
Die Nachverdichtung im innerstädtischen Raum ist beliebt und scheint als Mittel gegen die Versiegelung weiterer Flächen draußen in Feld und Flur auch ökologisch sinnvoll. Direkt vor dem eigenen Wohnzimmerfenster allerdings mag kaum jemand einen Neubau haben. Ein größeres Bauvorhaben im Paradies wirft jetzt seine Schatten voraus.
Entlang der Muntpratstraße, um die Hausnummer 18 herum, erstreckt sich zwischen Mosbrugger-, Braunegger- und Wallgutstraße ein weiter Innenhof, der wie verwunschen dazuliegen scheint. Garagen mit knarzenden Holztüren aus längst vergangener Zeit, einige kleine Betriebe in winzigen Werkstätten, in denen Pumuckl mit schalkhafter Lust sein Unwesen treibt. Mit Einbruch der Dämmerung schließlich setzt hier die Eule der Minerva zu ihrem Flug durch die Nacht an; auch die Fledermäuse ziehen, sowie die Schwalben verschwunden sind, ihre aberwitzig zackigen Bahnen zwischen Büschen und Bäumen. Sie zischen über dem noch warmen Asphalt des Hofes dahin und kreuzen rasant zwischen den niedrigen, dank einer heute unbekannten Genügsamkeit und schierem Überlebenswillen mit einer Patina des Anstands gealterten Gebäuden. Wer aber vor Tagesanbruch hier sitzt und sinnt, vermeint gar, gerade in jenem zauberhaften Moment, in dem der Horizont erglüht, ein scheues Einhorn um die Ecke linsen zu sehen …
Willkommen im Herzen des Paradieses.
Klotzen, nicht kleckern
Oder vielmehr willkommen in dem, was nach den Befürchtungen vieler Anwohner:innen schon bald kein Paradies mehr sein wird, denn all das soll dem Erdboden gleichgemacht und durch zwei massive Neubauten ersetzt werden. Der Zahn der Zeit nagt jetzt – immer hektischer angetrieben vom Lockruf des Geldes – emsig an diesem Stück des verlorenen Paradieses. Wer hier Wohnungen baut, wird dies nicht um Gotteslohn tun müssen, sondern schon bald mit irdischem Reichtum überhäuft werden. „Sie stehen unter ökonomischem Druck“ heißt das in der Sprache des Gestaltungsbeirats. Die Bauherren ihrerseits, Immobilienprofis aus dem Schwarzwald, warnten, das Projekt sei „nur bis zu einem gewissen Punkt wirtschaftlich“, als sie gestern dem Gestaltungsbeirat für diesen Hof drei Varianten einer nagelneuen Wohnbebauung mit Tiefgarage vorlegten.
Hier soll also geklotzt und nicht gekleckert werden. Zwei massive Blöcke mit jeweils sechs Stockwerken und insgesamt drei Treppenhäusern sind geplant. Die Zahl der Wohnungen auf dem Gelände soll von derzeit 20 auf etwa 74 steigen, es soll eine Tiefgarage mit 38 Stellplätzen und Carsharing geben, alles natürlich barrierefrei, gefördert, preisgedämpft, sozial verträglich, durchmischt und was man heute sonst noch so macht. Der bisher – bis auf die halb verwilderten Gärten auf einigen Nachbargrundstücken – zu 100 Prozent versiegelte Hof soll ergrünen, das alles sieht also zuerst einmal nach einer reinen Wonne für Mensch, Tier und Pflanzen aus.
Ästhetik entscheidet
Auch einige Nachbarn hatten sich zur Sitzung eingefunden. Wie gesagt, in der Sitzungsvorlage waren drei Varianten verschiedener Größe abgebildet, aber die am wenigsten ausladende und damit nachbar:innenfreundlichste Variante 3 mit dem größten Grünanteil war nachmittags in der öffentlichen Sitzung kein Thema mehr, sondern, wie man auf Nachfrage erfuhr, im Laufe des Vormittags in nichtöffentlicher Expert:innenrunde beerdigt worden. Der Gestaltungsbeirat urteilt nach ästhetischen Kriterien, nicht nach menschlichen Bedürfnissen, und ihm war ein Bau parallel zur Muntpratstraße als eine weitere Blockrandbebauung ein Dorn im Auge, da sie Sichtachsen im Hof verstellt und beim Bau der Tiefgarage Probleme bereitet hätte. Dass diese Entscheidung den Investoren (vermutlich aus eher nichtästhetischen Erwägungen) sehr zupass kam, war nicht zu übersehen.
Die erschienenen Nachbarn, die geschlossen Variante 3 begrüßt hätten, hingegen waren sichtlich enttäuscht. Derart massive Blocks vor ihren Fenstern nach Süden dürften die Zimmer und Balkone zumindest in den unteren Stockwerken der Häuser an der Wallgutstraße zumindest bei gutem Wetter aus lichtdurchfluteten Kuschelräumen in lebensfeindliche Dunkelkammern verwandeln. Der Neubau in dieser vom Gestaltungsbeirat und den Bauherren bevorzugten Maximal-Variante 1 senkt also die Lebensqualität vieler der oft seit Jahrzehnten dort ansässigen Anwohner:innen erheblich, teils, – so deren Befürchtung, – bis auf das Niveau eines Grottenolms.
Die Jagdsaison ist eröffnet
Der Gestaltungsbeirat griff diese Bedenken eher im Vorbeigehen auf. Berichterstatter Patrick Gmür schlug den Bauherren ein Gutachten zur Verschattung der Nachbarschaft vor und erinnerte daran, dass dieses in Zürich mit dem Sonnenstand von Anfang November oder Anfang Februar [und nicht etwa vom 21. Juni] erstellt werde.
Ein anderer Rat an die Bauherren war, „frühzeitig auf die Nachbarn zuzugehen und sie mitzunehmen“, was die Investoren auch pflichtschuldigst zu tun versprachen. Schließlich, so tönte es an, seien Nachbarn immer und überall gegen jede Veränderung, ließen sich dann aber durch eine vernünftige Kommunikation schon halbwegs überzeugen. [Wieso denke ich plötzlich an Büdingen, wo die Nachbarschaft auch nicht mehr rebelliert, obwohl die Kundschaft in ihren Luxuskarossen täglich zu Tausenden über die Glärnischstraße in den Hotelhof einfährt, während das der Stadt zustehende Wegerecht über das Gelände von der Stadtverwaltung scheint’s stillschweigend ad acta gelegt wurde – sehr zur Freude des Investors, wie zu vermuten steht?]
Das Gerede vom Mitnehmen der Nachbarschaft ist natürlich auch im Fall der Nachverdichtung im Paradies sozialromantische Phrase. Wer keine sechsstöckige Fassade vor seinem Fenster haben will, die ihm den geliebten Blick auf den besonnten Himmel verstellt, und sich schließlich durch Kommunikation und „Mitnahme“ dazu überreden lässt, diesen Sperrriegel doch noch gut zu finden, sollte dringend sein Leben überdenken.
Nachverdichtung ist wie gesagt eine gute Sache, darin sind sich alle Beteiligten einig. Irgendwie harzt es dann aber doch meistens gewaltig … Wie auch immer: Die Jagd auf das Einhorn ist eröffnet, und nach aller Erfahrung wird dann auch bald Halali geblasen.
Gegen diese Entwicklung protestieren die Anwohner:innen übrigens mit einer Petition (die Sie hier in Gänze lesen und unterzeichnen können).
Quelle: Sitzungsvorlage.
Anmerkung
*Knies = landschaftlich für Dreck; Streit [Duden]


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