
Im gestrigen Beitrag zur seemoz-Serie über den internationalen Widerstand gegen den franquisischen Putsch stellten wir Freiwillige aus dem kleinbürgerlichen Konstanz vor. Aber es gab ja in der Region noch andere Orte – mit zum Teil starker Arbeiter:innentradition.
„Das ist die einzige nützliche Sache, die es zur Zeit gibt“, antwortete Carl Einstein, mit 51 Jahren einer der ältesten Spanienfreiwilligen aus Baden, als er gefragt wurde, weshalb er nach Spanien gegangen sei. Und weil er die Monotonie eines faschistischen Europa nicht aushalten wollte. „Ich bin gekommen, weil die Spanier das einzige Volk sind, das nicht erlaubt, dass es verkauft wird, obwohl alle Welt sich anstrengt, es zu verkaufen.“ (Marianne Kröger: „,Jüdische Ethik’ und Anarchismus im Spnischen Bürgerkrieg“, Seite 41).
Der in Karlsruhe in einer jüdischen Familie aufgewachsene Kunsthistoriker und Schriftsteller war in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung: Er hatte – anders als viele Mitkämpfer:innen – studiert, trat früh der KPD bei, hielt bei der Trauerfeier für Rosa Luxemburg 1919 eine Rede, emigrierte 1928 nach Paris und sofort nach Francos Putsch weiter nach Spanien, wo er sich ab 19. Juli 1936 als Mitglied der anarcho-syndikalistischen Milizen der Confederación Nacional del Trabajo (CNT) der Reaktion widersetzte. Vor allem aber sind von ihm schriftliche Aussagen überliefert, in denen er seine Beweggründe darlegte.
„Ich habe in Spanien nichts weiter gesucht als die Möglichkeit, den Kameraden, der Freiheit und der menschlichen Würde zu dienen“, schrieb er beispielsweise in einem Brief am Pablo Picasso. „Denn wenn wir nach alledem hier noch in Freiheit schreiben und malen können, dann ist dies – wortwörtlich – nur dem spanischen Widerstand zu danken.“ Und weiter: „Wir müssen gegenüber diesen Leuten hier die größte Dankbarkeit empfinden und als Soldat verteidige ich gleichzeitig schlicht und einfach auch mich selbst; wenigstens schaue ich nicht mit gekreuzten Armen aus der Ferne nur zu.“
Carl Einstein kämpfte in der basisdemokratisch agierenden (anarchistischen) Colonna Durutti; keinem KP-Befehlshaber unterstellt zu sein, war ihm wichtig. Seine Frau Lyda war ebenfalls (als Krankenschwester) in der CNT aktiv. Zudem, so schildern es Brigitte und Gerhard Brändle in ihrer überaus lesenswerten Publikation „Spanienfreiwillige aus Baden (1936-39) – gegen Franco und die NS-Legion Condor“, wies er in seiner 1938 publizierten Broschüre „Die deutsche Intervention in Spanien“ die Beteiligung des Naziregimes nach.
Vor allem Facharbeiter und Gewerkschafter
Von den über 120 anderen badischen Spanienkämpfer:innen sind ähnliche Aussagen nicht dokumentiert – sie kamen ja auch aus anderen sozialen Verhältnissen. Rund zwei Drittel von ihnen, so die Recherchen von Brigitte und Gerhard Brändle, waren Facharbeiter, gehörten vor der Nazizeit einer Gewerkschaft an, hatten sich als Betriebsrät:innen engagiert und vorwiegend links gewählt. Die genaue politische Orientierung lässt sich nicht mehr bei allen ermitteln, aber vor der Machtübergabe an die NDSAP waren 76 – also über die Hälfte – Mitglied der KPD gewesen und 8 hatten das Parteibuch der SPD zu Hause liegen.

Und noch ein paar Angaben zur Zusammensetzung der Freiwilligen aus dem badischen Raum: Ihr Durchschnittsalter lag bei rund 31 Jahren – und zwei Drittel kamen aus Nordbaden. Aus dem (bis auf Singen) weniger industriell entwickelten Gebiet zwischen Bodensee und Hochrhein waren rund zwanzig Freiwillige dabei – wobei offen ist, wie viele es genau waren. Schließlich galt bereits ab Februar 1937 das „Gesetz zur Verhinderung der Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg“ – wer nach Spanien zog, meldete sich folglich nirgendwo ab.
Von daher bleibt auch heute noch vieles im Ungefähren. Hatten sich neben den fünf bekannten Freiwilligen aus Konstanz [siehe 2-No-pasaran2] noch weitere Antifaschisten aus der Konzilstadt auf den Weg gemacht? Oder beispielsweise aus Radolfzell, wo es neben einem Auftritt von Adolf Hitler 1932 und der ab 1935 aufgebauten SS-Kaserne ja auch Großbetriebe wie Schiesser und Allweiler gab – es also auch widerspenstige Arbeiter:innen gegeben haben muss?
Ein Hinweis existiert immerhin, auf der Webseite der Stolpersteine Konstanz. Unter dem Eintrag für Adolf Probst ist da von einem Josef Stoll aus Radolfzell die Rede, der im Frühjahr 1937 mit seinem älteren Freund und Genossen Probst nach Spanien gereist war – und im September 1938 bei der Schlacht am Ebro ums Leben kam.
Wenig Informationen
Mehr ist leider nicht herauszufinden, jedenfalls nicht über eine schnelle journalistische Recherche (das Stadtarchiv Radolfzell ließ eine seemoz-Anfrage unbeantwortet). Unklar sieht es auch mit Singen aus, also jener Stadt mit ihren drei Schweizer Großbetrieben, die vor 1933 einen weitaus höheren Anteil an KPD- und SPD-Wähler:innen hatte als Konstanz. Das Singener Stadtarchiv konnte aber genauso wenig weiterhelfen wie die vielen regionalhistorischen Untersuchungen und Recherchen zu Widerstand, Flucht und Fluchthilfe während der NS-Zeit: Der Spanienkrieg und seine Beteiligten aus der Region blieben (und bleiben) auch im Nachhinein im Schatten.
Ein paar Hinweise gibt es dennoch. So schrieb etwa Käte Weick in ihrem Buch „Widerstand und Verfolgung in Singen und Umgebung“, dass ab 1937 Fluchthilfe „nochmal aktuell“ wurde: „Da wurden eine Menge Leute für das Bataillon Thälmann im Spanienkrieg angeworben, und die mussten ja irgendwie illegal über die Grenze geschafft werden …“ Sie zitiert im Buch Xaver Harlander, Sohn der Familie Harlander, die ihre Wohnung in der Singener Harsenstraße 36 als Anlaufstelle für politische Flüchtlinge zur Verfügung stellt hatte: „Auch Hans Beimler, der unter abenteuerlichen Umständen aus dem KZ Dachau geflohen war, übernachtete bei uns.“

Hans Beimler, Gründungsmitglied der KPD, Mitstreiter der Münchner Räterepublik und gegen Ende der Weimarer Republik Reichstagsabgeordneter reiste Ende Juli, Anfang August 1936 nach seinem Grenzübertritt bei Singen weiter nach Barcelona, wo er den Aufbau der Internationalen Brigaden unterstützte und politischer Kommissar der deutschen Bataillone wurde. Anfang Dezember 1936 traf ihn in Madrid eine Kugel (wer sie abgefeuert hat, ist bis heute umstritten). Der Nachwelt in Erinnerung geblieben ist Beimler vor allem durch ein Lied von Ernst Busch.
Nur einer aus Singen?
Und doch bleibt die Frage: Zogen nicht mehr Menschen von Singen in den Spanienkrieg? Oder hatten sie Abreise und Rückkehr so geheim halten können, dass dies offiziell niemand registrierte?
Auf einen Fall sind die Historiker:innen immerhin gestoßen: Auf den des Feinmechanikers Anton Josef Mattes, 1907 in der Nähe von Tuttlingen geboren und ab 1933 bei den Singener Aluwerken beschäftigt. Das Mitglied des Kampfbunds gegen den Faschismus und der Roten Hilfe verteilte hier Flugblätter – und floh im April 1933 zuerst in die Schweiz, dann nach Frankreich und Belgien.
Im Juni 1937 landete Mattes wie so viele Spanienfreiwillige, die den Weg über die KP-Anlaufstelle in Paris gewählt hatten, westlich von Valencia in Albacete, dem Hauptquartier der Internationalen Brigaden. Eingesetzt wurde er zuerst als Kraftfahrer, dann als Mechaniker in einer Reparaturwerkstatt. Er überlebte den Krieg, aber nicht den Nationalsozialismus. Was ihm und den anderen Spanienfreiwiliigen aus der Region passierte, steht im vierten Teil der Serie.
Zwei aus Tiengen
Dokumentiert ist auch das Engagement von zwei Freiwilligen vom Hochrhein: Josef Arzner und Fritz Birk aus Tiengen, heute ein Teil von Waldshut. Beide waren im industriellen Umfeld der Städte – das Schweizer Pharmaunternehmen Lonza in Waldshut, die Zigarrenfabrik des ebenfalls schweizerischen Tabakunternehmens Villiger in Tiengen – schon früh politisch aktiv gewesen.
Fritz Birk, 1894 im nordbadischen Ettlingen geboren, war zuerst Mitglied der SPD gewesen, wechselte dann wohl auch aufgrund seiner Erfahrungen während des Kapp-Putschs 1920 (dem er sich widersetzt hatte) zur KPD und gründete in Tiengen 1923 die dortige KPD-Ortsgruppe. Im März 1933 wurde der verheiratete Schlosser und Vater von zwei Kindern in „Schutzhaft“ genommen und floh danach in die Schweiz, wo er sich am Schmuggel illegaler Schriften wie die Rote-Hilfe-Zeitung „Tribunal“ nach Nazi-Deutschland beteiligte und Flüchtlingen über die Grenze half.
Wohl auch deswegen entzog ihm die Bundesanwaltschaft in der Schweiz die Anerkennung als politischer Flüchtling, so die Darstellung in der Publikation „Adelanto Libertad“ von Brigitte und Gerhard Brändle; zudem verlor er „wegen kommunistischer Agitation“ die deutsche Staatsbürgerschaft. Also reiste er 1936 nach Spanien.
Dort war etwa zur selben Zeit, also in der zweiten Hälfte des Jahres 1936, auch Josef Arzner angekommen. Den 1897 in Todtmoos (Südschwarzwald) geborenen Schlosser bei Lonza, Vater von drei Kindern und Mitglied des Metallarbeiterverbands hatten die Tienger:innen bereits 1924 als KPD-Mitglied in den achtköpfigen Gemeinderat gewählt. Als Redner, so erinnerte er sich später, „vertrat ich die Interessen der Partei und hatte somit mehr als genug Gelegenheit, auf die Gefahr hinzuweisen, welche der Nazismus für die Menschheit bedeutete, und als Antifaschist bekannt zu werden.“ Kaum an der Macht, sperrten ihn die Nazis ohne Anklage und Verfahren ein. Nach seiner Freilassung sollte er wieder verhaftet werden, ging in die Schweiz und von dort aus weiter nach Spanien. Auch er verlor die deutsche Staatsbürgerschaft – da er „deutsche Belange geschädigt“ habe, wie der Deutsche Staatsanzeiger im April 1937 bekannt gab.

Der Krieg im Krieg
Ob Arzner und Birk wie die anderen Spanienkämpfer:innen aus der Region den Weg über Paris nahmen, ist nicht bekannt. Aber auch sie landeten bei den Internationalen Brigaden, die Anfang Oktober 1936 entstanden waren und – bald ausgestattet mit Waffen und Munition aus Stalins Sowjetunion – den Einsatz der internationalen Freiwilligen dominierten. Sehr wahrscheinlich bekamen sie nicht mit, wie sehr die republikanische Seite im Konflikt gespalten war: Hier die liberal-bürgerlich-republikanischen Kräfte, da die Millionen CNT-Mitglieder, die in Katalonien, Aragonien, Asturien und auch Valencia die Vergesellschaftung der Produktionsmittel umzusetzen begannen, dort die kommunistische Linke.

Denn worum ging es überhaupt? Befanden sich die Anti-Franquist:innen in einem Klassenkampf, wie die antistalinistische Partei Partido Obrero de Unificación Marxista (POUM) und die Anarchist:innen meinten? Oder sollte im Vorfeld eines drohenden Kriegs mit Nazi-Deutschland die mögliche Allianz mit Frankreich und Großbritannien nicht gefährdet werden, wie die KP es sah – und daher nach Anweisungen aus Moskau an der bürgerlichen Volksfront festhielt? Während die einen die Revolution versuchten, die vielen Fabrik- und Landbesetzungen unterstützten, ein Sozialsystem einführten, sich um die Gleichstellung der Geschlechter bemühten und die Landbevölkerung zu alphabetisieren begannen, beharrten die Kommunisten auf dem Schulterschluss mit dem Bürgertum – bis hin zu ihrer Attacke Anfang März 1937 auf das anarchosyndikalistische Hauptquartier in Barcelona, die mehrere Hundert Menschenleben forderte sowie das Ende der CNT-Milizen und des spanischen Anarchismus einleitete.
Mit dem innerrepublikanischen Konflikt endete eine soziale Revolution, wie es sie bis dahin nicht gegeben hatte – und seither auch nicht wieder. Die konterrevolutionären Kommunisten gingen zum Teil mit Waffen gegen die anarchistischen Kollektive vor, verweigerten den CNT- und POUM-Milizen an der Aragon-Front mögliche Hilfe und übernahmen bald alle wichtigen Positionen.
Bitteres Ende
Auch wenn er nicht mit allen Entscheidungen der CNT einverstanden war, blieb der Kommunist Carl Einstein bei der Kolonne Durruti, der sieben weitere Spanienfreiwillige aus Baden angehörten (drei waren – wie George Orwell – in Einheiten der POUM aktiv, zwei bei der Sozialistischen Arbeiterpartei). Einstein kämpfte auch weiter, als die Kolonne Durruti im Zuge einer Umstrukturierung in der spanischen Armee (der Republik) aufging – bis er 1938 schwer verletzt wurde.
Hatte sich der Einsatz gelohnt? Für ihn schon. „Sie können gar nicht wissen, wie glücklich ich bin, zusammen mit Ihren Landsleuten gekämpft zu haben“, schrieb Carl Einstein im Januar 1939, kurz vor der endgültigen Niederlage der Republik, an Picasso. „Das ist vielleicht die schönste Erinnerung meines Lebens.“ Eines Lebens, das nicht mehr lange dauern sollte: Er floh im Februar 1939 wie Zigtausende von Barcelona über die Grenze nach Frankreich, wurde dort interniert, kam kurz frei und wurde wieder eingesperrt (diesmal als „feindlicher Deutscher“). Nachdem er fliehen konnte (oder entlassen wurde), entschied er sich – ohne Pass, ohne Perspektive, ohne Hoffnung nach dem Sieg von Nazideutschland über Frankreich – im Juli 1940 für den letzten alle Auswege. Und brachte sich um.
Aber wie erging es den Freiwilligen aus der Region, was erlebten sie in Spanien und danach? Das steht in der letzten Folge der kleinen Serie „¡No pasarán!“.
Literaturhinweise und Quellen siehe Teil 1 und Teil 2
Abbildungen: Warten auf den Feind (© Bundesarchiv Foto Y 1-1020-592-75) / CNT-FAI-Poster (abfotografiert im Museu Memorial de l’Exili in Jonquera/pw) / Mitglieder internationale Brigaden (© Bundesarchiv Foto Y 1-1018-354-89) / Die Freiwilligen aus der Region (Kombination Screenshots) / POUM-Plakat ((abfotografiert im Museu Memorial de l’Exili in Jonquera)
Veranstaltungshinweis
Der revolutionäre Sommer von 1936 ist Thema eines Filmabends am Freitag, den 23. Oktober, 18:30 Uhr. Der Dokumentarfilm „Economia Collectiva. Europas letzte Revolution“ lässt spanische und katalanische Historiker:innen und vor allen beteiligte Arbeiter:innen aus katalanischen Betrieben zu Wort kommen. Sie berichten über den Versuch einer radikalen sozioökomischen Umgestaltung: Die Beschlagnahmung und kollektive Verwaltung von rund drei Vierteln der Industrie und des Dienstleistungssektors. Ort: Treffpunkt Petershausen. Einleitung: Pit Wuhrer


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