach Kriegsende. Denn angesichts der ungleichen Kräfteverhältnisse konnte die republikanische Seite nicht gewinnen. Auf Anweisung der republikanischen Regierung lösten sich die Internationalen Brigaden im Oktober 1938 auf, im Frühjahr 1939 flohen die letzten Brigadist:innen mit Hunderttausenden Zivilist:innen nach Frankreich, darunter auch Josef Arzner, Anton Mattes, Jakob Stoll, Fritz Birk und Adolf Probst.

Frauen fluchtspan buergerkrieg museum exil la jonquera © pitwuhrer kopie
Während der letzten Kriegstage flüchten Zigtausende über die Pyrenäen nach Frankreich

Sie alle landeten sofort nach Grenzübertritt (oder nach Deutschlands Sieg über Frankreich) in Lagern. Probst wurde in den Lagern Argèles-sur-Mer und St. Cyprien und später in Gurs interniert – jenem Lager, in das im Oktober 1940 die Nazis 6600 Jüd:innen aus Baden verschleppten; es war die erste planmässige Deportation von jüdischen Deutschen (viele von ihnen wurden später nach Auschwitz transportiert und dort ermordet).

Ins KZ Gurs kamen nach Umwegen über andere Lager auch Stoll, Held und Arzner, wo sie (wie viele Spanienfreiwillige in anderen Lagern) Zwangsarbeit leisten mussten – bis die NS-Wehrmacht im November 1942 die vom Vichy-Regime verwaltete Südzone Frankreichs übernahm. Von dort aus ging es für die Freiwilligen aus der Region zurück ins Reich und damit in von den Nazis direkt kontrollierte KZs. 

Spanienfreiwillige kz bram exilmuseum © pit wuhrer
Republikanische Flüchtlinge im Lager Bram

Birk wurde nach einem Hochverratsprozess in Dachau und Flossenbürg eingesperrt. Held wurden nach einem Prozess vor dem Volksgerichtshof Ende 1943 ins KZ Sachsenhausen überstellt. Probst landete – nach einem Verfahren vor dem Oberlandesgericht Stuttgart – in Dachau. Dort sass bereits ab 1941 Stoll, bevor er zur Zwangsarbeit nach Oberraderach (bei Friedrichshafen) und später in den KZs Mittelbau-Dora und Mauthausen verschleppt wurde. Sie alle überlebten die Nazizeit, wurden befreit oder konnten flüchten. Anton Mattes hingegen war bereits Anfang 1942 vom Oberlandesgericht in Stuttgart zum Tode verurteilt und geköpft worden.

Von den neun Spanienfreiwilligen aus dem westlichen Teil des Bodensees und vom Hochrhein, deren Biographien (zum Teil nur rudimentär) recherchiert werden konnten, sind zwei in Spanien gefallen (Josef Stoll und Emil Götschl), zwei wurden hingerichtet (Louis Übrig und Anton Mattes) und fünf kamen mit dem Leben davon. An sie erinnern mittlerweile Stolpersteine in Tiengen und Konstanz – nur an den Singener Alu-Arbeiter Mattes und den Radolfzeller Josef Stoll nicht.

Ehre den Faschisten …

Nach Kriegsende, Befreiung und Gründung der BRD schafften es einige, wieder Fuss zu fassen – unter zum Teil armseligen Bedingungen. Denn eine Entschädigung für die vielen Jahre Lager oder Haft wurde nur wenigen zugestanden, manche erhielten nicht einmal eine Rente. So bekam der mittellose, von der Zwangsarbeit gesundheitlich schwer angeschlagene Siegfried Held nach vielen Appellen erst nach Jahren einen Rentenbescheid über 100 D-Mark zugesandt – an seinem Todestag im Januar 1957.

Anderen erging es etwas besser: Sie fanden ins bürgerliche Leben zurück – und behielten ihre politischen Überzeugungen bei. Fritz Birk wurde nach seiner Rückkehr nach Tiengen Kreisvorsitzender der VVN. Josef Arzner, der 1948 fast Bürgermeister geworden wäre, wählten die Tienger:innen 1952 erneut für die KPD in den Gemeinderat. Adolf Probst machte sich nach Kriegsende in Dillingen an der Donau selbständig und begleitete in den 1950er Jahren Schüler:innen bei Gedenkfahrten ins KZ Dachau.  Und Jakob Stoll übernahm wieder öffentliche Ämter: Er beteiligte sich aktiv an der Neugründung der KPD in Konstanz, wurde 1946 mit Johanna Hemm für die KPD in der Gemeinderat gewählt, war bis 1949 Geschäftsführer der städtischen Betreuungsstelle der Nazi-Opfer und betrieb in den 1950er Jahren mit seiner Frau ein Restaurant und Café in der Fürstenbergstraße (den heutigen „Kolbenfresser“).

Die Spanienkämpfer von der anderen Seite, die in der Legion Condor an zahlreichen Kriegsverbrechen (darunter die Bombardierung der baskischen Stadt Guernica) beteiligt waren, wurden ganz anders begrüßt. Nach ihrer Rückkehr bereitete die NSDAP-Führung den Legionären zuerst in Hamburg, dann in Berlin einen großartigen Empfang: Die Straßen waren geschmückt, Kinder hatten schulfrei, Zigtausende standen am 6. Juni 1939 Spalier und Adolf Hitler pries ihren „Kampf für Deutschland“, der „eine Lehre für unsere Gegner“ sei. Der Führer dankte auch den Gefallenen: „ihr Tod und ihr Leib wird unzähligen anderen Deutschen in der Zukunft das Leben schenken“. Noch am selben Tag wurde die Wannsee-Straße in „Spanische Allee“ umbenannt (die lange Straße in Berlin-Nikolassee trägt heute noch zu Ehren der Legion Condor diesen Namen). Und knapp drei Monate später begann der Zweite Weltkrieg.

… Armut für die Linken

In der Nachkriegszeit begann für manche der faschistischen Franco-Freunde eine neue Karriere: Sie halfen beim Aufbau der Bundeswehr, einige schafften es bis zum Brigadegeneral, zum Generalleutnant, sogar zum Generalinspekteur der Bundeswehr. Dass die Franco-Diktatur nach ihrem Sieg Hunderttausende tötete, kümmerte sie genauso wenig wie die Adenauer-Regierung, die Minister und Staatssekretäre nach Madrid schickte, um die guten Beziehungen zu pflegen. Dorthin reisten auch gerne CEOs deutscher Großunternehmen – darunter auch Hermann Josef Abs, der an Arisierungen beteiligte Chef der Deutschen Bank. Er ließ sich, so Brigitte und Gerhard Brändle in ihrer Studie „Adelanto Libertad – Spanienfreiwillige aus Baden 1936–1939“, am 18. Juli 1960, dem Jahrestag des Putsches – von Franco einen Orden überreichen.

Anders erging es jenen Freiwilligen zur Verteidigung der spanischen Republik, die sich nicht in der DDR niedergelassen hatten. Schon vor dem KPD-Verbot im August 1956 waren Kommunist:innen im Bundesentschädigungsgesetz 1956 (§ 6, Abs.1 Nr. 2) von einer Wiedergutmachung ausgeschlossen worden. Sie galten als Feinde der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“. Ihre Teilnahme am Spanienkrieg und eventuell daraus folgende Gesundheitsschäden hätten, so argumentierten die Wiedergutmachungsämter, nichts mit „nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmen des Reiches“ zu tun. Als „verfolgungsbedingt“ anerkannt wurden nur die Zeiten in Gefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern in Nazi-Deutschland.

Als dann auch noch 1969 das damalige Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung den Rentenantrag eines Spanienfreiwilligen mit der Begründung ablehnte, der Einsatz der Legion Condor habe mit den Zielen der Wehrmacht übereingestimmt, der der Interbrigadisten jedoch nicht, brach ein Proteststurm los. Daraufhin revidierte die BRD-Regierung unter Willy Brandt 1972 das Bundesversorgungsgesetz – und stellte die Spanienfreiwilligen mit den Condor-Legionären gleich. Aber da lebten schon viele Spanienkämpfer nicht mehr.

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Erinnerung an die Massenfluchten 1939 auf Stelen an der Grenze bei Portbou

„Die Niederlage der Republik und der Triumph des Faschismus in Europa waren das Signal für Hitler, Polen zu überfallen und damit den Weltkrieg zu entfesseln“, schrieb Arno Lustiger in seinem Buch „Schalom libertad! Juden im spanischen Bürgerkrieg“. Der Mord an sechs Millionen Jüd:innen sei „eine direkte Folge der unsäglichen Dummheit und Ängstlichkeit der westlichen Politiker“ gewesen, „die Spanien den Faschisten durch ihre Nichteinmischungs- und Beschwichtigungspolitik ausgeliefert hatten.“

Und weiter:„Die spanische Republik hat den Krieg mit den tragischen Konsequenzen für Millionen ihrer Bürger nicht zuletzt deshalb verloren, weil ihre natürlichen potenziellen Verbündeten, die westlichen Demokratien, sie nicht nur im Stich ließen, sondern auch die Hilfe von anderswo politisch und technisch behinderten.“

Viele hatten damals weggeschaut. Aber ein paar Tausend Antifaschist:innen nicht – darunter auch einige von hier.

Die bisherigen Teile:

(1) Der Krieg vor dem Krieg
(2) Die Konstanzer Freiwilligen
(3) Vom Bodensee zum Hochrhein

Quellen:
● Die Einträge des Historikers Uwe Brügmann auf der Seite der Stolpersteine Konstanz.
● Brigitte und Gerhard Brändle: „Adelanto Libertad – Spanienfreiwillige aus Baden 1936–1939“
● Arno Lustiger: „Schalom Libertad!! Juden im Spanischen Bürgerkrieg“, Athenäum Verlag 1989
● Patrik v. zur Mühlen: „Spanien war ihre Hoffnung. Die deutsche Linke im Spanischen Bürgerkrieg 1936 is 1939“, Dietz, 1985

Abbildungen: Siegesfeier (© Bundesarchiv Foto 102-18233) / Propagandaplakat (© Bundesarchiv Plak 003-021-039) / Flüchtende Frauen 1939 (abfotografiert im Museu Memorial de l’Exili in Jonquera/pw) / Flüchtlinge im Lager (abfotografiert im Museu Memorial de l’Exili in Jonquera/pw) / Bodenseerundschau (Digitalarchiv https://digishelf.de/objekt/1159451-2_1939/2164/) / Stelen bei Portbou (© Pit Wuhrer)

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