
Er war der Krieg vor dem Krieg: Der spanische Konflikt zwischen links und rechts, zwischen unten und oben, zwischen Demokratie und Faschismus hat vor neunzig Jahren viele mitgerissen: Auch Menschen im südbadischen Raum. Wer waren sie, was trieb sie um? Und was kümmert uns das heute?
Der Putsch der franquistischen Militärs und der nachfolgende Konflikt beschäftigte ab 1936 die Öffentlichkeit in einem Maße wie uns heute die aktuellen Kriege in der Ukraine, in den von Israel besetzten Gebieten, um den Iran und so manche andere. Es ging ja auch um viel: Auf der einen Seite reaktionäre Militärs, die mit Waffengewalt eine demokratisch gewählte Regierung stürzen wollten und dabei von faschistischen Mächten wie Deutschland und Italien unterstützt wurden. Auf der anderen eine schwache, intern zerstritte Volksfront, die vorsichtige Reformen eingeleitet hatte – und eine linke Massenbewegung, die eine Revolution von unten versuchte, Ländereien und Betriebe besetzte, Kooperativen aufbaute, gegen Kapital und Großgrundbesitz agierte.
Hier die Starken, dort die Schwachen: Das bewegte viele Menschen, die drei Jahre nach der Machtübergabe an die NSDAP auch am westlichen Bodensee ihre Erfahrungen mit dem Faschismus gemacht hatten – und das nicht länger hinnehmen wollten. Einer von ihnen war der Arbeiter Jakob Stoll, 1899 in der Schweiz geboren, wo er den Beruf des Stickers erlernte, von 1917 bis 1919 Soldat beim deutschen Heer, danach Heizer auf Dampfloks, Heirat in Konstanz, ab 1930 zuerst bei Stromeyer angestellt, danach in der Arboner Stickerei am Buhlenweg tätig – ein ganz normales Leben also, wie es damals viele beidseits der Grenze führten: Ausbildung, Militärdienst, mehrere Berufe, wechselnde Firmen, immer wieder Arbeitslosigkeit.
Doch manches war nicht ganz so normal. Jakob Stoll sass als überzeugter Linker und Antifaschist ab November 1930 für die KPD im Wollmatinger Gemeinderat, wurde – wohl aufgrund seiner politischen Haltung – am 30. Januar 1933, am Tag des Machtwechsels in Berlin, von der Arboner Stickerei entlassen und im März 1933 wegen Tätigkeit für die mittlerweile von den Nazis verbotenen KPD verhaftet (eine ausführliche Beschreibung seines Lebenslaufs findet sich in Uwe Brügmanns Beschreibung auf der Website der Konstanzer Stolpersteine). Stoll sass bis Ende 1933 in Haft, ließ sich durch die Repression aber nicht einschüchtern, schmuggelte illegale Schriften wie das von der KPD im Exil veröffentlichte„Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror“ über die Grenze, wurde im Sommer 1934 erneut eingesperrt und danach zu Zwangsarbeit verpflichtet – bis ihm 1937 bei einem Arbeitseinsatz an der Grenze die Flucht gelang.
Gaul-Leiter und Arschlöcher
Auch der 1904 in Konstanz geborene Siegfried Held galt als „roter Hund“ – allerdings innerhalb der Sozialdemokratie. Der gelernte Schlosser war schon früh dem Konstanzer Arbeiterturnverein „Bahn frei!“ und der Sozialistischen Arbeiterjugend beigetreten, übernahm als SPD-Mitglied bald das elterliche Geschäft in der Niederburg und blieb zu Beginn der NS-Zeit von Repressalien verschont – bis er Mitte 1935 in „Schutzhaft“ kam: Er hatte sich in Altstadtkneipen immer wieder als Linker zu erkennen gegeben, die „Internationale“ rezitiert, den badischen NSDAP-Gauleiter Robert Wagner einen „Gaul-Leiter“ genannt, „nach der nationalen Erhebung staatsfeindliche und kommunistische Äußerungen in Konstanz und Umgebung gebraucht“ (wie die Staatsanwaltschaft monierte) und einmal – in Anwesenheit eines SS-Mannes – den schönen Satz gesagt: „Goebbels ist das größte Arschloch, das in Deutschland herumläuft“. Danach setze er sich sicherheitshalber über die Grenze ab.

Siegfried Held war nicht der einzige, der wegen seiner Kneipensprüche auffiel. Stoll zum Beispiel wurde zur Last gelegt, dass er im Wollmatinger „Löwen“ davon sprach, dass die SA „Schießsport“ betreibe, „um später ihre Klassenbrüder zu ermorden“. Und von Adolf Probst, wie Held 1904 geboren, ist bekannt, dass er – ebenfalls über die SA – gesagt haben soll: „Den Simpeln, die da marschieren, gehört mit einem Holzhammer auf den Schädel geschlagen, bis sie gescheit werden.“
Jedenfalls geriet der mittlerweile auf der Mainau und in Konstanz tätige Gärtner Probst unter dem Vorwurf der illegalen Betätigung für die KPD ins Visier der Gestapo. Es folgten im November 1934 eine Verurteilung durch das Amtsgericht Konstanz, danach erneute Festnahmen, Anfang 1936 Einlieferung ins nordbadische KZ Kieslau, Entlassung nach vier Monaten, anschließend Arbeit in der Ziegelei von Rickelshausen (bei Böhringen) – bis er im März 1937 verschwand. Er sei, so das Radolfzeller Einwohnermeldeamt, „unbekannt verzogen“. Tatsächlich befand sich Probest mit seinem Freund Josef Stoll (nicht verwandt mit Jakob Stoll) auf dem Weg nach Spanien. Dass er den Behörden sein Ziel nicht mitteilte, verwundert nicht: Ab Februar 1937 galt das „Gesetz zur Verhinderung der Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg“, das allen pro-republikanischen Spanienfreiwilligen mit Gefängnis drohte.
Viel Unterstützung
Alle drei – Adolf Probst, Siegfried Held, Jakob Stoll – hatten bei ihrer Abreise bereits Familie, Partnerinnen und/oder Kinder, die sie – was sicherlich keine leichte Entscheidung war – zurückließen, alle waren monate-, teils jahrelang in Gefängnisse (auch dem von Konstanz) und Lagern eingesperrt gewesen. Aber sie waren nicht die einzigen, die – zum Teil unterstützt vom Konstanzer Kommunisten, Schriftenschmuggler und „Rote Hilfe“-Aktivisten Alfons Beck sowie dem Kreuzlinger Kommunisten Karl König – über die Grenze nach Basel gelangten, wo ihnen Anlaufstellen der „Roten Hilfe“ den weiteren Weg nach Paris wiesen.

Über die Grenze Richtung Spanien bewegten sich in jenen Jahren auch Louis Übrig, 1907 in St. Gallen geboren, und Emil Götschl, der 1920 in Konstanz auf die Welt gekommen und einer der jüngsten Spanienfreiwilligen überhaupt war. Beide nutzten wahrscheinlich die Unterstützung illegaler Anlaufstellen für „Freiwillige nach Rotspanien“, die die KPD auch in Konstanz und Radolfzell eingerichtet hatte.
Louis Übrig, von Beruf Maler, hatte bei seiner Abreise 1936 bereits ein bewegtes Leben hinter sich, war in Dessau und Berlin gewesen, kehrte von dort in die Schweiz zurück, wo er der KP beitrat, gelangte nach Konstanz, geriet fünf Wochen in „Schutzhaft“ und engagierte sich – wie Alfons Beck und andere Konstanzer Antifaschist:innen – beim Schriften- und Flüchtlingsschmuggel der „Transportkolonne Otto“. Emil Götschl wiederum, Sohn eines Heizers beim Konstanzer Gaswerk, hatte 1934 eine Schlosserlehre begonnen, bevor er dem Aufruf folgte, in Spanien die Republik gegen die Reaktion zu verteidigen.
Vergebliche Versuche
Und es gab noch mehr aus Konstanz, die freiwillig in den Kampf zogen. Allein aus der Textilfabrik Herosé seien, so die Aussage von Zeitzeug:innen, drei Arbeiter dabei gewesen. Wer es war, ist leider nicht bekannt. Andere hingegen durften nicht. Josef Götschl zum Beispiel (Jahrgang 1914) hatte sich mit seinem Bruder Emil auf den Weg gemacht und war in Basel – wie alle anderen auch – nach Paris weitergeschickt worden: Wahrscheinlich mit dem Tram nach St. Louis und weiter über Mulhouse zum Gare de L’Est, in dessen Nähe sich das Büro der Internationalen Brigaden befand.

Dort wurden die Freiwilligen einer gesundheitlichen Überprüfung unterzogen, auch Josef Götschl. Weil er einen verkrüppelten Arm hatte, wurde er nicht aufgenommen. Er kehrte nach Konstanz zurück, wurde 1939 verhaftet (mutmaßlich wegen seiner Unterstützung für den spanischen Befreiungskampf), saß ein Jahr im Gefängnis von Konstanz und wurde danach erst ins KZ Dachau, danach ins KZ Sachsenhausen transportiert, wo ihn die Nazis Anfang 1941 ermordeten.
Auch Hermann Stoll, Bruder von Jakob Stoll, und Heinrich Haug sollen sich für den Einsatz in Spanien gemeldet haben. Warum aus ihren Vorhaben nichts wurde, ist leider nicht bekannt: Schließlich hielten sie – und viele andere – ihre (illegalen) Pläne notgedrungenermaßen geheim. Sollten sie tatsächlich in Spanien gewesen oder unterwegs aufgehalten worden sein? Das weiß man nicht. Über Handlungen, von denen die Behörden nichts erfuhren, gibt es nur selten schriftliche Überlieferungen. Daher kann die Forschung meist nur auf Anklageschriften, Haftbefehle, Urteile, Einlieferungsbescheide oder Todeslisten zurückgreifen.
Was über die Spanienfreiwilligen jenseits der Konstanzer Stadtgrenze bekannt wurde und dokumentiert ist, zeigt die nächste Folge.
Quellen:
● Die Einträge des Historikers Uwe Brügmann auf der Seite der Stolpersteine Konstanz [https://www.stolpersteine-konstanz.de/].
● Brigitte und Gerhard Brändle: „Adelanto Libertad – Spanienfreiwillige aus Baden 1936–1939“, 2016
Abbildungen: Freiwillige an der Front (© Bundesarchiv Foto 183-R99361) / Bataillon der XI. Brigade (© Bundesarchiv Foto 1-1018-4489) / Spanienfreiwillige aus Konstanz (© Stolpersteine Konstanz) / Corbera d’Ebre heute (© Pit Wuhrer)

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